Apologetik

Interview mit J.W. Montgomery

201206251121.jpgJohn Warwick Montgomery gehört seid fünfzig Jahren zu den bedeutendsten christlichen Apologeten. Vor wenigen Tagen hat er einen umfangreichen Essayband publiziert (Christ As Center und Circumference: Essay Theological, Cultural and Polemic, Bonn, VKW, 2012, 650 S., hier das Inhaltsverzeichnis), für den Michael Horton überaus lobende Worte gefunden hat: „Sogar dort, wo jemand nicht zustimmt, wird die Klarheit, Logik und unerbittliche Strenge seiner Argumente Feuer entfachen …“

Theoblog hatte vergangene Woche die Gelegenheit, kurz mit Professor J.W. Montgomery zu sprechen:

Christus als Mitte und Peripherie

Interview mit dem Apologeten John Warwick Montgomery

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Professor John Warwick Montgomery

Theoblog: Wer Ihre letzten Bücher gelesen hat, der wird schnell erkannt haben, dass Sie immer noch jede Menge Freude an der apologetischen Arbeit haben. Was hält Sie bei dieser bleibenden Freude?

J.W. Montgomery: Der Apostel Petrus mahnt uns, „allezeit bereit zur Verantwortung gegenüber jedermann zu sein, der Rechenschaft [gr. „apologia“] fordert über die Hoffnung [in Christus], die in [uns] ist“. Es ist eine Freude, dies zu tun – ganz besonders deshalb, weil keine andere Religion hinlänglich genügende und objektive Beweise für ihre Gültigkeit anführen kann. Da zwei einander widersprechende Weltanschauungen nicht gleichzeitig wahr sein können und die Gründe für das Christentum auf solider Basis stehen, sollte die Apologetik ein schlagkräftiges Werkzeug sein, Nicht-Christen von ihrem religiösen oder philosophischen Standpunkt abzubringen und sie ans Kreuz Christi zu führen – wo sie eine lebensverändernde Entscheidung treffen sollen, die nicht nur zeitliche, sondern ewige Konsequenzen hat.

Theoblog: Apologetische Fragen werden ja sehr stark vom Zeitgeist beeinflusst. Worin besteht der Unterschied zwischen heute und den 60ern und 70ern?

J.W. Montgomery: Heute haben wir weniger gründliche Ausbildung, dafür mehr Subjektivismus (der Reiz der östlichen Religionen, des „New Age“ und des Okkulten) und Narzissmus (jeder schafft sich seine eigene Religion, jeder ist sein eigener „Gott“). Das Ergebnis: der Ungläubige tut sich schwerer mit dem logischen Denken und dem Einschätzen von Beweisen. Aber es hat ja immer „dunkle Zeitalter“ gegeben. Wir sind verpflichtet, Nicht-Christen zu vermitteln, dass Gleichgültigkeit in Sachen Religion genauso fatal ist, wie wenn man verkennt, dass das eigene Haus in Flammen steht und es nur einen Ausweg gibt. Jesus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ – und der Apostel fügt hinzu: „Es ist kein anderer Name [als der Name Jesus] unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden sollen!“

Theoblog: Das Buch Christian Center and Circumference enthält Aufsätze verschiedener Zeiten. An wen ist das Buch gerichtet?

J.W. Montgomery: An jeden, der Freude an gründlichem Denken in verschiedenen Disziplinen hat, sei es Theologie, Philosophie, Naturwissenschaft, Geschichte, Rechtswissenschaft, Computerwesen, Musik – ja selbst an der Kochkunst! Das zugrundeliegende Motiv: Nur durch Christus können wir all diesen Lebens- und Denkbereichen wirklich Bedeutung abgewinnen!

Theoblog: Was würden Sie intelligenten, jungen Christen auf den Weg mitgeben, die Interesse zeigen, später auf dem Gebiet der christlichen Apologetik tätig zu werden?

