Gesellschaft

Warum die Biologie nur zwei Geschlechter kennt

Auffällig viele Journalisten und Gender-Experten sind derzeit um den Nachweis bemüht, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt (vgl. hier). So behaupten zwei Sprachwissenschaftlerinnen in der ZEIT, einen „Konsens, was definitiv und im Detail das Geschlecht festlegt“, gebe es „in der Forschung nicht“. Folglich existierten selbstverständlich mehr als zwei Geschlechter.

Es blüht die Pseudo-Expertise, meinen Uwe Steinhoff und Aglaja Stirn in einem Gastbeitrag für die FAZ und verteidigen die Expertise von Marie-Luise Vollbrecht:

Der Biologin wird von diesen Expertise abgesprochen und die besagte Wahrheit zur unwissenschaftlichen „Meinung“ erklärt. Es kommt einem der Kinderreim „Wer es sagt, der ist es auch“ in den Sinn. Denn Vollbrechts Kritiker sind entweder völlig frei von biologischer Expertise oder doch zumindest von dem Willen, diese gegen den genderideologischen Zeitgeist auch in Anschlag zu bringen.

So behaupten zwei Sprachwissenschaftlerinnen in der „Zeit“, einen „Konsens, was definitiv und im Detail das Geschlecht festlegt“, gebe es „in der Forschung nicht“. Dies belege „eine Vielzahl von Forschungsliteratur (etwa Nature: Ainsworth, 2015 oder Making Sex Revisited: Voß, 2011)“. Der Aufsatz in „Nature“ ist jedoch keine „Forschungsliteratur“, sondern lediglich ein Essay einer Wissenschaftsjournalistin. Die hat zudem auf die kritische Nachfrage: „Behaupten Sie, es gebe mehr als zwei Geschlechter?“ auf Twitter klargestellt: „Nein, nicht im mindesten. Zwei Geschlechter, mit einem Kontinuum von Variationen in der Anatomie/Physiologie.“ Ainsworth behauptet also genau dasselbe wie Vollbrecht. Unseren Sprachwissenschaftlerinnen ist das entgangen.

Das ZDF wiederum, dem eine Autorengruppe, der auch Vollbrecht und der Erstautor des vorliegenden Artikels angehören, die Verbreitung der Falschaussage der „Vielgeschlechtlichkeit“ vorgeworfen haben, bestätigt den Vorwurf abermals mit einem Interview, bei dem man sich fragt, wie lange das ZDF hat suchen müssen, um einen Evolutionsbiologen zu finden, der sich unklar genug ausdrückt, um die intendierte Botschaft zu senden. So redet der Interviewte von der „chromosomalen Geschlechtsbestimmung“ und erklärt, dass Männer „ein X- und ein Y-Chromosom, Frauen zwei X-Chromosomen“ besitzen. Erstens sind Männer und Frauen evolutionsbiologisch keine Geschlechter, sondern die Geschlechter sind das männliche und das weibliche, und das gibt es nicht nur bei Männern und Frauen, sondern auch bei Jungen und Mädchen wie auch bei Spargel. Zweitens sind Menschen mit Turner- oder Klinefelter-Syndrom (beides chromosomale Anomalien) ebenfalls Frauen oder Männer. Er meint zudem: „Es gibt keine klaren Kategorien männlich/weiblich, es gibt nur einen Durchschnitt.“ Falsch. Um statistisch den Durchschnittswert einer Klasse bestimmen zu können, muss man zunächst einmal die Elemente der Klasse identifizieren können. Anders gesagt: Um zu berechnen, wie der Durchschnittsmann aussieht, muss man zunächst wissen, was ein Mann ist – dafür bedarf man klarer Kategorisierung. Als i-Tüpfelchen des Interviews bekommen wir dann auch noch sozialkonstruktivistische Slogans: „Wenn ich aber Geschlecht darüber definiere, wie ein Mensch reagiert und sich verhält, dann sind zwei Geschlechter nur ein soziales Konstrukt.“

Mehr hinter einer Bezahlschranke: www.faz.net.

