Verachtet Kirche die Reichen?

Rainer Hank hat kürzlich in der FAZ die These aufgestellt, es gebe in der Tradition des biblischen Christentums einen latenten Antikapitalismus (siehe dazu auch hier). Der Volkswirt und Unternehmensberater Dr. Helmut de Graigher ist anderer Auffassung und begründet seine Sichtweise hier in einem Gastbeitrag:

 

Die Tyrannei des Marktes?

Warum die Kirche die Reichen nicht verachtet

Der kritische Artikel von Rainer Hank spießt die intellektuellen und praktischen Schwächen der von Franziskus I vertretenen Befreiungstheologie gekonnt auf. Er enthält aber selbst eine Reihe sachlicher Fehlurteile.

1. Das Neue Testament ist keineswegs einseitig „kommunistisch“ geprägt. Es unterscheidet ausreichend scharf zwischen den Ratschlägen für „die Heiligen“ im Leben „unter Brüdern“ und „Menschen“ gegenüber der Wahrnehmung ihrer beruflichen Verantwortung in „Haushalterschaft“. Hier ist bereits die moderne Unterscheidung von Privatleben und Berufsleben angelegt. Im ersten Fall ist der „Urkommunismus“ gerechtfertigt, im zweiten nicht. Der „Reiche“ soll „haben als ob er nicht hätte“, das heißt erstens helfen und spenden, aber zweitens auch verantwortlich selbstlos mit den anvertrauten Gütern umgehen und ökonomisch „Frucht“ bringen – mindestens den Zins, den der Kredit einbringt. Damit ist auch die Unterscheidung von Privateigentum und anvertrautem fremdem Eigentum gegeben.

2. Die zitierten Polemiken Nietzsches treffen deshalb – als „Vampyr des Imperium Romanum“ – nur ein karikiertes Christentum. Die gut erforschten ökonomischen und sozialen Schwächen des Imperiums sind viel eher an den klassischen Fragen der Kriegswirtschaft und Latifundienbildung, auf Sklavenwirtschaft, Währungsungleichgewichte und Edelmetallflüsse zurückzuführen, als auf die Christen.

3. Im Mittelalter waren keineswegs „nur Klerus und Mönche“ reich. Die Mönche brachten erstmals eine disziplinierte Arbeitskultur von „socii“ – die Grundlage der modernen „Gesellschaft“ – nach Mitteleuropa. Die Zünfte und Städte taten es ihnen nach und wurden bald „sagenhaft“ reich. „Organisierte harte Arbeit“ ist das den Lateinamerikanern fremde Zauberwort, mit dem sowohl das Seelenheil befördert, als auch einem „gefallenen Kosmos“ der Reichtum abgerungen wurde.

4. Die katholische Soziallehre ist von Anfang an keineswegs „gegen Privateigentum“ gewesen. Sie basierte auf dem „Naturrecht“, das – ähnlich wie die lutherische Zwei-Reiche-Lehre – Privateigentum notwendig vorsah. Nur die seelischen und die sozialen Missbrauchsformen des Eigentums wurden angeprangert. Erst das II. Vatikanische Konzil versuchte vergeblich, ähnlich wie die spätere „Befreiungstheologie“, diese Selbstverständlichkeiten aufzulösen.

5. Der Autor unterscheidet ebenso wenig wie die „Befreiungstheologie“ zwischen „Marktwirtschaft“, „freiem Markt“ und „Kapitalismus“. Markt als rechtlich geregelte, unter gleichen Chancen die Ressourcen verteilende Kultureinrichtung ist, außerhalb enger Sippenwirtschaften, das einzige überhaupt funktionierende und relativ gerechte Werkzeug ökonomischer Rationalität. Markt ohne Regeln ist Raub oder Diktatur durch den Stärkeren und Geschickteren. Etwas Anderes haben auch die Freiburger Ordoliberalen nie behauptet. Kapitalismus als die private Emission und Bewirtschaftung von Liquidität, deren teuere Währungsgarantien vom Steuerzahler getragen werden, ist Ausbeutung der Allgemeinheit durch wenige Privilegierte. Bei Unterentwicklung stellt diese einseitige private Kapitalakkumulation einen großartigen Wachstumsbeschleuniger dar. In entwickelten Ökonomien, die nur noch niedrige Realzinsen erwirtschaften können, verstrickt sie Staaten und Unternehmen in unbarmherzig zunehmende Verschuldungskrisen, die regelmäßig in Deflation und Währungsreform enden.

