Wo Franziskus falsch liegt

Das Apostolische Schreiben EVANGELIA GAUDIUM von Franziskus enthält allerlei gute Impulse. Mir gefällt zum Beispiel der erste Absatz:

Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen. Diejenigen, die sich von ihm retten lassen, sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von der Vereinsamung. Mit Jesus Christus kommt immer – und immer wieder – die Freude.

Mich würde es nicht überraschen, wenn so mancher hohe Amtsträger innerhalb der EKD gar keine Ahnung davon hat, worüber Franziskus hier überhaupt spricht.

Doch ist das Schreiben nicht rundweg stark. Obwohl ich einige theologische Vorbehalte hege, möchte ich hier darauf verweisen, dass dort, wo Franziskus in die Welt der Wirtschaft abtaucht, das Dokument sehr pauschal und letztlich schwach wird. Wir finden eine Mischung aus populärer Kapitalismus- und Globalisierungskritik sowie eine gute Portion Befreiungstheologie. Rev. Robert A. Sirico, selbst Katholik, macht in einem Videostatement auf Schwächen dieser Analyse aufmerksam.

Ebenso trifft Christoph Schäfer einen wunden Punkt:

Auch jenseits aller Deutungsfragen ist zu prüfen, ob sich die Thesen des Papstes empirisch überhaupt halten lassen. Seine Behauptung etwa, „während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit“, greift zu kurz. Anders als es der Papst nahe legt, ist die Zahl der sehr armen Menschen einer aktuellen Studie der Weltbank zufolge in den vergangenen drei Jahrzehnten um mehr als 700 Millionen Menschen auf 1,2 Milliarden gesunken. „Wir sind Zeugen eines historischen Moments, in dem sich die Menschen selbst aus der Armut befreien“, sagte Weltbank-Präsident Jim Yong Kim, als er die Studie im Oktober präsentierte. Das Millenniumsziel, die Zahl der Menschen, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen, bis 2015 zu halbieren, sei fünf Jahre früher erreicht worden. „Unsere Erwartungen wurden übertroffen“, so Kim. Verantwortlich dafür sind allen Zahlen zufolge vor allem China und Indien – Länder, die seit den siebziger Jahren zunehmend marktwirtschaftliche Prinzipien einführten und so die Zahl der Hungertoten drastisch reduzierten.

Auch die anklingende Globalisierungskritik und die Aussage des Papstes, wonach „die soziale Ungleichheit immer klarer zu Tage tritt“, ist zu hinterfragen. Der Volkswirt Norbert Berthold von der Universität München etwa kommt in seiner Studie „Wie ungleich ist die Welt?“ zum Ergebnis, „dass im neuen Jahrtausend die Ungleichheit deutlich abgenommen hat“. Die zunehmende Globalisierung sei „mit einem Rückgang der Ungleichheit“ einhergegangen. Auch die päpstliche These, wonach „die Ungleichverteilung der Einkommen die Wurzel der sozialen Übel ist“, überzeugt Wirtschaftswissenschaftler nicht. Sie sehen in leistungsgerechter Entlohnung den wesentlichen Antrieb, der Wohlstand schafft und unsere Sozialsysteme erst bezahlbar macht.

Hier der FAZ-Artikel: www.faz.net.

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Nachtrag vom 02.12.2013: Rainer Hank bemängelt ebenfalls die Kritik der Markwirtschaft von Papst Franziskus: www.faz.net.

Kommentare

  1. naja… ob der Weltbank-Präsident, der mit Statistik hantiert, oder professorale Volkswirte besser berufen sind, etwas zur ´Armut´zu sagen – das möchte ich doch mal bezweifeln. Wer aus Lateinamerika kommt und dort der Kirche vorgestanden hat, weiß vermutlich doch etwas besser Bescheid, welche Auswüchse Globalisierung und kapitalistisches Denken und Handeln für das Leben vieler Menschen zeitigen.
    Immerhin setzt sich Papst Franziskus I. überhaupt mal mit diesem Thema auseinander! Wenn er zudem etwa Sympathie für eine Theologie der Befreiung erkennen lässt, könnte das ja auch Anlass sein, dass wir als satte Euro-Christen mal den ein oder anderen Vorbehalt fahren lassen.
    Und ein Dokument mit Schwächen (?) ist immer noch besser als gar keines, oder?

  2. Roderich meint:

    Wer aus Lateinamerika kommt und dort der Kirche vorgestanden hat, weiß vermutlich doch etwas besser Bescheid, welche Auswüchse Globalisierung und kapitalistisches Denken und Handeln für das Leben vieler Menschen zeitigen.

