Theologie

Feuer des Zweifels in Frankreich

Immer mehr französische Kirchen zerfallen. Mit der Einführung des Gesetzes zur Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1905 wurde die Katholische Kirche enteignet und 83 Kathedralen des Landes gingen in den Besitz des Staates über. Die etwa 45.000 katholischen Kirchen gehören nun den Kommunen. Viele von ihnen sind in Gefahr, da die Kassen leer sind und nur noch wenig Menschen die Gottesdienste besuchen.

Die Welt am Sonntag hat in dem Artikel „Feuer des Zweifels“ den Verfall der Katholischen Kirche in Frankreich beschrieben (06.09.2020, Nr. 36, S. 8). Deutlich wird, dass nicht nur das fehlende Geld für den Zerfall verantwortlich ist. Es gibt einen aktiven Vandalismus und zunehmende Glaubenslosigkeit. Martin Meister schreibt:

Jeden Tag werden in Frankreich durchschnittlich zwei katholische Kirchen
beschmiert, mutwillig zerstört oder entweiht. Messkelche werden gestohlen,
aber auch Gemälde, sogar Stühle. Das Innenministerium zählte 2018 mehr als 1000 „antichristliche Taten“ gegenüber 541 antisemitischen und 100 islamophoben. Die Motive sind unterschiedlich, in der Regel sind es Jugendliche, die sich langweilen, sagen Experten. In den seltensten Fällen seien die Taten politisch oder satanistisch motiviert.

Edouard de Lamaze, Vorsitzender der Organisation Observatorium für das
Religiöse Kulturerbe, sagt: „Jede zweite Woche eröffnet in Frankreich eine neue Moschee, während wir jedes Jahr 40 bis 50 katholische Kirchen verlieren, weil sie abgerissen, verkauft oder radikal umgebaut werden.“

Weiter fragt sie:

Wie steht es um den Glauben eines Landes, das sich lange Zeit stolz als „älteste
Tochter der katholischen Kirche“ bezeichnet hat? Frankreich ist vom Zweifel befallen. „Der Prozess der Ent-Christianisierung, der in den 60er-Jahren begonnen hat, steht kurz vor dem Abschluss“, konstatiert der Politloge und Meinungsforscher Jérôme Fourquet. Den Anteil praktizierender Katholiken schätzt Fourquet auf gerade noch sechs Prozent der Bevölkerung. „Die Matrix, die Frankreichs Gesellschaft über Generationen geprägt hat, löst sich endgültig auf.“

Nochmal: Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?

51To8PG9o9L SX296 BO1 204 203 200Warum man die Bibel mit gutem Wissen und Gewissen anders lesen kann als Siegfried Zimmer, beschreibe ich in dem Artikel „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“. Darin heißt es:

In den vergangenen Jahren bin ich mehrfach Leuten begegnet, die ganz begeistert von Worthaus-Konferenzen zurückgekehrt sind. Einige dieser Besucher erklärten mir unverblümt, dass sie die biblizistischen Predigten in ihren Heimatgemeinden leid sind. So wie Peter, dem es schwer viel, überhaupt noch zuzuhören, wenn ein Bruder auf der Kanzel stand und nur das wiederholte, was jeder Leser sowieso im Bibeltext vorfand. „Bei Siegfried Zimmer habe ich endlich mal was Neues gehört“, schwärmte er. „Der nimmt die Bibel auch sehr ernst. Aber er gräbt tiefer und berücksichtigt die Kultur, in der die Texte entstanden sind. Dieser Mann ist nicht nur ein glänzender Rhetoriker, er legt die Schrift wissenschaftlich und relevant aus“, teilte mir Peter mit einem gewissen Stolz mit. Dann wollte er wissen, was ich von Siegfried Zimmer halte.

Siegfried Zimmer bin ich bis heute persönlich nicht begegnet. Worthaus-Vorträge hatte ich freilich schon gehört. So bestätigte ich, dass Zimmer ein wortgewaltiger Redner ist, der seine Hörer in den Bann zieht und manchmal kräftig gegen andere austeilt. Zu seiner Sicht auf die Heilige Schrift konnte ich auch etwas sagen, denn sein Buch Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? habe ich gelesen. Also fing ich an, zu berichten, was ich dort entdeckt habe. Einiges davon will ich auf den folgenden Seiten erzählen. Ich weiß, dass ich manchem Leser damit viel abverlange.