Dr. rer. soc. Helmut de Craigher

Kommentare

  1. Über Hanks Beitrag habe ich mich gewundert. Nicht wirklich F.A.Z.-Niveau, zumindest Max Webers Diskussion hätte erwähnt werden müssen und eigentlich auch schon Marx – und dementsprechend auch die aktuelle Diskussion. Einer der Standardvorwürfe ging und geht ja genau in die andere Richtung: Das Christentum unterstützt nur die Reichen und Mächtigen.

  2. Roderich meint:

    Hervorragender Beitrag von Dr. de Craigher. Auf sehr komprimiertem Raume werden hier sehr wesentliche Thesen vorgetragen, die für ein Verständnis unabdingbar sind. Es wäre zu wünschen, dass eine solche ökonomische Grundbildung doch allen Christen zu Teil würde. Man müsste diese Thesen – ausformuliert und Schritt für Schritt expliziert – sozusagen für „Laien“ verdaubar für die Allgemeinheit anbieten.

  3. Natürlich ist vom biblischen Christentum nichts gegen den Wert der ehrlichen Arbeit, der freien Unternehmertätigkeit, des relativen Privatbesitz und des Rechtsstaats, der die Grundlage für eine gesunde wirtschaftliche Prosperität ist, einzuwenden. Im Gegenteil, alles das bejahe ich als Christ.
    Aber das wirtschaftlich-politische System, das heute in den postchristlichen Ländern vorherrscht, ist viel mehr als freie Marktwirtschaft. Freie Marktwirtschaft ist eben etwas sehr theoretisches, ein Gedankenkonstrukt.
    In der Realität begegnet uns die freie Marktwirtschaft immer zusammen mit anderen Faktoren, und nur vor diesem Hintergrund wird die christliche Kritik an ihr verständlich. Es gäbe unser wirtschaftliches System nicht ohne ein bestimmtes Menschenbild und den Einfluss des «technischem Fortschritt».

    Menschenbild
    Menschenbilder schreiben Geschichte (Emil Brunner). Nicht die ökonomischen Ideen von Marx haben Geschichte geschrieben, sondern das Menschenbild des Hungermenschen. Nicht die naturgeschichtlichen Ideen von Darwin, sondern das Menschenbild des höher entwickelten Affen. Nicht die psychoanalytischen Ideen von Freud, sondern das Menschenbild der von unbewussten Trieben beherrschten Persönlichkeit.

    Das heutige Wirtschaftssystem gäbe es ebenfalls nicht ohne ein bestimmtes Menschenbild. Es ist das späthumanistisch-konsumorientierte Menschenbild, wonach Bedürfnisbefriedigung und Streben nach dem individuellen Glück im Diesseits oberstes Ziel des Menschen sei.
    Damit ist aller «himmlischen Berufung» eine Absage erteilt. Das ist das Dämonische am heutigen Wirtschaftssystem, das uns immer mehr an das Sichtbare kettet und die Gier immer mehr anstachelt.
    Der Einfluss des Freudschen Menschenbilds auf die moderne Werbung und Public Relations ist gut belegt. (Ich empfehle allen den BBC-Dokumentarfilm «The Century of The Self», hier auf Vimeo: http://vimeo.com/61857758)
    Die meisten Produkte dienen schon lange nicht mehr der Deckung von realen Bedürfnissen, sondern der Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls, der sexuellen Attraktivität, des Machtstrebens etc. Bedürfnisse werden in uns eingetrichtert, damit wir uns dann unser Leben lang abschuften, um diese Pseudobedürfnisse zu stillen. Gerade Weihnachten, nicht die Erinnerung an Jesu Geburt, sondern der alljährliche Einkaufsakt für die Fiktion einer harmonischen Familie ist ein hervorragendes Beispiel.

