Theologie

Beunruhigt es dich, wenn du dir und den Menschen missfällst?

Hans Joachim Iwand behauptet mit Luther, dass die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, allein bei und im Glauben an Jesus Christus zu finden ist (Glaubensgerechtigkeit, München: Kaiser, 1980, S. 111–112):

Um die Gottesgerechtigkeit, aus der der Glaube lebt, recht zu erfassen, muß man also alles andere sich aus dem Sinn schlagen: Gesetz, Werk, Gewissen, Vernunft, Gericht, Moral, und was der Dinge mehr sind, und – als fingen wir neu an zu leben, zu denken und zu begreifen – allein an Christus und aus ihm lernen, was „Gerechtigkeit Gottes“ heißt. Alles, was wir sonst davon wissen, hilft uns nicht, sondern hindert uns zu verstehen, was hier offenbar geworden ist.

Luther hat im Anschluß an Augustin diese Gerechtigkeit gern eine solche genannt, mit der uns „Gott bekleidet“, die er uns schenkt, und so wird sie auch meistens dargestellt. Aber es mangelt diesen Darstellungen, wie ich meine, das Empfinden für das eigentliche Problem, um das es geht: warum diese Gnade, dies Geschenk, Gerechtigkeit heißt und ist, Gottes-Gerechtigkeit! Wer weiß, ob wir trotz reicher Darstellung von Luther und seiner Lehre diesen letzten und entscheidenden Punkt bei ihm, ja mehr: diesen innersten Punkt des Evangeliums und der Offenbarung Gottes ganz verstanden haben; wer weiß, ob nicht unser landläufiges Verständnis zu einfach, zu sehr in gewohnten Bahnen laufend ist, ob wir nicht hier weiterfragen und suchen müssen?!

Luther hat einmal einen seltsamen Satz über diese Gottesgerechtigkeit geschrieben, der uns vielleicht Fingerzeig sein kann: „so daß Gott und wir in ein und derselben Gerechtigkeit sind, wie auch Gott mit demselben Wort schafft und wir sind, was er schafft, so daß wir in ihm sind und sein Sein unser Sein ist“. Der Vergleich mit der Schöpfung ist wichtig. Dieser in Christus uns begegnende Gott begegnet uns in der Tat als der Schöpfer, und das Sein, das er schafft, ist sein eigenes Sein. Nur daß hier Gott nicht schafft aus dem Nichts, sondern daß er erst zunichte machen muß, damit er neuschaffen kann! „Wer gerecht werden will, der muß zum Sünder werden, wer gesund werden möchte, gut, gerade, ja Gott ähnlich und ein christliches Glied der Kirche, der möge krank werden, böse, verkehrt, ja teuflisch, häretisch, ungläubig wie ein Türke, wie Paulus sagt: ,Wer unter euch will weise sein, der möge zum Toren werden, damit er weise werde.‘ [1 Kor 3,18] So möge denn diese Sentenz feststehen, denn so ist es der Wille Gottes im Himmel, daß er sich vorgenommen hat, durch Torheit hindurch weise, durch Schlechtigkeit hindurch gut, durch Sünde gerecht, durch Verkehrtheit gerade, durch Ungesundheit gesund, durch Ketzerei kirchlich, durch Unglaube Christen, durch die teuflische Form gottähnliche Menschen zu schaffen. Du fragst: Wie? Es soll dir schnell und kurz gesagt werden: Du kannst nicht der in Gott werden, der du möchtest, wenn du nicht zuvor der in dir selbst und vor den Menschen wirst, als den er dich will. Er will aber, daß du in dir selbst und vor den Menschen wirst, was du in Wahrheit bist, nämlich Sünder, böse, ungesund, verkehrt, teuflisch. Das sind deine Namen. Das sind deine Sachen, das ist deine Wahrheit selbst, und das ist die Demütigung; sobald das geschehen ist, bist du ja schon vor Gott, was du zu sein wünschtest, nämlich heilig, gut, wahr, gerade, fromm. Aus diesem Grunde wirst du ein anderer sein vor dir und den Menschen und ein anderer vor Gott. Was staunst du? Was beunruhigt es dich, wenn du dir und den Menschen mißfällst? Wenn du denen nicht mißfallen würdest, könntest du Gott nicht gefallen.“