Der evangelische Pädagoge und Theologe Prof. Dr. Siegfried Zimmer plädiert für ein Bibelverständnis jenseits von radikaler Kritik und Bibelgläubigkeit. Mit geradezu missionarischem Eifer versucht er seit vielen Jahren, evangelikale Christen vom Nutzen der Bibelwissenschaft zu überzeugen. Was soll auch schlecht sein an der Bibelwissenschaft? Sollen wir nicht alle gründlich und nachvollziehbar die Bibel studieren? Würde Zimmer für eine methodisch sorgfältige und nachprüfbare Schriftauslegung werben, würde er bei vielen – mindestens bei mir – offene Türen einrennen. Doch wenn Zimmer von Bibelwissenschaft spricht, meint er eigentlich Bibelkritik, denn beide Begriffe bezeichnen für ihn „das Gleiche“ (S. 147). Das Wort „Bibelkritik“ meidet er im nichtwissenschaftlichen Gespräch aus strategischen Überlegungen. Er möchte nicht unnötig verunsichern. Gemeint ist mit Bibelwissenschaft jedoch ein kritischer Umgang mit der Bibel in „positiver Absicht“. „Der entscheidende Schritt, um dieses Ziel zu erreichen, heißt: Die Bibel erst einmal aus ihrer Zeit heraus verstehen zu lernen“ (S. 146). Um dieses Ziel zu erreichen, müsse die Bibel traditionskritisch, kirchenkritisch, dogmenkritisch, frömmigkeitskritisch und selbstkritisch gelesen werden (vgl. S. 146). Neuzeitliche Methoden wie die Literarkritik oder die Redaktionskritik sollen helfen, die eigentliche Botschaft der Texte für die Leser von heute verständlich zu machen.

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Die klassische Familie wird zum Ausnahmefall

Die Erziehungswissenschaftler Bernd Ahrbeck und Marion Felder haben heute in der FAZ einen wichtigen Artikel mit dem Titel: „Die klassische Familie wird zum Ausnahmefall: Politisch Verantwortlichen fehlt der Mut zum Widerspruch gegen die Transgenderpropaganda in Kindertagesstätten und Kindergärten“ publiziert (03.09.2020, Nr. 205, S. 8). Ausgangspunkte für ihre Sorgenschrift ist der „Equa­li­ty Act“, der kürzlich in den USA vorge­legt wurde. Der versteht sich als Bürger­rechts­ge­setz und soll jegli­che Art von Diskri­mi­nie­rung verhin­dern. „Gender Iden­ti­ty“ und „sexu­el­le Orien­tie­rung“ spie­len darin eine gewichtige Rolle. „Bereits in einem sehr jungen Lebens­al­ter sollen Kinder frei über ihre Gender-Iden­ti­tät entschei­den. Also auch darüber, ob sie abwei­chend zum biolo­gi­schen Geschlecht ange­spro­chen werden wollen, Hormo­ne nehmen und sich opera­tiv umwan­deln lassen möch­ten. Das sei ihr elemen­ta­res Recht, das ihnen niemand nehmen dürfe, auch die Eltern nicht – so lautet der Kern des Gesetzes.“

Die Autoren sprechen dann die Entwicklungen in Deutschland an und beklagen, dass eine pädagogische „Elite“ hier inzwischen die Trends setzt, und zwar bereits in den Kindertagesstätten und Schulen. „Es geht in erster Linie nicht mehr darum, dass bestehen­de Diskri­mi­nie­run­gen abge­baut werden“, schreiben sie. „Das Gleich­heits­stre­ben dient inzwi­schen ganz ande­ren Zwecken. Ziel ist die Verge­wis­se­rung und Bestä­ti­gung, dass bestimm­te Sexua­li­täts- und Lebens­for­men im beson­de­ren Maße fort­schritt­lich, human und aufge­klärt sind“, heißt es weiter.