    @Ernst, das ist leider falsch! Wirtschaft ist eine komplexe Angelegenheit – und kontraintuitiv. Wenn der Papst nicht wenigstens Grundlagen der Volkswirtschaft studiert hat, kann er sich in seiner Einschätzung drastisch irren. Leider.
    In diesem Falle kann es z.B. sein, dass er bestimmte Missstände fälschlicherweise der Globalisierung, dem Kapitalismus oder der Marktwirtschaft zuschreibt.
    Irrtümer im Bereich Wirtschaft sind aber leider sehr weit verbreitet, also darf man dem Papst daraus nicht allzu große Vorwürfe machen.

    Und ein Dokument mit Schwächen (?) ist immer noch besser als gar keines, oder?

    Stimmt. Und ein Blogbeitrag mit Schwächen ist besser als keiner. Aber das Argument ist etwas zu pauschal. Es kommt darauf an, ob die Schwächen gravierend sind und zu schlimmen Konsequenzen führen, falls das Dokument beherzigt würde. Dein Satz gilt auch nur, wenn der Autor auch bereit ist, sich dann korrigieren zu lassen.

    Ich verweise auf das sehr gute Buch „Economics! Über Wirtschaft und Misswirtschaft“ von Henry Hazlitt. Es zeigt in sehr logischer Form, dass nicht die Marktwirtschaft, sondern der Sozialismus das Hauptproblem unserer Zeit ist – und damit, dass die Befreiungstheologie (=Bibel + Marx) nur Unheil anrichten kann.
    (Herr Papst, wenn Sie dies lesen – auch Ihnen empfehle ich es wärmstens. MfG, Roderich).

  3. schandor meint:

    „Herr Papst“ – köstlich!

  4. Hallo lieber Ron.
    Danke für deine Artikel und auch für diesEn.
    Bezüglich des Papstes habe ich eher eine abwartende Haltung. Bisher hat er nur symbolische Handlungen getätigt und kaum theologische Pflöcke eingeschlagen.
    Meine Skepsis rührt von dem her, was ich über ihn teilweise gelesen habe. VIeles mag man gern für an den haaren herbeigezogen nennen. Mich macht es wachsam:
    Erstens ist er ein Jesuit. Das ist erstmal nicht schlimm. NIchts gegen Jesuiten. Aber es gibt eigetnlich die Regelung, das kein Jesuit Papst werden darf. Der Leiter der Jesuiten gilt als der schwarze Papst und ist eventuell wie ein bisschen eine graue Eminenz und wohl auf Augenhöhe mit dem offiziellen weissen Papst. ÜBer die JEsuiten gäbe es wohl viel zu sagen, u.a. stehen sie wohl sehr für einen Weltkommunismus, was wohl auch aus der Befreiungstheologie spricht.
    MAn könnte da weitergehen.
    Dann ist interessnt, das der Papst vorm ihm lebend abdankte. In der Geschichte gab es das wohl nur ein oder 2 mal, und es war wohl jedes mal auch ein bedeutsam und krasser einschnitt, auf umfassenderer ebene. müsste man nochmal nachschauen.
    dann die Malachi-prophetie..Petrus der Römer.
    Letztlich ist auch seine ungeheuere Popularität für mich kein Grund auch noch mit in das Horn der lobeshymnen zu blasen.IM Gegenteil. Ich bin wach und schaue, was noch mit ihm kommt.

    PS: INteressant und schütternd auch das Buch, ‚der letzte Papst‘, von Pater Dr. Dr. Dr. Malachi Martin, einem Berater und engem Vertrauen dreier Päpste.

    ANsonsten einfach mal : Jesuiten , Kommunismus googlen.
    Die Wasser sind tief..

  5. @ schandor: 😀

    @ roderich: Du schreibst „Wirtschaft ist eine komplexe Angelegenheit – und kontraintuitiv.“ Jaja… und sowas nennt man auch ein ´Killer-Argument´, nicht wahr?!
    Es stimmt auch nicht, dass man Grundlagen der VWL/BWL studiert haben müsste, damit man bestimmte Phänomene oder Entwicklungen beurteilen könnte; auch das ist eine der Aussagen, mit der sich mancher gegen Kritik abzuschotten pflegt (wobei ich Dir nicht unterstellen will, dass das Deine Intention wäre).
    Aber auch die Wirtschaftslehre ist kein Sujet wertfreier Erkenntnis, sondern in hohem Maß von gewissen Prämissen derer abhängig, die sich dazu äußern. Karl MArx war ja seinerzeit ´Nationalökonom´ und Keynes erhielt den Nobelpreis – gleichwohl kann/muss man beider Aufassung kritisch sehen.
    Außerdem entsteht solch ein Dokument, wie Franziskus es vorgelegt hat, ja nicht in der päpstlichen Einsiedlerklause; da hat irgendein ´think-tank´ natürlich vorgearbeitet.
    Wohin aber ein Wirtschafts- und Finanzsystem führt, das nicht mehr nach Moral oder den Bedürfnissen der Menschen fragt, sondern auf Profite, Gier und Macht setzt, das können wir derzeit u.a. anhand der €-Krise studieren…
    Da ist es ein völliger Irrtum, heute noch den Sozialismus (was war das nochmal??) für die Probleme der Gegenwart verantwortlich machen zu wollen. Heute würde Hazlitt vermutlich anderes kritisieren und die Folgerung, “ dass die Befreiungstheologie (=Bibel + Marx) nur Unheil anrichten kann“, ist daher ebenso polemisch wie fragwürdig und vermutlich eher traditionellen Vorurteilen geschuldet.
    Vor 30 Jahren habe ich auch geglaubt, dass die Theologie der Befreiung abzulehnen sei; inzwischen habe ich meine Einschätzung in vielen Punkten geändert.

