Psychologie

Was hinter der Diagnose „trans“ bei Jugendlichen steckt

Eine Klientin bereut die Operation: Ihre Stimme und ihre Brüste sind weg. Ein Patient hat alle Eingriffe hinter sich, doch die Schmerzen und die Depression bleiben. In ihrer Praxis hat die Psychotherapeutin Dr. Ingeborg Kraus keinen einzigen Fall erlebt, in dem die Diagnose eindeutig war. Trotzdem gilt in deutschen Kliniken der affirmative Ansatz: zustimmen, nicht nachfragen. Kraus beschreibt, was dabei übersehen wird, warum sich kaum eine Kollegin traut, das öffentlich zu sagen, und was Eltern tun können, deren Kind glaubt, im falschen Körper zu sein.

Sie schreibt: 

Am 12. April 2024 habe ich mir die Debatte im Parlament zum Selbstbestimmungsgesetz angehört. Ich war über die Art der Debatten erstaunt.! Seitens der SPD und Grünen wurde mit Thesen argumentiert, die völlig unwissenschaftlich und falsch waren wie: Es gäbe mehr als zwei Geschlechter und, man könne das Geschlecht wechseln. Die SPD-Abgeordnete Anke Hennig brachte sogar das Beispiel eines sechsjährigen Mädchens ein, das denkt, sie wäre ein Junge, und dem nun aufgrund des Selbstbestimmungsgesetzes unkritisch entsprochen werden kann. Das ist kein Kinderschutz, sondern Kindeswohlgefährdung, der Frau Hennig hier mit ihrem Beispiel den Weg ebnet. Kinder können nämlich die weitreichenden Folgen so einer Entscheidung nicht ermessen.

Dieses Gesetz wurde vom Deutschen Bundestag trotz dieser absurden Argumentationen beschlossen. Das schockierte mich und motivierte mich, einen Essay darüber zu schreiben. Mein Beitrag, „Warum ich das Selbstbestimmungsgesetz als Psychotherapeutin gänzlich ablehne“, erhielt innerhalb kürzester Zeit eine sehr hohe Reichweite auf „X“ (ca. 500.000 Views).

In den folgenden Wochen und Monaten kontaktierten mich sehr viele Menschen: darunter verzweifelte Mütter, deren Kinder sich als „trans“ identifizierten. Verunsicherte Lehrerinnen, die von Schülern gezwungen werden, sie mit einem anderen Pronomen und Namen anzusprechen, Kolleginnen und Kollegen, die mir zustimmten.

In meinem Essay sprach ich über meine klinische Erfahrung mit „Trans“-Menschen aus meiner psychotherapeutischen Tätigkeit. Meine Erfahrungen kollidieren nämlich mit dem gängigen Bild, das von den Befürwortern des Selbstbestimmungsgesetzes verbreitet wird, wie: „Kinder und Jugendliche wüssten über ihr Geschlecht ganz genau Bescheid“. Und: „Das Geschlecht sei ein Gefühl, man sollte es nicht in Frage stellen“. Die Befürworter des SBGG zeichnen ein sehr vereinfachtes Bild von „Transsexualität“ bzw. „Geschlechtsdysphorie“, das mittlerweile sogar im Schulunterricht vermittelt wird.

Mehr hier: frauenheldinnen.de.

„Die Zahl der Diagnosen hat sich seit den Fünfzigerjahren fast vervierfacht“

Der allgegenwärtige Glaube an die Psychologie und ihre Erlösungsversprechen ist laut Jens Bergmann die Religion unserer Gegenwart. In seinem neuen Buch Von achtsam bis toxisch nimmt sich der studierte Psychologe und Journalist Begriffe wie „toxisch“, „passiv-aggressiv“, „Daddy Issues“, „Inneres Kind“, „Mindset“ oder „Multiple Persönlichkeit“ vor. Er erklärt auch, welche Strategien damit verfolgt werden und wie man sich dagegen wehrt, als „Borderliner“ oder „Narzisst“ abgestempelt zu werden.

Einige Zitate:

Der Zeitgeist spielt eine extrem große Rolle. Und die Ambition von Fachleuten, sich mit der Krankheit, für die sie sich zuständig fühlen, in den Katalogen zu verewigen. So kommt es zur stetigen Ausweitung der therapeutischen Zone. Begünstigt wird das durch eine Besonderheit psychiatrischer Diagnosen: Es fehlen die objektiven Kriterien. Während man in anderen medizinischen Disziplinen zum Beispiel unregelmäßigen Herzschlag oder Entzündungswerte messen kann, ist das bei mentalen Leiden nicht möglich: Man kann anderen Menschen nicht in den Kopf schauen. Das erleichtert die Inflation der Diagnosen. Und es ist kein Zufall, dass Laien so freihändig mit dem Psychojargon operieren, wenn viele Profis ihnen das vormachen.