J.W. Montgomery: Auf jeden Fall eine Anmeldung für die „Academy of Apologetics, Evangelism and Human Rights“, die jährlich in den beiden mittleren Juliwochen in Straßburg stattfinden! Informationen dazu finden Sie auf URL: http:www.apologeticsacademy.eu.

Theoblog: Danke für das Gespräch!

 

Christ As Centre and Circumference

Interview with the apologist John Warwick Montgomery

This is a short interview with Professor John Warwick Montgomery about his new book: Christ As Center and Circumference: Essay Theological, Cultural and Polemic, Bonn, VKW, 2012, 650 pp).

Theoblog: By reading your most recent books, a reader can quickly recognize that you still derive a lot of joy from doing apologetic work. What inspires this continuing joy?

J.W. Montgomery: The Apostle Peter enjoins us „always to give a reason [Gk. apologia] for our hope in Christ. It is a joy to do this–especially because no other religious option offers sufficient objective evidence of its validity. Since two contradictory world views cannot both be true, and the case for Christianity is solid, apologetics should be a powerful means of moving the non-Christian away from other religious and philosophical options to the cross of Christ–there to make a life-changing decision that will impact both time and eternity.

Theoblog: Apologetic issues are very much influenced by the „Zeitgeist“. What is different today than in the 60s or 70s?

J.W. Montgomery: Today, there is more subjectivism (appeal of Eastern religions, New Age, the occult), more narcissism (creating one‘s own religion, being one‘s own „god“), and less rigorous education. Result: the unbeliever has more difficulty thinking logically and evaluating evidence. But there have always been „dark ages.“ We must help the non-Christian to see that religious indifference is as deadly as refusing to recognise that one‘s house is on fire and that there is only one escape route. Jesus asserts that he is „the way, the truth, and the life; no one comes to the Father but by me“–and the Apostles declare, „There is no other name under heaven [except the name of Jesus] by which we must be saved.“

Theoblog: The book „Christian Center and Circumference“ contains works from different periods. Who is the intended audience for this book?

J.W. Montgomery: Anyone who enjoys rigorous thinking in a diversity of disciplines: theology, philosophy, science, history, law, literature, computing, music–even cuisine. The underlying theme is that only through Christ can we make sense of all these areas of life and thought.

Theoblog: How would you advise bright, young Christians who are interested in working in the field of Christian apologetics?

Montgomery: By all means register for our International Academy of Apologetics, Evangelism and Human Rights, held the middle two weeks of July every year in Strasbourg, France! For information, go to the Academy website: URL: http://www.apologeticsacademy.eu.

Theoblog: Thank you for your time.

– – –

John Warwick Montgomery is Emeritus Professor of Law and Humanities, University of Bedfordshire, England, Distinguished Research Professor of Apologetics and Christian Thought, Patrick Henry College, Virginia (USA), and Director of the International Academy of Apologetics, Evangelism & Human Rights in Strasbourg (France).

Ivo Carobbio has translated the text into German.

Here a PDF-Version: InterviewJWM.pdf.

 

Wissen, um zu glauben?

Wenn die Zeitschrift chrismon im Briefkasten liegt, wird ab und an ein Anstoß frei Haus mitgeliefert. Gestern war wieder etwas dabei. Burkhard Weitz fragt, ob man etwas wissen muss, um zu glauben („Was muss man wissen, um zu glauben?“, chrismon, April 2012, S. 22–23). Wissen muss man als Nachfolger Jesu eigentlich nichts, gibt es zu lesen:

Die ersten Christen kamen ohne ­religiöses Wissen aus, ohne komplizierte Lehren, ohne lange Bekenntnisse. Sie folgten dem Beispiel Jesu. Glauben hieß für sie, in Jesu Liebe beständig zu bleiben. Sie waren überzeugt, dass Jesus der Chris­tus, also der Messias sei und als gnädiger Weltenrichter wiederkehren werde. In den Sprachen der Bibel ist „glauben“ gleichbedeutend mit „treu sein“ und „vertrauen“. Glauben ist eine Haltung – wie Liebe und Hoffnung (1. Korinther 13). Biblischer Glaube richtet sich nicht auf Lehrsätze oder Dogmen, die man sich merken oder für wahr halten kann.

