Verachtet Kirche die Reichen?

Rainer Hank hat kürzlich in der FAZ die These aufgestellt, es gebe in der Tradition des biblischen Christentums einen latenten Antikapitalismus (siehe dazu auch hier). Der Volkswirt und Unternehmensberater Dr. Helmut de Graigher ist anderer Auffassung und begründet seine Sichtweise hier in einem Gastbeitrag:

 

Die Tyrannei des Marktes?

Warum die Kirche die Reichen nicht verachtet

Der kritische Artikel von Rainer Hank spießt die intellektuellen und praktischen Schwächen der von Franziskus I vertretenen Befreiungstheologie gekonnt auf. Er enthält aber selbst eine Reihe sachlicher Fehlurteile.

1. Das Neue Testament ist keineswegs einseitig „kommunistisch“ geprägt. Es unterscheidet ausreichend scharf zwischen den Ratschlägen für „die Heiligen“ im Leben „unter Brüdern“ und „Menschen“ gegenüber der Wahrnehmung ihrer beruflichen Verantwortung in „Haushalterschaft“. Hier ist bereits die moderne Unterscheidung von Privatleben und Berufsleben angelegt. Im ersten Fall ist der „Urkommunismus“ gerechtfertigt, im zweiten nicht. Der „Reiche“ soll „haben als ob er nicht hätte“, das heißt erstens helfen und spenden, aber zweitens auch verantwortlich selbstlos mit den anvertrauten Gütern umgehen und ökonomisch „Frucht“ bringen – mindestens den Zins, den der Kredit einbringt. Damit ist auch die Unterscheidung von Privateigentum und anvertrautem fremdem Eigentum gegeben.

2. Die zitierten Polemiken Nietzsches treffen deshalb – als „Vampyr des Imperium Romanum“ – nur ein karikiertes Christentum. Die gut erforschten ökonomischen und sozialen Schwächen des Imperiums sind viel eher an den klassischen Fragen der Kriegswirtschaft und Latifundienbildung, auf Sklavenwirtschaft, Währungsungleichgewichte und Edelmetallflüsse zurückzuführen, als auf die Christen.

3. Im Mittelalter waren keineswegs „nur Klerus und Mönche“ reich. Die Mönche brachten erstmals eine disziplinierte Arbeitskultur von „socii“ – die Grundlage der modernen „Gesellschaft“ – nach Mitteleuropa. Die Zünfte und Städte taten es ihnen nach und wurden bald „sagenhaft“ reich. „Organisierte harte Arbeit“ ist das den Lateinamerikanern fremde Zauberwort, mit dem sowohl das Seelenheil befördert, als auch einem „gefallenen Kosmos“ der Reichtum abgerungen wurde.

4. Die katholische Soziallehre ist von Anfang an keineswegs „gegen Privateigentum“ gewesen. Sie basierte auf dem „Naturrecht“, das – ähnlich wie die lutherische Zwei-Reiche-Lehre – Privateigentum notwendig vorsah. Nur die seelischen und die sozialen Missbrauchsformen des Eigentums wurden angeprangert. Erst das II. Vatikanische Konzil versuchte vergeblich, ähnlich wie die spätere „Befreiungstheologie“, diese Selbstverständlichkeiten aufzulösen.

5. Der Autor unterscheidet ebenso wenig wie die „Befreiungstheologie“ zwischen „Marktwirtschaft“, „freiem Markt“ und „Kapitalismus“. Markt als rechtlich geregelte, unter gleichen Chancen die Ressourcen verteilende Kultureinrichtung ist, außerhalb enger Sippenwirtschaften, das einzige überhaupt funktionierende und relativ gerechte Werkzeug ökonomischer Rationalität. Markt ohne Regeln ist Raub oder Diktatur durch den Stärkeren und Geschickteren. Etwas Anderes haben auch die Freiburger Ordoliberalen nie behauptet. Kapitalismus als die private Emission und Bewirtschaftung von Liquidität, deren teuere Währungsgarantien vom Steuerzahler getragen werden, ist Ausbeutung der Allgemeinheit durch wenige Privilegierte. Bei Unterentwicklung stellt diese einseitige private Kapitalakkumulation einen großartigen Wachstumsbeschleuniger dar. In entwickelten Ökonomien, die nur noch niedrige Realzinsen erwirtschaften können, verstrickt sie Staaten und Unternehmen in unbarmherzig zunehmende Verschuldungskrisen, die regelmäßig in Deflation und Währungsreform enden.