…

Generell verspricht die Psychologie Antworten auf das Leiden des Individuums an der Moderne. Das fing zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Sigmund Freud an, dem Erfinder des therapeutischen Denkens und Sprechens. Fatal ist, dass sowohl Probleme als auch Lösungen immer im Individuum gesucht werden. Wenn zum Beispiel ein Abteilungsleiter in einer Firma Schwierigkeiten mit seinem Team hat, bekommt er einen Coach an die Seite gestellt oder den Besuch eines Achtsamkeitsseminars nahegelegt. Auf diese Weise schützen sich Organisationen vor grundsätzlicheren Fragen zum Beispiel nach den Arbeitsbedingungen.

Die Antwort auf die Frage: „Auf Datingplattformen liest man zurzeit oft Zuordnungen wie ISFP, ESFP und ENTJ? Was taugt der Myers-Briggs-Typenindikator, auf dem diese Abkürzungen zum Teil beruhen?“, ist auch lustig: 

Gar nichts. Diesen Persönlichkeitstest hat eine Hausfrau aus Philadelphia vor mehr als hundert Jahren erfunden. Sie wollte ihren künftigen Schwiegersohn analysieren und nutzte dazu die Archetypen von C. G. Jung. Die hat sie dann für ihren Test angepasst und harmloser gestaltet: Keiner ihrer Typen ist besser oder schlechter als der andere. Der Test ist reizvoll, weil man mit ihm Menschen sehr schnell in verschiedene Kästchen einsortieren kann. Ein Fachmann attestierte dem MBTI einmal den „intellektuellen Gehalt eines Glückskekses“. Auch mit der Zuverlässigkeit ist es nicht weit her: Bei drei Vierteln der Getesteten ändert sich der Persönlichkeitstyp, wenn sie sich dem MBTI ein weiteres Mal unterziehen.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Martyn Lloyd-Jones: Psychische Erkrankungen

Der Arzt und Prediger Martyn Lloyd-Jones war zu seinen Lebzeiten sehr besorgt darüber, dass einige Theologen, Pastoren und Seelsorger sich der Anti-Psychiatrie-Bewegung anschlossen. Auch gegenüber Thesen von Jay Adams, dem Vater der sogenannten „Biblischen Seelsorge“, äußerte er grundlegende Vorbehalte. In einem Vortrag, den er 1974 vor der Christliche Ärztegemeinschaft hielt, sagte er Folgendes (Healing and the Scriptures, 1988, S. 152–158):

Die dritte Kategorie, zu der Ihr Patient oder Ihr Ratsuchender gehören könnte, ist das Psychische. Ich verwende diesen allgemeinen Begriff, aber wenn Sie es vorziehen, könnte man auch von „psychischen Erkrankungen“ sprechen. Dies ist derzeit ein wichtiger Aspekt, da wir uns gerade mitten in einem der neuesten Trends oder Moden in der christlichen und sogar evangelikalen Welt befinden. Das Konzept der „psychischen Erkrankung“ steht derzeit in der Kritik, vor allem aufgrund der Schriften von Thomas Szasz. Er hat eine Reihe von Büchern verfasst, darunter Der Mythos der Geisteskrankheit, Die Fabrikation des Wahnsinns und Ideology and Insanity.

Wie lautet Szasz’ These? Er behauptet, dass diese Einstufung von Menschen als psychisch krank und deren entsprechende Behandlung lediglich die jüngste Ausprägung eines Phänomens sei, das schon seit Jahrhunderten besteht. Im Mittelalter, so behauptet er, war es die Bestrafung von Heterodoxie durch die Kirche. Ein Ketzer wurde ausgegrenzt und von der Inquisition auf verschiedene Weise bestraft. Dies geriet allmählich in Vergessenheit und wurde durch die Hexenjagd abgelöst, die in diesem Land und in Amerika bis zum Ende des 17. Jahrhunderts andauerte. Was tun sie heute? Szasz’ Antwort lautet: „Sie diagnostizieren bei Menschen psychische Erkrankungen und stecken sie in verschiedene Einrichtungen.“ Das Argument lautet, dass genau dies geschieht und dass es etwas ist, dem wir widerstehen müssen.

Dieser Mann, Szasz, und seine Schriften sind nicht nur interessant, sondern auch unterhaltsam. Er ist ein brillanter Schriftsteller und ein fähiger Mann. Wenn Sie unterhaltsame Lektüre suchen, sollten Sie einige seiner Bücher lesen, die beispielsweise in der Bibliothek der Royal Society of Medicine erhältlich sind und inzwischen möglicherweise auch in Großbritannien importiert oder gedruckt wurden. In dem, was er sagt, steckt viel Wahres. Er ist ein Anti-Freudianer und greift das an, was zu einem Kult geworden ist: „Schickt ihn zum Psychologen.“ Jeder wird abgestempelt, und alles wird unter dem Deckmantel der Psychologie abgedeckt.

Szasz erörtert die finanziellen Aspekte dieser Entwicklung – und damit muss man sich auseinandersetzen. Was ihn jedoch noch mehr beunruhigt, ist das damit verbundene Element moralischer Beurteilung. Manchmal wird ein Mann von seiner Frau, seiner Familie und dem Arzt in moralischer Hinsicht abgestempelt. Er mag völlig hilflos sein und wird einfach einer Behandlung in irgendeiner Form unterzogen. Er wird begutachtet, Urteile werden über ihn gefällt, und wenn dieser Prozess anhält und sich weiter ausbreitet, entsteht eine akute Gefahr für die individuelle Freiheit.