Sehen wir mal davon ab, dass schon die Erklärung von Glaube als purem Vertrauen ziemlich gehaltvoll ist (und erst: „Jesus ist der Messias“) und betrachten das Problem mit Hilfe der aus der lutherischen Orthodoxie stammenden Unterscheidung von den drei Ebenen des Glaubens (vgl. Abb.).

Die erste Ebene ist notitia, die Kenntnis eines Glaubensinhaltes. Natürlich hatten die ersten Christen Gemeinschaft miteinander, sie beteten und feierten das Herrenmahl. Aber ihre liebevoll gelebten Beziehungen waren schon damals getragen von einer konkreten Lehre, der sie gehorsam folgten. Sie hielten fest an „der Lehre der Apostel“. Der griechische Begriff didache, den Lukas in Apg 4,42 verwendet, steht schon in der Apostelgeschichte und eindeutig in den Pastoralbriefen (vgl. z. B. 2Tim 4,2 u. Tit 1,9) für eine Lehrüberlieferung mit bewertbaren Inhalten. Genau solche Inhalte nennen wir auch Propositionen. Propositionen sind Objekte mentaler Aktivitäten wie Wollen, Glauben oder Hoffen. Sätze oder Aussagen mit propositionalem Gehalt sind prüfbar, können war oder falsch sein. Die Apostel unterschieden zwischen wahren und falschen Glaubensinhalten, zwischen ungesunden Lehren und der heilsamen Lehre (vgl. Röm 16,17). Eine falsche Lehre steht im Widerspruch zu dem, was Gott denkt und offenbart hat. Die Apostel verkündigten die Lehre des Christus, (2Joh 10), die klar und scharf gegenüber fremden Lehren abgegrenzt werden kann (vgl. Hebr 13,9). Sie waren beispielsweise davon überzeugt, dass der Gott, dem sie sich anvertraut haben, nicht lügt (vgl. Tit 1,2 u. Hebr 6,18) oder Jesus Christus im Fleisch gekommen ist (2Joh 9). Menschen, die diese Propositionen ablehnten, waren in ihren Augen falsche Propheten.

Die drei Ebenen des Glaubens aus Sicht der lutherischen Orthodoxie.

Die zweite Ebene des Glaubens ist assensus, die Bejahung oder Annahme bestimmter Inhalte. Jemand, der einem Sachverhalt zustimmt, bekundet sein Interesse und Einverständnis mit dem, was er sachlich wahrgenommen hat. Stellen wir uns vor, wir interessierten uns für die Frage, ob Jesus Christus tatsächlich gelebt habe. Wir würden kritische und apologetische Bücher studieren, die sich mit der Frage des historischen Jesus befassen. Irgendwann formulierten wir dann ein Ergebnis unserer Untersuchungen. Das, was wir als Resultat unserer Bemühungen präsentierten, und sei es das zurückhaltende Bekenntnis „Wir können nichts genaues dazu sagen!“, fände unsere Zustimmung. Wir hielten das, was wir ausgearbeitet hätten, für annehmbar und vertrauenswürdig.

Die dritte Ebene, fiducia, ist das Gottvertrauen, der persönlich gelebte Glaube. Wenn das Vetrauen fehlt, ist das sehr schade. Doch keine der drei Ebenen des Glaubens darf fehlen! „Man kann Gott nicht anerkennen (= assensus), ohne ihn zu kennen (= notitia). Man kann Gott nicht vertrauen (= fiducia), ohne ihn anzuerkennen (= assensus). Oder man könnte auch sagen: Das (Gott)Gehören (= fiducia) setzt ein Gehorchen (= assensus), das Gehorchen ein Anhören (= notitia) voraus“ (Horst-Georg Pölmann, Abriß der Dogmatik, 1985, S. 84). Der Gläubige soll nicht glauben, weil er Ungewusstes und Unverstandenes auf die Autorität der Kirche hin glaubt, sondern weil er sich darüber klar ist, woran er glaubt.

