Geschichtsvergessenheit unter den jungen Reformierten?

Matthew L. Halsted überzieht meines Erachtens, wenn er der „The Young, Restless, & Reformed Movement“ Geschichtsvergessenheit vorwirft. Ich jedenfalls kenne nicht nur einige, sondern sogar viele, die sich zu dieser Bewegung zählen und gern Augustinus oder Calvin aufschlagen und auch gründlich in die Alte Kirche zurückblicken. Dennoch ist etwas dran an seiner Kritik. Mehr zurück zu den Quellen (ad fontes) ist ein guter Rat. Umso mehr freue ich mich, dass demnächst die Reformierte Dogmatik von Herman Bavinck in deutscher Sprache erscheint, denn Bavinck zieht die Theologiegeschichte sehr gründlich in seinen Ausführungen ein und ermutigt dadurch zum Quellenstudium.

Aber hier der Punkt, auf den Halsted hinweist:

Vor zwanzig Jahren war die Bewegung der „The Young, Restless, & Reformed Movement“ in vollem Gange. Sie übte einen enormen Einfluss auf evangelikale Pastoren und Gemeinden aus. Meiner Meinung nach hatte dies auch einige positive Seiten. Zunächst einmal hat diese Bewegung die Bedeutung der Heiligen Schrift und das Nachdenken über jedes einzelne Wort im biblischen Text hervorgehoben. Das ist eine gute Sache.

Interessant ist jedoch – und zugegebenermaßen ist diese Beobachtung eher anekdotisch –, dass offenbar kein großer Wert darauf gelegt wurde, die Reformatoren selbst (nicht zuletzt Calvin) tatsächlich zu lesen. Stattdessen stammten die Bücher, die den Hauptantrieb hinter dieser Bewegung auf der Ebene der breiten Öffentlichkeit bildeten, nicht von Calvin, sondern von seinen modernen Anhängern: R.C. Sproul, John Piper und John MacArthur (Sproul sprach vor allem die Presbyterianer an, Piper und MacArthur eher die Baptisten).

Auffallend war, dass die Bewegung der „jungen, rastlosen Reformierten“ größtenteils aus Menschen bestand, die sich selbst als „reformiert“ und „calvinistisch“ bezeichneten, ohne jemals Calvins „Institutio“ aufgeschlagen zu haben – geschweige denn, tief über die relevanten Passagen nachgedacht zu haben. Fast jeder konnte jedoch auf seine Lieblingspredigt von John Piper verweisen oder eine Zeile aus Sprouls „Chosen by God“ zitieren, wenn es in einer Debatte darauf ankam. Ironischerweise wurde Calvin selbst jedoch weitgehend ignoriert (zumindest in populären Kreisen).

Interessanterweise gilt dasselbe für Augustinus: Es gab kaum eine direkte Auseinandersetzung mit seinem Werk „Über den freien Willen“ oder seinen anti-pelagianischen Schriften. Augustinus’ (ziemlich komplexe) Überlegungen zu solchen Themen wurden oft durch Sekundärquellen (d. h. Sproul et al.) gefiltert.

Ähnliches lässt sich auch über andere patristische Quellen sagen: Nur sehr wenige Menschen innerhalb der jungen, unruhigen, reformierten Bewegung setzten sich mit ihnen auseinander. Irenäus und Gregor von Nyssa beispielsweise fanden selten Eingang in evangelikale Predigtnotizen! Dies war meiner Meinung nach der größte Verlust der Bewegung. Selbst wenn sie sich eingehender mit Persönlichkeiten wie Calvin auseinandergesetzt hätte, wäre das nicht genug gewesen. Sie hätte weitaus mehr Quellen aus der Antike gebraucht, aus denen sie schöpfen konnte.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): matthewhalsted.substack.com.

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1 Kommentar
Ben
43 Sekunden vor

Die Kritik trifft vermutlich eher auf die Amis zu. In den jungen reformierten Kreisen, in denen ich mich Bewege, werden die alten Kirchenväter der Patristik und Reformation nicht weniger geschätzt als die modernen. In unserer Gemeinde gibt es momentan eine Jugendgottesdienstreihe über die Patristiker. Das reformierte Herold-Magazin hat der Patristik 2024 eine ganze Ausgabe gewidmet.

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