Die Presse gibt von Zeit zu Zeit Einblicke in das, was – in extremer Form – in Russland geschieht. Doch es besteht keinerlei Zweifel daran, dass in Amerika Ähnliches in einer höflicheren Form bereits in großem Umfang in die Wirtschaft Einzug gehalten hat. Menschen erhalten aufgrund solcher Einstufungen durch Psychologen keine Stelle oder werden entlassen.

Menschen, die in irgendeiner Weise anders sind, werden möglicherweise mit einem Etikett versehen, es wird ein Urteil über sie gefällt, und sie werden gegen ihren Willen manipuliert. Szasz legt Wert darauf, darauf hinzuweisen, wie diese Psychologen (oder manchmal sogar Psychiater) es sich anmaßen, pauschale Urteile zu fällen. Jeder lässt sich erklären – Hamlet zum Beispiel oder Darwin, wie oben bereits angedeutet. Doch dieser Trend beschränkt sich nicht einfach auf einige wenige postmortale Diagnosen. Der Autor zitiert den Fall eines Mannes, der sich zur Wahl zum Präsidenten der USA aufstellen lassen wollte und auf diese Weise begutachtet wurde. Der Bericht wurde in den Zeitungen veröffentlicht, und es gab Menschen, die bereit waren, ihm Glauben zu schenken und anzunehmen, dass diese Psychologen ein umfassendes Verständnis der menschlichen Natur sowie der Eigenschaften und Schwächen jedes einzelnen Menschen hätten.

Szasz betont daher die enorme Gefahr. Er will beweisen: Wenn man liest, was man in der Vergangenheit mit Menschen gemacht hat, die als „verrückt“ galten, ist man entsetzt; doch, so betont er, genau dasselbe geschehe heute auf eine höflichere Art und Weise. In seinem Buch Die Fabrikation des Wahnsinns weist er darauf hin:

„Noch 1860 musste man nicht psychisch krank sein, um in einer Anstalt für Geisteskranke eingewiesen zu werden. Es reichte aus, eine verheiratete Frau zu sein! Als die berühmte Mrs. Packard in die staatliche Irrenanstalt von Jacksonville eingewiesen wurde, weil sie mit ihrem Ehemann, einem Pfarrer, nicht einer Meinung war, sahen die Einweisungsgesetze des Staates Illinois vor, dass verheiratete Frauen auf Antrag ihres Ehemanns oder Vormunds in die Anstalt eingewiesen oder dort festgehalten werden konnten, ohne dass der üblicherweise erforderliche Nachweis einer Geisteskrankheit vorlag.“ 

Diese Frau wurde in eine Anstalt gesteckt, weil sie es gewagt hatte, mit ihrem „Ehemann, einem Pfarrer“, nicht einer Meinung zu sein!

Wie reagieren Sie auf eine solche Aussage? Ich bin mir sicher, dass die meisten von Ihnen die Tatsache beklagen würden, dass Menschen sich jemals eines solchen Verhaltens schuldig gemacht haben könnten. (Auch wenn vielleicht der eine oder andere unter den Anwesenden vor sich hin murmelt: „Das waren noch Zeiten!“) Ich bin jedoch überzeugt, dass Szasz seine These völlig übertreibt. Zwar steckt in vielem, was er sagt, ein beträchtlicher Kern Wahrheit, doch geht er zu weit, wenn er behauptet, es gäbe so etwas wie eine psychische Erkrankung gar nicht. Leider hat er mittlerweile auch eine Reihe von Anhängern, die seine Ansichten in populären Büchern niederschreiben. Einer der bekanntesten ist Jay Adams mit seinem Bestseller Befreiende Seelsorge: Theorie und Praxis einer biblischen Lebensberatung (1973) . Doch er ist lediglich ein Popularisierer von Thomas Szasz und bekräftigt ebenso wie Szasz, dass es so etwas wie eine psychische Erkrankung nicht gibt, dass die Patienten in Wirklichkeit unter Sünde leiden und ausschließlich auf biblische Weise behandelt werden müssen. Diese Autoren tadeln die Betroffenen und beraten sie mit großer Strenge.

Es ist notwendig, dass wir mit den Fachleuten auf diesem Gebiet zusammenarbeiten, die die Realität psychischer Erkrankungen nachweisen; andernfalls machen wir uns gegenüber einigen derjenigen, die zu uns in die Beratung kommen, großer Grausamkeit schuldig.

Warum sollte ich die Realität solcher Erkrankungen bejahen? Ich behaupte, dass allein das bekannte (erbliche) Element in den Fallgeschichten ausreicht, um dies zu belegen. Ein weiterer Faktor ist die für viele Fälle so charakteristische Periodizität – klare, lucide Intervalle, gefolgt von einem Rückfall. Nicht nur das, sondern es gibt viele Fälle von psychischen Erkrankungen, die überhaupt nicht auf spirituelle, biblisch orientierte Behandlungen ansprechen und durch diese sogar noch verschlimmert werden.

