Philosophie

Postmoderne: Härtetest nicht bestanden

Die Postmoderne mit ihrer Auflösung des Wahrheitsbegriffs hat etlichen Politikern mit ihren Inszenierungen den Boden bereitet. Nun reagieren die einstigen Apologeten der Beliebigkeit empört und wollen die schöne alte Wahrheit zurück. Karl-Heinz Ott zieht in der NZZ eine nüchterne Bilanz:

Im intellektuellen Milieu der letzten Jahrzehnte hat sich immer mehr die Meinung durchgesetzt, dass alles, was wir für Wahrheit halten, bloss vom sozialen Kontext abhängig ist. Meist nennt man diesen Kontext inzwischen Diskurs. Man könnte ihn auch als gängiges Sprachspiel oder als kulturellen Mainstream bezeichnen oder einfach mit Richard Rorty behaupten: «Wahrheit ist, womit deine Zeitgenossen dich davonkommen lassen.»

Wer sich konsequent zum Pluralismus bekennt, nimmt die Welt am besten bloss noch horizontal wahr und bohrt nicht mehr allzu tief nach, wenn es um so alte metaphysische Dinge wie Wahrheit geht. Längst haben wir uns in einem munteren Nietzscheanismus eingerichtet, der uns die Freiheit gibt, zu denken und zu glauben, was wir wollen. Wir sind Kosmopoliten, die mit urbaner Lässigkeit grösstmögliche Diversität geniessen und deshalb ungern unnötige Grenzen ziehen. Schliesslich ist das angenehmer, als mit heiligem Ernst über das Richtige und das Falsche zu wachen.

Ohnehin sind die meisten von uns mit Nietzsche überzeugt, dass hinter dem hohen, hehren Begriff der Wahrheit sich vor allem Interessen tummeln. Wir alle haben Foucault, Deleuze und Derrida gelesen und von ihnen gelernt, dass der Kampf um die Wahrheit nichts als ein Machtspiel ist und ohnehin jedes Wort unendlich viele Bedeutungen besitzt. Mit dieser Einsicht im geistigen Handgepäck tanzen wir überm Bodenlosen und verkünden der Welt, dass Vielfalt besser als Einheitsbrei ist und jeder nach seiner Façon glücklich werden soll, solange er den andern leben lässt.

Unsere postmodernen Gedankenspiele sollten befreiend wirken und niemandem in die Hände spielen, der in eine andere Richtung marschiert. Sie sollten biologische Mythen entsorgen, die behaupten, dass die Natur Frau und Mann eindeutige Rollen zuweist. Sie sollten alle Arten vermeintlicher Wahrheiten zertrümmern, hinter denen sich hierarchische Weltbilder verbergen. Sie sollten aus unseren Gehirnen den letzten Rest von reaktionären Ansichten hinauspusten, die dort noch herumspuken.

So war das gedacht. So und nicht anders. Doch auf einmal schlägt man uns mit den eigenen Waffen. Jetzt stehen wir da und können nur stammeln: So war das nicht gemeint! Fragt sich nur, ob man es sich damit nicht zu leichtmacht. Insgeheim haben wir vermutlich nie wirklich geglaubt, dass Wahrheit nichts als ein soziales Konstrukt ist. Aber es hat uns gefallen, die andern damit in Rage zu bringen.

Mehr: www.nzz.ch.

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Siehe dazu auch den Beitrag vom 09.07.2017 (ja, 10 Jahre ist das her): Über Lüge, Bullshit und die Wahrheit.

Von Alvin Plantinga lernen

Der Philosoph Kelly James Clark beschreibt in einem Artikel, wie er als Student die Vorlesungen von Alvin Plantinga erlebt hat. Platinga hat in der Tat eine Renaissance der Religionsphilosophie in den USA ausgelöst und viele junge Leute dazu animiert, das Fach Philosophie zu studieren. Zu den Studenten zählen etliche bekennende Christen.

