Zeit subtiler religiöser und politischer Manipulation

Francis Schaeffer sagte auf seinem Vortrag während der Lausanner Konferenz 1974:

Unsere Zeit ist — und das müssen wir durchschauen! — eine Zeit subtiler religiöser und politischer Manipulation, einer Manipulation durch ‚kalte‘ Kommunikation, Kommunikation ohne Inhalt. Wir müssen diese Dinge erkennen und uns entgegenstemmen. Wir haben eine Botschaft mit vernünftigem Inhalt; …

Die Analyse ist heute mindestens genauso aktuell wie damals. Bleiben wir wachsam?

Kommentare

  1. Francis Schaeffer ist für mich ein ausgesprochener Theologe der Moderne, welcher in der Zeit von 1950 bis 1980 durchaus seine Berechtigung hatte und viel Gutes sagte. Seine Beschreibung der fehlenden Absoluta und die logische Erklärung des Glaubens passt für mich klassisch in diese Epoche.

    Was denkt ihr, wie viel und was wir heute noch von Schaeffer lernen und übernehmen können? Ist seine Zeit vorbei oder hat er vielleicht sogar die heutige evangelikale Theologie im deutschsprachigen Raum mit geprägt?

  2. @David Jäggi: Francis Schaeffer war in gewisser Hinsicht ein Prophet unserer Zeit. Er hat in seiner Zeit viele Auswüchse angesprochen und recht deutlich gewarnt. Sehr viel von dem, was er damals ansprach, erleben wir heute – weil man nicht auf ihn hören wollte. Die heutige Krise des Evangelikalismus hat er bereits in zahlreichen seiner Schriften angesprochen. Ich lese seine Bücher und Schriften sehr gerne, gerade WEIL sie für unsere Zeit – die Postmoderne – geschrieben sind.

  3. Roderich meint:

    @David,
    Schaeffer sagt ja nicht viel anderes als manche andere (z.B. Cornelius van Til, dessen Schüler er war, oder Abaraham Kuyper). Er hat die Ideen aber sehr klar formuliert und wurde daher populaer. (Und sicher hat er manches Neue auch noch beigetragen, aber das Wesentliche Neue hatte er von Kuyper und Van Til… Mehr dazu weiss sicher Ron.)
    Schaeffer wird für vielleicht noch 30 – 50 Jahre viel zitiert werden. Danach wird er:
    – z.T. vergessen (z.B. weil einfach seine Bücher nicht mehr aufgelegt werden),
    – z.T. nicht mehr ganz zeitgemäß sein (weil sich manche Probleme ändern, die er noch nicht beschrieb (Internet, Google, Postmoderne, Nano-Technologie, CyberWar, Facebook, Maschine und Drohnen als Soldaten, weltweiter Djihad, etc.),
    – und z.T. werden neue Denker aufstehen, die sowohl die Gedanken weiterführen, als auch einfach bekannter sein werden, weil sie noch leben.

    Seine IDEEN bleiben aber SO lange relevant, bis die Evangelikalen den nächsten Paradigmenwechsel vollzogen haben. („Neue Reformation“). Dazu gehört u.a.:
    – weg vom Dualismus;
    – Anerkennung, dass Gott der Herr ist über alles (auch Recht, Politik, …), ohne sich dabei an die Postmoderne oder an atheistische Ideologien anzupassen;
    – ansatzweise entwickeln einer christlichen Weltanschauung für alle diese Bereiche
    – Wertschätzung der Philosophie bzw. des Verstandes, ohne jedoch den Verstand über die Heilige Schrift zu stellen
    – und natürlich (allem voran) eine christuszentrierte Theologie und Sicht aller Dinge.

  4. @Jonas und Roderich: Vielen Dank für eure aufschlussreichen Kommentare! Ich lese mich bei Schaeffer gerade erst so richtig ein. Ich bearbeite momentan einen kurzen Briefwechsel zwischen ihm und Karl Barth (1950), worin Barth ihn ziemlich streng anspricht. Das Absolute, vielleicht wohl aber auch das prophetische Denken und Reden von Schaeffer haben Barth offensichtlich in seiner Ehre sehr angekratzt!
    Sehr interessant war in dieser Hinsicht, dass Udo Middelmann, Schwiegersohn von Schaeffer und Nachlassverwalter, mir gegenüber geäussert hat, dass sie sich von L’Abri getrennt hätten, weil das Werk sich von den Grundgedanken Schaeffers entfernt habe, das Wort Gottes nicht mehr als inspiriert betrachte und Jesus nicht als inkarnierten Gott, sondern als erhöhten Herrn betrachten würden (was ja doch schon in Richtung Häretik ginge aus christlicher Sicht). Werde versuchen, dieses oder nächstes Jahr mal einige Tage in L’Abri zu verbringen um mir selber ein Bild davon machen zu können. Als Schweizer liegt es ja in der Nähe….