Ich würde wie folgt argumentieren: Es gibt verschiedene psychologische Typen. Manche Menschen sind gelassen, manche sind launisch und wieder andere haben ein ganz anderes Temperament. Bei psychischen Erkrankungen werden diese Unterschiede als Krankheitsbilder weitergeführt.

Zumindest gewinnt heute die Ansicht an Popularität, dass psychische Erkrankungen auf Störungen in der Chemie des Gehirns zurückzuführen sind, genauso wie Diabetes auf eine Störung der Chemie der Bauchspeicheldrüse zurückzuführen ist. So schwierig es auch sein mag, sie zu klassifizieren, gibt es in der Psychiatrie offensichtlich einige klare klinische Entitäten.

In der Geschichte gab es Fälle, die die Tatsache psychischer Erkrankungen eindeutig belegen. Ein herausragendes Beispiel ist der Dichter William Cowper. Er war ein gläubiger Christ, der die evangelische Lehre kannte und sich daran erfreute. Doch er litt unter periodischen Anfällen seiner psychischen Erkrankung. Seine Freunde versuchten, ihn zur Vernunft zu bringen, und taten alles, was uns oft als Hilfe in solchen Fällen empfohlen wird – jedoch ohne Erfolg. Es verschlimmerte seinen Zustand eher noch und verstärkte sein Leid.

Ein puritanischer Schriftsteller – Richard Baxter – offenbart vor dreihundert Jahren in höchst bemerkenswerter Weise große Einsicht in dieser Frage. Baxter liefert uns – besser als jeder andere, den ich zu diesem Thema je gelesen habe – die Differentialdiagnose zwischen einem geistlichen und einem psychischen Fall. Er sagt:

„Ich bezeichne jene nicht als melancholisch, die vernünftigerweise über die Sünde traurig sind, sich dieses Elends bewusst sind und um ihre Genesung und Erlösung besorgt sind, sei es auch mit so großer Ernsthaftigkeit, wie es ihre geistigen Fähigkeiten ertragen können. Solange sie über einen gesunden Verstand verfügen und die Vorstellungskraft, Fantasie oder Denkfähigkeit nicht verwirrt oder krank ist. Unter Melancholie [d h. psychischer Erkrankung] verstehe ich jedoch diese krankhafte Verwirrung, Störung oder Verirrung der Vorstellungskraft und folglich des Verstandes, die an diesen Anzeichen zu erkennen ist.“

Anschließend führt er fünfunddreißig Punkte zur Differentialdiagnose zwischen sogenannten „psychisch kranken“ Fällen und solchen an, die sich in „geistlicher“ Not befinden. Im Folgenden sind einige der Punkte aufgeführt, die er in Bezug auf psychisch Kranke anführt:

  • Sie sind gewöhnlich überaus ängstlich, grundlos oder über das Maß hinaus, das durch einen Grund gerechtfertigt wäre. Alles, was sie hören, verstärkt ihre Ängste, insbesondere wenn Angst die ursprüngliche Ursache war, wie es üblicherweise der Fall ist.
  • Ihre Fantasie trägt am stärksten dazu bei, ihre Sünden, Gefahren oder ihr Unglück zu verschlimmern.
  • Sie sind nach wie vor einer übermäßigen Traurigkeit verfallen; manche weinen, ohne zu wissen warum, und manche glauben, es müsse so sein; und wenn sie lächeln oder fröhlich sprechen sollten, plagt sie ihr Gewissen, denn es ist, als hätten sie etwas Falsches getan.
  • Sie legen den größten Teil ihrer Frömmigkeit in Trauer und Entbehrungen für das Fleisch.
  • Sie klagen sich ständig selbst an und machen alles, was sie hören, lesen, sehen oder denken, zum Gegenstand der Anklage gegen sich selbst.
  • Sie fürchten sich nach wie vor davor, von Gott verlassen zu sein, und neigen zur Verzweiflung.
  • Sie glauben nach wie vor, dass die Zeit der Gnade vorbei und es nun zu spät sei, Buße zu tun oder Barmherzigkeit zu finden.
  • Sie sind oft versucht, aus der Lehre von der Prädestination verzweifelte Gedanken zu schöpfen und zu denken, dass, wenn Gott sie verworfen oder nicht erwählt habe, weder alles, was sie tun können, noch alles, was die Welt tun kann, sie retten könne. 