Und dann können wir nachlesen, was Sexualpädagogen den Kindern und Jugendlichen sowie ihren Eltern heute zumuten:

Die LGBTQ-Bewe­gung schrei­tet gemein­sam mit Sexu­al­päd­ago­gen wie Sielert, Timmermanns oder Tuider voran, die sich als pädago­gi­sche Avant­gar­de verste­hen. In Tuiders einschlä­gi­gem Stan­dard­werk „Sexu­al­päd­ago­gik der Viel­falt“ werden drei­zehn­jäh­ri­ge Schü­le­rin­nen und Schü­ler dazu aufge­for­dert, Prak­ti­ken wie Anal­sex als Thea­ter­stück darzu­stel­len. Fünf­zehn­jäh­ri­ge sollen einen „Puff für alle“ bezie­hungs­wei­se ein „Freu­den­haus der sexu­el­len Lebens­lust“ bis ins Detail hinein gestal­ten, damit sie für „margi­na­li­sier­te Lebens­for­men“ und „sexu­el­le Vorlie­ben“ sensi­bi­li­siert werden. Vier­zehn­jäh­ri­ge sollen diver­se Gegen­stän­de wie Dildos, Vagi­nal­ku­geln, Potenz­mit­tel, Hand­schel­len, eroti­sche Geschich­ten, Aktfo­tos, Lack/Latex oder Leder den unter­schied­lichs­ten Perso­nen­grup­pen eines Miet­hau­ses zuord­nen, wobei hete­ro­se­xu­el­le Paare mit Kindern inter­es­san­ter­wei­se nicht vorkommen. Kinder sind dadurch Themen und Inhal­ten ausge­setzt, die alter­s­i­nad­äquat sind, die sie über­for­dern, irri­tie­ren und befrem­den.

Es heißt weiter: „Hete­ro­se­xua­li­tät und die klas­si­sche Fami­lie werden inzwi­schen in eine Rand­po­si­ti­on gedrängt. Sie gelten fast schon als etwas Exoti­sches, das sich beson­ders legi­ti­mie­ren muss. Judith Butlers Rede von der Hete­ro­se­xua­li­tät als Zwangs­he­te­ro­se­xua­li­tät steht unwi­der­spro­chen im Raum, ebenso wie ihr dezi­dier­ter Wunsch, eine Geschlechter­ver­wir­rung herbei­zu­füh­ren. Das sollte zu denken geben. Damit gerät jene Lebens­form in Verruf, die von der großen Bevöl­ke­rungs­mehr­heit als stim­mig und für sich passend erlebt und gelebt wird.“

Bernd Ahrbeck und Marion Felder bedauern, dass die Politik diese Entwicklung einfach so hinnimmt: „Hier fehlt es an Mut zu entschie­de­nem Wider­spruch, auch von poli­tisch verant­wort­li­cher Seite.“

Unbedingte Leseempfehlung!

Heilige Sexualität

41tNFhR3axL SX327 BO1 204 203 200Jonathan Steinert hat für das christliche Medienmagazin pro das neue Buch Heilige Sexualität von Christopher Yuan vorgestellt. Yuan, selbst schwul und HIV-infiziert, hat ein tierschürfendes Buch über Sexualität verfasst. Er schreibt aber nicht nur über Sexualität, sondern über das, was einen Menschen coram Deo ausmacht, also über Identität.

Steinert:

Ausgangspunkt seiner Argumentation ist die Überzeugung, dass die Sexualität eines Menschen nicht sein Wesen, seine Identität bestimmt. „Bei den Kategorien heterosexuell und homosexuell wird aus Begierde eine Identität, aus Erfahrungen wird ein Sein.“ Das biblische Menschenbild sehe den Wesenskern des Menschen aber darin, dass er ein Geschöpf, ein Ebenbild Gottes ist. In der Schöpfung sei auch die Differenz der Geschlechter so angelegt, dass sie aufeinander bezogen sind. Für Yuan ist damit klar: „Geschlechterdifferenzierung ist kein soziales Konstrukt. Mann- oder Frausein ist ein uns innewohnender Bestandteil dessen, wer wir sind.“ Homosexualität ist für ihn eine Folge der Erbsünde, die mit Adam in die Welt gekommen sei. Psychologische Störungen oder äußere Umstände könnten höchstens sekundäre Auslöser dafür sein. Das klingt zunächst nach einer recht pauschalen Verurteilung Homosexueller, ist es aber im Zusammenhang von Yuans Ausführungen nicht. Denn Folge der Erbsünde sind demnach auch alle Begierden heterosexuell empfindender Menschen, die sich auf etwas anderes beziehen als auf „heilige Sexualität“. Konkret: dem biblischen Modell der Ehe von einem Mann und einer Frau, von Keuschheit als Single und Treue als Ehepartner.

Ich empfehle das Buch sehr gern!