Leidenschaft ohne Rückbezug auf eine über- und durchdenkbare propositionale Lehrbasis kann die Lüge sein. Die Apostel, die das Evangelium verkündet haben, wussten das. Sie sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt (vgl. 2Petr. 1,16), sondern der Wahrheit (vgl. Joh 14,6; 2Tim 4,4). Dass die Wahrheit nach biblischem Zeugnis eine Person ist, suspendiert nicht die Glaubwürdigkeit dessen, was die Person sagt (siehe dazu auch hier).

G.K. Chesterton: Orthodoxie

201203310605.jpgEin hörenswerter Beitrag über ein sehr gutes Buch:

  • Gilbert Keith Chesterton: Orthodoxie: Eine Handreichung für die Ungläubigen, Fe-Medienverlag, 2011, 303 S.
Der Verlag schreibt:

Chesterton verteidigt die Tradition, das Wunder, die Phantasie und das Dogma, aber auf eine Art und Weise, die jedem Dogmatiker von Herzen zuwider sein muss; denn er beruft sich dabei einzig und allein auf die alltägliche Erfahrung, den „common sense“, die Vernunft und die Demokratie. Man kann sein Buch auch als die Autobiografie eines Abenteurers lesen, der mit zwölf ein Heide, mit sechzehn ein Agnostiker war und den einzig und allein sein wildes Denken zum Glauben führte. Chesterton wurde 1874 in London geboren und starb dort 1936. Er war Zigarrenraucher und Dialektiker, Vielschreiber und Gourmand. Er verfasste hundert Bücher.

Hier der DLF-Beitrag:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2012/03/30/dlf_20120330_0942_14f45650.mp3[/podcast]



Francis Schaeffer als bleibende Herausforderung

Chuck Colson und Timothy George behaupten in ihrem CT-Artikel über Francis Schaeffer: Mit lasergenauer Präzision benennt Schaeffer das Grundproblem unserer Zeit: die Ausklammerung der Wahrheitsfrage.

Many of us have tried to pick up pieces of Schaeffer’s legacy. But no one has brought charity and clarity together the way he did. No one has spoken with the compassion, precision, and, yes, fierceness that Schaeffer brought to the task. Some say today that the church should take a sabbatical from speaking to the culture at large. That would be a grave mistake. The alternative to winsomely engaging the culture isn’t blissful withdrawal: it is further subjugation to what Pope Benedict XVI has called the „dictatorship of relativism.“ Schaeffer taught us that the undermining of truth leads to the loss of human rights, including liberty and life itself. The title of this column is an apt description of Schaeffer’s legacy: contra mundum, against the world. Schaeffer swam against the stream and his words were prophetic, sharp, sometimes cutting. But Schaeffer was against the world in order to be for the world, the world God made and for which Christ died. We can hardly celebrate his legacy in any other way but to hear and to heed.

Hier: www.christianitytoday.com.

Douglas Groothuis: Christliche Apologetik

Grothius.jpgCT hat mit Douglas Groothuis über sein umfangreiches Apologetik-Handbuch Christian Apologetics: A Comprehensive Case for Biblical Faith gesprochen. Groothius:

Often, for various reasons, apologetics doesn’t get into the pulpit. Part of it is fideism, the idea that faith requires no evidence. In fact, some people even pit faith against reason. That’s simply bad theology, and bad anthropology. Many Christian colleges do not require apologetics courses. Many seminaries do not require their divinity students to study apologetics. I think that’s deeply wrong. But it is not merely for the professors, the philosophers, and the writers. We are called to love God with all our hearts, souls, strength, and minds; to love our neighbors as ourselves, have a reason for the hope within us, and contend earnestly for the faith. Apologetics is not a peripheral discipline for Christian eggheads. It’s right at the center of the kingdom of God.

Mehr: www.christianitytoday.com.