    Die Maslow-Pyramide ist das Menschenbild der heutigen Zeit, aber man versteht es nur richtig, wenn man es gewissermassen als Script für die heutige Wirtschaftsordnung versteht. Auch die höchste Selbstverwirklichung geschieht noch im Konsum.
    Nur dank diesem krankhaften Menschenbild lässt sich die monströse wirtschaftliche Aufblähung der westlichen Zivilisation erklären.
    Anfang 20. Jahrhunderts gab es zum Beispiel in Amerika die Ansicht, dass der industrielle Wachstum bald aufhören könnte, weil alle Bedürfnisse der Menschen bald gedeckt sein würden. Man hatte noch ein ganzes anderes Bild von der Funktion der Wirtschaft. Doch nach der Wende der 20er-Jahre, der Hinwendung zu Marketing, Public Relations (von Edward Berneys, dem Neffen von Sigmund Freud, erfundener Beruf) werden gar nicht mehr echte Produkte verkauft, die man wirklich braucht, sondern die man begehrt, weil sie an die in uns schlummernden Bedürfnisse (Anerkennung, Sicherheit, Geborgenheit, Sex) appellieren. Diese Bedürfnisse sind an sich gar nicht immer schlecht, aber ihre Ausbeutung durch Marktmechanismen ist teuflisch. Damit ist dem unbegrenzten, krebsartigen wirtschaftlichen Wachstum die Grundlage gegeben.
    Wir werden also unser ganzes Leben lang eingesperrt in eine fiktive Realität von künstlich erzeugten Wünschen auf der einen Seite und Arbeit als höchstem Lebensinhalt auf der anderen Seite, um diese Wünsche zu befriedigen. Ich möchte einmal allen Mitchristen die Frage stellen: Warum habt ihr ein Smart Phone? Warum habt ihr ein solches Auto? Oder an mich: Warum habe ich einen schicken Apple-Computer?

    Vor einigen Jahrzehnten dachte man, dank der Mechanisierung wird sich die Arbeitszeit verkürzen, damit der Mensch sich mehr anderen Dingen als der Arbeit widmen kann; dann bei der Computerisierung hatte man wiederum dieselbe Erwartung – wäre eigentlich ja logisch, denn technische Innovation machen ja die gleiche Arbeit in kürzerer Zeit möglich. Heute sind die Menschen jedoch viel mehr als jemals zuvor in der Geschichte von der entfremdenden Arbeit absorbiert.
    Wenn das nicht eine satanische Tyrannei des Marktes ist?
    Und es wird immer schlimmer. Das Internet gab der Weltwirtschaft nochmals einen Schub, denn gerade für diesen Handel mit solipsistischen Werten, der die wirtschaftliche Überdynamik der letzten Jahrzehnte ermöglicht, ist das Internet wie geschaffen. Das heutige Wirtschaftssystem muss man vor dem Hintergrund von Blaise Pascals Kapitel über die Einbildung betrachten.
    Ein gewisses Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Deckung der nötigsten Bedürfnisse ist natürlich nichts Schlechtes, aber vom christlichen Menschenbild her machen die käuflichen Bedürfnisse, also der Bereich, wo der Markt auf seine Rechte kommen darf, der kleinere Teil des Menschen aus.
    Man muss essen und sich kleiden, aber die Berufung liegt in anderen, nicht käuflichen Dingen. «Dein Geld fahre mit dir ins Verderben, weil du meinst, die Gabe Gottes mit Geld erwerben zu können!» (Apg. 8, 20)
    Dem FAZ-Autor Heiner Rank ist eigentlich Recht zu geben, dass dies der Tenor der Bibel (vorallem aber des Neuen Testaments) ist. Natürlich sagt Paulus, er sei auch darin geübt, Überfluss zu haben, also mit anderen Worten, er sei in Christus fähig, auch gegenüber der Versuchung des Reichtums frei zu sein. Und wir Christen sollten auf keinen Fall die Reichen verachten, wie Heiner Rank süffisant dem Papst unterstellt, oder beneiden. Aber die Anzahl der Stellen im NT, welche warnen von der Gefahr des Reichtums und der Verführung durch das Geld, sind eben einfach ein klares Zeugnis. Leider sind gerade evangelikale Ohren sehr schwach in diesem Punkt, wie mir immer wieder auffällt.