Kelly:

I remember that first day of class like it was yesterday. I had enrolled in Notre Dame’s PhD program in philosophy to learn from Alvin Plantinga. The first time I saw him, he strode into the classroom, pulled out a chair, set his feet on the seat and his bottom on the back, rolled up his sleeves, and started lecturing in his deep, resonant voice. As the semester went on, we started taking bets on when he might pitch backward off his precarious position. But he never did. Most of us first-year students, however, weren’t so lucky. Plantinga had such a huge reputation as a philosopher that advanced graduate students and even a few professors were taking his class. Plantinga was already world-famous for his work in the philosophy of religion, metaphysics, epistemology and logic. His high-level conversations with those professors both exhilarated and intimidated us beginners. Perched as we were on the precipice of understanding, we often found ourselves teetering over the edge.Sensing our desperation, Plantinga would shush the professors and then pick up our pieces and put us back together. With patience and good humor, he’d start again, this time at the beginning, and slowly bring us along to greater understanding.

Clarks Buch, Return to Reason: A Critique of Enlightenment Evidentialism and a Defense of Reason and belief in God ist stark von Plantinga geprägt und erhielt irgendwann den Ruf, eine Einführung zu Plantinga für Dummies zu sein.

Plantinga hat übrigens kürzlich den renommierten Templeton-Preis erhalten. Ein Artikel von Plantinga in deutscher Sprache ist hier zu finden: mbstexte184_a_01.pdf.

Fünf Jahre Neuer Realismus

Unter dem Banner eines „Neuen Realismus“ hat sich eine philosophische Bewegung formiert, die sich gegen postmodernen Konstruktivismus und gegen imperialistischen Naturalismus gleichermassen wendet (vgl. Die Rückkehr des Absoluten). Hauptgegner ist  der postmoderne Konstruktivismus, der in der heutigen Kultur- und Wissenschaftslandschaft und in der (evangelikalen) Theologie in verschiedenen Spielarten sein Unwesen treibt.

Der Erkenntnistheoretiker Markus Gabriel von der Universität Bonn gehört zu den Vätern der Bewegung. Anlässlich ihres fünfjährigen Bestehens hat er 2016 in der NZZ eine Bilanz gezogen. Darin beschreibt er die wesentlichen Stoßrichtungen:

Der Neue Realismus nimmt an, dass es objektive sowie subjektive Tatsachen gibt, die wir erkennen können. Viele dieser Tatsachen sind davon unabhängig, dass wir Überzeugungen dazu haben. Das ist Realismus. Neu ist dabei, dass nicht mehr angenommen wird, diese Tatsachen gehörten insgesamt zu genau einer Wirklichkeit, der Welt im allumfassenden Sinn dessen, was es überhaupt gibt. Vielmehr sind die Tatsachen in sich vielfältig: Es gibt soziale, mathematische, moralische, physikalische, juristische, historische Tatsachen usw. Entsprechend gibt es eine Vielzahl an Wissensformen und Wissenschaften, die jeweils ihre eigenen Tatsachenbereiche erforschen (nicht konstruieren!), die ich als «Sinnfelder» bezeichne.

Damit wendet sich der Neue Realismus gegen zwei grosse Weichenstellungen im gegenwärtigen Zeitgeist: die Postmoderne einerseits und das naturalistische Weltbild andererseits. Anhänger der Postmoderne halten den Realismus für naiv, und Fürsprecher des Naturalismus möchten ihn allenfalls für die Tatsachenerkenntnis der Naturwissenschaften reservieren.

Die Weichenstellungen gehen auf die Eröffnungszüge der neuzeitlichen Philosophie zurück, die unseren Zugang zur Wirklichkeit insgesamt für schwierig erachtet, da zwischen uns und der Wirklichkeit vermittelnde Instanzen stünden wie Sinneseindrücke, das Bewusstsein, die Sprache, die soziokulturellen Bedingungen der Wissensproduktion und anderes mehr. Diese Skepsis kulminiert in der Postmoderne, die uns weiszumachen versucht, dass wir die Wirklichkeit an sich nicht erkennen können bzw. dass es sie womöglich gar nicht gibt, wie die radikalen Konstruktivisten annehmen. Paradigmatisch hat bereits Nietzsche behauptet, dass wir letztlich keine Wahrheiten oder Tatsachen erkennen könnten, sondern stattdessen mit Illusionen bzw. «Lügen im aussermoralischen Sinne» leben müssten. Alles Erkennen sei perspektivisch gefiltert. Dinge an sich seien nutzlose Annahmen, Bewohner einer Hinterwelt, die mit dem Tod Gottes verschwinden solle.