John Frame und Francis Schaeffer

Steve Scrivener hat Kommentare von John Frame über Francis Schaeffer zusammengestellt. Frame sagte über Schaeffers Einfluss auf sein Leben:

I only met Schaeffer maybe three or four times in my life. I spent a night at his Chalet in Switzerland in 1960, but he was away in the states at the time. I hoped to spend more time there, but God never opened the door. Nevertheless, reports of God’s work at L’Abri stirred my soul, and I sought any opportunity to read his letters and, when later available, his books.

Early in my study at Westminster [Theological Seminary ( Philadelphia ) in 1961–64], I read Schaeffer’s article »A Review of a Review,« published in The Bible Today. Schaeffer had studied both with Van Til and with the editor of The Bible Today, J. Oliver Buswell. Buswell had been very critical of Van Til. Schaeffer’s article sought to bring them closer together. Much of Schaeffer’s argument made sense to me, and from then on I believed that the differences between Van Til’s and the »traditional« apologetic were somewhat less than Van Til understood them to be.

Even more impressive to me, however, was Schaeffer’s example as an evangelist. L’Abri sought both to give »honest answers to honest questions« to the people who visited, and to show them an example of radical Christian love and hospitality, a »demonstration that God is real.« I came to know many who had been converted through L’Abri, or had been deeply influenced by the ministry. Almost without exception, these believers were spiritually mature, balanced, passionate about both truth and holiness. Though I watched L’Abri from afar off, it influenced my own ministry more than many who were closer by …

Hier mehr: www.frame-poythress.org.

Os Guinness, der Kultur-Apologet

Stefan Loss hat für den ERF Os Guinness kurz vorgestellt:

Der Missionarssohn und Nachkomme des berühmten Bierbrauers Arthur Guinness wurde in China geboren und verbrachte dort die ersten zehn Jahre seines Lebens. Später studierte Guinness Philosophie und Theologie in London und promovierte schließlich in Oxford im Fach Soziologie. Dort – ebenso wie in Cambridge, Princeton und Stanford – war er auch Dozent. Guinness nennt den amerikanischen Theologen Francis Schaeffer einen seiner wichtigsten Mentoren. Von ihm habe er gelernt, seinen Glauben ganzheitlich zu leben.

Os Guinness gilt als einer der größten Apologeten unserer Zeit. Er ist also jemand, der sich der Verteidigung des christlichen Glaubens durch logische Argumente und wissenschaftliche Beweise verschrieben hat. Dabei folgt er einer ganz besonderen Linie: der Kultur-Apologetik. Als Vertreter dieser Form ist er der Ansicht, dass gesellschaftliche und kulturelle Trends mit ihren Fragen und Themen nur vom Evangelium adäquat beantwortet werden können. Seiner Auffassung ist es die Aufgabe der Kultur-Apologetik, die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu thematisieren, um so mit Menschen in den Dialog zu treten.

Hier mehr: www.erf.de.

Im Zweifel für den Zweifel?

Cover.jpgDas Jahrbuch des Martin Bucer Seminars:

  • Ron Kubsch (Hg.): Im Zweifel für den Zweifel?: Beiträge zur christlichen Apologetik, Bonn: VKW, 2010, 215 S., 9,90 Euro

ist kürzlich als idea-Dokumentation erschienen. Im Vorwort heißt es:

Eine Apologetik, die sich auf eigene Gefühle beruft, ist heute sehr verbreitet. Ein »das habe ich erlebt« mag für ein persönliches Zeugnis hilfreich sein, für die denkerische Verteidigung des christlichen Glaubens ist das allerdings zu wenig. Für die Verkündigung des Evangeliums im öffentlichen Raum braucht es auch die Kenntnis objektiver Gründe für den eigenen Glauben. Der Apostel Petrus erwartet nach 1Petr 3,15–16 von den Christen, dass sie den Grund für ihre Hoffnung vernünftig kommunizieren können. Ein apologetisch denkender Christ glaubt nicht nur, er kann auch erklären und begründen, warum und woran er glaubt …

Die in diesem Band gesammelten Aufsätze wollen Christen dabei helfen, in den Glaubensdingen sprachfähig zu werden. Sie gehen auf die Studienwoche »Im Zweifel für den Zweifel?« zurück, die das Martin Bucer Seminar im Sommer 2010 zusammen mit Mitarbeitern von »L’Abri« in Berlin veranstaltet hat oder sind im Rahmen anderer apologetischer Dienste entstanden.