    Technik
    Die Rolle der Technik, ohne welche es wirtschaftliche Entwicklung der letzten 200 Jahre nicht gegeben hätte, hängt wiederum mit dem Menschenbild zusammen. Die Emanzipation des modernen Menschen von aller religiösen, sozialen und familiären Eingebundenheit korreliert direkt mit der zunehmenden Aufwertung der Technik und der Abschaffung aller Hemmnisse gegenüber dem technischen Fortschritt. Ich möchte hier ein Abschnitt aus Emil Brunners «Christentum und Kultur» («Christianity and Civilisation», 1948) zitieren: «Die moderne Technik und ihre Entwicklung ist das Produkt des Menschen, der sich selbst erlösen will, indem er sich über die Gebundenheit der Natur erhebt, der sein Leben ganz in seine Hand bekommen will, der sein Dasein niemandem als sich selbst verdanken, der eine Welt schaffen will wie sie ihm passt, eine künstliche Welt, die ganz und gar Geschöpf ist. Und hinter dem ungeheuren, man ist ist versucht zu sagen wahnsinnigen Tempo der technischen Entwicklung steckt die Unersättlichkeit des säkularisierten Menschen, der darum, weil er an keinen Gott und kein ewiges Leben mehr glaubt, in dieser Zeit so viel an sich raffen möchte wie er kann. Die moderne Technik ist, grob gesagt, der Ausdruck der Weltgefrässigkeit des modernen Menschen, das Tempo ihrer Entwicklung ist der Ausdruck seiner inneren Unruhe, die über den Menschen kommt, der wohl zum Ewigen bestimmt ist, aber diese Bestimmung bewusst von sich gewiesen hat. Die Hypertrophie des technischen Interesses und damit die Überdynamik der technischen Entwicklung ist die notwendige Folge davon, dass der Mensch sich als Folge seiner Emanzipation von Gott ganz an die Dinge verloren hat, nachdem ihm Gott entschwunden ist.» (S. 180)
    In dem Masse, wie die Gesellschaft technizistisch wird, erschliessen sich neue Märkte – und kann so, kurzfristig zumindest, wirtschaftlichen Wachstum produzieren. Den Begriff «Technik» schliesst auch menschliche Techniken ein. So gibt es zum Beispiel heute eine Technik der Paarvermittlung, ein angeblich sicherer Algorithmus anwendet. Es gibt eine Technik der Freundschaft, welche wiederum eine Milliardenindustrie generiert hat (Facebook). Es gibt eine Technik für alles.
    Dabei weiss man schon längst, dass die technische Entwicklung mehr Schlechtes als Gutes bewirkt hat. Die ganze westliche Zivilisation hängt zum Beispiel an einem krankhaft gesteigerten Energieverbrauch. Und niemand weiss, wohin mit dem Atommüll. Man sucht nach Endlagern, die Sicherheit bieten für mindestens Hunderttausend Jahre; das ist pure Fiktion!
    Die Technik verursacht Probleme, die man wiederum mit Technik zu lösen versucht. Die medizinische Technik erhöht die Lebenserwartung, produziert damit aber auch die Volkskrankheit Alzheimer und sucht nun nach neuen Mitteln gegen Alzheimer – und das ist noch eines der am wenigsten schlimmsten Beispiele.
    Wirtschaft und Technik hängen zusammen wie das Huhn und das Ei. Man weiss zum Beispiel heute, dass die die meisten technischen Innovationen von heute auf den titanischen Akt der 60er-Jahre zurückgehen, nachdem Kennedy gesagt hatte: «In zehn Jahren werden wir auf dem Mond sein.»
    Vom christlichen Standpunkt ist Raumfahrt absolut nichtig und eitel und ein Haschen nach Wind; eine wirtschaftliche Explosion, die von der Raumfahrt Wind ausgeht, kann ebenfalls nichts anderes sein.
    Die starke Verschränkung von IT-Technik, einer weiteren Milchkuh unserer heutigen Wirtschaft, mit dem amerikanischen Militär brauche ich seit dem letzten Sommer nicht zu erwähnen. Deshalb kann sie kein Segen sein.
    Und noch ein letztes Beispiel, das alle evangelikalen Christen bestimmt interessiert: Israel ist neben den USA eines der wirtschaftlich erfolgreichsten Länder im IT-Bereich. Es gibt mehr Start-Ups und Wachstum als in fast allen anderen westlichen Ländern. Der Grund dafür ist ebenso einfach wie traurig: Es ist die Armee.
    Ich bejahe die politische Existenz des heutigen Staats Israel aus theologischen Gründen und auch bis zu einem gewissen Grad auch das Recht auf eine Armee in einer gefallenen Menschheit, aber gerade aus biblischer Perspektive ist das Vertrauen auf die Armee, welches die mehrheitlich säkularen israelische Gesellschaft kennzeichnet, abgöttisch und nichtig. Zumindest aber sollten wir Christen nicht noch Lobgesänge auf die wirtschaftliche Entwicklung auf den Lippen führen!