Coldplay und die Anbetung des Eros

Peter Biles zeigt am Beispiel des Albums Music of the Spheres der Band Coldplay, dass wir eine Kultur geschaffen haben, in der der Eros angebetet wird:

Coldplay ist nicht allein darin, romantische Liebe als ein Mittel zur spirituellen Erfüllung und Selbstverwirklichung zu betrachten. Unsere Popkultur in allen ihren Facetten vermittelt uns ständig die Botschaft, dass der eine romantische Partner das Potenzial hat, all unsere emotionalen Bedürfnisse zu füllen, uns „ganz zu machen“ und die Sehnsüchte unserer Seele zu stillen – zumindest für den Moment. Ob in Dating-Shows wie The Bachelor oder romantische Komödien auf Netflix – romantische Liebe (Eros) wird in unserem säkularen Zeitalter zu einem Phänomen spiritueller Transzendenz erhöht. Wir hören auch, dass Gefühle und Emotionen die primären Indikatoren dafür sein sollen, dass wir den sagenumwobenen „Seelenverwandten“ gefunden haben. Aber was ist, wenn Gefühle nicht ausreichen? Oder noch schlimmer: Angenommen, wir verlieben uns in die Gefühle und nicht in die Person selbst?

C.S. Lewis thematisiert dies in seinem Buch The Four Loves. Er bejaht Eros im Kontext einer Ehe zwischen Mann und Frau als einen guten Teil der göttlichen Schöpfung. Anders als manch irrender Christ verurteilt er weder die Sexualität noch den Körper. Interessanterweise warnt er auch nicht vor den Gefahren der Vergötterung eines romantischen Partners, sondern vor der Vergötterung der Romantik selbst: „Die wirkliche Gefahr scheint mir nicht zu sein, dass die Liebenden einander vergöttern, sondern dass sie den Eros selbst vergöttern.“

Mehr hier: www.evangelium21.net.

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Westliche Identitätspolitik als Sonderfall

Was Eric Gujer, der Chefredaktor der NZZ hier schreibt, verdient Beachtung:

Die Entwicklung ist unfreiwillig komisch. Je mehr sich der Westen bemüht, alle identitätspolitischen Verästelungen anzuerkennen, sämtliche Privilegien und sein Weiss-Sein abzustreifen und obendrein auch den globalen Süden zu seinem Recht kommen zu lassen, umso mehr macht er sich in globaler Perspektive zum Sonderfall.

Nicht nur Putin hält Europa aus leicht durchschaubaren Motiven für dekadent. Auch Afrikanern und Asiaten ist der entgrenzte Individualismus suspekt. Identität und Sexualität sind die neuen Trennlinien, die Gesellschaften weltweit scheiden. Je religiöser eine Nation ist, umso weniger kann sie mit einer selbstbestimmten, von hergebrachten Zwängen befreiten Sexualität anfangen. Das gilt besonders für Muslime, aber nicht nur für sie.

Die Gesellschaftspolitik der Ampelkoalition drängt Tradition und Konvention weiter zurück. Die Ehe diffundiert zur «Verantwortungsgemeinschaft», die Geschlechter verschwinden im Nebel der Selbstzuschreibungen. Deutschland ist damit keine Ausnahme. Der Westen insgesamt macht sich noch stärker zur Abweichung von der Regel. Umso mehr muss er seinen Sonderfall verteidigen können. Dafür braucht er aber Zusammenhalt und stabile Mehrheiten. Vielleicht ist das die kürzeste Definition für den Westen: Er ist ein einziges grosses Paradox.

Mehr: www.nzz.ch.

EU-Parlament: „Jeder hat das Recht auf sichere und legale Abtreibung.“

Nachdem in den USA das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch gekippt wurde, will das EU-Parlament genau dieses in die Grundrechtecharta der Europäischen Union aufnehmen. Man wolle in puncto Frauenrechte und Selbstbestimmung vorwärts gehen, heißt es in einer Erklärung, der heute zugestimmt wurde (siehe hier).

Die im Jahr 2000 verabschiedete Grundrechtecharta der EU ist rechtlich bindend und hat eigentlich den gleichen Stellenwert wie die Verträge der EU. Die TAZ meldet:

Die im Jahr 2000 verabschiedete Grundrechtecharta der EU ist rechtlich bindend und hat den gleichen Stellenwert wie die Verträge der EU. Die Aufnahme des Rechts auf Abtreibung in die Charta erfordert nach den derzeitigen EU-Verträgen die Einstimmigkeit der Mitgliedsländer, die derzeit nicht besteht. Die Abgeordneten forderten in ihrer Entschließung daher auch eine Möglichkeit zur Änderung der Verträge.

