Volker Beck erklärt uns die Philosophiegeschichte

David Berger hat sich Becks Kritik zu Kardinal Müllers neuem Buch Die Botschaft der Hoffnung genauer angesehen und befindet:

Die eigentliche intellektuelle Katastrophe beginnt aber so recht eigentlich dort, wo Beck sich zum Philosophiehistoriker aufzuschwingen sucht. So gut wie nichts stimmt an den Postulaten, die irgendwie nach Pseudophilosophie im Dienste des eigenen Trieblebens klingen.

Bergers Kommentar ist ein Genuss, auch wenn ich – anders als er – ein robustes teleologisches Naturrecht (griech. φύσει δίκαιον, ich vermute, auf das teleologische Naturrecht bezieht sich Beck) schon bei den Griechen in der Antike finde (Sophokles, Platon o. Aristoteles).

Davon abgesehen zeugt Becks Einlassung in der Tat von theologischer Ahnungslosigkeit, z.B., wenn er das Liebesgebot Jesu gegen Normen ausspielt. Diese naïve Liebesethik wird Augustinus’ „Liebe, und tue, was du willst“ ja auch gern untergeschoben. Aber da ist nachweislich etwas bei Augustinus hineingelesen worden, was er nie gesagt hat.

Zu Augustinus schrieb ich 2010 aus einem anderen Anlass:

»Alles, was aufgenommen wird, wird auf die Weise des Aufnehmenden aufgenommen«, sagten schon die mittelalterlichen Gelehrten. Diese Einsicht lässt sich wunderbar daran demonstrieren, wie … Luther, Bonhoeffer und Augustinus für die Rechtfertigung seiner sexualethischen Positionen in Anspruch nimmt. Auf Augustins »Liebe und tue, was du willst«-Zitat möchte ich kurz eingehen.

Augustinus von Hippo (354–430 n.Chr. ) schrieb auf Lateinisch. Das Zitat entstammt seinem Kommentar zum 1. Johannesbrief (In epistulam Ioannis ad Parthos, tractatus VII, 8). Er gebraucht dort für die Benennung der Liebe weder »amor« noch »caritas«, sondern »dilectio«. Die damit bezeichnete Liebe meint keine Gefühlsregung oder gar Sinnlichkeit, sondern die vernünftig ausgewählte Liebe (vgl. die etymologische Verwandtschaft zu »electio«). Augustinus fokussiert mit »dilectio« auf die Liebe, die den Menschen freisetzt, mit Freude das zu tun, was Gott gefällt, ganz im Sinne von Joh 14,15, wo Jesus sagt: »Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.« Gemeint ist also die Liebe, die dem Glaubenden durch den Heiligen Geist gegeben ist und die den Willen des Vaters im Himmel sucht (vgl. Röm 5,5). Der Kirchenvater kannte gar keine »wahre Liebe«, die sich über die von Gott geforderte Gerechtigkeit und die uns geschenkten Gebote hinwegsetzen könnte.

Es gibt in der Geistesgeschichte noch einen anderen »Großen«, der sich das »Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz. Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen«, auf die Fahne geschrieben hatte, nämlich Aleister Crowley (1875–1947). Crowley verlegte den Schwerpunkt auf den »wahren Willen« des Menschen, wir könnten auch sagen: auf den Willen des Fleisches. Etwa so: »Wenn du tust, was du wirklich und bewusst willst, wirst du magische Macht (über andere) besitzen.«

Christen tun gut daran, Gottesliebe nicht mit Selbstliebe zu verwechseln.

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