Einer der Gründe dafür ist, dass die Aporien des Konstruktivismus mit dem Auftreten des Neuen Realismus öffentlich sichtbar werden; es wird nun stärker wahrgenommen, dass das konstruktivistische Vorurteil sich als Selbstverständlichkeit im Zeitgeist breitgemacht hat und damit eine soziopolitisch wirksame Macht entfaltete. Man kann auf Dauer nicht verbergen, dass es unsinnig ist, anzunehmen, dass wir das Wirkliche nicht so erkennen können, wie es an sich ist.

Hier: www.nzz.ch.

Identitätsfindung in der Postmoderne

41Il9gIBcQL SX311 BO1 204 203 200Jonas Erne hat das Buch Das komponierte „Ich“: Identitätsfindung in der Postmoderne rezensiert:

Der Untertitel lautet „Identitätsfindung in der Postmoderne und das christliche Menschenbild“. Der Inhalt basiert auf zwei Vorträgen, die Ron Kubsch 2010 und 2011 gehalten hat. In der Einleitung geht es um die Frage nach dem Subjekt. Wer bin ich? Diese Frage ist in unserer Zeit sehr wichtig geworden. Lange Zeit war die Identität keine so große Frage. Sie wurde durch die Einbettung in die Familie, den Ort und die Kirche von außen vorgegeben. Durch die Industrialisierung und später die Globalisierung wurde das Leben in immer mehr Teile aufgespalten, und an jedem dieser Teile, wie Beruf, Gemeinde, Familie, Vereine, und so weiter, wurde (und wird) erwartet, dass jeder eine bestimmte Rolle spielt. So stellt sich halt schon immer mehr diese Frage: Wer bin ich? Die Persönlichkeit wird plötzlich als etwas „Flüssiges“ gesehen, was sich ständig verändern kann, und der Gestalter dieser Persönlichkeit ist das einzelne Subjekt.

Im zweiten Teil beschreibt Ron Kubsch „Postmoderne Identitätserfahrungen“. Hier schreibt er von einer „Bastel-Mentalität“, also dass Menschen anfangen, ihre Identität zu basteln und im Laufe der Jahre ständig überarbeiten. Er zitiert den Leiter des Berliner Jugendkultur-Archivs, welcher schreibt, dass junge Menschen immer wieder zwischen den verschiedenen Subkulturen wechseln. Zygmunt Bauman, einer der wichtigsten Soziologen der Postmoderne, spricht von einem „Nomadentum“, also dem ständigen Umherreisen zwischen verschiedenen Subkulturen und Identitäten. Es werde jegliche Festlegung bewusst vermieden, so Bauman.

Mehr: jonaserne.blogspot.de.

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Norbert Bolz im Gespräch

Im Gespräch mit Wolfgang Herles skizziert der Medienwissenschaftlicher Norbert Bolz eine Metakritik der Mediendemokratie. Hörenswert, analytisch, hilfreich!

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Auf der Suche nach neuen Narrativen

Europa brauche eine neue Erzählung, ein neues Narrativ, wird allenthalben gefordert, um seine Fliehkräfte wieder einzufangen. Doch das ist eine falsche Forderung, meint der Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff: In Zeiten von Internet und Social Media gibt es die eine Erzählung schon lange nicht mehr.

Ich stimme Hornuff in vielem zu. Das schließende „Machen wir das Beste draus!“ halte ich allerdings für utopisch und zugleich zynisch. Es geht nicht darum, eine neue große Erzählung zu schaffen, sondern darum, zu entdecken, dass wir Menschen eingebettet sind in die große Geschichte Gottes mit uns Menschen. Ordnung und Freiheit sind langfristig ohne diese Meta-Erzählung nicht zu haben. Vor 13 Jahren habe ich  über die Preisgabe der großen Geschichte geschrieben:

Es mag kühn klingen und ich höre den Aufschrei postmoderner Freunde: Ihre Philosophie erscheint mir wie ein karnevalistischer Reflex auf eine tiefsitzende Verzweiflung. Die antiken, mittelalterlichen oder modernen Philosophen waren sicher nicht besonders glücklich. Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte voller Niederlagen und Enttäuschungen. Und doch übertrifft die resignative Geisteshaltung des Postmodernismus noch die Hoffnungslosigkeit des Nihilismus. All das Bunte, Schillernde, Grelle und Provozierende scheint nur die Verzweiflung zu verbergen, so wie die Maske die Traurigkeit eines Clowns verdeckt. Dieses Leben ohne Einheit, im unendlichen Widerstreit, das Sein ganz ohne Anker, kann nicht wirklich glückliche Kulturen stiften. Das „Postulat eines unbedingten Optimismus“, der grundlos bleibt (Foucault 1996: 117), dieser Lobpreis auf die Paralogie (Lyotard 1999), das sind nicht die Sprechakte wirklich befreiter Menschen. Hier spricht keine reife Philosophie, die die Trauerarbeit abgeschlossen hat, es spricht eine manische Philosophie. Der absurde Philosoph kämpft noch, er wälzt unablässig seinen Felsblock den Hügel hinauf, auch wenn er weiß, dass er den Gipfel nie erreichen wird. Der postmoderne Philosoph flüchtet sich in die Manie. Kurz: Das Suchen nach Widerstreitendem, nach Übergängen, Diskontinuitäten, dem Chaos, also die Paralogie, jenes Andere, verliert als erkenntnistheoretische Methode sowie als gesellschaftliche Aufgabe mit der Preisgabe von Einheit und Wirklichkeit seinen Sinn, seine Hoffnung und seine Schönheit. Wenn der Postmodernist zu der Erkenntnis kommt, dass zutrifft, was seine Theorie beschreibt, ist eben auch genau das Gegenteil der Fall.

Hier der DEUTSCHLANDRADIO KULTUR-Beitrag „Die Welt ist radikal subjektiv geworden“ von Professor Daniel Hornuff:

 

„Sind wir Gott fortgeschritten?“

Was rechtfertigt den Glauben an einen Gott? Haben wir aus philosophischer, naturwissenschaftlicher und moralischer Sicht Gott noch nötig? Prof. Dr. Harald Seubert hat bei den „Fabrikdialogen“ einen Vortrag über die Gottesfrage gehalten:

VD: SD

J. Frame: Geschichte der westlichen Philosophie und Theologie

51foGIlO8QL SX354 BO1 204 203 200Was macht ein Buch lesenswert und hilfreich? Neben seinem Inhalt sicherlich die Tatsache, dass komplexe Dinge leicht verständlich und trotzdem nicht allzu simpel dargestellt werden.

John Frame, Professor für Systematische Theologie und Philosophie am Reformed Theological Seminary in Orlando (USA), wird seit Jahrzehnten – über reformierte Kreise hinaus – dafür geschätzt, genau diese Art von Büchern zu schreiben. Da sind u.a. zwei Titel zur Apologetik, eine vierbändige Dogmatik (Lordship-Series), eine kürzere Systematische Theologie und neuerdings auch ein Buch zur Philosophie- und Theologiegeschichte:

Zum Inhalt: Nach einem Vorwort von Albert Mohler und Frame selbst, bietet er im ersten Kapitel auf 36 Seiten eine Einführung zu den Fragen: Was ist Philosophie und wieso sollte man sich als Christ mit ihr beschäftigen? Welche größeren Teilbereiche umfasst die Philosophie (Metaphysik, Epistemologie und Ethik, wobei Frame sich auf die ersten beiden konzentriert)? In welcher Beziehung stehen sie zueinander? Welche Sichtweisen bietet die Bibel zu diesen Themen? Was kann der Mensch eigentlich von sich aus wissen und was hat die Sünde damit zu tun?

In den darauffolgenden zwölf Kapiteln beschreibt Frame die unterschiedlichen Epochen, ihre einflussreichsten Vertreter, die wichtigsten Fragestellungen jener Zeit und welche biblischen Perspektiven es dazu gibt. Die Kapitel und Themenbereiche sind im Einzelnen:

  • Griechische Philosophie
  • Frühe christliche Philosophie
  • Philosophie des Mittelalters
  • Das Denken der frühen Neuzeit
  • Theologie in der Aufklärung
  • Kant und seine Nachfolger
  • Theologie im 19. Jahrhundert
  • Nietzsche, Pragmatismus, Phänomenologie und Existenzialismus
  • Liberale Theologie des 20. Jahrhunderts, Teil 1
  • Liberale Theologie des 20. Jahrhunderts, Teil 2
  • Sprachphilosophie im 20. Jahrhundert
  • Die jüngste christliche Philosophie

Damit hört Frames Buch allerdings noch nicht auf. Ab Seite 579 findet man noch einen Anhang mit 20 Ressourcen, d.h. Rezensionen zu wichtigen Büchern und Artikel zu besonderen Themen, die in den vorigen Kapiteln angerissen wurden (z.B. ontologischer Gottesbeweis, Determinismus und freier Wille, menschliche Sprache und göttliche Offenbarung, Wissen von Nichtgläubigen über Gott, usw.).