Christlam

Missionswissenschaftler diskutieren seit vielen Jahren über die sogenannten „Insider-Bewegungen“ (engl. Insider Movements). „Insider“ sind Menschen aus einer nicht-christlichen Religion, die nach ihrem Selbstverständnis zugleich Nachfolger Jesu sind (vgl. hier). Ein Insider kann etwa die Moschee besuchen und an islamischen Kulthandlungen teilnehmen und sich gleichwohl als Jesusbekenner verstehen. Jaap Hansum hat vor etlichen Jahren den Ansatz der „Insider Bewegung“ in dem Aufsatz „Jesus-Muslime, eine (Un)Möglichkeit für Evangelikale?“ wohlwollend vorgestellt. Dabei führt er zum Einstieg ein Beispiel an, das sich bei einem „US National Prayer Breakfast“ ergeben hat  (evangelikale missiologie, Nr. 24, 3/2008, S. 88–94):

Dies ist eigentlich eine Unterhaltung zwischen mir und einem Freund. Mein Freund fragte mich: Welcher Religion gehörst du an? – Ich sagte: Ich bin Moslem und ein Nachfolger Jesu. – Er fragte mich: Wieso bist du dann kein Christ? – Ich antwortete: Jesus kam nicht nur, um die Christen zu retten; er kam für die ganze Welt. – Mein Freund fragte: Steht das so in deinem Buch? – Ich sagte: Selbstverständlich … alle Geschichten und Unterweisungen des Alten Testamentes stehen mit demselben Inhalt im Koran über Abraham, Ismael, Isaak, Jakob, Moses usw. Der Koran bestätigt vieles von dem, was im Neuen Testament über Jesu Leben und Mission steht. Seine unbefleckte Empfängnis ist im Koran wunderschön beschrieben: ‚ … Siehe! Der Engel sagte: Oh, Maria, Gott gibt dir die frohe Botschaft eines Wortes von sich: Sein Name wird Messias Jesus sein’ (3,45). Er wird auch viele Wunder tun in Gottes Namen, zum Bespiel: ‚Ich heile die Blindgeborenen und die Aussätzigen und ich mache Tote lebendig nach Gottes Willen’ (3,49). Der Koran bestätigt, dass Jesus das Evangelium (injil) gepredigt hat, wobei er das Gesetz des Moses bestätigte, das ihm voranging: ‚Wir sandten Jesus, den Sohn Marias, um das Gesetz zu bestätigen, das vor ihm gekommen war. Wir sandten ihm das Evangelium, in welchem Führung und Licht und Bestätigung des Gesetzes ist, das vor ihm gekommen war. Eine Führung und Ermahnung für jene, die mehr von ihm wissen wollten’ (5:46). So lese ich das Neue Testament, das gemäß dem Koran ein heiliges Buch ist, das ich als Moslem zu lesen und zu ehren habe. Ich liebe Seine Prinzipien, Seine Unterweisung, Seine Lebensweise. Ich liebte Ihn mehr und mehr und entschloss mich, Ihn in meinem Herzen aufzunehmen und Ihm zu folgen. – Mein Freund sagte: Dann bist du jetzt also ein guter Christ? – Ich sagte: Das ist deine Sichtweise. Meine Sichtweise ist, dass ich ein guter Moslem bin, weil ich mich dem einen Gott unterwerfe und weil ich Jesus folge. – Er fragte: Was gefällt dir an Jesus? – Ich antwortete: Alles!1

Wirklich alles?

Nun ist ja nichts dagegen einzuwenden, sich auf die Kultur derjenigen einzulassen, die wir mit dem Evangelium erreichen möchten. Allerdings führt die Vermischung, die im obigen Beispiel sichtbar wird, dazu, dass grundlegende Wahrheiten des christlichen Glaubens um der Inkulturation wegen vernachlässigt oder gar völlig ausgeblendet werden. So ist beispielsweise aus einer Untersuchung unter Insidern im asiatischen Raum bekannt, dass im Namen Jesu um Vergebung und Befreiung gebeten wird, aber nur etwa die Hälfte der Beter an die Gottheit von Jesus Christus glauben.2

Können wir Muslimen das Evangelium verkündigen und dabei verschleiern, dass Jesus Gottes Sohn und Gott selbst ist? Elliot Clark begründet in seinem Artikel „Unter Muslimen Jesus als Sohn Gottes verkündigen?“, warum wir in unseren missionarischen Gesprächen nicht verschweigen dürfen, wer Jesus wirklich ist:

Aus diesem Grund wäre es ein schwerwiegender Fehler, im Gespräch die herausfordernde Frage nach der Sohnschaft Jesu zu umgehen oder die Diskussion ganz zu beenden. Wir können nicht – und wir dürfen nicht – „Sohn Gottes“ in einen anderen Titel umformulieren (auch nicht in einen biblisch korrekten). Wir würden dadurch die Worte Gottes manipulieren. Wir würden unsere Empfindlichkeiten über Gottes Selbstoffenbarung stellen. Wir würden den ewigen Charakter der Dreieinigkeit und die innertrinitarischen Beziehungen verzerren. Wir würden das Zeugnis der Bibel umdeuten. Und als ob das nicht genug wäre, würde auch ein neuer Gläubiger daran gehindert, die biblische Typologie und die Entwicklung der Offenbarung schätzen zu lernen. Letztendlich kann das sein Wachstum bremsen, weil es ihm den Glauben an Jesus als Bruder und Gott als Vater vorenthält.

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Gottes Initiative hat Konsequenzen

Im sechsten Kapitel des 1. Korintherbriefes spricht Paulus Rechtsstreitigkeiten unter Christen an. Er beschwert sich darüber, dass sich ein Gemeindemitglied mit einem anderen vor einem weltlichen Gericht trifft, um einen Streit auszutragen. Aus der Sicht des Apostels ist das mehr als unweise. Das Schlimmste daran ist, dass sich Menschen vor Menschen verklagen, die nicht an Gott glauben. Das schmälert das Zeugnis der christlichen Gemeinde in der Welt. Ein leuchtendes Zeugnis wäre es hingegen, wenn Christen bereit wären, ihnen widerfahrenes Unrecht zu ertragen. Diese Bereitschaft, „einzustecken“, fehlt jedoch. Aber nicht nur das: „Vielmehr tut ihr Unrecht und übervorteilt, und das unter Brüdern!“ (1Kor 6,8).

Paulus schwenkt dann von der Erörterung dieses konkretes Streites zu einigen grundlegenden Überlegungen um. Er fragt nach dem gerechten Leben der Christen. Er erinnert seine Brüder und Schwestern in Korinth daran, dass der Einzug von Gottes Gerechtigkeit das Leben schon jetzt verändert. Es ist eben nicht so, dass ein Christ, wenn er Vergebung der Sünden empfangen hat und in der Gemeinschaft mit seinem Herrn lebt, weiterhin in der Finsternis wandeln kann. „Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit“, heißt es im 1. Johannesbrief 1,6. Paulus schreibt:

Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.

Dann kommt ein bemerkenswerter Abschnitt:

Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

Dieser Feststellung demonstriert sehr eindrücklich, dass dann, wenn Gott in unser Leben eingreift, dies tiefschürfende Konsequenzen hat. Es ist eben nicht so, wie Karl Barth einmal in seinem berühmten Römerbrief geschrieben hat. Er meinte damals, dass sich die Problematik unseres Lebens an jedem gegebenen einzelnen Punkte im Winkel von 360° dreht, also sich das alte vom neuen Leben sichtbar gar nicht wirklich unterscheidet (vgl. Der Römerbrief, 1922, S. 413). Nein. Paulus sagt: „Auch ihr gehörtet zu denen, die so leben und sich so verhalten – zumindest einige von euch. Aber das ist Vergangenheit“ (1Kor 6,11, NGÜ). Wenn Gott uns rechtfertigt und heiligt, dann wird das alte Leben auf den Kopf gestellt. Wir leben jetzt vor Gott in dem Licht, in das er uns hineingestellt hat. 

Ich zitiere mal Eckhard Schnabel, der sehr schön das trinitarische Handeln in der Bekehrung eines Menschen herausstreicht (Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament. 4. Aufl., Witten; Giessen: SCM R. Brockhaus; Brunnen Verlag, 2018, S. 323).