Hier die Titelei mit dem Inhaltsverzeichnis: MBSJB2010.pdf.

Das Buch mit Beiträgen von Daniel von Wachter, Harald Seubert, Thomas Schirrmacher, Robb Ludwick und Wim Rietkerk kann hier bestellt werden:

 

Das glücklichste Volk und eine Entkehrung

In seinem Buch Das glücklichste Volk beschreibt der Linguist Daniel Everett, wie er auszog, im brasilianischen Urwald das Volk der Pirahã zum Christentum zu bekehren (München: DVA, 2010). Fast alles kam anders als erwartet. Die Eingebohrenen wollten seinen Jesus nicht. »Die Ablehnung des Evangeliums durch die Pirahã führte« sogar dazu, dass »ich selbst meinen Glauben infrage stellte«, schreibt Everett (S. 395). Am Ende verlor er nicht nur seinen christlichen Glauben, sondern auch seine Familie.

Bevor Everett als Bibelübersetzer und Missionar zu arbeiten begann, ließ er sich am Moody Bible Institut und auf der Biola University ausbilden. Als Jahresbester sammelte der Student nicht nur Erfahrungen bei Evangelisationsveranstaltungen, er belegte auch das Fach Apologetik. Gelernt hatte er dort allerdings eine Glaubensverteidigung, die vor allem aus dem Reichtum der eigenen Erfahrung schöpfte. Diese Apologetik blieb bei den Pirahã ohne den erwünschte Erfolg, wie Everett selbst eindrücklich beschreibt: »Für das, was ich sagte, konnte ich nur subjektive Begründungen anführen, nämlich meine eigenen Gefühle« (S. 396). Warum sollte er ihnen überhaupt von Jesus erzählen? »Mein Problem war: Warum sollte ich sie von Gott überzeugen? Damit sie ein besseren Leben hätten?« (siehe den nachfolgenden Filmbeitrag).

Warum hat Everett sich »entkehrt«?. Er glaubte an einen Jesus, den er selbst noch nicht gesehen hatte. Aus der Sicht der Pirahã einfach lächerlich. »Wie ich heute weiß« schreibt Everett, »liegt das daran, »dass die Pirahã nur glauben, was sie sehen. Manchmal glauben sie auch Dinge, die ein anderer ihnen erzählt hat, vorausgesetzt, diese Person war tatsächlich Zeuge der geschilderten Ereignisse« (S. 389). Everett war es also, der mit einer Wahnvorstellung lebte, nämlich »der Illusion der Wahrheit« (398). Die Pirahã sind so glücklich wie sie sind, weil sie ohne Wahrheit leben. »Sie kennen nicht das Streben nach Wahrheit als transzendenter Realität. Schon dieses Konzept hat in ihrem Wertesystem keinen Platz« (400).

Nun, das Buch enthält viele Beispiele dafür, dass auch die Pirahã ohne ein »Konzept von Wahrheit« nicht leben können. So sagen sie beispielsweise, es sei falsch, an jemand zu glauben, den man nicht gesehen hat. Es sei auch falsch, Jesus zu vertrauen oder nur eine Frau zu lieben (S. 386). Everett selbst zeigt in seinem Buch, wie hilfreich die Unterscheidung von Wahrheit und Einbildung sein kann. Er lehnt z.B. inzwischen das Evangelium ab, weil es aus seiner Sicht ein falscher Wahn ist. Oder: Als eines Tages ein Pirahã aufgeregt erzählte, dass letzte Nacht Jesus in ihr Dorf kam und Sex mit den Frauen haben wollte, war Everett sich sicher, dass der Indianer sich das weder ausgedacht hatte, noch es tatsächlich Jesus war, der versucht hatte, die Frauen zu vergewaltigen. Solche Unterscheidungen zwischen Trug und Wirklichkeit können in der Tat sehr hilfreich sein. Gelegentlich können sie Leben retten.

