Gottes Initiative hat Konsequenzen

Im sechsten Kapitel des 1. Korintherbriefes spricht Paulus Rechtsstreitigkeiten unter Christen an. Er beschwert sich darüber, dass sich ein Gemeindemitglied mit einem anderen vor einem weltlichen Gericht trifft, um einen Streit auszutragen. Aus der Sicht des Apostels ist das mehr als unweise. Das Schlimmste daran ist, dass sich Menschen vor Menschen verklagen, die nicht an Gott glauben. Das schmälert das Zeugnis der christlichen Gemeinde in der Welt. Ein leuchtendes Zeugnis wäre es hingegen, wenn Christen bereit wären, ihnen widerfahrenes Unrecht zu ertragen. Diese Bereitschaft, „einzustecken“, fehlt jedoch. Aber nicht nur das: „Vielmehr tut ihr Unrecht und übervorteilt, und das unter Brüdern!“ (1Kor 6,8).

Paulus schwenkt dann von der Erörterung dieses konkretes Streites zu einigen grundlegenden Überlegungen um. Er fragt nach dem gerechten Leben der Christen. Er erinnert seine Brüder und Schwestern in Korinth daran, dass der Einzug von Gottes Gerechtigkeit das Leben schon jetzt verändert. Es ist eben nicht so, dass ein Christ, wenn er Vergebung der Sünden empfangen hat und in der Gemeinschaft mit seinem Herrn lebt, weiterhin in der Finsternis wandeln kann. „Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit“, heißt es im 1. Johannesbrief 1,6. Paulus schreibt:

Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.

Dann kommt ein bemerkenswerter Abschnitt:

Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

Dieser Feststellung demonstriert sehr eindrücklich, dass dann, wenn Gott in unser Leben eingreift, dies tiefschürfende Konsequenzen hat. Es ist eben nicht so, wie Karl Barth einmal in seinem berühmten Römerbrief geschrieben hat. Er meinte damals, dass sich die Problematik unseres Lebens an jedem gegebenen einzelnen Punkte im Winkel von 360° dreht, also sich das alte vom neuen Leben sichtbar gar nicht wirklich unterscheidet (vgl. Der Römerbrief, 1922, S. 413). Nein. Paulus sagt: „Auch ihr gehörtet zu denen, die so leben und sich so verhalten – zumindest einige von euch. Aber das ist Vergangenheit“ (1Kor 6,11, NGÜ). Wenn Gott uns rechtfertigt und heiligt, dann wird das alte Leben auf den Kopf gestellt. Wir leben jetzt vor Gott in dem Licht, in das er uns hineingestellt hat. 

Ich zitiere mal Eckhard Schnabel, der sehr schön das trinitarische Handeln in der Bekehrung eines Menschen herausstreicht (Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Historisch-Theologische Auslegung Neues Testament. 4. Aufl., Witten; Giessen: SCM R. Brockhaus; Brunnen Verlag, 2018, S. 323).

Im Kontext des Lasterkatalogs von V. 9–11 ist die ethische Implikation deutlich. Die korinthischen Jesusbekenner sind als „berufene Heilige“ (1,2) Menschen, deren Sünden abgewaschen wurden, die als von Gott Geheiligte zum Volk Gottes gehören und die als von Gott Gerechtfertigte gerecht sind. Weil die Möglichkeit, auch als Jesusbekenner noch ungerecht zu handeln, fortbesteht, was die Wirklichkeit der korinthischen Gemeinde deutlich zeigt, deshalb ist die Waschung, Heiligung und Gerechtmachung nicht nur eine von Gott bewirkte Wirklichkeit (Indikativ), sondern zugleich Verpflichtung, in Entsprechung zu dieser Wirklichkeit im Alltag zu leben (Imperativ).

Die im Passiv formulierten Verben verweisen auf das Handeln Gottes in der Bekehrung (passivum divinum). Die beiden abschließenden Präpositionalsätze verweisen auf das Handeln Jesu Christi und des Heiligen Geistes. Das heißt: Paulus beschreibt das Geschehen in der Bekehrung mit einer implizit trinitarischen Aussage. In der Wendung im Namen des Herrn Jesus Christus (ἐν τῷ ὀνόματι τοῦ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ) verweist das Wort „Name“ auf die Macht und die Autorität der Person, die den Namen hat. Was „im Namen“ einer Person gesagt oder getan wird, gilt unbedingt und offiziell. Wer „im Namen des Herrn Jesus Christus“ spricht und handelt, der nimmt dessen Autorität für sich in Anspruch. Hier verbindet Paulus den Ausdruck mit passiven Verben, deren handelndes Subjekt Gott ist. Das heißt, Gott reinigt, heiligt und rechtfertigt die Sünder in Verbindung mit der Autorität Jesu als des gekreuzigten und auferstandenen Messias, der als der Erhöhte der Herr ist. Gottes Handeln in der Bekehrung von Sündern eröffnet den Zugang zur Machtfülle des Herrn Jesus Christus, der durch seinen Tod am Kreuz, durch seine Auferweckung und durch seine Erhöhung zur Rechten Gottes über die Sünde triumphiert hat, die in der korinthischen Gemeinde immer noch ihr hässliches Haupt erhebt. Die präpositionale Wendung ist mit allen drei vorhergehenden Verben zu verbinden: Gott reinigt, heiligt und rechtfertigt die Sünder durch das machtvolle Werk Jesu Christi, des gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Die Wendung und durch den Geist unseres Gottes (καὶ ἐν τῷ πνεύματι τοῦ θεοῦ ἡμῶν) ist instrumental zu verstehen. Der Heilige Geist lässt Gottes Handeln Wirklichkeit werden. Das heißt: Der Geist Gottes verwirklicht die Autorität des Herrn Jesus Christus in der Reinigung, Heiligung und Rechtfertigung der Sünder. Auch diese Wendung ist mit allen drei vorausgehenden Verben verbunden: Der Geist Gottes bewirkt Reinigung (Apg 15,9), Heiligung (2Thess 2,13–14) und Gerechtmachung (Gal 3,1–14).

