Das Netzwerk Evangelium21 stellt sich hinter das „Kasseler Memorandum“, das Bibel und Bekenntnis in Kassel auf der letzten Konsultation verabschiedet wurde (siehe hier). Wer wissen möchte, was für Fragen und Perspektiven auf dem Online-Treffen erörtert wurden, sollte sich z.B. den Vortag von Markus Till anhören:
In einer Q-Session-Diskussion mit dem Moderator und Gründer von Q Ideas, Gabe Lyons, erklärte Tim Keller vor einigen Monaten, dass die säkulare Kultur in Amerika jetzt an einem Punkt angelangt sei, an dem „die einzige Sünde darin besteht, den Menschen zu sagen, dass sie sündigen“. Keller sagte:
Das bedeutet, dass wir die erste Kultur sind, die nicht nur nicht glaubt, dass es hier draussen eine Wahrheit gibt, es ist alles subjektiv. Es ist auch die erste Kultur, die nicht nur glaubt, dass die Christen falsch liegen, sondern dass sie das Problem sind, erklärte er.
Den Eindruck, dass Christen, die ihren Glauben sehr ernst nehmen, ein Problem sind, vermittelt auch der DLF-Beitrag „Evangelikale Front bröckelt“ von Katja Ridderbusch, der sich den Narrativ der progressiven Evangelikalen oder Postevangelikalen aneignet. Demnach erfahren Christen eine tiefe Befreiung, wenn sie sich von einer sklavischen Bindung an die Heilige Schrift lösen. Eingeräumt wird sogar, dass das Exil aus der Welt der Evangelikalen letztlich im Atheismus enden könne. So wie bei Amy Hayes:
Ihr Glaube sei ihr wichtig, sagt Hayes, immer noch. Aber einer Konfession oder Kirche fühlt sie sich heute nicht mehr zugehörig. Sie würde sich am ehesten bezeichnen als Post-Evangelikale bezeichnen, auf der Suche nach Spiritualität. Ihre Mutter fürchte manchmal, dass sie während ihres Studiums zur Atheistin werde. Eine Sorge, die nicht ganz unberechtigt sei, sagt Hayes, lacht hinter ihrer lindgrünen Stoffmaske und zuckt mit den Schultern.
Grayson Hester, der in dem Beitrag ebenfalls interviewt wird, will hingegen Christ bleiben. Allerdings grenzt auch er sich von einer Bekenntnisorientierung ab:
Ich identifiziere mich als Christ, als queerer Christ. Und als Baptist, aber mit Einschränkungen. Ich mag einige Prinzipien der Baptisten, die strikte Trennung von Kirche und Staat oder die Unabhängigkeit der lokalen Kirchengemeinde. Und ich halte die Bibel sehr hoch, nicht als absolute und alleinige Richtschnur, aber als Autorität. Einige Elemente meines Glaubens sind klassisch evangelikal, aber mit der politischen Bedeutung, die der Begriff angenommen hat, identifiziere ich mich in keiner Weise.
Natürlich kommt auch David Gushees, der Autor des Buches After Evangelicalism, reichlich zur Wort. Er stellt einen Nexus zwischen Donald Trump und dem Evangelikalismus her. Beide verbinde eine gewisse toxische Wirkung, die Amerika und die Welt auch dann noch ertragen müssten, falls Trump die Wahl verliere:
Es gibt noch immer viele von ihnen und sie sind hochmotiviert. Die meisten weißen konservativen Evangelikalen sind mittlerweile komplett vom Geist des Trumpismus durchsetzt – von Gemeinheit und Bösartigkeit. Das wird noch lange nach Trump zu spüren sein, und es wird dauern, die politische und die religiöse Kultur in den USA zu entgiften.
Um nicht missverstanden zu werden: Donald Trump darf kritisiert werden und ich kritisiere ihn. Eine Politisierung des Glaubens ist meines Erachtens in einem sehr grundsätzlichen Sinn problematisch. Ich kann deshalb zum Beispiel nicht verstehen, warum MacArthur sagen kann, dass jeder „wahre Gläubige“ Donald Trump wählen wird. Will MacArthur wirklich jemanden, der nicht wählt oder die Demokraten wählt, aus der Gemeinde ausschließen? Ich hoffe nicht!
Hier also der Beitrag, der den Evangelikalismus letztlich einfältig mit dem Trump-Lager verknüpft und folglich in ihm auch eine Gefahr sieht, der man sich entziehen kann, wenn man sich „theologisch weiterentwickelt“. Queere Mission, wenn mal so will:
James Innell Packer, besser bekannt als J.I. Packer, war einer der berühmtesten und einflussreichsten evangelikalen Leiter der Gegenwart. Er starb am Freitag, den 17. Juli im Alter von 93 Jahren.