Francis Schaeffer und dekonstruktivistische Spiritualität

Im Jahr 1951 erlebte Francis Schaeffer eine Glaubenskrise, die später als sein „Heuboden‑Erlebnis“ betitelt werden sollte. Nachdem er die inkonsequente christliche Praxis bei den Menschen um ihn herum und in seinem eigenen Leben beobachtet hatte, erklärte Schaeffer, er müsse zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren und seine gesamte Position in Bezug auf das Christentum neu überdenken. Er gab an, er sei an den Anfang seines Denkens zurückgekehrt und habe sich durch all seine Überzeugungen in Bezug auf das Christentum hindurchgearbeitet, wobei er zu dem Schluss kam, dass es tatsächlich wahr ist.

Christopher Talbot meint, dass sich aus Schaeffers radikalem Umgang mit seinen Zweifeln einiges für den heutigen Umgang mit der sogenannten „Dekonstruktion“ lernen lässt. In dem Aufsatz „Die Sonne kam raus und das Lied erklang“ zeichnet er die Krise nach und gibt einige hilfreiche Hinweise für die Gegenwart. 

Zitat: 

Schaeffers Krise führte nicht dazu, dass sein Pendel zu einer anderen Art von Christentum oder gar keinem Christentum ausschlug; sondern dazu, dass er sowohl die intellektuelle als auch die geistliche Realität des historischen christlichen Glaubens bejahte. Schaeffer hatte seine eigene spirituelle Krise durchlebt, in der er das Christentum in seiner Gesamtheit überdachte. Er war bereit, es vollständig zu verwerfen. Dennoch überwand er diese Zeit tiefer Zweifel; er brach durch zu einem neu entfachten Eifer für die Wahrhaftigkeit des christlichen Glaubens. Sein eigenes Engagement, seine apologetische Methode und seine Sichtweise auf das Zeugnis der Kirche im 20. Jahrhundert sind Belege eines Menschen, der sich mit Zweifeln auseinandergesetzt hat und sich um diejenigen kümmerte, die selbst mit Zweifeln kämpfen.

Schaeffer bemühte sich nicht um eine Weiterführung der Dekonstruktion, sondern führte sich und diejenigen, denen er diente, in Richtung Rekonstruktion – hin zu einer Sichtweise, die den christlichen Glauben als wahr für das gesamte Leben betrachtet. Er sah das historische Christentum als etwas Ganzheitliches und Absolutes an. Er erlebte tiefe Zweifel und diente konsequent denen, die zweifelten, während er gleichzeitig auf den ewigen, persönlichen Gott hinwies, der tatsächlich da ist. Schaeffer war nicht perfekt und bietet kein makelloses Vorbild. Dennoch verstand er das Christentum als etwas, das man nur entweder vollständig annehmen oder aber vollständig ablehnen kann. Dies spiegelt sich wieder in seiner Apologetik, die eine ganzheitliche Welt- und Lebensanschauung bietet, welche verifiziert und getestet werden kann. Voll Mitgefühl setzte Schaeffer diese überzeugende Apologetik in die Tat um. Schließlich stellte er die wahre christliche Position konsistent klar und versuchte, das wahre Christentum von unnötigem oder schädlichem kulturellen Ballast zu befreien. Durch die konsequente Umsetzung dieser Elemente bietet uns Francis Schaeffer heute eine überzeugende Vision, wie wir Menschen begleiten können, an denen Dekonstruktion und Zweifel nagen – eine Vision, die heute weitsichtiger denn je erscheint. Wenn wir Schaeffers Vorbild folgen, können wir Menschen, die selbst geistliche Zweifel durchleben müssen und daraus hervorgehen, dazu verhelfen, zu sagen: „Allmählich kam die Sonne raus, und das Lied erklang.“

Mehr: www.evangelium21.net.

