Das Ende der vertikalen Autorität

Der Soziologe Alain Ehrenberg fasst in seinem Buch Das Unbehagen in der Gesellschaft die Sichtweise von Philip Rieff auf den psychologischen Menschen recht gut zusammen (Suhrkamp, 2011, S. 154–156):

In dieser Atmosphäre veröffentlicht der Soziologe Philip Rieff (1922–2006) The Triumph of the Therapeutic. Mit Triumph meint er, daß die Therapie nicht mehr nur ein Mittel ist, um die Menschen zu behandeln, sondern auch und vor allem eine Weltanschauung, die den gesellschaftlichen Menschen in den psychologischen Menschen verwandelt hat, in jene neue Persönlichkeit, die „den Niedergang der asketischen Kultur“ besiegelt und „die Antwort auf die Abwesenheit Gottes“ gibt. „Die Therapie ist die symbolische Wahrheit des gegenwärtigen Zeitalters“, die des Endes „der vertikalen Dimension der Autorität“.

In Humboldts Vermächtnis (1975) erklärt der Held, ein mondäner Schriftsteller, einem Anhänger der Mafia, der Rieffs Buch auf einem Tisch sieht: „Nach Ansicht dieses Schriftstellers kommen, wenn die Kultur nicht mehr imstande ist, mit dem Gefühl der Leere und der Panik, zu welcher der Mensch disponiert ist […], fertig zu werden, andere Kräfte zum Zuge, um uns mit Therapie, mit Leim oder Schlagwörtern oder Spucke zusammenzuflicken […].“ Für Rieff ist der zu Schuldgefühlen neigende Mensch im Verschwinden begriffen. Die „Geister der Persönlichkeit“ haben einen endgültigen Sieg über die „Geister der Form“ errungen.

Das Buch beginnt mit dem berühmten Vers aus Yeats’ Gedicht The Second Coming: „Things fall apart, the center cannot hold.“ Denn das neue Zentrum ist das Selbst, das ganz allein standhält, wenn die Gemeinschaft zerfallen ist. Das Werk verkündet, daß die Therapie „die symbolische Wahrheit des gegenwärtigen Zeitalters“ ist, weil in diesem Zeitalter der „psychologische Mensch“ herrscht. Dieser Mensch ist nicht mehr empfänglich für „den instinkthaften Verzicht“, den „die Autorität einer Kultur [mit sich bringt], die in Begriffen eines gemeinsamen Ziels organisiert ist“. Er befindet sich im Zustand der Selbstanbetung (self-worship). Diese Lehren vom psychologischen Menschen sind individualistisch, weil sie „in tiefem Gegensatz zu den alten Formen der Selbsterlösung (self-salvation) stehen, die durch die Identifikation mit einem gemeinsamen Ziel vermittelt waren“. Der Überfluß führt zur „Entwicklung einer Person, die weiß, anstatt zu einer Person, die glaubt, und die in der Lage ist, das Leben zu genießen, ohne symbolische Hindernisse zu errichten“. Das zeichnet auf einzigartige Weise die im Entstehen begriffene Kultur aus, die insofern eine „Antikultur“ ist, als sie einzig und allein „auf eine ewige Interimsethik der Lockerung überkommener Kontrollstrukturen“ abzielt. „Der religiöse Mensch wurde geboren, um erlöst zu werden; der psychologische Mensch dagegen, um befriedigt zu werden. Der Unterschied entstand vor langer Zeit, als der Ruf des Asketen ‚Ich glaube‘ seine Überlegenheit zugunsten des Kennzeichens der Therapeutik ‚Man fühlt‘ verlor. Und wenn die Therapeutik gewinnen soll, dann muß ganz gewiß der Therapeut sein spiritueller Führer sein.“ Das führt zu dem Schluß, daß „die nächste Kultur lebensfähig sein wird, ohne gültig sein zu müssen“, das heißt ohne jene Tiefe zu haben, die den Menschen über sein materielles Leben und seine Genüsse emporhebt. Die Zukunft der gesellschaftlichen Ordnung liegt dann in „Lehren, die darauf hinauslaufen, jedem zu gestatten, ein versuchsweises Leben zu führen“. Rieff kündigt eine „milde“ Apokalypse an, für die „die Aufhebung des Sinns für das Tragische […] keine Tragödie darstellt“.

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1 Kommentar
Stephan
1 Minute vor

Damit es lesbar wird, hier eine KI-Übersetzung: Fazit: Im Grunde genommen beschreibt der Soziologe Philip Rieff hier einen radikalen Wandel unserer Gesellschaft: Wir haben aufgehört, nach einem höheren Sinn im Leben zu suchen (wie Religion, Gott oder Pflichten für die Gemeinschaft), und konzentrieren uns stattdessen nur noch auf uns selbst und unser persönliches Wohlbefinden. Worum es im Kern geht: Der Aufstieg des „Therapie-Menschen“Inmitten dieser gesellschaftlichen Stimmung veröffentlichte der Soziologe Philip Rieff sein Buch Der Triumph des Therapeutischen. Seine zentrale These lautet: „Therapie“ ist heute kein reines medizinisches Werkzeug mehr, um psychisch Kranken zu helfen. Sie ist zu unserer neuen Weltanschauung geworden. Früher definierten sich Menschen über ihre Rolle in der Gesellschaft oder ihren Glauben. Heute sind wir zum „psychologischen Menschen“ geworden. Das bedeutet: Das Ich steht im Mittelpunkt: Wenn die Gemeinschaft zerbricht, klammert sich der moderne Mensch an sein eigenes Ego. Das neue Zentrum der Welt ist das „Selbst“. Vom Glauben zum Fühlen: Früher war der Mensch religiös und wollte… Weiterlesen »

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