Und so fährt er mit seiner Liste von fünfunddreißig Punkten fort. Doch er schließt wie folgt:

„Punkt 35. Doch trotz all dieser Unruhe werden nur wenige von ihnen glauben, dass sie melancholisch [oder psychisch erkrankt] sind; vielmehr verabscheuen sie es, wenn man ihnen dies sagt, und behaupten, es sei lediglich das rationale Bewusstsein ihres Unglücks und des Verlassenseins sowie des schweren Zorns Gottes. Und deshalb lassen sie sich kaum dazu überreden, irgendwelche Medikamente einzunehmen oder irgendwelche Mittel zur Heilung ihres Körpers anzuwenden; sie sagen, es gehe ihnen gut, und sind überzeugt, dass nur ihre Seelen in Not sind. Das ist der elende Zustand dieser armen Menschen, die sehr zu bemitleiden sind und von niemandem verachtet werden dürfen. Ich habe nichts anderes gesagt als das, was ich oft gesehen und erfahren habe, und niemand soll solche Menschen verachten; denn Menschen aller Art geraten in dieses Elend, Gebildete und Ungebildete, Hohe und Niedrige, Gute und Böse; ja, sogar einige, die in größter Fröhlichkeit und Sinnlichkeit gelebt haben, als Gott sie ihre Torheit spüren ließ.“

Dem kann ich nichts hinzufügen. Ich hoffe sehr, dass Menschen, die dazu neigen, Thomas Szasz und seinem Popularisierer Jay Adams zu folgen, sich all das zu Herzen nehmen werden.

Soweit meine eigene Erfahrung reicht, würde ich Baxters fünfunddreißig Punkte wie folgt zusammenfassen: Ich glaube, Sie werden fast ausnahmslos feststellen, dass psychisch Kranke Ihnen nicht wirklich zuhören. Sie zitieren die Heilige Schrift, sie hören nicht zu. Sie wiederholen immer wieder dieselben Aussagen und vermitteln den Eindruck, als würden sie darauf warten, dass man fertig ist, damit sie ihr Ding noch einmal loswerden können. Das ist fast ausnahmslos so.

Man bemerkt den Unterschied im Vergleich zu denen, die in geistlicher Not sind. Letztere sind begierig darauf, Hilfe zu erhalten. Die anderen sind es nicht. Ich habe bei ihnen immer das Gefühl, dass ich eine Art Tangente an einen Kreis bin. Man dringt nie zu ihnen durch, sie sind fast ungeduldig und wiederholen immer wieder dasselbe.

Die Wurzeln des christlichen Abendlandes

Anhand von faszinierenden psychologischen Experimenten, ausgedehnten Feldforschungen und einer Fülle von Daten zeigt der Psychologe Joseph Henrich in seinem Buch Die seltsamsten Menschen der Welt: Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde (2025, #ad), wie unter anderem das Christentum das westliche Denken und Leben beeinflusst hat. Thomas Jeising hat das Buch gelesen und stellt einige Dinge heraus. Zum Beispiel:

Zu den Faktoren zählt Henrich die Ablösung der „verwandtschaftsbasierten Institutionen“, d.h. das Ende des vorherrschenden Stammes- oder Clan-Denkens. Weiter sieht er die Entwicklung eines „gruppenübergreifenden Wettbewerbs“, der den eigenen Vorteil nicht auf Ausbeutung gründet, sondern auch den Vorteil des Partners im Blick hat. Er nennt die Entwicklung eines Rechtssystems, das alle Menschen gleichbehandeln will. Er sieht die wachsende Arbeitsteilung, die nur auf der Grundlage von Vertrauen und Miteinander in der Wertschätzung des Gewinns bei gegenseitiger Ergänzung gedeihen konnte. Er erkennt in der Idee vom Beruf als einer Berufung, in der der Mensch Gott dient und darin Erfüllung findet, einen wichtigen Faktor nach der Reformation. Henrich sieht das alles – und damit auch die zugrunde liegenden Werte – in einem „unerbittlichen Wettbewerb“ stehend, damit es sich etablieren konnte. Als wichtige Aspekte der „sonderbaren Psychologie“ benennt er vier, die sich alle leicht auf die Ausbreitung des christlichen Denkens zurückführen lassen:

  • Das „analytische Denken“, das Zusammenhänge aufgrund von Eigenschaften erkennt und Widersprüche wahrnimmt und möglichst überwinden will;
  • die Bedeutung innerer Werte, Überzeugungen und Absichten von einzelnen Personen inklusive der Annahme, dass eine Person persönliche Rechte haben kann;
  • drittens die „Unabhängigkeit und Nonkonformität“, die Menschen dazu führt, sich nicht einfach anzupassen und in Gruppen und Systeme einzupassen, sogar wenn sie sich dabei selbst überschätzen;
  • viertens die Achtung von unparteiischen Regeln und allgemeinen Gesetzen, die nicht nur für bestimmte Personen gelten, sondern für alle gleichermaßen (vgl. S. 555–557).

Was im Westen sozialisierten Menschen „normal“ vorkommt, ist es tatsächlich im weltweiten kulturübergreifenden Vergleich betrachtet keineswegs. Henrich macht die allgemeinen Prinzipien an vielen konkreten Entwicklungen fest, von denen ich einzelne genauer beschreibe und auf die biblischen Wurzeln verweise.

Mehr: www.evangelium21.net.

Mehr Eigenverantwortung bitte

Ein unglücklicher Mensch möchte alles hören, aber sicher nicht, dass er am Unglück selbst schuld ist. Julian Theilen gibt Einblick in eine neue psychologische Studie, die den Wert eigenverantwortlichen Handelns hervorhebt. 