„EU finanziert Abtreibungs-Mekka“

Der ehemalige EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg übt scharfe Kritik an der Entscheidung der Europäischen Kommission, Abtreibungen künftig als Gesundheitsleistung mitzufinanzieren. Die Europäische Bürgerinitiative „My Voice, My Choice“ forderte von der Europäischen Kommission, Frauen aus ganz Europa Zugang zu „sicheren Abtreibungen“ zu gewähren. Mithilfe eines neuen, von der EU finanzierten Instruments sollten Frauen auch aus Ländern mit restriktiver Abtreibungsgesetzgebung einfacher in anderen Ländern abtreiben können. Lebensrechtler bezeichnen dies als „Abtreibungstourismus“. Zwar lehnte die Kommission letzte Woche ab, ein eigenes Finanzinstrument für dieses Anliegen zu schaffen, verwies aber auf den Europäischen Sozialfonds (ESF+), über den die Mitgliedsländer zukünftig auch Abtreibungsdienste finanzieren können.

Der TAGESPOST sagte Borg: 

Nach den EU-Verträgen liegen Fragen wie Abtreibung oder Euthanasie in der ausschließlichen Zuständigkeit der Mitgliedstaaten. Wenn es kein europäisches Grundrecht auf Abtreibung gibt, wie kann man dann Staaten verpflichten, über EU-Mittel Abtreibungen in anderen Ländern mitzufinanzieren? Das widerspricht ganz klar dem Subsidiaritätsprinzip. Wenn die Kommission Kompetenzen ausdehnt, für die sie keine Zuständigkeit hat, entsteht ein gefährlicher Präzedenzfall. Heute ist es Abtreibung, morgen könnten es Steuer- oder Außenpolitik sein.

Ein einzelner EU-Mitgliedstaat kann künftig Mittel aus dem ESF+ beantragen, um Abtreibungen auch für Frauen aus anderen Mitgliedstaaten zu finanzieren, in denen diese Eingriffe nicht erlaubt sind. Länder mit liberaler Gesetzgebung könnten so zum Abtreibungs-Mekka werden und sich dank EU-Geldern mit Abtreibung bereichern.

Für alle Mitgliedstaaten bedeutet das: Wenn jetzt über den ESF+ Abtreibungen mitfinanziert werden, sind alle Mitgliedstaaten gezwungen, etwas zu finanzieren, was in einzelnen Mitgliedstaaten illegal ist oder streng reguliert wird. Das betrifft nicht nur Malta oder Polen, wo Abtreibung sehr streng reguliert wird, sondern zum Beispiel auch Italien. Dort ist Abtreibung in den letzten drei Schwangerschaftsmonaten nicht erlaubt, in anderen Ländern schon. Warum sollte Italien es jetzt indirekt mitfinanzieren, wenn eigene Staatsbürgerinnen im Ausland tun, was im eigenen Land verboten ist? Das ergibt weder politisch noch demografisch Sinn – insbesondere angesichts sinkender Geburtenraten in ganz Europa.

Mehr: www.die-tagespost.de.

„Leser dürfen erwarten, dass das Buch auf sie zukommt“

Jeff Bezos von Amazon hat bei der von ihm gekauften WASHINGTON POST massive Kürzungen durchgesetzt. Einerseits kann ich verstehen, dass er irgendwann mal schwarze Zahlen schreiben möchte, andererseits ist es irgendwie betrüblich, dass er auch die Redaktion der „Book World“ und damit den kompletten Rezensionsteil rausgeworfen hat. Amazon ist ursprünglich mit dem Verkauf von Büchern groß geworden. Bücher scheinen aber inzwischen für den Chef (und den Konzern) nur noch Waren zu sein, mit denen Geld verdient werden soll. 

In dem Artikel „Büchertapete gefällig?“ (FAZ, 28.02.2026, Nr. 50, S. 12) weist Steffen Martus darauf hin, dass die Einstellung der seriösen Literaturkritik ein Symptom einer größeren Entwicklung sei. Diese Entwicklung könne auf den Punkt gebracht werden: „Der Kunde wird überall zum König. Dieser Marketinggrundsatz, den sich niemand so sehr zu eigen gemacht hat wie Amazon, klingt schlicht, bedeutet aber für bestimmte Gesellschaftsbereiche eine enorme Herausforderung. Statt nämlich die Güte eines Produkts aus dessen Leistung und Qualität abzuleiten, tritt der Rezeptionserfolg in den Vordergrund. Der Fehler liegt somit stets beim Produkt, das sich nicht verständlich machen kann, und nicht etwa beim Kunden, der zu wenig von der Sache versteht.“

Für Bücher bedeutet das:

Diese Umorientierung ist durch viele unscheinbare Signale fest im Alltag verankert. So bestätigen etwa die omnipräsenten Kundenbefragungen den Konsumenten permanent in seiner Urteilsbefugnis und erzeugen im gleichen Moment Urteilsbedarf. Wer an immer mehr Orten – in der Toilette, im Zug, im Restaurant, beim Bäcker, in der Bibliothek, im Museum – und in immer mehr Situationen als Kunde angeschaut wird, schaut dann eben auch immer häufiger als Kunde zurück, und zwar auch auf jene Bereiche, denen das nicht guttut. Im Fall des Buches bedeutet dies: Die Leser dürfen erwarten, dass das Buch auf sie zukommt und nicht umgekehrt. Die Populärliteratur hat damit, wie der Namen [sic!] schon sagt, keine Probleme. Für die „hohe“ Literatur, die auf Originalität, Konventionsbruch und die Herausforderung der Leser setzt, verändert es die Geschäftsgrundlage.

Wenn ein Buch immer nur den Erwartungen der Leser entspricht, bleibt kaum Raum für eine Transformation durch die Lektüre. Bücher dürfen und sollen Leser herausfordern – und auch überfordern. Kant hat die Welt verändert, obwohl seine Leser zunächst die kantische Sprache erlernen mussten – nicht, weil er ihnen entgegengekommen ist.

Übrigens lässt sich in der christlichen Szene ein vergleichbarer Trend im Umgang mit der Bibel feststellen. Die Bibelleser werden dazu erzogen, dass die Heilige Schrift auf sie zukommt. Einige Kirchenvertreter fordern, dass die alten Sprachen aus dem Theologiestudium verbannt werden. Und auch die immer stärkere Verbreitung kommunikativer Bibelübersetzungen ist nichts anderes als ein Auf-den-Leser-Zugehen. Sätze in der BasisBibel enthalten in der Regel nicht mehr als 16 Wörter. Der eine Satz aus Epheser 1,3–14 enthält nach meiner Zählung 202 Wörter. 

Wenn die Bibel ständig an den Erkenntnishorizont ihrer Leser herangeführt wird, können diese nicht aus ihrer Erkenntnisenge herausgeführt werden. Kommunikative Bibelübersetzungen haben durchaus ihre Daseinsberechtigung. Bei ihrem besonnenen Einsatz darf allerdings nicht vergessen werden, dass es der menschliche Sinn ist, der einer Transformation bedarf. Die Bibel darf und soll ihren Leser überfordern, aufregen und stören. Nur dann kann das Gedankenkarussell des menschlichen Denkens aufgebrochen werden. 

Gleiches ließe sich über die Predigt sagen. In vielen Kirchengemeinden wird noch maximal 15 Minuten gepredigt. Das mag den Erwartungshaltungen der Hörer entsprechen. Bibeltexte gründlich auslegen kann man in so einer kurzen Zeit aber nicht. 

Hier übrigens noch eine Buchempfehlung für Bibeleinsteiger: Bibelstudium für Einsteiger: Eine Einführung in das Verstehen der Heiligen Schrift von R.C. Sproul (#ad).

„Chatbots sind so etwas wie ein Beichtstuhl“

Zoë Hitzig hat bei dem Unternehmen Open AI gekündigt, weil sie die Entscheidung, Werbung auf ChatGPT einzuführen, nicht mittragen kann. Das verdient Respekt! In einem FAZ-Interview erläutert sie ihre Bedenken. Open AI habe sich gewandelt, „von einem Unternehmen, das Sorgen über Effekte dieser Technologien in den Vordergrund gestellt hat, zum am schnellsten wachsenden Start-up der Geschichte“.

Weiter: 

Und das hat dann etwaige gute Absichten verschwinden lassen?

Ich denke, der überwältigende Erfolg von ChatGPT hat eine massive Versuchung geschaffen, der Leute an entscheidenden Stellen im Unternehmen erlegen sind. Außerdem gibt es ein gnadenloses Rennen um KI-Technologien, nicht nur innerhalb der USA, sondern mit Wettbewerbern aus dem Ausland, zum Beispiel China. Der Markt ist extrem umkämpft, und das setzt die Unternehmen unter Druck.