Im Kontext des Lasterkatalogs von V. 9–11 ist die ethische Implikation deutlich. Die korinthischen Jesusbekenner sind als „berufene Heilige“ (1,2) Menschen, deren Sünden abgewaschen wurden, die als von Gott Geheiligte zum Volk Gottes gehören und die als von Gott Gerechtfertigte gerecht sind. Weil die Möglichkeit, auch als Jesusbekenner noch ungerecht zu handeln, fortbesteht, was die Wirklichkeit der korinthischen Gemeinde deutlich zeigt, deshalb ist die Waschung, Heiligung und Gerechtmachung nicht nur eine von Gott bewirkte Wirklichkeit (Indikativ), sondern zugleich Verpflichtung, in Entsprechung zu dieser Wirklichkeit im Alltag zu leben (Imperativ).

Die im Passiv formulierten Verben verweisen auf das Handeln Gottes in der Bekehrung (passivum divinum). Die beiden abschließenden Präpositionalsätze verweisen auf das Handeln Jesu Christi und des Heiligen Geistes. Das heißt: Paulus beschreibt das Geschehen in der Bekehrung mit einer implizit trinitarischen Aussage. In der Wendung im Namen des Herrn Jesus Christus (ἐν τῷ ὀνόματι τοῦ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ) verweist das Wort „Name“ auf die Macht und die Autorität der Person, die den Namen hat. Was „im Namen“ einer Person gesagt oder getan wird, gilt unbedingt und offiziell. Wer „im Namen des Herrn Jesus Christus“ spricht und handelt, der nimmt dessen Autorität für sich in Anspruch. Hier verbindet Paulus den Ausdruck mit passiven Verben, deren handelndes Subjekt Gott ist. Das heißt, Gott reinigt, heiligt und rechtfertigt die Sünder in Verbindung mit der Autorität Jesu als des gekreuzigten und auferstandenen Messias, der als der Erhöhte der Herr ist. Gottes Handeln in der Bekehrung von Sündern eröffnet den Zugang zur Machtfülle des Herrn Jesus Christus, der durch seinen Tod am Kreuz, durch seine Auferweckung und durch seine Erhöhung zur Rechten Gottes über die Sünde triumphiert hat, die in der korinthischen Gemeinde immer noch ihr hässliches Haupt erhebt. Die präpositionale Wendung ist mit allen drei vorhergehenden Verben zu verbinden: Gott reinigt, heiligt und rechtfertigt die Sünder durch das machtvolle Werk Jesu Christi, des gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Die Wendung und durch den Geist unseres Gottes (καὶ ἐν τῷ πνεύματι τοῦ θεοῦ ἡμῶν) ist instrumental zu verstehen. Der Heilige Geist lässt Gottes Handeln Wirklichkeit werden. Das heißt: Der Geist Gottes verwirklicht die Autorität des Herrn Jesus Christus in der Reinigung, Heiligung und Rechtfertigung der Sünder. Auch diese Wendung ist mit allen drei vorausgehenden Verben verbunden: Der Geist Gottes bewirkt Reinigung (Apg 15,9), Heiligung (2Thess 2,13–14) und Gerechtmachung (Gal 3,1–14).

Was aber, wenn wir in unserer Nachfolge versagen? Wir dürfen um Vergebung bitten. So sollen wir beten, sagt Jesus: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben haben, die an uns schuldig wurden“ (Mt 6,12). Im 1. Johannesbrief heißt es (NGÜ):

Wenn wir behaupten, ohne Sünde zu sein, betrügen wir uns selbst und verschließen uns der Wahrheit. Doch wenn wir unsere Sünden bekennen, erweist Gott sich als treu und gerecht: Er vergibt uns unsere Sünden und reinigt uns von allem Unrecht, ´das wir begangen haben`. Wenn wir behaupten, wir hätten nicht gesündigt, machen wir Gott zum Lügner und geben seinem Wort keinen Raum in unserem Leben.

Wie unerschöpflich und menschenfreundlich ist doch Gottes Reichtum!

Post-evangelikaler Glaube

Ian Harber beschreibt in seinem Artikel „Post-evangelikaler Glaube“, wie er durch die Lektüre emergenter Literatur seinen evangelischen Glauben verlor. Irgendwann merkte er allerdings, dass es sich mit Dekonstruktion und Progressivität allein nicht wirklich christlich leben lässt:

Jeglicher Glaube, den ich einmal gehabt hatte, war gründlich demontiert worden und lag in seinen Einzelteilen offen vor mir am Boden, wartete auf eine konstruktive Überprüfung. Aber es gab keine Hilfestellung, hier wieder irgendetwas zusammenzusetzen. Es ist eine einfache, unverantwortliche, gefährliche und trennende Sache, Menschen zur Dekonstruktion ihres Glaubens anzuleiten, ohne ihnen dann auch zu helfen, ihn neu zusammenzusetzen. Das Ziel einer Dekonstruktion sollte größere Treue zu Jesus sein, nicht nur Selbsterfahrung oder die Präsentation der eigenen Vortrefflichkeit.