Die Parlamentarier verurteilten „erneut aufs Schärfste die Rückschritte bei den Rechten von Frauen und der sexuellen und reproduktiven Gesundheit“ weltweit, „auch in den USA und in einigen EU-Mitgliedstaaten“. Die Europaabgeordnete Terry Reintke (Grüne) unterstützte die Forderung. „Auch in Europa wollen rechtskonservative Kräfte die Zeit zurückdrehen“, erklärte Reintke. Die französische Abgeordnete Nathalie Colin-Oesterlé von der konservativen EVP-Fraktion hatte am Montag ebenfalls davor gewarnt, dass in Europa „die Frauenrechte auch bedroht“ seien. „Starke Frauenrechte“ seien „eine Errungenschaft, auf die ganz Europa stolz sein kann“, hatte die EU-Gleichstellungskommissarin Helena Dalli am Montag in Straßburg gesagt. „Wir sollten vorwärts gehen, nicht rückwärts.“ Alexandra Linder kommentiert als Vorsitzende des Bundesverband Lebensrecht die Entwicklung treffend:

In die Grundrechtecharta der Europäischen Union soll laut heutiger Mehrheitsabstimmung im EU-Parlament als Artikel 7a folgender Passus eingefügt werden: „Jeder hat das Recht auf sichere und legale Abtreibung.“ Diese Grundrechtsverwirrung ist eigentlich so bizarr, dass man eher an einen üblen Scherz als eine ernsthafte Debatte und Entschließung glauben könnte.

Unmittelbar nach dem Verweis auf die Menschenwürde, auf das Recht jeder Person auf Leben und Unversehrtheit, nach dem Verbot eugenischer Praktiken und dem Recht auf Freiheit und Sicherheit würden in dieser Charta einer ganzen Gruppe von Menschen alle Rechte mit einem Satz wieder genommen. Der perverse Trick: Diese Gruppe von Menschen, die alle Menschen von der Zeugung bis zur Geburt umfasst, wird willkürlich und entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus dem Menschsein herausdefiniert.

Hier sollen Pflöcke gegen das Leben eingeschlagen werden. Abtreibung als Bestandteil einer Grundrechtecharta führt Grundrechte ad absurdum: Alle Erkenntnisse der Embryologie, der pränatalen Psychologie, der Biologie etc. stellen eindeutig fest, dass der Mensch von seiner Zeugung an Mensch ist und bereits vor der Geburt eine faszinierende personale Entwicklung durchläuft. Zu einem Zeitpunkt, an dem dies noch nie so hervorragend belegt war, genau dies zu verleugnen, führt in finsterste, barbarische Zeiten, nach dem Motto: Wer Mensch ist, wird von anderen Menschen bestimmt.

Hier der vollständige Kommentar: christlichesforum.info.

Rückkehr zu Fakten bei der menschlichen Biologie

Auch die NZZ berichtet inzwischen darüber, dass eine Gruppe von Wissenschaftern und Ärzten sich in einem Aufruf gegen eine aus ihrer Sicht Ideologie-basierte Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wendet (vgl. hier). Susann Kreutzmann schreibt für die Zeitung:

Frei verfügbar war beispielsweise auch ein Beitrag von «Y-Kollektiv», einem YouTube-Kanal von «Funk», über sogenannten Chemsex. Weit über eine halbe Million Aufrufe gab es für diese Reportage, in der ein jugendlicher Reporter schwule Männer dabei filmt, wie sie Gruppensex mit anderen Homosexuellen haben und sich dabei die Droge Crystal Meth anal einführen, wie die Initiatoren des Aufrufs schreiben.

Die Initiatoren wenden sich dagegen, dass in Beiträgen für Kinder und Jugendliche geschlechtsangleichende Operationen als «kinderleichter Schritt» geschildert werden. Die psychischen und körperlich irreversiblen Folgen beim Einsatz von Pubertätsblockern, bei der Gabe gegengeschlechtlicher Hormone und der chirurgischen Entfernung von Penis, Brust und Gebärmutter würden bestenfalls nebenbei erwähnt, schreiben sie.

Das 50-seitige Dossier „Ideologie statt Biologie im ÖRR“, in dem etliche Beispiele dokumentiert werden, kann übrigens hier heruntergeladen werden. Ich weise freilich darauf hin, dass der Leser bei einer Lektüre starke Nerven braucht. Nicht jeder muss die Dokumentation studieren.

Hier geht es zum Artikel der NZZ: www.nzz.ch.

Theologie der Schadensbegrenzung

Es gibt Jahre, in denen viele Meinungsmacher voller Optimismus in die Zukunft blicken und davon träumen, den Himmel auf die Erde zu holen. Dann gibt es Jahre, in denen Schadensbegrenzung die Devise ist. Rainer Moritz hat für die NZZ eine Entwicklung nachgezeichnet, in der Utopien durch Dystopien abgelöst worden sind.

Wird das auf die eschatologischen Entwürfe abfärben? Folgen den Theologien der Hoffnung, die in den letzten Jahrzehnten „in“ waren, Theologien der Schadensbegrenzung?

