Die WM aus der Perspektive eines Brasilianers

Ich habe meinem Freund Cristiano (Spiderman) aus São Paulo ein paar Fragen zur Fußball WM gestellt. Hier das Interview (das Naemi K. freundlicherweise übersetzt hat):

Die WM aus der Perspektive eines Brasilianers

Cristiano und andreza

Cristiano mit seiner Frau

TheoBlog: Brasilien ist ein fußballverrücktes Land. Wie ist nun während der WM die Stimmung in deiner Heimatstadt São Paulo?

Ich persönlich denke nicht, dass es die gleiche Atmosphäre oder Stimmung ist wie bei den vorherigen Weltmeisterschaften. Wir mögen es noch immer sehr, uns die WM anzuschauen, aber nach den Massenprotesten im Juni/Juli 2013 (siehe hier und hier) hat sich unter uns etwas verändert.

Wie du vielleicht weißt, war eins der Themen der Proteste die hohen Kosten der Weltmeisterschaft in Brasilien aufgrund der schlechten Administration und Korruption (siehe hier) im Gegensatz zu dem ziemlich schlechten Staat und den fehlenden Investitionen in unserem Gesundheits- und Bildungssystem; ein auf der Straße wiederkehrender Ausruf war: „Wir fordern FIFA-Standard-Schulen und Krankenhäuser!“

Zunächst war es eine riesige, spontane, positive und gewaltlose Bewegung ohne politische Parteien, aber kurz danach begannen einige „soziale revolutionäre Bewegungen“ (wie sie sich auch selbst nennen) wie die Black Blocs (siehe hier) sehr gewalttätige Handlungen durchzuführen, wodurch die einst positive Bewegung der Menschen gestoppt wurde. Das alles passierte im FIFA Confederations Cup in Brasilien 2013. Deshalb begannen sich die Regierung und FIFA Sorgen darüber zu machen, was wohl bei der FIFA Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien passieren würde.

Und das mag der Grund dafür sein, dass sich etwas verändert hat, denn wie ich zuvor sagte: wir sind noch immer beunruhigt. Trotz der Tatsache, dass unsere Medien derzeit sehr auf das Event selbst fokussiert sind, sind  immer noch einige gewaltsame Proteste und Unruhen auf den Straßen (siehe hier); kleinere natürlich, aber Menschen und auch die Regierung selbst machen sich Sorgen. Zusätzlich fühlen sich manche Leute irgendwie schuldig dabei, so ein großes Event zu genießen, dass von der FIFA (welcher wir nicht trauen) organisiert wird, während wir viele ungelöste Probleme in unserem Land haben. Also ja, ich denke nicht, dass es das gleiche ist, wie zuvor.

TheoBlog: Die deutschen Medien berichten sehr viel über die Demonstrationen und darüber, dass die WM auf den Schultern vieler armer Menschen ausgetragen wird. Bekommt dieses Thema in euren Medien ebenfalls viel Raum?

Das glaube ich nicht, aus zwei Gründen: Die brasilianischen Medien sind momentan sehr auf das Event selbst konzentriert und außerdem haben wir im Oktober diesen Jahres eine Parlamentswahl. Also wenn es keine Neuigkeiten über die Weltmeisterschaft gibt, gibt es was Neues über die Wahlen und wie die Politiker damit gerade umgehen (Dilma und ihre Gegner).

Natürlich sehen wir ein paar Neuigkeiten über die Proteste im Fernsehen, aber nicht wie vorher. Ich persönlich denke schon, dass es die immer noch gibt, aber nicht in so großer Form wie vorher.

TheoBlog: Können sich einfache Arbeiter ein Ticket für ein Spiel leisten?

Ich glaube das billigste Ticket müsste die „Kategorie 4“ sein, also ein Ticket das R$ 60,00 kostet (in etwa 20 Euro), aber R$ 60,00 ist für brasilianische Arbeiter nicht billig und es gibt davon sowieso nur wenige: Jeder kann hier nachschauen, dass das Stadion nicht viele „Kategorie 4 Plätze“ besitzt.