In der therapeutischen Kultur, deren Aufstieg die Soziologin Eva Illouz beschrieben hat, ist der Kaltherzige noch kaltherziger gezeichnet worden. Immer mehr junge Erwachsene suchten psychotherapeutische Hilfe, während Begriffe wie „Trauma“ auch in die Alltagssprache einsickerten. Jeder Vater, der Zweifel anmeldete, ob das Kind nicht vielleicht doch – also trotz der Verstimmungen – seinem Studium nachgehen könne, galt plötzlich als unsensibler Klotz. Offenbar hat er mit seinem lieblosen Erziehungsstil das Leid des Kindes doch erst hervorgerufen! Dass er nie „Ich liebe dich“ gesagt hat, darunter leidet man schließlich noch heute, wird der inzwischen Erwachsene seinen Freunden sagen. Und die nicken im Takt und sagen unisono: „Jetzt ist auch klar, warum du dich in zwischenmenschlichen Beziehungen so verdammt schwer tust.“

Wer in diese Gruppendynamik „Und was ist mit Eigenverantwortung?“ hineingerufen hätte, wäre einem Strahl des Zorns ausgesetzt gewesen. Und tatsächlich ist klar, dass das Elternhaus die Beziehungen ein Leben lang prägt. Damit Härten der Kindheit abgefedert werden, braucht es Resilienz – und die lässt sich in Teilen entwickeln. Das aber ist bei der Überbetonung des Opferstatus etwas unter den Tisch gefallen.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Ein anderes Geschlecht, trotzdem unglücklich

Jungen Menschen mit Genderdysphorie geht es nach der Therapie nicht besser – womöglich weil ihre psychischen Probleme damit gar nicht gelöst sind. Hier ein Auszug aus einem Artikel von Felicitas Witte aus der FAZ:

Kinder und Teenager mit Genderdysphorie fühlen sich in ihrem Geschlecht als Mädchen oder Junge nicht wohl, leiden darunter und möchten so aussehen und behandelt werden, als gehörten sie zum anderen Geschlecht. Manche nehmen irgendwann Hormone und lassen sich operieren, um ihrem „Wunschgeschlecht“ zu entsprechen. Medizinische Transition nennt sich das. Logisch wäre, wenn es den Betroffenen danach besser ginge und sie glücklicher ihr „wahres Selbst“ leben könnten. Doch eine Studie aus Finnland lässt daran zweifeln. Denn auch nach Hormonen und Operation brauchen viele weiterhin Hilfe vom Psychiater, sogar mehr als vor der Transition.

Die Autoren werteten Daten von 18.726 Menschen unter 23 Jahren aus dem finnischen Gesundheitsregister aus. Darunter waren 2083, die sich zwischen 1996 und 2019 in der Genderdysphorie-Sprechstunde zweier Unikliniken vorgestellt hatten. Schon davor ging es ihnen psychisch deutlich schlechter als ihren Altersgenossen: Sie waren dreimal so häufig in psychiatrischer Behandlung gewesen. Jeder Zweite hatte sich einer Psychotherapie unterzogen, in der Vergleichsgruppe war es nur gut jeder Sechste. Es ist schon länger bekannt, dass junge Menschen mit Genderdysphorie häufig psychische Probleme haben. Je nach Studie sind davon 20 bis über 80 Prozent betroffen. Am häufigsten treten Angststörungen, Depressionen, ADHS, Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten auf.

„Die Studie zeigt erneut, wie wichtig es ist, zu klären, was Kinder oder Teenager psychisch belastet, bevor man eine eingreifende Therapie startet“, sagt Alexander Korte. Er war bis März 2026 leitender Oberarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität in München und arbeitet aktuell als Gutachter. 

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Christliche Psychologen in Brasilien wollen ihren Glauben leben dürfen

Der Bundesrat für Psychologie (CFP), die oberste Regulierungsbehörde für Psychologen in Brasilien, verabschiedete 2023 eine Resolution, in dem er den Berufsstand als säkular definierte. Diesen Beschluss nutzt er nun als rechtliche Verteidigung in Verfahren gegen christliche Psychologen, die sich zu ihrem Glauben bekennen wollen. Auch die Psychologin Larissa Lima wurde ins Visier genommen, weil sie sich in den sozialen Medien offen zum christlichen Glauben bekannte. Erica Neves berichtet für CT über die Lage in Brasilien: 

Lima stimmt zwar Teilen der Resolution zu, ist jedoch der Ansicht, dass diese zu weit geht und die Sichtbarkeit von Christen in diesem Berufsfeld einschränkt. „Wenn wir uns nicht als Christen bezeichnen dürfen, werden wir weniger sichtbar. Das erschwert es sogar für Patienten, die sich an einen christlichen Psychologen wenden möchten“, sagte Lima. „Manche Christen fühlen sich nur bei Psychologen wohl, die ihren Glauben respektieren, und sie haben das Recht, dies zu suchen.“

Lima merkte an, dass es Fälle gibt, in denen christliche Patienten das Gefühl hatten, ihre Werte würden in der Sprechstunde lächerlich gemacht, selbst wenn sie ihre Moralvorstellungen klar zum Ausdruck gebracht hatten – beispielsweise wenn Psychologen ihnen raten, Sexualpartner außerhalb der Ehe zu suchen oder zu masturbieren. „Viele Psychologen halten es für in Ordnung, eine Person über ihre Werte hinaus zu drängen“, sagte sie.