Warum finden Sie Werbung in Chatbots wie ChatGPT schlimmer als in sozialen Medien?

Aus zwei Gründen. Zum einen wegen der Daten, die KI-Systeme haben. Soziale Medien wissen zwar auch sehr viel über ihre Nutzer. Aber das leiten sie vor allem von ihren Handlungen ab, also was sie anschauen, was sie anklicken oder was sie kaufen. Bei Chatbots geht es um mehr. Sie sind so etwas wie ein Beichtstuhl. Nutzer vertrauen ihnen ihre privaten Gedanken und auch ihre tiefsten Ängste an.

Und der zweite Grund?

Die Einführung von Werbung schafft einen Anreiz für Unternehmen, die Zeit zu maximieren, die Nutzer mit den Chatbots verbringen. Und ich habe Angst, dass wir die sozialen und psychologischen Konsequenzen, die das haben kann, noch gar nicht verstehen. Und wenn ich diese beiden Sachen kombiniere – Maximierung von Zeit mit einer Technologie, die Zugriff auf private Gedanken hat –, dann finde ich das ziemlich furchteinflößend.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Die Entheiligung der Sexualität

Carl Trueman liefert in seinem Artikel „Playing God, Becoming Nothing“ Beobachtungen, die für eine Entheiligung und -würdigung des Menschen in einer Kultur sprechen, in der Gott keine Rolle mehr spielt:

In der vergangenen Woche habe ich drei Dinge gelesen, die einen Einblick darin eröffneten, wie leer die moderne Vorstellung davon, was es bedeutet, Mensch zu sein, tatsächlich ist.

Das erste war eine E-Mail, die ich von einem Studenten einer Ivy-League-Universität erhielt [d.h., sie gehört zu den prestigeträchtigsten Universitäten der USA; Anm. R.K.], an der ich kürzlich einen Vortrag über die Verrohung gehalten hatte, die unsere heutige Zeit kennzeichnet. Er erinnerte sich daran, wie er einige Tage nach meinem Vortrag in eine Bar ging, in der sich intelligente, kluge junge Leute aufhielten – Studenten, Anwälte, Vertreter der professionellen, intellektuellen Schichten. Dort fiel ihm auf, dass auf den Fernsehbildschirmen an der Wand nicht wie üblich Profisport übertragen wurde, sondern pornografische Filme mit Sexszenen. So schockierend das für ihn auch war, noch schockierender war die Selbstverständlichkeit, mit der der Barbetrieb wie gewohnt weiterging und die Gespräche unvermindert fortgesetzt wurden.

Pornografie steht für die moderne Entmenschlichung. Sie ist der praktische Höhepunkt der Logik der sexuellen Revolution, indem sie den intimsten Akt der Selbsthingabe zwischen zwei Menschen in einer festen, dauerhaften Beziehung in kostenlose Unterhaltung verwandelt und sexuelle Handlungen und diejenigen, die sie ausüben, zu Waren für die billige Unterhaltung Dritter degradiert. Und in dieser Bar war sie zu nichts weiter als Hintergrundgeräuschen beim Mixen von Cocktails und beim alltäglichen Beisammensein geworden. Was einst den schäbigsten Clubs in den zwielichtigsten Gegenden der Stadt vorbehalten war, findet man heute in Mainstream-Etablissements, wo es bei den Kunden höchstens ein Achselzucken oder ein Augenrollen hervorruft. Etwas, das einst als heilig galt, wurde entweiht, und niemand schien sich darum zu kümmern oder es überhaupt zu bemerken. Man kann nur zu dem Schluss kommen, dass Sex so sehr entweiht wurde, dass jeder Rest seiner heiligen Bedeutung in der Vorstellung der Menschen längst verschwunden ist.

Mehr: firstthings.com. Empfohlen sei auch Der Siegenzug des modernen Selbst von Carl Trueman. 

Die sexuelle Revolution im Judentum

Dennis Prager hat 1993 den bemerkenswerten Aufsatz „Judaism’s Sexual Revolution“ veröffentlicht (Crisis 11, Nr. 8 (September 1993). Seine These: Durch das Judentum (und später das Christentum) wurde die Pansexualisierung der heidnischen Kulturen überwunden. Das bedeutet, dass sexuell völlig überladene Gesellschaften lernten, dass menschliche Sexualität einen Schutzraum benötigt. Diese für den Westen sehr förderliche Entwicklung wird mit dem erneuten Einzug des Heidentums umgekehrt. 