In dem Text von Rainer Moritz heißt es:

Es geht allenthalben darum, den schlimmsten Fall zu verhindern, den Planeten wenigstens vor seiner kompletten Zerstörung zu bewahren, das weltweite Gefälle von Arm und Reich nicht noch grösser werden zu lassen, rechtzeitig Massnahmen gegen die nächste Pandemie zu entwickeln und statt eines Weltfriedens wenigstens einen fragilen Waffenstillstand zu erreichen. Im Zustand des Getriebenseins, des Hangelns von Krise zu Krise ist längst kein Platz mehr für die Imagination eines Weltzustands, der mehr als nur die Vermeidung der grösstmöglichen Katastrophe als sein erstrebenswertes Ziel ausgibt. In einer «Gesellschaft der Angst» (Heinz Bude) erwartet bereits niemand mehr, am Ende des Tunnels einmal Licht zu erkennen, es gilt nur noch, den Einsturz des Tunnels hinauszuschieben.

Da kann es nicht verwundern, dass auch in Kunst und Literatur die Utopie wenig zu bestellen hat. Romane, die oft direkt aus der Gegenwart abgeleitete Dystopien heraufbeschwören, dominieren das Terrain. In Raphaela Edelbauers «Dave» etwa tauchen wir ein in ein fensterloses Labor, wo eine künstliche Intelligenz mit eigenem Bewusstsein entstehen soll. Hanya Yanagiharas «Zum Paradies» entfaltet in seinem dritten, 2093 spielenden Teil eine von Pandemien gebeutelte Gesellschaft, in der sich ein Schreckensszenario ans andere reiht. Und wenn Sibylle Berg, die Spezialistin für Untergänge aller Art, in ihrem neuen Buch «RCE» am Ende eine Vorstellung von «Weltrettung» gibt und an ein «letztes Aufstehen der Menschheit» appelliert, hat dieser allenfalls rührend kindliche Wunsch nach einem Reset nichts mehr von dem, was Utopien einst ausmachte.

Mehr hier: www.nzz.ch.

Objektophilie

Der semantische Gehalt von „Ehe für alle“ wird wohl irgendwann erweitert werden müssen. Funk, das Jugendformat des Öffentlich rechtlichen Rundfunks, eröffnet uns Einblicke in das Seelenleben von Sarah, die sich in eine Boeing 737 verliebt hat. Jetzt, nach ihrem Coming-Out, kann sie endlich der Mensch sein, der sie wirklich ist. Sie hat, so würde Carl Trueman, Autor von The Rise and Triumph of the modern Self, wohl sagen, ihr wahres Ich gefunden. Das ist in einer Zeit, in dem das therapeutischen Selbst Hochkonjunktur feiert, eben einfach so. Gut und wahr ist das, was sich für mich gut anfühlt. Das ist eine der Pathologien unserer Zeit. Eine Gesellschaft, die nicht mehr zwischen Subjekt und Objekt unterscheidet, steuert auf Abgründe zu.

Die Generation „Woke“

Die französische Filmemacherin und Journalistin Caroline Fourest schreibt in ihrem Buch Generation Beleidigt: Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei – über den wachsenden Einfluss linker Identitäter (Berlin: Verlag Klaus Bittermann, 2020, S. 8–9):

An der Universität regiert der Essens- und sogar der Gedankenterror. Man nimmt Anstoß am geringsten Widerspruch, der als „Mikroaggression“ wahrgenommen wird, was so weit geht, dass man „Safe spaces“ fordert: sichere Räume, in denen die Leute unter sich bleiben und lernen, dem Anderssein und der Debatte zu entfliehen. Selbst das Rederecht wird einer Genehmigungspflicht unterworfen, je nach Geschlecht und Hautfarbe. Eine Einschüchterung, die bis zur Entlassung von Professoren geht.

Frankreich hält sich noch ziemlich gut. Doch gehen auch in diesem Land bereits Gruppen von Studenten gegen Ausstellungen und Theaterstücke vor, um deren Aufführung zu unterbinden oder einen Redner, der ihnen missfallt, am Reden zu hindern. Manchmal zerreißen sie auch seine Bücher: Autodafés, die an das Schlimmste erinnern.