  5. Roderich meint:

    @David,
    Wow, Schaeffer und Barth Briefwechsel, interessant.

    Also, L’Abri in D und NL ist eigentlich noch ziemlich dem Werk von Schaeffer verpflichtet, dort wird die Bibel auch noch als inspiriert angesehen und Jesus als der Christus, Herr und Erlöser. (Nach meinem besten Wissen – von Besuchen, Kontakten und Nachrichtenblatt).

    Die Frage ist eher, ob man durch exaktes Festhalten an Schaeffer’s METHODE (warten, mit was für Fragen die Leute kommen) nicht in unserer Zeit, wenn Christen sich mehr für innere Heiling interessieren als für Weltanschauungen, irrelevanter wird als damals.
    Vermutlich kann man „prophetisches Hineinwirken in die Zeit“ auch nicht einfach „formal“ in die nächste Generation übernehmen, bzw. Nicht vererben, sondern das „prophetische“ muss jede Generation neu erkämpft, erbetet, er-studiert werden. (Ich denke aber, L’Abri hat dies auch als Anliegen).

  6. @David: Schaeffer und Moderne? Das solltest Du erklären. Ich höre das immer wieder. Überzeugende Argumente höre ich allerdings selten. Schaeffer hat die Moderne wieder und wieder wegen ihrer Anthropozentrik und Verschlossenheit (gegenüber Gott) kritisiert. Mir wurde auch unterstellt, ich würde die Postmoderne aus der Sicht der Moderne deuten (siehe z.B. hier). Das ist Quatsch und wer meine Aussagen zur Moderne liest, sollte dies leicht überprüfen können.

    Hier eine Übersetzung des Briefes von Barth an Schaeffer in Auszügen. Ich könnte dazu einiges sagen (Schaeffer hätte bei seiner Begegnung mit Barth einiges besser machen können, Barth war persönlich verletzt), aber mir fehlt dafür die Zeit (Quelle: C. Duriez: Francis Schaeffer, Crossway, 2008, S. 99–100):

    Bergli, Oberrieden, 3. September 1950
    Pastor Francis Schaeffer
    Chalet des Frênes, Champéry

    Lieber Herr Schaeffer,

    … Wie ich sehe, ist das, was Sie von mir denken etwa von der gleichen Art wie das, was ich in dem Buch von Van Til vorgefunden habe. Und wie ich auch sehe, haben Sie und Ihre Freunde entschieden, eine Art von Theologie zu kultivieren, die an eine Kriminologie heranreicht; Sie leben von der Zurückweisung und Diskriminierung aber auch jeden Mitgeschöpfes, dessen Vorstellung Ihren eigenen Ansichten und Aussagen nicht gänzlich (numerisch!) entspricht. Sie bewegen sich auf dem „festen Grund der Wahrheit“. Wir anderen, arme Sünder, nicht. Ich nicht.

    Mein Fall ist als hoffnungslos befunden worden. Die Jury hat gesprochen, das Urteil ist verkündet, der Angeklagte ist am heutigen Morgen erhängt worden.

    Gut, gut! Tun Sie was Sie wollen: Es ist Ihre Sache. Für das, was Sie tun, sprechen und schreiben müssen Sie selbst die Verantwortung übernehmen. Sie können mein Lebenswerk „als Ganzes“ zurückweisen. Sie können mich beschimpfen (z.B. als betrügerisch, wage, unhistorisch, nicht an der Wahrheit interessiert und so weiter!). Sie können Ihre „Detektivarbeit“ in Amerika, in den Niederlanden, in Finland und überall sonst fortsetzen und mich als den gefährlichsten aller Häretiker verunglimpfen … Aber warum und zu welchem Zweck wünschen Sie weitere Gespräche? Der Heretiker ist verbrannt und für immer begraben. Warum um alles in der Welt vergeuden Sie Ihre Zeit (und seine Zeit!) mit mehr Gerede miteinander? Geehrter Herr, Sie haben geäußert, dass Sie sich den alten Modernisten und den Katholiken näher fühlen als mir und Leuten wie mir. Wie Sie wollen! Aber warum stellen Sie die Wirksamkeit Ihrer „Apologetik“ nicht auf den Prüfstein in Versuchen mit diesen „Alt-Modernisten“ oder mit diesen Katholiken – …

    Freuen Sie sich, lieber Herr Schaeffer (und alle, die Sie sich in der ganzen Welt als Fundamentalisten bezeichnen)! Freuen Sie sich und glauben Sie weiterhin an die „Logik“ Ihrer Denkweise (wie beschrieben im vierten Artikel Ihres Glaubensbekenntnisses!) und glauben Sie weiter an sich selbst als die einzig wahren „Bibelgläubigen“! Schreien Sie so laut wie Sie können! Aber seien Sie so gut, mir zu erlauben, Sie in Ruhe zu lassen! „Gespräche“ sind zwischen toleranten Menschen möglich. Ihr Aufsatz und die Besprechung Ihres Freundes Buswell offenbart Ihre Entscheidung, die Tür zuzuschlagen. Ich weiß nicht, wie ich mit einem Menschen umgehen soll, der zu mir kommt und mit mir sprechen möchte wie ein Detektiv und Kriminalkommissar oder aber mit dem Habitus eines Missionars, der ausgeht, um einen Heiden zu bekehren. Nein, danke!