Die Erneuerung des Glaubens setzte interessanterweise ein, als Ian damit begann, sich gründlich mit der Theologie zu beschäftigen, die in den progressiven Kreisen so verpönt war:

Einer meiner Lehrer sagte: „Wir betreiben im Licht Theologie, damit wir auch im Dunkeln auf ihr stehen können.“ Ich betrieb Theologie und stand zugleich im Dunkeln auf ihr. Zum ersten Mal lernte ich, die Lehren über die Dreieinigkeit und über die Schrift als einheitliches Ganzes zu verstehen. Ich lernte, wie man die Bibel als inspirierten Text liest. Ich lernte, wie Lehren, die ich als widersprüchlich betrachtet hatte – beispielsweise den stellvertretenden Sühnetod Christi und den „Christus Victor“ –, sich in Wirklichkeit ergänzten, um uns das vollständige, herrliche, biblische Bild vor Augen zu malen. Ich lernte, was Einheit mit Christus bedeutet und welche Segnungen sie mit sich bringt. Ich lernte etwas über gute geistliche Angewohnheiten und welch eine lebensspendende Freiheit aus einer disziplinierten Nachfolge Gottes entspringt. Von dort aus eröffnete sich mir die weite und reiche Welt der christlichen Lehre über die Jahrhunderte hinweg – und lud zum Entdecken ein.

Hier mehr: www.evangelium21.net.

Was kann im Gericht Gottes bestehen?

In meiner täglichen Bibellese gehe ich derzeit durch den Ersten Korintherbrief. Heute war das dritte Kapitel dran, wo es in den Versen 14–17 heißt:

Hat das Werk, das einer aufgebaut hat, Bestand, so wird er Lohn empfangen. Verbrennt sein Werk, so wird er Schaden erleiden – er selbst aber wird gerettet werden, freilich wie durch Feuer hindurch. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und dass Gottes Geist in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören; denn der Tempel Gottes ist heilig – und das seid ihr.

Flankierend lese ich dazu den Kommentar von Eckhard Schnabel (Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament. 4. Auflage. Aufl. Witten; Giessen: SCM R. Brockhaus; Brunnen Verlag, 2018). Nachfolgend zwei Zitate, die einem hoffentlich an „die Nieren gehen“:

Paulus will sagen, dass es nutzlose Gemeindearbeit gibt, deren Wertlosigkeit sich im Endgericht herausstellen wird. Auf die von Paulus im Kontext behandelten Kompromisse der korinthischen Christen mit der säkularen Gesellschaft angewendet bedeutet dies: Die fortbestehende Faszination der Rhetorik, das Bemühen um gesellschaftlichen Status und die Bindung an prominente Persönlichkeiten – das sind alles Dinge, die in dieser Welt eine wichtige Rolle spielen, die aber in der kommenden Welt Gottes ohne Nutzen sind. Wertvoll in der neuen Schöpfung ist nur, was im Gericht Gottes Bestand haben wird, und das ist Gottes Heilshandeln in Jesus Christus samt allen Konsequenzen, die sich daraus für die Gemeinde und für die Mitarbeiter am Bau der Gemeinde ergeben.

Die Drohung in V. 17 bezieht sich auf jene korinthischen Christen, die inadäquat auf den bestehenden Grundmauern weiterbauen, d.h. die durch ihre Fixierung auf säkulare Werte dabei sind, die Gemeinde der Jesusbekenner als Ort der heiligenden Gegenwart des Geistes Gottes zu zerstören. Das mit „verderben“ übersetzte Verb (φθείρω) ist als Gegenbegriff zum „aufbauen“ (ἐποικοδομέω, V. 10.12.14) zu verstehen. Wer die Gemeinde mit den säkularen Werten der urbanen Elite Korinths leiten will und Streit, Konkurrenz und Spaltungen nicht nur toleriert, sondern ganz bewusst in den Vordergrund stellt, der baut nicht auf, sondern ab, der zerstört den von Gott und seinem Geist begonnen Bau. Paulus geht also davon aus, dass die Gemeinde von Gemeindegliedern, d.h. von innen, zerstört werden kann. Die Ankündigung „den wird Gott verderben“ (φθερεῖ τοῦτον ὁ θεός) ist eine ernste Warnung.