J.I. Packer verteidigte auf intelligente Weise die Autorität der Bibel. Auch in zahlreichen anderen Fragen half er konservativen Christen, ihre Position zu begründen, etwa in der Sexualethik, der Frage der Frauenordination, der Hölle oder dem Sühnewerk von Jesus Christus.
Ich bin Packer vor vielen Jahren einmal begegnet, als er die Bibelübersetzung ESV vorgestellt hat. Seine große Liebe zum Wort Gottes hat mich sehr beeindruckt. Er legte viel Wert darauf, dass wir die Heilige Schrift gründlich studieren und dabei nicht auf oberflächliche Übersetzungen zurückgreifen, sondern möglichst nah am Grundtext arbeiten.
Benjamin Schmidt, Leiter des Heroldverlags, hat 2019 das Leben von J.I. Packer in einem Vortrag vorgestellt und dabei auch kritische Punkte angesprochen. Ich empfehle den Vortrag an dieser Stelle sehr gern, so wie auch das wunderbare Buch Gott erkennen, das von Benjamin neu übersetzt worden ist.
Die Musikerin Alisa Childers hinterfragt die Entkehrungsgeschichten der prominenten Komödianten Ricky Schröder und Ralph Macchio und zeigt, dass nicht die Argumente, sondern die medialen Vermarktungen zählen.
Nachdem er das Christentum auseinandergenommen hatte, hatte Rhett allerdings keine glaubhafte Alternative zur Erklärung der Wirklichkeit anzubieten. Er sprang quasi nicht vom christlichen Boot in ein anderes, sondern in ein „Meer der Ungewissheit“. An die Stelle seines Christseins sind nun, nach seinen eigenen Worten, „Offenheit und Neugierde“ getreten. Er beschreibt, wie befreiend das Loslassen des „Appetits auf Gewissheit“ gewesen sei. Dem aufmerksamen Beobachter wird nicht entgangen sein, dass Rhett einfach die eine Weltanschauung durch eine andere ersetzt hat, namentlich das Christentum durch die Postmodernität mit all ihrer Skepsis, der Ablehnung absoluter Werte und ihrem Relativismus.
Francis Schaeffer schrieb 1975 (dt. Der Schöpfungsbericht, 1976, S. 7):
Meiner Überzeugung nach ist die entscheidende Frage, die die Evangelikalen in den nächsten Jahren durchdiskutieren müssen, die Frage nach ihrer Stellung zur Heiligen Schrift. Daran wird sich erweisen, ob der Evangelikalismus evangelikal bleiben wird.
Am 23. September 1981 war Francis A. Schaeffer der Hauptredner für den Mittwochabend-Gottesdienst der 1. Generalversammlung in der Ward Presbyterian Church in Livonia, Michigan (USA). Der Vortrag wurde mitgeschnitten. Obwohl die Qualität zu wünschen übrig lässt, erlaubt die Aufnahme einen guten Einblick in die Art, wie Schaeffer in den letzten Lebensjahren zu den Gemeinden sprach. Er hatte gerade das Manuskript des Buches A Christian Manifesto abgeschlossen. Schaeffer zeigte in dem Buch, wie Recht, Regierung, Bildungseinrichtungen und die Medien zu einer Abkehr von den jüdisch-christlichen Wurzeln beigetragen haben.
Es ist schon erstaunlich, was die evangelikale Verlagswelt heutzutage so puscht. Ein „Wir sind Gott“-Hobbytheologe darf inzwischen in einer adeo-Publikation für seine skurrilen Thesen werben. Auf einer Pressekonferenz hat er kürzlich das Buch Kirche, öffne dich vorgestellt (das MEDIENMAGAZIN PRO berichtet darüber).
Der adeo-Verlag gehört zur Stiftung Christlicher Medien (früher Hänssler). SCM schreibt über das Selbstverständnis der Verlagsgruppe: „Sie versteht sich dabei als „ein Haus mit vielen Zimmern“, das offen ist für alle publizistisch tätigen Organisationen, die auf der Basis der Deutschen Evangelischen Allianz arbeiten … Der Vorstand und die Mitarbeiter dieser größten evangelischen Verlagsgruppe sehen es als ihren Auftrag, die christliche Botschaft aktiv zu verbreiten.“
Ist die Allianz inzwischen so breit aufgestellt, dass auch die Botschaften eines Glööckler hineinpassen? Oder nimmt die Verlagsgruppe ihren Auftrag nicht mehr so ernst?