    Mit freundlichen Grüßen,


    Ihr
    (gezeichnet) Karl Barth

    Liebe Grüße, Ron

  7. @Ron: Danke für deine Stellungnahme. Wie gesagt, ich bin mich bei Schaeffer erst am Einlesen. Mehr Erfahrung habe ich mit Barth. Bei Barth herrscht ja momentan eine „Postmoderne Lesart“ vor (Siehe: Barth für zwischendurch).
    Der von dir zitierte Briefwechsel wurde übrigens ohne Genehmigung der Nachlasskommission von Karl Barth in genanntem Buch veröffentlicht. Die Nachlasskommission zeigte sich sehr erstaunt, dass ich von dem Briefwechsel wusste, da sie ihn offiziell nie herausgegeben haben, was natürlich bereits wieder ein etwas falsches Licht auf die „Evangelikalen“ warf. Ich musste selber einige Formalitäten erledigten, um offiziell an diese drei Briefe zu gelangen und sie zitieren zu dürfen. Nun habe ich den Briefwechsel in Kopie aus dem Barth-Archiv bei mir zuhause.

  8. @David: Bedeutet dies, dass die die Nachlasskommission die Rechte für diesen Brief in Anspruch nimmt?

    Liebe Grüße, Ron

  9. Ja, durchaus. Es ist ja so, dass immer das Einverständnis beider Parteien, Absender und Empfänger vorliegen muss, wie in meinem Fall auch das Einverständnis der Schaeffer-Foundation vorhanden sein musste, damit ich die Briefe wissenschaftlich verarbeiten darf. Vielleicht Haarspaltereien, aber ich denke, dass ich lieber korrekt vorgehe, da ich meine Thesis schlussendlich auch mit gutem Wissen der Barth Stiftung überlassen kann…. 😉

  10. @David: Die Art der Unterstellung, wie sie Ron oben beschrieben hat, ist alles andere als neu und kreativ. Immer dann, wenn die Erkenntnistheorie des Postmodernismus, wenn sein Umgang mit Wahrheit und Realität hinterfragt werden, kommt der Vorwurf, daß man die Postmoderne „aus der Sicht der Moderne deuten“ würde – klar, weil der Postmodernismus die Konzepte „absolute Wahrheit“ und „objektive Realität“ als Konstrukte der Moderne deutet.
    Doch das Wesen von Wahrheit und Realität ändert sich nicht – schon gar nicht, nur weil einige Menschen eine neue kulturgeschichtliche Epoche kreiert haben.

    Gelegentlich ist es auch hilfreich, sich durch anspruchsvolle säkulare PoMo-kritische Literatur zu quälen, z.B.:
    Paul Boghossian: Fear of Knowledge
    George Englebretsen: Bare Facts and Naked Truths
    Paul R. Gross, Norman Lewitt: Higher Superstition

    Aus christlicher Sicht möchte ich empfehlen:
    R. Scott Smith: Truth and the New Kind of Christian
    Douglas Groothuis: Truth Decay

    Torsten

  11. @Thorsten: Das mit der Deutung der Postmoderne aus Sicht der Moderne leuchtet mir durchaus ein. Die Frage stellt sich, ob es lohnenswert ist, sich derart mit einem Konzept wie dem Postmodernismus auseinanderzusetzen, wenn es sich dabei um eine kreierte Epoche handelt. Ob die Postmoderne nicht nur ein Nachläufer der Moderne ist, darüber lässt sich ja auch streiten, und ob wir uns nicht bereits an ihrem ausgefransten Rand, kurz vor dem Sturz in den Sozialkonstuktivismus mit seiner Nihilierungstaktik befinden, steht auch zur Diskussion (obwohl auch diese Epoche meiner Meinung nach kreiert ist, denn der Mensch ändert sich ja bekanntlich nicht, ebenso wenig wie dies Absolutas tun).
    Daher mein Buchtipp: Sola Scriputra. 😉

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  1. […] des Briefes, den Karl Barth dann am 3. September 1950 enttäuscht an Schaeffer sandte, sind im TheoBlog bereits veröffentlich […]

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