Hier ein Auszug: 

Gesellschaften, die der Sexualität keine Grenzen setzten, wurden in ihrer Entwicklung behindert. Die spätere Vorherrschaft der westlichen Welt lässt sich weitgehend auf die sexuelle Revolution zurückführen, die vom Judentum initiiert und später vom Christentum fortgeführt wurde.

Diese Revolution bestand darin, den sexuellen Geist in die Flasche der Ehe zu zwingen. Sie sorgte dafür, dass Sex nicht mehr die Gesellschaft dominierte, verstärkte die Liebe und Sexualität zwischen Mann und Frau (und schuf damit fast im Alleingang die Möglichkeit von Liebe und Erotik innerhalb der Ehe) und begann mit der mühsamen Aufgabe, den Status der Frau zu verbessern.

Für uns, die wir Tausende von Jahren nach Beginn dieses Prozesses durch das Judentum leben, ist es wahrscheinlich unmöglich, das Ausmaß zu erkennen, in dem undisziplinierter Sex das Leben des Menschen und das Leben der Gesellschaft dominieren kann. In der gesamten Antike und bis in die jüngste Vergangenheit hinein durchdrang Sexualität in vielen Teilen der Welt praktisch die gesamte Gesellschaft.

Die menschliche Sexualität, insbesondere die männliche Sexualität, ist polymorph oder völlig wild (weitaus mehr als die Sexualität der Tiere). Männer hatten Sex mit Frauen und mit Männern, mit kleinen Mädchen und Jungen, mit einem einzigen Partner und in großen Gruppen, mit völlig Fremden und unmittelbaren Familienmitgliedern sowie mit einer Vielzahl von domestizierten Tieren. … Natürlich wurden nicht alle diese Praktiken von der Gesellschaft geduldet – Inzest zwischen Eltern und Kindern und die Verführung der Frau eines anderen Mannes wurden selten toleriert –, aber viele Praktiken wurden toleriert, und alle veranschaulichen, wohin ein ungezügelter oder, in Freudschen Begriffen, „nicht sublimierter“ Sexualtrieb führen kann.

Das Judentum unterwarf die Sexualität Kontrollen. Sie durfte nicht länger das religiöse und gesellschaftliche Leben dominieren. Sie sollte geheiligt – was im Hebräischen „getrennt“ bedeutet – von der Welt und in das Zuhause, in das Bett von Mann und Frau verbannt werden. Die Einschränkung des Sexualverhaltens durch das Judentum war eines der wesentlichen Elemente, die den Fortschritt der Gesellschaft ermöglichten. Zusammen mit dem ethischen Monotheismus führte die Revolution, die die Thora mit ihrer Ablehnung der sexuellen Praktiken der Welt auslöste, zu den weitreichendsten Veränderungen in der Geschichte.

Ich habe den Aufsatz hier gefunden.

Francis Schaeffer’s Whole-of-Life Theology and the Making of the L’Abri Mind

Andrew Carter hat an der Durham University die Untersuchung „Francis Schaeffer’s Whole-of-Life Theology and the Making of the L’Abri Mind“ veröffentlicht.

Im Abtract heißt es: 

Francis Schaeffer (1912–1984) war ein bedeutender evangelikaler Pastor und Apologet, der in den Vereinigten Staaten und in Westeuropa tätig war. Im Laufe seines Lebens kontextualisierte er das Evangelium für eine neue Generation, verfasste über 22 Bücher, hielt unzählige Vorträge zu zahlreichen Themen, drehte zwei Dokumentarfilmreihen und beeinflusste persönlich Tausende von Menschen. 1955 gründete er zusammen mit seiner Frau Edith die L’Abri Fellowship, eine christliche Gemeinschaft, die die Realität Gottes durch das normale Leben demonstrieren soll. Heute gibt es weltweit zehn Zweigstellen von L’Abri, die Gäste einladen, um gemeinsam die tiefsten Fragen des Lebens zu erforschen.