Limas Rüge erfolgte nicht wegen irgendetwas, das sie in der Praxis getan hatte, sondern wegen ihrer Social-Media-Aktivitäten. Im März 2023 erhielt Lima erstmals eine Beschwerde, die bei ihrem Regionalen Psychologierat (CRP) eingereicht wurde, weil sie auf Instagram offen über ihren Glauben gesprochen hatte. Der CRP erteilte eine Verwarnung und forderte sie auf, alle religiösen Inhalte aus ihrem Social-Media-Profil zu löschen. Sie weigerte sich.

„Es ist ein persönliches Profil“, sagte Lima. „Ich hätte alles löschen müssen.“ Stattdessen verhandelte sie: Sie würde einen separaten beruflichen Instagram-Account einrichten und ihr persönliches Profil unverändert lassen. Der Rat akzeptierte dies. Doch dann erließ der CFP die Resolution Nr. 7. Lima sah sich einer neuen Welle von Beschwerden gegenüber, und diesmal forderte der CRP sie auf, einen bestimmten Beitrag aus ihrem persönlichen Profil zu löschen, in dem sie christlichen Patienten Ratschläge gab, wie sie einen psychologischen Ansatz wählen könnten, ohne ihren Werten untreu zu werden. Sie weigerte sich erneut und wies darauf hin, dass der Beitrag auf ihrem persönlichen Profil stand, das sie nicht dazu nutze, Patienten zu gewinnen, und das keinen Terminbuchungslink enthielt. „Wenn ich diesen Beitrag lösche“, sagte sie, „sage ich der CRP damit, dass sie die Macht hat, mein Privatleben und meine persönlichen sozialen Medien zu regulieren. Was kommt als Nächstes?“

 

Es bräuchte mehr mutige Christen, die sich gegen ungerechtfertigte staatliche Bevormundung zur Wehr setzen.

Mehr: www.christianitytoday.com.

Kinder leiden, wenn Eltern dauernd aufs Handy starren

Eltern brauchen ihr Smartphone als Werkzeug, Stressventil und zur Verbindung mit der Welt. Doch Kinder bemerken die ständige Ablenkung genau – und das kann ihnen nachhaltig schaden. Diie FAZ berichtet aus der Forschung zum Thema: 

Aber eine kleine Beobachtungsstudie aus den Vereinigten Staaten zeigt, dass das Smartphone sich häufig zwischen Eltern und Kind drängt. Darin wurde die Handynutzung von 58 Eltern mit ein bis fünf Jahre alten Kindern genau überwacht. Mutter und Vater holten das Gerät pro Tag im Schnitt 67 Mal für insgesamt vier Stunden hervor. Befragungen zeigen: 70 Prozent der Eltern geben zu, ihr Handy während des Spielens oder der gemeinsamen Mahlzeiten zu verwenden. 89 Prozent nutzen es täglich im Beisein ihrer Kinder.

Langsam wird klar, welche Folgen das haben kann. In einer Arbeit aus dem „Journal of Child and Family Studies“ ist zu lesen: „Die übermäßige Nutzung digitaler Geräte im Familienalltag hat die Eltern-Kind-Beziehungen grundlegend verändert, was zu einer zunehmenden Entfremdung innerhalb der Familie geführt hat und eine Generation von Kindern hervorgebracht hat, die inmitten der allgegenwärtigen Technologie um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern konkurrieren.“

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Trans: Teuer für Therapeuten

Eine Anfang April erschienene Langzeitstudie aus Finnland kommt zu dem Ergebnis, dass medizinische Geschlechtsumwandlungen bei einem Großteil der Jugendlichen nicht zu einer Verbesserung ihrer psychischen Gesundheit führen. Im Gegenteil: Psychische Erkrankungen nehmen sogar zu. In den USA verklagen aktuell 30 „Transkinder”, die eine Geschlechtsumwandlung hinter sich haben, ihre Therapeuten.

Ich zitiere aus dem Kampfblatt des Feminismus, der EMMA:

Varian war 16, als im Dezember 2019 ihre Brüste amputiert wurden. Ihr Psychologe, Dr. Kenneth Einhorn, hatte ihr immer wieder versichert, es würde ihr danach definitiv besser gehen. Ohne Mastektomie aber bestehe die Gefahr, dass sie sich umbringen würde. Das erklärte der Psychologe auch Foxʼ skeptischer Mutter Claire, einer Krankenschwester, die am Ende einknickte und die Einverständniserklärung unterschrieb. Dem Chirurgen, der dem Mädchen die Brüste abnahm, hatte Einhorn zur Überweisung der Patientin einen knappen Dreizeiler geschrieben. Dr. Simon Chin amputierte trotzdem.