    Bei aller Bejahung von wirtschaftlicher Freiheit etc., ist die ambivalente Haltung, die Herr Rank dem biblischen Christentum zuschreibt, meiner Meinung nach höchst richtig.
    Wenn der Mensch wirklich frei wäre im christlichen Sinn («Die Wahrheit wird euch frei machen»), dann gäbe es auch eine gute freie Marktwirtschaft. Solange der Mensch aber ein Sklave der Sünde ist, wird sein politisch-wirtschaftliche System den Abdruck der Sünde tragen.
    «Ich sah auch, dass alle Mühe und alles Gelingen im Geschäft nur den Neid des einen gegen den anderen weckt. Auch das ist nichtig und ein Haschen nach Wind!» (Prediger 4, 4)

  4. @Lukas: Nun, wer Erlösung durch die Marktwirtschaft erwartet, wird gewiss enttäuscht werden. Der Verweis auf die Sünde bezeugt mich übrigens nicht. Jede Wirtschaftsordnung ist von Sünde berührt. Trotzdem sind nicht alle gleichwertig.

    Eine interessante Frage wäre: Kannst Du eine Wirtschaftsordnung empfehlen, die der Marktwirtschaft überlegen ist?

    Liebe Grüße, Ron

  5. Auch Marx und Engels sahen einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen dem Kommunismus und Christentum. Friedrich Engels schrieb bspw. (Leider habe ich die org. Quelle nicht, deshalb zitiert bei André Dumas, „Marxismus, Ideologie und Glaube“, S. 428–429, dieser zitierte wiederum bei Desroche, Socialismes et Sociologie religieuse, S. 121):

    »Es gibt eine merkwürdige Beobachtung: Während die englischen Soziologen im allgemeinen Gegner des Christentums sind und deshalb unter allen Vorurteilen eines wirklich christlichen Volkes zu leiden haben, stellen die französischen Kommunisten, deren Vaterland für seinen Unglauben berühmt ist, fest, daß sie Christen sind. Eins ihrer Lieblingsaxiome heißt: Das Christentum ist der Kommunismus. Aber das beweist bloß, daß die guten Leute selbst nicht die besten Christen sind, auch wenn sie es behaupten; wären sie es nämlich, so würden sie ihre Bibel besser kennen und wissen, daß 2 Henri Desroche: So cialismes et Sociologie religieuse. S. 200 und 319. Cujas 1965. Marxismus, Ideologie nnti Glaube trotz einiger weniger Passagen, die dem Kommunismus vielleicht entgegenkommen, die Bibel als Ganzes ihm radikal entgegengesetzt ist, wie sie übrigens jedem Unternehmen des Verstandes widerspricht.«