Teil 1 dieser Studie stellt Schaeffer vor und untersucht, warum er so wichtig ist. Teil 2 enthält vier Kapitel, die den integrierenden Faktor in Schaeffers Theologie untersuchen: die Herrschaft Christi über das gesamte Leben und seine Ablehnung einer Spiritualität, die das Leben in verschiedene Bereiche aufteilt. Die Schlussfolgerung dieser Kapitel lautet, dass Schaeffers Herangehensweise an den christlichen Glauben so einzigartig ist, dass man sie als „Schaeffer-Denken” bezeichnen kann. Teil 3 untersucht, wie der Schaeffer-Gedanke von einer neuen Generation von L’Abri-Führern und -Denkern aufgegriffen, modifiziert und weiterentwickelt wurde.

Zu diesem Zweck betrachten wir drei Themen, die zwar bei Schaeffer vorhanden sind, aber von anderen Mitgliedern der Gemeinschaft weiterentwickelt wurden: Erstens die These von Jerram Barrs und Ranald Macaulay, dass Erlösung die Wiederherstellung der wahren Menschlichkeit darstellt, zweitens Dick Keyes’ kulturelle Apologetik und drittens Wade Bradshaws Auseinandersetzung mit einer rivalisierenden Geschichte. Abschließend betrachten wir Nancy Pearcey, die zwar nicht streng genommen zu L’Abri gehört, aber dennoch in dieser Tradition schreibt, Schaeffers Lehre auf den neuesten Stand bringt und sie auf neue Bereiche anwendet.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich Schaeffers Denken zu etwas entwickelt hat, das in der breiteren evangelikalen Welt seinesgleichen sucht. Ich nenne dies die L’Abri-Denkweise. Die Studie schließt mit dem Versuch, ihre wichtigsten Bestandteile zusammenzufassen und zu erläutern, warum sie von Bedeutung ist.

Die Untersuchung kann hier heruntergeladen werden: Final_PhD_Document_July_2024_.pdf.

Augustinus: Wie der Teufel die Häretiker auf den Plan brachte

Im 18. Buch seines De civitate Dei beschreibt Augustinus die Verwirrung, die durch falsche Lehrer gestiftet wird (Vom Gottesstaat, München: DTV, 2007, S. 504, 18,51):

Als nun der Teufel sah, daß die Dämonentempel leer standen und das Menschengeschlecht dem Namen des rettenden Mittlers zueilte, brachte er die Häretiker auf den Plan, die unter dem Deckmantel des christlichen Namens der christlichen Lehre widersprachen; als ob man solche Leute unterschiedslos und ohne Zurechtweisung im Gottesstaate dulden könnte, wie der Staat der babylonischen Verwirrung sich unterschiedslos Philosophen verschiedener und entgegengesetzter Richtungen gefallen ließ. Die also in der Kirche Christi ungesunden und verkehrten Ansichten huldigen und der Zurechtweisung, die sie zum Gesunden und Richtigen zurückführen möchte, hartnäckig widerstreben und ihre verpestenden, todbringenden Lehren nicht aufgeben wollen, sondern unentwegt verteidigen, werden zu Ketzern, verlassen damit die Kirche und werden zu den Feinden gerechnet, die um ihrer Übung willen nötig sind.

Augustinus: Gottes Gerechtigkeit ist mit seiner Güte vereinbar

Auf Anfrage des karthagischen Diakons Quodvultdeus verfasste Augustinus parallel zu seinen berühmten Retractationes in den Jahren vor seinem Tod einen sogenannten „Häretikerkatalog“, in dem er insgesamt 88 Gruppierungen unter dem Oberbegriff der Häresie klassifizierte und beschrieb.

Vanessa Bayha hat in ihrer im Wintersemester 2022/21 von der Theologischen Fakultät der Universität Tübingen angenommenen Dissertation diesen augustinischen Häretikerkatalog fortlaufend kommentiert. Dabei rückt Augustins spezifische Kenntnis der jeweiligen Gruppierungen vor dem Hintergrund seines eigenen antihäretischen Engagements und seines Gesamtwerks sehr gut in den Blick. Die Untersuchung wirft ein Schlaglicht auf so gut wie alle Kontroversen, in denen Augustinus zeitlebens verwickelt war.