  6. Roderich meint:

    Vor 30 Jahren habe ich auch geglaubt, dass die Theologie der Befreiung abzulehnen sei; inzwischen habe ich meine Einschätzung in vielen Punkten geändert.

    Schade – denn von der Befreiungstheologie ist leider wenig bis gar nichts Gutes zu erwarten. Wir brauchen Marx nicht, um gewisse „Korrekturen“ an der Wirtschaft vorzunehmen.
    Bibel ja, Marx nein.
    Vielleicht liest Du noch mal Marx‘ Kritik an der Hegelschen Rechtsphilosophie.

    Ja, stimmt – ein Volkswirtschaftsstudium führt nicht notwendigerweise zu richtigem wirtschaftlichem Denken (wie ich es verstehe). Man sollte aber wenigstens die wesentlichen Österreichischen Denker (von Hayek, von Mises, Hazlitt, sowie auch spätere wie Milton Friedman etc.) mal gelesen haben. Dort wird man vieles doch sehr ansprechend finden – vielleicht aber auch nur, wenn man eine gewisse Freude an Logik und Gerechtigkeit hat.
    Dass das richtige Wirtschaftssystem noch nicht Garant ist für individuelle Nächstenliebe, ist klar. Die letztere ist unersetzlich und unbedingtes Gebot unseres Herrn.

  7. @ roderich: Du schreibst: „Schade – denn von der Befreiungstheologie ist leider wenig bis gar nichts Gutes zu erwarten. Wir brauchen Marx nicht, um gewisse “Korrekturen” an der Wirtschaft vorzunehmen.“ – Da staune ich doch angesichts dieses selbstsicheren Indikativs… 😉

  8. schandor meint:

    @ernst

    Das Staunen ist durchaus unangebracht, denn Roderich – so gut kenne ich ihn – kann das sagen. Seine Kenntnisse in dieser Hinsicht (das hab ich schon mehrfach staunend gesehen) sind profund. Das kannst Du mir glauben. Der weiß, wovon er spricht. Mir wär’ recht, ich wüsste, was er schon vergessen hat. 🙂

  9. Roderich meint:

    @Schandor, danke, danke, aber das ist bei weitem zu viel des Lobes.

    @ernst, wir können gerne über Einzelheiten diskutieren. Dann aber gerne mit Argumenten und nicht mit pauschaler Infragestellung der Meinung des anderen, ohne eine (argumentativ unterstützte) Gegenmeinung zu präsentieren. Da macht man es sich zu leicht… Sag mir doch bitte konkret, was wir heute noch von Marx lernen können?

  10. @ roderich – ich weiß nur nicht, was Du unter ´diskutieren´ verstehst, denn hier bist Du schnell dabei, mal eben sozusagen auf einer ´Beziehungsebene´ auszuteilen: „Dann aber gerne mit Argumenten und nicht mit pauschaler Infragestellung der Meinung des anderen, ohne eine (argumentativ unterstützte) Gegenmeinung zu präsentieren“!
    Habe ich Deine Meinung „pauschal“ infragegestellt? Stattdessen jubelst Du mir den Marx unter; wo, bitteschön, hätte ich gesagt, dass wir von ihm lernen sollten?
    Hingegen: warum verwirfst Du pauschal die ´Befreiungstheologie´?
    Aus diesen Gründen sprach ich vom erstaunlich selbstgewissen Indikativ, und angesichts dessen bezweifle ich den Nutzen weiteren Diskutierens. . .

  11. Roderich meint:

    @Ernst,
    Du hattest ja meine Aussage zu Marx zitiert. Daher meine Rückfrage. (Ist denn die Befreiungstheologie etwa nicht marxistisch inspiriert gewesen, historisch und heute?).
    Ja, sorry, ich habe es halt schon einige Male beobachten müssen, dass Du gerne Meinungen angreifst, allerdings ohne inhaltliche Argumente, sondern mit sehr allgemeinen Statements wie „das kann man so nicht sagen“. Warum kann man das so nicht sagen? Das muss man sich dann wohl selber denken.
    Das ist also sehr nett von Dir: Man hat dann Gelegenheit, seine Imagination zu üben: man muss seine Vorstellungskraft bemühen, welche Argumente Du theoretisch noch in der Hinterhand haben könntest 😉

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