    Liebe Grüße, Ron

  6. @ Ron
    Danke für Dein Feedback. Was mir immer wieder auffällt, ist – wenn man die freie Marktwirtschaft kritisiert, wird einem Sympathie für den Kommunismus unterstellt. Dieses dualistische Denken ist uns von der Propaganda der Politik/Wirtschaftslobby im Kalten Krieg geblieben und verleitete schon damals zu einer Blindheit gegenüber der Wahrheit. (So waren z.B. die meisten evangelikalen Intellektuellen in der westlichen Hemisphäre für den Vietnamkrieg und ebenso für das Apartheid-Regime – weil es angeblich um den Kampf gegen den Kommunismus ging etc. Heutzutage weiss man, dass der Vietnamkrieg ein monströser Irrtum war, der Freiheitskampf der Vietcong hatte überhaupt nichts mit Kommunismus zu tun und die Perversion des angeblich «christlichen» weissen Regimes ist hoffentlich allen offensichtlich.)
    Der Punkt ist: Aus einiger Ferne betrachtet sind historischer Ostblock-Kommunismus und moderne Konsum-Marktwirtschaft aus dem genau gleichen Holz geschnitzt.
    «Erlösung durch Marktwirtschaft» – danke, Ron. Du bringst es präziser auf den Punkt als ich. Genau darum, bzw. um Selbstverwirklichung dank Arbeit und Konsum, geht es aber in unserer westlichen Zivilisation. Um was denn sonst?
    Was ist denn sonst das Ziel unserer Zivilisation?
    Es gibt keines mehr.
    Auch die ursprünglichen, humanistischen Ziele des Projekts Moderne haben keine schöpferische Kraft mehr. Nachdem die westliche Zivilisation das Ziel verloren hatte, für das es ursprünglich die Mittel geschaffen hatte, wurde der Mensch zum Mittel ohne Ziel. Genau das sieht man in der heutigen «freien» Marktwirtschaft.
    Der Mensch wird immer mehr ausgereizt und bis in sein Seelenleben hinein in einen Markt eingebunden, aus dem es keinen Ausweg gibt. So wie es früher den Totalstaat gab, leben wir heute in einer marktwirtschaftlichen Total-Immanenz des Menschen.
    Und übrigens: Das ganze Modell der freien Marktwirtschaft beruht auf fairem Informationsaustausch zwischen anbietenden und nachfragenden Teilnehmern.
    Wie können wir als Christen ein solches Modell anpreisen, wenn wir wissen, dass gerade die Ursünde mit Verdrehung von Informationen, mit der Lüge, zu tun hatte?
    Wie kann ein solches System zum Guten sein, wenn der Mensch (Adam und Eva) freiwillig das wählt, was ihn tötet?

    Ich habe kein anderes Modell anzubieten, und ich denke wir sollten als Christen gar keine Systeme vorschlagen, sondern an dem Ort, wo Gott uns hingestellt hat, sei es in einer angeblich freien Marktwirtschaft oder unfreien Planwirtschaft, sei es in einer Diktatur oder Demokratie, sei es als Angestellter, Arbeiter, Unternehmer, Intellektueller, Hausmann oder Arbeitsloser Zeugen sein für die kommende Herrschaft Jesu Christi. Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt. Man könnte auch sagen, die Macht des Herrn Jesus wird aufgerichtet, die Mächte dieser Welt werden gerichtet. Der Kommunismus ist zum grössten Teil Geschichte (was nicht heisst, das man ihn nicht mehr studieren sollte, oder dass keine Macht mehr ausübt auf einzelne Gemüter oder dass er als Utopie nicht mehr zurückkehren könnte).
    Heute sollten wir uns aber mit den Mächten und Gewalten auseinandersetzen, die uns heute prägen. Und wir müssen die Macht, die den Menschen vollständig absorbieren und damit zerstören möchte, als das bezeichnen. Das ist unsere Aufgabe als Licht und Salz.

    Kennst Du den christlichen französischen Denker Jacques Ellul? Ich finde, dass er die moderne technische Welt und das In-der-Welt-Sein des Christen sehr treffend beschrieben hat. Er hat sehr viele theologische und soziologisch-philosophische Werke geschrieben, wie z.B. «The Meaning of the City» oder «The Technological Society».

    Enschuldigung, dass ich nicht Zeit hatte, um einen kürzeren Kommentar zu schreiben.

  7. @Lukas: Nein, ich wollte Dir keine Sympathie für den K. unterstellen. Das Zitat von Engels war nicht an Dich gerichtet, sondern gilt allg. dem Post.

    Ellul kenne ich nicht.

    Natürlich ist es richtig, zu fordern, dass wir Zeugen sein sollen, egal wo wir leben. Es aber dabei zu belassen, weckt bei mir die Assoziation eines privatisierten Glaubens. Es darf auch dem Christen nicht egal sein, wie das „System“ funktioniert. Da gibt es nun mal Ansätze, die sich besser bewährt haben als andere. Und es gibt sogar Koordinaten, die aus der Schrift stammen. Die Bibel bejaht bspw. das Konzept des Eigentums (und Diebstahls), mahnt vor zu hohen Steuern, schützt die begrenzte Freiheit, warnt vor gottlosem Reichtum usw. Sie liefert keine fertige für alle Zeiten verbindliche Wirtschaftsordnung, aber eben Leitlinien.

    Liebe Grüße, Ron

  8. schandor meint:

    Ja, Ellul ist ein interessanter Denker! Ich lese gerade zum zweiten Mal sein spannendes Buch „The Humiliation of the Word“. Die „Technical Society“ war auch sehr spannend.