Dr. rer. soc. Helmut de Craigher

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Mark.us
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Mark.us

Über Hanks Beitrag habe ich mich gewundert. Nicht wirklich F.A.Z.-Niveau, zumindest Max Webers Diskussion hätte erwähnt werden müssen und eigentlich auch schon Marx – und dementsprechend auch die aktuelle Diskussion. Einer der Standardvorwürfe ging und geht ja genau in die andere Richtung: Das Christentum unterstützt nur die Reichen und Mächtigen.

Roderich
Gast
Roderich

Hervorragender Beitrag von Dr. de Craigher. Auf sehr komprimiertem Raume werden hier sehr wesentliche Thesen vorgetragen, die für ein Verständnis unabdingbar sind. Es wäre zu wünschen, dass eine solche ökonomische Grundbildung doch allen Christen zu Teil würde. Man müsste diese Thesen – ausformuliert und Schritt für Schritt expliziert – sozusagen für „Laien“ verdaubar für die Allgemeinheit anbieten.

Lukas
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Lukas

Natürlich ist vom biblischen Christentum nichts gegen den Wert der ehrlichen Arbeit, der freien Unternehmertätigkeit, des relativen Privatbesitz und des Rechtsstaats, der die Grundlage für eine gesunde wirtschaftliche Prosperität ist, einzuwenden. Im Gegenteil, alles das bejahe ich als Christ. Aber das wirtschaftlich-politische System, das heute in den postchristlichen Ländern vorherrscht, ist viel mehr als freie Marktwirtschaft. Freie Marktwirtschaft ist eben etwas sehr theoretisches, ein Gedankenkonstrukt. In der Realität begegnet uns die freie Marktwirtschaft immer zusammen mit anderen Faktoren, und nur vor diesem Hintergrund wird die christliche Kritik an ihr verständlich. Es gäbe unser wirtschaftliches System nicht ohne ein bestimmtes Menschenbild… Weiterlesen »

Lukas
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Lukas

@ Ron Danke für Dein Feedback. Was mir immer wieder auffällt, ist – wenn man die freie Marktwirtschaft kritisiert, wird einem Sympathie für den Kommunismus unterstellt. Dieses dualistische Denken ist uns von der Propaganda der Politik/Wirtschaftslobby im Kalten Krieg geblieben und verleitete schon damals zu einer Blindheit gegenüber der Wahrheit. (So waren z.B. die meisten evangelikalen Intellektuellen in der westlichen Hemisphäre für den Vietnamkrieg und ebenso für das Apartheid-Regime – weil es angeblich um den Kampf gegen den Kommunismus ging etc. Heutzutage weiss man, dass der Vietnamkrieg ein monströser Irrtum war, der Freiheitskampf der Vietcong hatte überhaupt nichts mit Kommunismus zu tun… Weiterlesen »

schandor
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schandor

Ja, Ellul ist ein interessanter Denker! Ich lese gerade zum zweiten Mal sein spannendes Buch „The Humiliation of the Word“. Die „Technical Society“ war auch sehr spannend.

Er gehört mE in eine Reihe mit Denkern wie Marshall McLuhan und Neil Postman. Ihre Gedanken überschneiden sich vielfach.

Lukas
Gast
Lukas

@ Ron Ein privatisierter Glaube wäre freilich nicht nach meinem Sinn. @ Schandor Ich habe «The Humilation of the Word» gerade vor einigen Tagen abgeschlossen. Ich war sehr beeindruckt, vorallem vom ersten Teil, also den Gedanken über Sehsinn–Bild–Realität einerseits und Hörsinn–Wort–Wahrheit andererseits. Sehr erhellend und überzeugend ist Elluls Auslegung der Sündenfallgeschichte und des Johannesevangeliums unter dem Aspekt von Sehen und Hören. Das freut mich, dass noch jemand Ellul studiert. Ich habe ihn erst vor ein paar Monaten entdeckt, indem ich einer Fussnote von Neil Postman nachging. Zuerst interessierte ich mich einfach für den Autor von «The Technological Society» und entdeckte zu… Weiterlesen »

schandor
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schandor

@Lukas

„Aus der Lektüre von Jacques Ellul geht man nicht unverändert hervor.“

ja, das geht mir genauso. Ich hab leider nur die beiden Bücher von Ellul (The Technological Society u. The Humiliation of the Word). Werde mich aber nach weiteren Werken umsehen. Leider vertrat Ellul eine Art Allversöhnung, und auch seine Auslegung zur Offenbarung ist sehr eigenwillig. Aber ich stimme Dir zu: Das Gute kann man nehmen, das andere muss man nicht soo ernst nehmen.

Ja, seine Analyse Hören = Ebene der Wahrheit; Sehen = Ebene der Wirklichkeit – das ist wirklich großartig.