Der Beitrag in haer. 21 im Häretikerkatalog lässt deutlich erkennen, dass sich Augustinus sowohl gegen die Manichäer als auch gegen die Pelagianer für die Einheit im Gottesbild sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments aussprach.

Ich zitiere aus (#ad): Bayha, V., Augustins „De haeresibus“: Ein Kommentar, Paderborn: Brill Schöningh, 2023, S. 150–151:

Irenäus, auf den die Vorlage für haer. 21,2–4 zurückgeht, hält gegen gnostische Tendenzen, Gottes Gerechtigkeit und Güte als unvereinbar zu betrachten, Gott als den Ursprung der Gerechtigkeit fest. Gottes iustitia manifestiert sich demnach sowohl in der Gabe des alttestamentlichen Gesetzes als auch in der Inkarnation Jesu Christi. Augustins Argumentation bezüglich des deus iustus ist allem voran gegen Manichäer und Pelagianer ausgerichtet; so verteidigt er gegen erstere besonders die Gerechtigkeit des alttestamentlichen Gottes und hält gegen letztere fest, dass Gott auch dann gerecht ist, wenn er einige nicht erwählt. Gegen die manichäische Behauptung, die göttliche Natur sei nicht vollkommen gut, setzt Augustin iustitia diuina [sic ?]und bonitas dei konstitutiv in eins; in der pelagianischen Kontroverse werden entsprechend iustitia und caritas dei parallelisiert. Für die Interpretation von haer. 21,3 hat dies zur Folge, dass die Alternative bonus oder iustus in ihrer Applikation auf den Gott des Gesetzes und der Propheten Augustin zufolge im Grundsatz verfehlt ist. Für Augustin gibt es nur einen Gott, der in beiden Testamenten bezeugt wird, den er als summum bonum bekennt und den er in der Konfrontation mit der manichäischen Zurückweisung des Gesetzes und des Alten Testaments verteidigt. Im Zuge dieser Verteidigung der Einheit im Gottesbild beider Testamente hält Augustin auch an der Güte und Gerechtigkeit des Gesetzes und an der Kontinuität zwischen dem mosaischen Gesetz und der lex Christi als Manifestationen des einen Gotteswillens fest. Christus gilt demzufolge als Geber des neuen Gesetzes und auch die Entsprechung zwischen der „lex, quae per Moysen data est“ und der „gratia et ueritas per lesum Christum facta“ wird im Zuge des übergreifenden Schemas von Verheißung und Erfüllung interpretiert. Entsprechend der paulinischen Gesetzesvorstellung hält Augustin fest, dass das Gesetz heilig, gerecht und gut sei (vgl. Röm 7,12), insofern es dem Menschen das Gute bekannt macht und einen Weg zu seiner Erfüllung aufzeigt. Im Zusammenhang der pelagianischen Kontroverse arbeitet Augustin sein Gesetzesverständnis weiter aus, wobei die positive Funktion des Gesetzes per se bestehen bleibt, da es denjenigen zur Gerechtigkeit dient, die es erfüllen. Durch das Kommen Christi bleibt die lex in Geltung; eine Neuerung findet im Menschen statt, der kraft göttlicher Gnade in den Stand versetzt wird, der eine Gesetzeserfüllung möglich macht In De spiritu et littera wird diese Wechselbeziehung zwischen lex und gratia deutlich, wenn Augustin etwa formuliert: „lex ergo data est, ut gratia quaereretur, gratia data est, ut lex impleretur“. Wenngleich Augustin zufolge die Konfrontation des Menschen mit seiner Unfähigkeit, das Gesetz zu erfüllen, durch das Zuteilwerden der Christusgnade vollkommen übergipfelt wird, appliziert er den Begriff der lex auf beide Zusammenhänge, wenn er der lex operum die lex fidel gegenüberstellt und somit betont, dass der Maßstab der Gerechtigkeit kontinuierlich in Geltung steht. Die gnadenhafte Restitution der Beziehung zwischen Gott und Mensch in Christus kann wiederum mit dem Terminus der iustitia beschrieben werden. Somit ist letztlich die verfehlte Antithese zwischen bonus und iustus nicht nur für haer. 21,3 aufzuheben, vielmehr wäre die Einheit beider Attribute nach Augustin auch dem pater Christi (vgl. haer. 21,4) zuzuschreiben.

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