Norbert Bolz: Gnadenlose Neuzeit

Obwohl ich mit dem kierkegaardianischen Schluss dieses Essays überhaupt nicht einverstanden bin, ist „Gnadenlose Neuzeit: Luther und die Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft“ von Norbert Bolz ein intellektueller Genuss. Schon der Einstieg ist gehaltvoller und herausfordernder als das betäubende Geschwätz, dass uns viele evangelische Prediger Sonntag für Sonntag zumuten:

Die evangelische Kirche unserer Zeit ist durch eine Inflation des Kreuzes gekennzeichnet. So hört man von ihren Repräsentanten und Pfarrern nur noch selten etwas über das Ärgernis und den Skandal des Wortes vom Kreuz, so wie es im Zentrum der Paulus-Briefe und damit des Neuen Testaments steht. Aber man bekommt am Sonntag sehr viel zu hören über die unzähligen kleinen Kreuze dieser Welt wie Hunger, Flüchtlingselend, Arbeitslosigkeit, Klimakatastrophe usf. Zusammengehalten werden diese kleinen Kreuze durch die Dauerbereitschaft eines „Reden wir miteinander“. Das hat schon der große dänische Protestant des 19. Jahrhunderts, Sören Kierkegaard, als Geschwätz bezeichnet. Der Pfarrer tritt immer häufiger als Gutmensch auf – und das heißt in der Sprache des Neuen Testaments: als Pharisäer. Dabei missbraucht er seine Predigt für einen sentimentalen Moralismus. Das hat Franz Overbeck schon Ende des 19. Jahrhunderts erkannt. Ich zitiere: „Nichts entvölkert unsere Kirchen so sehr, als dass man es in ihrem Gottesdienst so viel mit den persönlichen Ansichten ihrer Prediger zu tun hat.“ So Overbeck.

Die evangelische Kirche heute vermeidet Konflikte, indem sie immer weniger behauptet. Sie hat Angst vor den eigenen Dogmen und möchte um keinen Preis orthodox sein. Aber nicht orthodox sein zu wollen, ist für einen Glauben paradox. Denn Orthodoxie heißt nichts anderes als der richtige Glaube. Kennt die evangelische Kirche überhaupt noch den Unterschied zwischen Christentum und einem diffusen Humanitarismus? Sie ersetzt den Skandal des Gekreuzigten zunehmend durch einen neutralen Kult der Menschheit. Thomas Mann hat das schon vor hundert Jahren „Verrat am Kreuz“ genannt. Was dann noch bleibt, ist die Sentimentalität einer unrealistischen Menschenfreundlichkeit.

Dieses Wohlfühlchristentum befriedigt ein tiefes Bedürfnis nach Betäubung. Jeder kennt ja Marxens Formel von der Religion als Opium des Volkes. Genau in diesem Sinne hat dann auch Nietzsche von einem opiatischen Christentum gesprochen und es scharf der ursprünglichen christlichen Erschütterung entgegengesetzt. Gemeint ist bei Marx genau so wie bei Nietzsche: Nicht Religion selbst ist Opium, sondern die modernen Menschen machen aus Religion ein Opiat. Sie benutzen das Christentum als Droge, zur Beruhigung der Nerven. Jede Spur der christlichen Erschütterung ist sorgfältig getilgt. Man lässt sich zwar noch von der Jesus-Geschichte rühren, vor allem an Weihnachten. Aber vom Jüngsten Gericht will niemand mehr etwas hören. Aus Gott ist der liebe Gott geworden. Und aus Jesus ist ein guter Mensch geworden – gewissermaßen ein Integrationsbeauftragter höherer Ordnung. Aber wer den Lehrer und Sozialarbeiter Jesus lobt, will den Erlöser Christus verdrängen. Wenn Jesus nur ein Lehrer des richtigen moralischen Verhaltens gewesen wäre, hätte man ihn nicht gekreuzigt.

Hier das Essay als Mitschnitt (ein Manuskript gibt es hier):

 

VD: PG

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Großartig! Hab den Essay verschlungen, manches mehrfach gelesen. Angesichts des deus absconditus kann ich auch so unglaublich schwer verstehen, wieso der kierkegaardianische Schluss nicht genau ins Schwarze trifft (das konnte ich seit meiner intensiven K-Lektüre noch nie, deshalb auch meine gelegentlichen Avancen in Richtung Fideismus). Aus dieser Perspektive und dem Wissen, scharf am Rande des fideistischen Irrationalismus zu schweben, ja, ihm geradezu ins Auge zu blicken, wünschte ich mir einen Ausweg, einen, der sozusagen zwischen der kierkegaardianischen Scylla und der Charybdis des aristotelischen Selbstbeweihräucherungserkenntniswahns hindurchführt. Ob ich ihn je finde?

    PS: Besonders gut finde ich den Satz: „Und es gibt dort auch keinen Ort, von dem aus das Erlebte als Verblendungszusammenhang zu durchschauen wäre.“ Wenn etwas zu 100% zutrifft in unserer Welt, dann das. Daher mein gelegentlicher Fideismus.

  2. @Schandor
    Wenn Du für den Fideismus argumentierst, dann widersprichst Du Dir selbst. Das ist genauso, wie wenn die Postmodernisten behaupten, dass es keine absolute Wahrheit gebe. Schon mit diesem Satz widersprechen sie sich selbst. Bei Dir ist es genauso. Wenn Du den Fideismus (in welcher Art und Weise auch immer) für überzeugend (!) hältst, dann zeigt alleine das schon Deine Widersprüchlichkeit. Der Fideismus kann per definitionem nicht überzeugend sein. Der Fideismus ist per se nicht rational.

    Kurz: Der Fideismus ist falsch! Du hast keine Chance, dagegen zu argumentieren. (Denn dann müsstest Du ja zugeben, dass der Fideismus falsch ist!)

  3. Schandor meint:

    @Calvin

    Es gibt mehr Dinge zwischen Logik und Existenz, Calvinicus, als deine Philosophie sich träumen läßt

    — Schamlet

  4. @Schandor
    Da hast also keine Gegenargumente? Willst Du mit Argumentation gegen Argumentation argumentieren? Existieren diese „Dinge“ aus dem o.g. Zitat, die Du nicht definieren kannst? Wenn diese „Dinge“ existieren, wie können sie dann über die Logik und Existenz hinausgehen? Wenn diese „Dinge“ aber nicht existieren, dann gibst Du mir Recht. Davon abgesehen: Wie lässt sich eigentlich Deine These falsifizieren? Wie verstehst Du die biblische Aufforderung, dass wir alles prüfen sollen und das Gute behalten sollen? Wie können wir etwas prüfen, was sich noch nicht mal definieren lässt?

  5. Johannes Strehle meint:

    In der Tat ein intellektueller Genuss.
    Eine glänzende Analyse und Kritik der Moderne,
    also des modernen Menschen einschließlich des modernen „Christen“.
    Zum Verhältnis von Glaube und Vernunft gibt es aber Überzeugenderes,
    z.B. C.S.Lewis und Francis Schaeffer.

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