Diese Kulturpolizei geht von keinem autoritären Staat aus, sondern von der Gesellschaft und insbesondere von einer Jugend, die „aufgeweckt“ sein will, weil ultraempfindlich gegen jedwede Ungerechtigkeit. Was großartig wäre, wenn sie dabei nicht auf Unterstellungen und inquisitorische Methoden verfiele. Die Millenials gehören weithin einer identitären Linken an, die den wesentlichen Teil der antirassistischen Bewegungen und der LGBTI-Szene beherrscht und sogar den Feminismus spaltet. Ohne einen Aufschrei wird ihr kultureller Sieg vollständig sein. Der Einfluss ihrer Netzwerke auf Gewerkschaften, Fakultäten und politische Parteien wird größer, und sie gewinnen die Oberhand über die Welt der Kultur. Ihre Kabale lasten immer schwerer auf unserem geistigen und künstlerischen Leben. Selten bringt jemand den Mut auf, ihnen zu widersprechen. Obschon wir in einer ungemein paradoxen Welt leben, in der die Freiheit zu hassen nie so zügellos war wie in den sozialen Netzwerken, wurde allerdings das Reden und Denken im wirklichen Leben nie so sehr überwacht. Einerseits blüht, dank Nachgiebigkeit und Deregulierung, das Geschäft mit der Aufstachelung zum Hass, zur Lüge und zur Desinformation wie noch nie, geschützt im Namen der Redefreiheit. Andererseits genügt es, dass eine kleine Gruppe von Inquisitoren sich für „beleidigt“ erklärt, um Entschuldigungen eines Stars oder die Zurücknahme einer Zeichnung, eines Produkts oder eines Theaterstücks zu erwirken. Diese Streitigkeiten markieren den wirklichen Bruch sowohl inmitten des Antirassismus als auch zwischen den Generationen.

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WHO: Neue Leitlinien zum Schwangerschaftsabbruch

Die Weltgesundheitsorganisation hat neue Richtlinien für Schwangerschaftsabbrüche herausgegeben. Es sieht ganz so aus, als ob jegliche zeitliche Begrenzung für Schwangerschaftsabbrüche wegfallen soll. Das würde – wenn ich das richtig verstehe – bedeuten, dass Abreibungen bis hin zur Geburt als legal eingestuft werden sollen. Es heißt in der Meldung „WHO veröffentlicht neue Leitlinien für einen sicheren Schwangerschaftsabbruch“ dazu:

Neben den Empfehlungen für die klinische Praxis und die Leistungserbringung wird in den Leitlinien auch die Beseitigung medizinisch unnötiger Schranken für sichere Schwangerschaftsabbrüche empfohlen; zu diesen gehören Kriminalisierung, obligatorische Wartezeiten, die Zustimmungspflicht durch andere Personen (z.B. Partner oder Familienmitglieder) oder Institutionen sowie die zeitliche Begrenzung für Schwangerschaftsabbrüche.

Solche Barrieren können zu entscheidenden Verzögerungen beim Zugang zur Behandlung führen und für Frauen und Mädchen die Gefahr von unsicheren Schwangerschaftsabbrüchen, Stigmatisierung und gesundheitlichen Komplikationen erhöhen und auch zu einer Beeinträchtigung ihrer Bildung und ihrer Arbeitsfähigkeit führen.

Die Kultur des Todes breitet sich weiter aus.

Mehr: www.euro.who.int.

Finnland: Päivi Räsänen freigesprochen

Die frühere finnische Innenministerin Päivi Räsänen ist in dem Prozess wegen angeblicher Hassrede gegen Homosexuelle freigesprochen worden. Ein Bezirksgericht in Helsinki wies am 30. März alle Anklagepunkte zurück. Die Nachrichtenagentur idea meldet:

Hintergrund: Die finnische Generalstaatsanwältin Raija Toiviainen hatte im April 2021 Anklage gegen Räsänen erhoben. Die christdemokratische Politikerin hatte in der Vergangenheit mehrfach öffentlich geäußert, dass praktizierte Homosexualität aus biblischer Sicht Sünde sei. Konkret geht es in dem Prozess um eine 2004 verfasste Broschüre mit dem Titel „Er schuf sie als Mann und Frau – Homosexuelle Beziehungen stellen das christliche Menschenbild infrage“.

Auch der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Missionsdiözese Finnlands, Juhana Pohjola, war wegen angeblicher Hassrede angeklagt, weil der die Broschüre auf der Internetseite seiner Kirche veröffentlicht hatte. Er wurde ebenfalls freigesprochen.

Zur Begründung für den Freispruch erklärten die Richter, dass es „nicht Sache des Bezirksgerichts ist, biblische Begriffe auszulegen“. Räsänens Aussagen seien von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt. Die Staatsanwaltschaft kann innerhalb der nächsten sieben Tage Berufung gegen das Urteil einlegen.

Mehr hier: www.idea.de.

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