Harald Glööckler verkündet ja – wenn man genau hinhört – einen anderen Glauben.
Anything goes. Ein weiterer Tiefpunkt in der Welt der Evangelikalen.
Viele „Bildungspolitiker“ träumen davon, dass eine Welle der Digitalisierung die Schulen in Deutschland nach vorn bringt. Demnächst sollen Schüler in NRW sogar ihr eigenes Smartphone im Unterricht nutzen.
Großer Unfug, meint Jürgen Kaube und spricht mir aus dem Herzen:
An vielen Schulen dieses Landes sind Smartphones nicht als Lösung, sondern als Problem bekannt. Man hat darum mancherorts die Nutzung der Geräte im Bereich der Schule untersagt: um Ablenkung im Unterricht zu verhindern. Um die Schule nicht zur Versammlung isoliert computerspielender oder filmchenschauender Atome zu machen, die sich der Bildschirme halber nur noch in den schattigen Zonen des Pausenhofs bewegen. Um Cybermobbing wenigstens ein paar Stunden lang zu verhindern. Die Behauptung, es handele sich bei Smartphones in Händen von Kindern und Jugendlichen in erster Linie um Instrumente der Wissensgesellschaft, ist abenteuerlich.
Das Magazin CHRISTIANITY TODAY berichtet über Turbulenzen am Moody Bible Institute (MBI) in Chicago (USA). Der Präsident der Einrichtung, J. Paul Nyquist, und der Geschäftsführer, Steve Mogck, haben ihr Amt niedergelegt. Der Verwaltungsdirektor Junias Venugopal ist in den Ruhestand gegangen. Das Leitungsgremium gab bekannt, dass die Zeit für eine neue Leitung gekommen sei.
Erst im Oktober 2017 hatte eine Absolventin des MBI einen Offenen Brief eingereicht und sich darin über die Einstellung einiger Dozenten und Studenten beschwert. Die Disziplinlosigkeit sei offensichtlich und bedrückend gewesen. Die Autorin des Briefes thematisierte zudem eine Verflachung der Lehre am Institut. Es werde mehr über Gesellschaftstransformation als über die Verkündigung des Evangeliums für Verlorene gesprochen. Besonders auffällig sei diese Tendenz beim Thema „Urbane Mission“.
Der Leiter der Abteilung betonte konsequent menschliche Handlungen und Heilmittel gegenüber dem Evangelium und betonte, dass es wichtig sei, unsere Werte zu leben, anstatt explizit zu sein. Als ich respektvoll sagte, dass das Evangelium das Unterscheidungsmerkmal christlichen Engagements sei, da Nichtchristen soziale Projekte ebenfalls durchführen könnten, sagte er: „Wir können uns bewusst um Menschen kümmern, ohne sie geistlich zu betreuen“. Ich kam nach vielen Diskussionen zu der Schlussfolgerung: Die Definition des Evangeliums steht der Befreiungstheologie und dem sozialen Evangelium näher als den biblischen Anliegen. Seine Idee, die er in allen Klassen, die ich besucht habe, konsequent darlegte, war, dass es im „Dienst“ nicht um Erlösung gehe; stattdessen müsse die Kirche anderen helfen, sich von den gesellschaftlichen und politischen Zwängen der Gesellschaft zu befreien.
Julie Roys, Moderatorin einer bekannten Radiosendung des Moody Bible Institutes, hatte vor wenigen Tagen außerdem den übertriebenen Luxus und fehlende Transparenz im Umgang mit Geld in der Führungsetage der Einrichtung geschildert. Sie schrieb etwa:
Von 2000 bis 2008 soll das Institut wieder eigenmächtig gehandelt haben, indem es Jerry Jenkins, dem Autor der beliebten Bücher „Left Behind“ und dann Vorsitzender des Board of Trustees von Moody, eine Luxus-Suite im obersten Stockwerk der Jenkins Hall zur Verfügung gestellt hat. 1999 spendete Jenkins Moody eine ungenannte Summe, die es dem Institut ermöglichte, das Gebäude zu erwerben, das seinen Namen trägt. Und laut einem Artikel aus dem Jahr 2006 in der Chicago Tribune verwandelte MBI zwei ehemalige große Einheiten im obersten Stockwerk des Gebäudes in eine Suite für Jenkins und seine Frau, was laut von Regierungsbeamten „verstörend“ sei.
Julie Roys wurde daraufhin ohne Angabe von Gründen gekündigt.