Einige Beobachtungen zum Aufbau des Buches: A History of Western Philosophy and Theology ist nicht nur äußerst klar und verständlich geschrieben, es ist auch didaktisch vorbildlich strukturiert: Auf das normale Inhaltsverzeichnis mit Seitenangaben folgt zur besseren Übersicht ein detailliertes Inhaltsverzeichnis mit allen Unterthemen (analytical outline); danach findet der Leser einen Verweis auf die dazugehörigen Vorlesungen Frames, die man gratis über iTunes nachhören kann. Am Ende gibt es ein Glossar mit Begriffserklärungen, eine kommentierte Bibliographie mit weiterführender Literatur, ein ausführliches Quellenverzeichnis der verwendeten Bücher und Onlineartikel, ein Namensverzeichnis, ein Schlagwörterverzeichnis, ein Verzeichnis der zitierten Bibelstellen und schließlich eine kurze Übersicht der großen Wendepunkte in der Geschichte der Philosophie bzw. der Theologie. Man sieht: Das Buch ist darauf ausgelegt, nicht bloß ein einziges Mal gelesen zu werden.

Auch die einzelnen Kapitel sind didaktisch gut aufgebaut: Auf jeder geraden Seitenzahl ist noch einmal der Kapitelaufbau abgedruckt und der Unterabschnitt markiert, den man gerade vor sich hat. Grafiken erleichtern das Verständnis abstrakter Konzepte; zentrale Aussagen sind am Rand noch einmal extra abgedruckt; Fotos der jeweiligen Philosophen und Theologen machen die bloßen Namen lebendiger. Immer wieder erinnert Frame auch an die Inhalte der vorherigen Kapitel, um thematische Querverbindungen und manchen roten Faden nachzuzeichnen. Am Ende eines jeden Kapitels sind noch einmal die behandelten Themen als Schlagworte aufgelistet, zusätzlich gibt es eine Liste mit Fragen zur Wiederholung und Vertiefung des Gelesenen, ebenso eine kommentierte Bibliographie mit Büchern, Onlineressourcen und Primärquellen zum jeweiligen Kapitel, sowie eine Auflistung wichtiger Zitate. Für weitere Artikel und vertiefende Exkurse verweist Frame stets auf die jeweiligen Kapitel seiner Lordship-Series und auf seine Homepage, die er zusammen mit seinem Kollegen, dem Neutestamentler Vern Poythress führt.

Was sind Schwachpunkte von A History of Western Philosophy and Theology? Zwar ist der Band durchaus umfassend, doch kann er letztlich nur ein Überblick bzw. eine solide Einführung sein. Denn wer auf knapp 580 Seiten eine Geschichte der westlichen Philosophie und Theologie vorlegen möchte, muss sich zwangsläufig auf eine Auswahl beschränken. Daher ist Frames Buch längst nicht so ausführlich wie Störigs Klassiker Kleine Weltgeschichte der Philosophie dem jedoch die biblisch-theologische Perspektive fehlt. Einzelne Schlüsselfiguren und ihre Denksysteme untersucht Frame eingehend auf mehreren Seiten (z.B. Augustinus, Thomas von Aquin, Kant, Schleiermacher, Barth, Pannenberg und auch Moltmann), andere Denker und Strömungen werden wiederum relativ kurz abgehandelt (z.B. Luther, Calvin und die Reformation). Römisch-katholische oder orthodoxe Denker kommen höchstens am Rande vor.

Obwohl Frames Darstellungen der ausgewählten Philosophen und Theologen stets nachvollziehbar und gehaltvoll sind, folgt er in der Regel der Mehrheitsmeinung der Forschung. In der Auswertung untersucht er zentrale Schwachpunkte und unbiblische Gedankengänge der einzelnen Denker und Strömungen, konzentriert sich dabei aber immer auf das Wesentliche. Leser mit Vorwissen hätten sich da wahrscheinlich etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht.

Grundsätzlich stützt sich Frame auf die vollkommene Verlässlichkeit und Irrtumslosigkeit der Bibel als Gottes Wort, darüber hinaus nutzt er den Ansatz der voraussetzungsbewussten Apologetik (presuppositionalism) im Sinne von Cornelius Van Til (siehe hier).  Trotz hilfreicher Erklärungen hätte mancher Leser auch hier detailliertere Begründungen erwartet, warum gerade dieser Ansatz der Apologetik – obwohl äußerst passend und sinnvoll – die richtige Lesebrille für den Rest des Buches bietet.