    Er gehört mE in eine Reihe mit Denkern wie Marshall McLuhan und Neil Postman. Ihre Gedanken überschneiden sich vielfach.

  9. @ Ron
    Ein privatisierter Glaube wäre freilich nicht nach meinem Sinn.

    @ Schandor
    Ich habe «The Humilation of the Word» gerade vor einigen Tagen abgeschlossen. Ich war sehr beeindruckt, vorallem vom ersten Teil, also den Gedanken über Sehsinn–Bild–Realität einerseits und Hörsinn–Wort–Wahrheit andererseits. Sehr erhellend und überzeugend ist Elluls Auslegung der Sündenfallgeschichte und des Johannesevangeliums unter dem Aspekt von Sehen und Hören.
    Das freut mich, dass noch jemand Ellul studiert. Ich habe ihn erst vor ein paar Monaten entdeckt, indem ich einer Fussnote von Neil Postman nachging.
    Zuerst interessierte ich mich einfach für den Autor von «The Technological Society» und entdeckte zu meiner grossen Freude einen radikal christlichen Denker. Auch McLuhan kannte «The Technological Society» vermutlich, nachdem jenes ja auf Anregung von Aldous Huxley übersetzt worden ist. Ich habe bis jetzt «Leben als moderner Mensch», eines von Elluls einzigen auf Deutsch erschienenen Werke gelesen, dann «Money and Power», und jetzt lese ich «The Technological Society».
    Er hat auch sehr viele offen theologische Werke geschrieben wie z.B. eine Auslegung des Predigers, des Propheten Jonas, der Offenbarung des Johannes, ein Buch über 2. Könige, ein Buch über den Staat den Israel und einige kritische Werke über den Islam.
    Ein französisches Buch über ihn heisst: «Jacques Ellul. L’homme qui avait (presque) tour prévu», und so ist es, mit jedem Jahr steigt die Aktualität seiner Thesen zur geistigen und soziologischen Lage der Gegenwart. Seine z.T. sehr originellen theologischen Ansichten muss man natürlich nicht in jeder Hinsicht teilen, um dennoch viel von ihm zu lernen.

    A propos «The Humilation of the Word»: Heute auf meinem Spaziergang sah ich auf dem Anschlagbrett der örtlichen reformierten Landeskirche einen Flyer von religiösen Kunstführungen, welche ein protestantischer Theologe anbietet. Der Titel lautet: «Heilende Bilder». Die Teilnehmer würden erleben, dass alte Fresken «noch heute heilende Kraft entfalten können».

    Nach «The Humilation of the Word» stört es mich, wenn in einer Gemeinde Liedtexte vor schönen Berglandschaften und Blumen projiziert werden oder wenn ein Moderator den Gottesdienst im Stil der Unterhaltungsbranche einleitet.
    Noch niemals konnte ich leiden, wenn zur Bibellesung oder Predigt manipulative sphärische Musik abgespielt wird, aber seit Ellul ist mir dies ein Anathema.
    Ellul hinterliess in mir eine noch grössere Abneigung gegen Werbung und eine noch grössere Faszination für das Wort Gottes.
    Und man lernt, wie sehr «Effektivität» und «Effizienz» fehl am Platz sind bei den Erwägungen der Kinder Gottes.
    Aus der Lektüre von Jacques Ellul geht man nicht unverändert hervor.
    Einfacher wird es nicht, aber es hat auch niemand gesagt, dass es einfach werden wird. 🙂

  10. schandor meint:

    @Lukas

    „Aus der Lektüre von Jacques Ellul geht man nicht unverändert hervor.“

    ja, das geht mir genauso. Ich hab leider nur die beiden Bücher von Ellul (The Technological Society u. The Humiliation of the Word). Werde mich aber nach weiteren Werken umsehen. Leider vertrat Ellul eine Art Allversöhnung, und auch seine Auslegung zur Offenbarung ist sehr eigenwillig. Aber ich stimme Dir zu: Das Gute kann man nehmen, das andere muss man nicht soo ernst nehmen.

    Ja, seine Analyse Hören = Ebene der Wahrheit; Sehen = Ebene der Wirklichkeit – das ist wirklich großartig.

Deine Meinung ist uns wichtig

*