Häresien wollen christlich sein

Der Lutheraner Walter Künneth schreibt in seiner Autobiografie (Lebensführungen, Wuppertal: Brockhaus, 1979, S. 260):

Es gehört gerade im Unterschied zum Atheismus zum Wesen der Häresie, christlich sein zu wollen. Dieser Umstand war auch für die neutestamentliche Situation kennzeichnend, denn darin bestand ja die ungeheure Bedrohung der Gemeinde, daß die falsche Lehre aus dem Raum der christlichen Gemeinde selbst ausgegangen ist (Apg. 20,30; 1. Joh. 2,19), weil „Männer“ aufstanden, „die da verkehrte Lehren reden, die Jünger an sich zu ziehen“. Es ist daher geradezu kennzeichnend und grundsätzlich damit zu rechnen, daß sich „Irrlehrer“ innerhalb der Kirche im Gewände der Christlichkeit präsentieren. Dem entspricht die apostolische Warnung vor „falschen Propheten“ und „nicht einem jeglichen Geist zu glauben“, sondern vielmehr „die Geister zu prüfen“ (1. Joh. 4,1; 1. Thess. 5,21; 1. Kor. 2,12–14)

Kommentare

  1. markus meint:

    Mir erscheint die Argumentation nicht logisch. Da doch Künneth hier von einer Zeit ausgeht, in der ja eben erst definiert wurde, was jetzt im Nachhinein als „christlich“ bezeichnet wurde. Die junge Kirche hat sich ja bis ins 2. und 3. Jahrhundert als jüdisch verstanden. Auch der Kanon, der später ja als Maßstab gelten konnte, war noch nicht in der From ausgeprägt und es wurde noch darüber gestritten, welche Schriften dazu gehörten und welche nicht.

    Das ist doch ein logischer Zirkelschluss? „Manche Lehren waren noch nicht christlich, aber sie wollten christlich sein.“ Dabei gab es eine erste Definition von „christlich“ als Ergebniss dieses Prozesses?

  2. Lukas meint:

    @ Markus,
    es ist kein logischer Zirkelschluss, denn der sogenannte Kanon war ja die menschliche Erkenntnis dessen, was der Heilige Geist bezeugt hatte. Vgl. Joh 14,26. Es geht hier nicht um das Wort wie „christlich“. Du könntest stattdessen auch biblische Begriffe verwenden wie „Lehre der Apostel“, „Lehre des Herrn“, „Lehre Gottes“ oder „Glauben, der ein für alle Mal den Heiligen überliefert ist“. Auf diese Lehre oder diesen Glauben werden sich die Irrlehrer berufen, denn sie werden aus der Mitte der Jesus-Nachfolger kommen; das ist die Aussage der apostolischen Warnung oder, besser gesagt, Prophezeiung.

  3. Roderich meint:

    Häresien haben damit übrigens etwas „antichristliches“ – sie sind nah dran an christlicher Lehre, aber sie sind letztlich gegen Christus. Sie verbreiten ein leicht anderes Evangelium. (Etwa die Suche nach innerweltlichem Heil statt dem Heil durch Jesus Christus).

    Der Antichrist (bzw. seine Vorläufer, vorausgesetzt, es kommt noch mal „der“ Antichrist) tritt immer auf mit Häresien.

    Daher darf man Häresien in den Landeskirchen (und Freikirchen) auch nicht als harmlos bewerten.

  4. Katharina meint:

    Ähnliches schreibt Chesterton in „Heretics“:

    „In former days the heretic was proud of not being a heretic. It was the kingdoms of the world and the police and the judges who were heretics. He was orthodox. He had no pride in having rebelled against them; they had rebelled against him. The armies with their cruel security, the kings with their cold faces, the decorous processes of State, the reasonable processes of law—all these like sheep had gone astray. The man was proud of being orthodox, was proud of being right. If he stood alone in a howling wilderness he was more than a man; he was a church. He was the centre of the universe; it was round him that the stars swung. All the tortures torn out of forgotten hells could not make him admit that he was heretical.“

    (http://www.gutenberg.org/files/470/470-h/470-h.htm#chap01)

Deine Meinung ist uns wichtig

*