Was aber, wenn wir in unserer Nachfolge versagen? Wir dürfen um Vergebung bitten. So sollen wir beten, sagt Jesus: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben haben, die an uns schuldig wurden“ (Mt 6,12). Im 1. Johannesbrief heißt es (NGÜ):

Wenn wir behaupten, ohne Sünde zu sein, betrügen wir uns selbst und verschließen uns der Wahrheit. Doch wenn wir unsere Sünden bekennen, erweist Gott sich als treu und gerecht: Er vergibt uns unsere Sünden und reinigt uns von allem Unrecht, ´das wir begangen haben`. Wenn wir behaupten, wir hätten nicht gesündigt, machen wir Gott zum Lügner und geben seinem Wort keinen Raum in unserem Leben.

Wie unerschöpflich und menschenfreundlich ist doch Gottes Reichtum!

Ähnliche Beiträge:

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

Die Daten werden gemäß der Datenschutzhinweise gespeichert.

zu Datenschutz

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

3 Kommentare
Inline Feedbacks
View all comments
Jörg

Zur NGÜ-Übersetzung „hätten nicht gesündigt“: Im Griechischen wird hier nichts Irreales der Vergangenheit ausgedrückt, sondern etwas wesenhaft Gegenwärtiges. Das griechische Perfekt drückt einen Zustand der Gegenwart, der aus einem vergangenen Handeln folgt. Konkret hier: wir (haben [nicht] gesündigt und) sind (deshalb) [keine] Sünder.

Korrekter wäre deshalb: Wenn wir behaupten, wir seien keine Sünder. Womit auch keine bloße Wiederholung der vorherigen Aussage vorliegt, sondern eine klärende Spezifizierung: es geht eben nicht nur um die Vergangenheit.

Last edited 23 Tage zuvor by Jörg
Markus Jesgarz

Meine Meinung ist: 1. Ein Christ soll immer mehr in der Lage sein ein gerechtes Urteil zu sprechen. 1. In 1.Korinther 6,4-6 steht: https://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/1_korinther/6/ 4 Ihr aber, wenn ihr über zeitlichen Gütern Sachen habt, so nehmt ihr die, so bei der Gemeinde verachtet sind, und setzet sie zu Richtern. 5 Euch zur Schande muß ich das sagen: Ist so gar kein Weiser unter euch, auch nicht einer, der da könnte richten zwischen Bruder und Bruder? 6 sondern ein Bruder hadert mit dem andern, dazu vor den Ungläubigen.  2. Im Beitrag: Das Neue Testament erklärt und ausgelegt. 1. Korinther – Offenbarung. (Bd. 5) 1992 https://diebuchsuche.de/buch-9783775115803.html steht unter „1. Korintherbrief David K. Lowery“ auf der Seite 17 unter „6,4:“ Die griechische Verbform kathizete, einsetzen, kann als Aussage (Indikativ) oder als Gebot (Imperativ) aufgefasst werden. Wenn sie als Aufforderung verstanden wird, bezieht sich die schwierige Wendung „solche, die in der Gemeinde nichts gelten“ auf die, deren „Weisheit“ in der Kirche nicht allzu viel gilt. In dem Fall hielte… Weiterlesen »

Markus Jesgarz

Meine Meinung ist: 1. Die Art und Weise, wie Christen hier und jetzt leben, wird ihren ewigen Lohn beeinflussen. 1. Im Beitrag: Anmerkungen zum 1. Korintherbrief in der Ausgabe 2020 von Dr. Thomas L. Constable steht unter „2. Litigation in the church 6:1-11“ („2. Rechtsstreitigkeiten in der Kirche 6,1-11“) https://www.planobiblechapel.org/tcon/notes/html/nt/1corinthians/1corinthians.htm#head33 unter „6,9-10“ am Anfang: (ab der Seite 105 von 349 in der Seitenanzeige): https://planobiblechapel.org/tcon/notes/pdf/1corinthians.pdf Wer sind die „Ungerechten“ (NASB) oder „Bösen“ (NIV) im Blickfeld? Paulus benutzte dieses Wort (Gr. adikos) der Unerlösten bereits in Vers 1 (vgl. V. 6, wo er sie „Ungläubige“ nannte). Er benutzte es aber auch für die korinthischen Christen in Vers 8: „ihr selbst irrt [adikeo].“ Christen, nicht nur Ungläubige, haben sich eines ungerechten Verhaltens schuldig gemacht – einschließlich aller in diesen Versen aufgeführten Vergehen. Daher scheint das, was Paulus in diesem Vers über die „Ungerechten“ sagt, auf jeden zuzutreffen, der in seinem Verhalten ungerecht ist, ob errettet oder nicht errettet. Diese Warnung gilt nicht ausschließlich… Weiterlesen »