Jetzt müssen beide Ärzte der heute 22-Jährigen zwei Millionen Dollar Schmerzensgeld zahlen. Das entschied das Gericht in White Plains, einem Ort rund 50 Kilometer nördlich von New York, am 31. Januar 2026 nach einem dreiwöchigen Prozess. Es ist in den USA der erste Fall, in dem Ärzte dazu verurteilt wurden, einer Jugendlichen, die ihre „geschlechtsangleichende Operation“ bereut, Schadenersatz zu zahlen. Aber es ist ganz sicher nicht der letzte. 30 weitere Fälle sogenannter „Detransitionierer“ liegen schon jetzt vor amerikanischen Gerichten. Sie alle werfen den Ärzten vor, was auch Fox Varian beklagt: „Ich war 16 und hatte sehr ernsthafte psychische Probleme. Ich war ganz offensichtlich nicht reif genug, die Entscheidung für eine solche Operation zu treffen. Und ich war ganz sicher nicht reif genug, mit den Folgen zurechtzukommen.“

Nach der OP ging es der 16-Jährigen nicht etwa besser, sondern schlechter. „Sie hatte immer noch Angstzustände, war immer noch depressiv und hatte die gleichen Probleme wie vorher“, berichtete Mutter Claire Deacon dem Gericht. Dazu kamen neue Probleme. Das Mädchen, das „die Operation schon bereute, als die Bandagen entfernt wurden“, begann sich zu ritzen. Jetzt war Fox Varian wirklich suizidal. Der Fall Varian sollte „ein Weckruf“ sein, erklärte nach dem Urteil die Psychologin Laura Edwards-Leeper. Sie gehört zu den bekanntesten Gender-Medizinerinnen des Landes und hatte 2007 die erste pädiatrische Gender-Klinik der USA in Boston gegründet. Heute ist sie eine der engagiertesten Warnerinnen vor einer Trans-Medizin, die aus dem Ruder gelaufen ist. „Wenn wir nicht sofort Kurskorrekturen vornehmen, prophezeie ich, dass wir entweder anhaltende Rechtsstreitigkeiten und Tragödien im Zusammenhang mit Detransitionen oder zunehmende Verbote von Behandlungen erleben werden.“ Beides ist schon jetzt der Fall.

Mehr: www.emma.de.

Die Bedeutungs-Abwärtsspirale

Laut der American Psychological Association hat sich die Zahl der amerikanischen Jugendlichen mit Symptomen einer schweren Depression zwischen 2005 und 2019 fast verdreifacht. Die Zahl der Jugendlichen mit Angstzuständen hat sich nahezu verdoppelt.

Der amerikanische Harvard-Professor Arthur C. Brooks meint, die Standarderklärungen reichten nicht, um diese Entwicklung zu erklären. Weder könne es an zu vielen Versprechungen noch an einem überhöhten Anspruchsdenken liegen. Laut Brooks fehlt vielen Menschen der Lebenssinn. Und die Ablenkungsmanöver innerhalb der virtuellen Welt würden nicht helfen, sondern verstärkten Gefühle von Traurigkeit und Angst. 

Zitat aus einem Artikel von Marie-Luise Goldmann:

Worin also besteht der Sinn, der so vielen jungen Leuten heute abhanden gekommen ist? Brooks verweist auf ein Modell, das Sinn als Summe aus Kohärenz, Zweck und Bedeutsamkeit begreift. Erstens: Passen die Elemente meines Lebens zusammen, geschehen die Dinge aus einem bestimmten Grund? Zweitens: Hat mein Leben Ziele und eine Richtung, lebe ich, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen? Und drittens: Hat mein Leben einen inhärenten Wert für mich selbst und für andere?

Besonders gut gebildete junge Leute würden heute überwiegend mit der linken Gehirnhälfte denken, die für lösbare komplizierte Probleme zuständig sei. Die für Komplexität statt Kompliziertheit verantwortliche rechte Gehirnhälfte, die die großen Geheimnisse und Wunder des Lebens wahrnimmt, verkümmere unter diesem auf technische, klar abgrenzbare Probleme fokussierten Lösungsansatz zusehends. „Internet-Sucht ist ein Sinn-Killer“, bringt Brooks das Problem auf den Punkt. Komplexes, mit der rechten Hirnhälfte erfahrbares Wissen müsse in Echtzeit gelebt werden und könne von Computern weder gespeichert noch entdeckt werden.

„Diese Asymmetrie erklärt, warum wir mit genialen Lösungen für uralte Probleme bombardiert werden, aber scheinbar keinen Fortschritt in Richtung größeren Glücks machen. Tatsächlich ist es umgekehrt: Wir verlieren unser Gefühl für den Sinn des Lebens immer schneller“, konstatiert der Forscher. Und: „Die Bedeutungs-Abwärtsspirale ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Aus Langeweile und Leere wenden sich Menschen süchtig machenden Technologien zu, was wiederum dazu führt, dass sie sich noch weniger mit den tieferen Fragen des Lebens auseinandersetzen. Das verschärft die Sinnkrise – ebenso wie die darauf entstehenden Gefühle von Traurigkeit und Angst.“

Mehr: www.welt.de.

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