Mark Dever im Gespräch mit J.I. Packer

Im Jahr 1999 sprach Mark Dever in der Hill Baptist Church, in Washington D. C. (USA), mit dem kürzlich verstorbenen Theologen J.I. Packer. Das etwa einstündige Gespräch wurde aufgezeichnet und kann hier nachgehört werden, freilich nur englischer Sprache.

Es ist wirklich ein hilfreiches Gespräch und enthält zudem sehr lustige Momente. Besonders gefallen hat mir der Kurzbericht über einen kleinen „Zusammenstoß“, den er vor vielen Jahren mit Martyn Lloyd-Jones auf einer gemeinsam organisierten Puritaner-Konferenz hatte. Informativ allerdings auch der Teil, in dem kontrovers über die Initiative Evangelicals and Catholics Together (ECT) gesprochen wurde.

Karlsruhe hat die letzten Reste eines metaphysischen Schleiers entfernt

Edo Reents hat in der FAZ (06.08.2020, Nr. 181, S. 14) das Sterbehilfeurteil vom Februar 2020 als Konsequenz der Säkularisierung gedeutet.

Wenn das höchste deutsche Gericht Vorsorge dafür trifft, dass jedem Menschen, egal, welchen Alters und in welcher Lage, die Selbsttötung möglich sein muss, zur Not eben mit fremder Hilfe, dann kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass dieses Urteil einerseits kühn, andererseits aber auch ernüchternd, ja, fast banal, flach wirkt, wie die Bestätigung anderer Selbstbestimmungsrechte auch, zum Beispiel des informationellen oder des sexuellen. Es ist die vielleicht letzte, auf jeden Fall aber gewichtigste Konsequenz, die aus dem Säkularitätsgebot gezogen wurde.

Reents zweifelt daran, dass sich diese von aller Metaphysik bereinigte Rechtssprechung bewährt und macht eine Verlustrechnung auf:

Ein Verfassungssystem, das auch in Gerichtssälen keine Kreuze mehr zulässt, kann sich um einen geistigen Überschuss, ob nun philosophischer oder religiöser Art, nicht mehr kümmern. Diese buchstäbliche Rücksichtslosigkeit, um von der gegenüber Hinterbliebenen oder an der Selbsttötung Beteiligten nicht zu reden, hat etwas (vielleicht ungut) Ernüchterndes. Ungerührt hat Karlsruhe die letzten Reste eines metaphysischen Schleiers entfernt, den die Menschen noch um Fragen des Lebens und des Sterbens gehüllt haben mögen.

Prof. Martin Teising aus Bad Hersfeld geht in seiner Kritik des Urteils noch weiter (FAZ vom 13.08.2020, Nr. 187, S. 25).

Aus der klinischen Forschung wissen wir, dass sich Suizidenten in der Regel verzweifelt und in großer seelischer Not nach Ruhe und Frieden sehnen. Sie wollen so nicht weiterleben. Das Urteil ist von dem Wunsch getragen, diesen Menschen helfen zu wollen, harte Suizidmethoden zu verhindern und ein „sanftes Einschlafen“ zu ermöglichen. Das Gericht blickt nicht der Tatsache ins Auge, dass mit der Selbsttötung, auch durch Medikamente, der Wunsch nach Ruhe und Frieden gerade nicht erfüllt werden kann. Die Empfindung von Ruhe und Frieden setzt Leben voraus.

Das Bundesverfassungsgericht folgt einem Autonomieverständnis, dass die Abhängigkeit von und das Angewiesensein des Einzelnen auf andere Menschen als basale Bedingung menschlicher Existenz verleugnet. Das spricht Reents indirekt an, wenn er die Rücksichtslosigkeit des Urteils gegenüber Hinterbliebenen benennt.

Wenn Bischof Meister von der hannoversche Landeskirche sogar davon spricht, dass der Mensch grundsätzlich ein theologisches Recht auf Selbsttötung habe, lässt dies erahnen, wie fortgeschritten die Selbstsäkularisierung innerhalb der Evangelischen Kirche bereits ist. Die Kirche als Vordenker eines gottlosen Lebens und Sterbens! Zumindest in diesem Sinne wird der missionarische Auftrag noch ernst genommen.

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