Letztlich merkt man in seiner Argumentation, dass Frame vor allem Systematischer Theologe ist und die Exegese bei ihm bereits vorher im Hintergrund stattgefunden hat. Wie auch in seinen anderen Bücher nutzt er ausführlich sein Modell der Lordship-Theologie, um verschiedene, „dreifaltige“ bzw. „drei-polige“ Verständnishilfen zu entwickeln: Ausgehend von Gottes trinitarischem Charakter offenbart er sich „drei-polig“ in seiner Autorität, Macht und Gegenwart. Jegliches Wissen des Menschen als Gottes Geschöpf und Diener sieht Frame ebenfalls auf drei Ebenen (normativ, situativ und existenziell). Dann wiederum nutzt er vier-polige Konzepte, um biblische Denkmuster mit unbiblischen zu vergleichen (z.B. Gottes Transzendenz und Immanenz gegenüber Wittgensteins perfekter Sprache und seinem Konzept des Mystischen). So didaktisch wertvoll diese drei- und vier-poligen Verständnishilfen auch sein mögen, an manchen Stellen wirken sie etwas willkürlich und abstrakt.

Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis offenbart einen ungewöhnlichen Schwerpunkt, den ich persönlich jedoch nicht als Manko wahrgenommen habe: Frame bietet den letzten 300 Jahren der Philosophie- und Theologiegeschichte außergewöhnlich viel Raum und zeigt, welche gedankliche Basis hinter den Themen und Fragen steckt, die uns gerade heute relevant erscheinen.

Zugegeben –  viele einflussreiche Denker werden nicht behandelt (z.B. J. Butler, M. Nussbaum, J. Habermas), u.a. weil sie in der philosophischen Ethik arbeiten, die Frame hier nicht schwerpunktmäßig behandelt. Und der Postmoderne gesteht Frame wie selbstverständlich nur 2,5 Seiten zu. Trotzdem weist er nach, wo unsere heutigen Fragen, Ideologien und „Erkenntnisse“ herkommen, auf welche Theorien sie aufbauen und dass sie oft gar nicht so revolutionär sind, wie wir vielleicht dachten. Augenöffner sind auf jeden Fall die Kapitel zur Liberalen Theologie in ihren unterschiedlichen Ausführungen, aber auch Frames konstruktiv-kritische Kommentare zu den mittlerweile zahlreichen christlichen Philosophen unserer Zeit. Das macht A History of Western Philosophy and Theology letztlich unglaublich „aktuell“.

Welches Fazit bleibt? John Frames Buch ist nicht perfekt, dafür aber äußerst lesenswert und hilfreich. Wer solide Englischkenntnisse mitbringt, wird auf den ersten Blick eine gut verständliche Einführung in das philosophische und theologische Denken der westlichen Welt vorfinden und auf viel Stoff zum Weiterdenken stoßen. Ich würde das Buch jederzeit Hauptamtlichen im christlichen Dienst empfehlen, weil es ihre Arbeit und auch die missionarische Verkündigung ohne Frage stärken wird. Ebenso werden engagierte Ehrenamtliche in der Gemeindearbeit und Studierende unterschiedlicher Studienrichtungen (Geschichte, Soziologie, Theologie, Philosophie, Lehramt allgemein, usw.) von dem Buch profitieren.

Auf den zweiten Blick hingegen ist A History of Western Philosophy and Theology ein Weckruf und Ansporn. John Frame zeigt auf bescheidene und zugleich direkte Art und Weise: Gottes verlässliches und unfehlbares Wort vermag den philosophisch-kritischen Anfragen der Menschheit nicht nur standzuhalten, sondern bietet selbst das tragfähigste Weltbild. Wer sich im Gegensatz dazu von postmodernen, liberal-christlichen oder entschieden nichtchristlichen Konzepten Antworten erhofft, wird mehr als enttäuscht werden. Alles in allem also ein wichtiges Buch, das hoffentlich bald in deutscher Sprache erscheint und vielen weiterhelfen wird, das Evangelium von Jesus Christus treu und „vernünftig“ weiterzugeben.