Die Antwort ist also „nein“ und letztlich schauen wir uns die Spiele zu Hause an. Wir haben uns untereinander immer gesagt, dass dieses Event für reiche Leute und Fremde ist, also haben wir das auch schon erwartet.

TheoBlog: Nun habt ihr in eurer großen Stadt sehr viele christliche Gemeinden. Haben diese sich auf die WM vorbereitet?

Manche, aber ich würde sagen, die meisten nicht und das hauptsächlich für die Eröffnungszeremonie und das erste Spiel, Brasilien gegen Kroatien. São Paulo ist so groß, dass es manchmal sehr schwierig ist, alle zusammen zu kriegen. Außerdem glaube ich, dass die Leute lieber zu Hause sind mit ihren Familien und engsten Freunden.

TheoBlog: Gibt es auch missionarische Veranstaltungen?

Nicht dass ich wüsste, aber möglicherweise gibt es ein paar.

TheoBlog: Etliche berühmte brasilianische Fußballer sind bekennende Christen und finden in der Öffentlichkeit viel Beachtung. Ist das eine missionarische Chance oder gibt es da auch Gefahren?

Ich erinnere mich an die „guten alten Tage“, als die brasilianischen Evangelikalen allgemein als „langweilige aber ehrliche Menschen“ bezeichnet wurden. Mittlerweile, nach all den Skandalen und seltsamen Dingen, die von neo-pfingstlerischen Gruppen und der Wohlstandstheologie („Universal Church of the Kingdom of God“) gemacht worden sind, denken die Leute von uns als die „verrückten, blinden, einfältigen und dummen Nachfolger von Religionsführern, die Geld lieben und arme Leute ausrauben.“ Immer wenn eine öffentliche Person bekennt ein Evangelikaler zu sein, bekommt er eine entsprechende „Behandlung“. Das gilt auch für Fußballspieler.

Nehmen wir Kaka als Beispiel: natürlich kenne ich ihn nicht und wir haben große theologische Meinungsverschiedenheiten, aber er scheint ein guter und authentischer Gläubiger zu sein und grundsätzlich, wenn sein Glaube erwähnt wird, ist es von den Vorurteilen beladen, wie ich zuvor zitiert habe. Und wann immer er oder irgendein andere Gläubiger etwas Fragwürdiges tun, naja, kannst du dir vorstellen, wie die Sache läuft.

Authentische römisch–katholische Fußballspieler bekommen übrigens nicht die gleiche Aufmerksamkeit, also kann ich darüber nichts sagen.

TheoBlog: Was bedeutet die WM für dich und deine Familie?

Wir haben es immer sehr genossen. Es ist so toll ein weltweites Geschehen zu sehen, worüber fast jeder auf der Welt redet! Meine Mutter zum Beispiel, als sie noch gelebt hat, mochte es immer sehr: sie wusste nicht sehr viel über den Fußball, aber sie liebte es, die Spiele zu schauen und unsere Nationalmannschaft anzufeuern. Sie liebte es auch immer zu sehen, wie glücklich unser Land während dieses Events war.

Wir waren uns trotzdem immer bewusst, dass es nur ein „temporäres Glück“ war und es tat uns leid, dass unsere Bevölkerung weitgehend die wahre Freude nicht kennt, die aus einer Beziehung mit Gott resultiert. Die Dinge wären so anders, wenn sie das wüssten!

TheoBlog: Cris, vielen Dank für das Gespräch!

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  1. […] habe meine Freund Cristiano aus Brasilien vor einigen Tagen zu Marina Silva befragt (vgl. a. hier . Cristiano hat wiederum Gutierres Fernandes Siqueira um einen kurzen Kommentar gebeten. Gutierres […]

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