Daniel Vullriede

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Fachtagung für Philosophie

Die Arbeitsgemeinschaft Wort & Wissen bietet vom 13. bis 15. Januar 2017 wieder eine „Fachtagung Philosophie“ an. Folgende Themen sind geplant:

  • Prof. Dr. Daniel von Wachter: Wie freie Personen (und Tiere) Vorgänge in Gang setzen können (Libertäre Theorie der Willensfreiheit)
  • Dr. Markus Widenmeyer: Warum der Mensch nicht physikalisch determiniert sein kann
  • Dr. Thomas Jahn: Warum der freie Wille (k)ein Problem ist
  • Roderich Nolte: Kant und die Gottesbeweise
  • Dr. Reinhard Junker: Entstehung von Vogelfeder und Vogelflug – Sind evolutionäre Hypothesen testbar?

Die Gesamtleitung hat Dr. Thomas Jahn.

Mehr Informationen hier: Programm_FT_Phil_2017.pdf.

Zygmunt Bauman (1925–2017)

Zigmunt BaumanDer streitbare jüdisch-polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman ist am 9. Januar 2017 im Alter von 91 Jahren gestorben. Er gehörte zu den bedeutenden Geisteswissenschaftlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und gilt als ein Wegbereiter postmodernen Denkens. In seinem Hauptwerk Flüchtige Moderne (in dt. Sprache 2003) beschrieb er, wie DER SPIEGEL korrekt berichtet, „die Schattenseiten der postmodernen Gesellschaft: Überbetonung des Marktes, ungefilterte Kommunikation, Fehlen von Gemeinsamkeiten“.

Linken Kategorien und einer spätmodernen Anthropologie blieb Bauman bis ins Alter treu, obwohl er mit der kommunistischen Partei in Polen brach und die Spassgesellschaft mitunter scharf kritisierte („Postmoderne ist ein Freibrief, zu tun, wozu man Lust hat, und eine Empfehlung, nichts von dem, was man selbst tut oder was andere tun, allzu ernst zu nehmen“ (Ansichten der Postmoderne, 1995, S. 9)). Ein Zitat aus einem Interview, dass er im Jahre 2005 der ZEIT gegeben hat, bündelt wesentliche Thesen seines Denkens. Einerseits finden wir darin seine berechtigte Kritik an einer konsum- und interessengeleiteten Lebensweise, andererseits auch das Lob auf den Menschen, der sich selbst Gesetz ist.

Wir leben heute in der flüchtigen oder flüssigen Moderne, wie ich sie nenne, in Konsumgesellschaften, in denen menschliche Beziehungen auf flüchtigen Genuss beschränkt sind. Menschen sind nur so lange wertvoll, wie sie Befriedigung verschaffen. Zwei elementare Bedürfnisse stehen einander in diesen Gesellschaften entgegen: der Wunsch, im aufgewühlten Meer einen sicheren Hafen zu haben, und das Bedürfnis, zugleich ungebunden zu sein, die Hände frei zu haben, über Spielräume zu verfügen. Wer sich aus Bindungen lösen kann, muss sich nicht anstrengen, um sie zu erhalten. Er kann sie als freier Konsument genießen und dann wegwerfen. Aber wenn jeder eine menschliche Beziehung zum Umtausch in den Laden zurückbringen kann, wo bleiben dann Räume, in denen das Gefühl moralischer Verantwortung für den anderen wachsen kann? In der traditionellen modernen Ethik galt es, Regeln zu gehorchen, die postmoderne Moral aber verlangt von jedem, selbst Verantwortung zu übernehmen. Nun ist der Mensch als Vagabund unterwegs, der individuell entscheiden muss, was gut ist, was böse. Das war so lange eine gute Nachricht, bis der Konsum die zwischenmenschlichen Beziehungen kolonisierte.

Angesichts solcher düsteren Analysen leuchten die Kraft und Schönheit der jüdisch-christlichen Sicht auf das Leben gerade zu auf. Der Gott der Bibel bietet dem Menschen nämlich Bindung, Freiheit und Heimat an. Doch mit einem Gott, der dem Menschen Würde und Verantwortung schenkt, wollte Bauman nicht mehr rechnen. Für ihn war das „ein schöner Traum, den wir nicht aufhören werden zu träumen“. Freiheit ist nach Bauman nur zum Preis von Ambivalenz, Uneindeutigkeit und Ungewissheit zu haben.

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