Everett glaubt nicht mehr an Jesus, weil er ihn nicht gesehen hat. Es scheint an dieser Stelle wichtig zu sein, dass bereits den Autoren der neutestamentlichen Schriften dieses Problem bekannt war. Schon damals gab es Zeugen aus erster Hand und ganz viele andere Jünger, die das Evangelium nur vom Hörensagen kannten. Deshalb stellten die Autoren des Neuen Testamentes heraus, dass es sich bei der Nachricht von Jesus Christus nicht um eine erfundene Geschichte oder eine esoterische (im Sinne von rein innerliche) Erfahrung handelt. Denken wir an den Prolog des Lukasevangeliums. Wir lesen dort (1,1–4): »Schon viele haben es unternommen, über das, was unter uns geschehen und in Erfüllung gegangen ist, einen Bericht abzufassen nach der Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. So beschloss auch ich, nachdem ich allem von Anfang an sorgfältig nachgegangen war, es der Reihe nach für dich aufzuschreiben, verehrter Theophilus, damit du die Zuverlässigkeit der Lehren erkennst, in denen du unterrichtet wurdest.« Im Zweiten Petrusbrief lesen wir (1,16): »Denn nicht weil wir klug ausgedachten Mythen gefolgt sind, haben wir euch die Macht und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus kundgetan, sondern weil wir Augenzeugen seines majestätischen Wesens geworden sind.« Und auch Johannes betont, um eine letzte Stelle zu nennen, dass die Apostel zuverlässige Zeugen des Christusgeschehens sind (1Joh 1,1–4): »Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir geschaut und was unsere Hände berührt haben, das Wort des Lebens — das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist —, was wir nun gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft habt mit uns. Die Gemeinschaft mit uns aber ist Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.« Die Autoren legten also viel Wert auf gründliche Arbeit und Authentizität in der Berichterstattung.

Jedenfalls haben sie das von sich behauptet. Nun, ich höre schon den Einwand von Everett und vielen anderen: »Ach, das ist zweitausend Jahre lang her und wer sagt uns denn, dass diese Zeugenberichte tatsächlich verlässlich sind? Nur was ich aus erster Hand erfahre, kann ich glauben! Vielleicht haben sie das alles nur erfunden, um sich Geltung zu verschaffen?«

Wäre diese Rückfrage ein ernstzunehmender Einwand, hätte Daniel Everett sein Buch über die Lebensphilosophie der Pirahã besser nicht geschrieben. Was ich über die Indianer weiß, stammt aus seinem Buch. Ich muss mich darauf verlassen, dass seine Eindrücke und Erfahrungen den Tatsachen entsprechen, er sich also weder getäuscht hat, noch mich belügt. Zudem muss davon ausgehen, dass ich seine »Sprachspiele« akkurat verstehen kann. Viel mehr Gründe gibt es, die Berichte der Apostel ernst zu nehmen. Sie haben, anders als Everett mit seinem Buch, mit ihren Evangelien, Berichten und Briefen kein Geld verdient (also vordergründig die Lebensqualität gesteigert). Das Leben dieser Apostel wurde durch ihre Begegnung mit Jesus Christus völlig auf den Kopf gestellt (vgl. z.B. 2Kor 11,23ff). Viele von ihnen sind als Märtyrer gestorben. Was, wenn nicht die Echtheit ihrer schriftlich niedergelegten Erfahrungen, soll sie bewegt haben, diesen für sie so entbehrungsvollen Weg zu gehen?

Für Everett ist es eine reizvolle Vision, ohne absolute Werte, ohne Rechtschaffenheit, Heiligkeit oder ein Konzept von Sünde und Schuld zu leben (S. 399). Jedenfalls vermittelt er uns den Eindruck, als sei das das höchste zu erstrebende Glück. Der aufmerksame Leser seines Buches wird freilich schnell bemerken, dass es auch unter den Pirahã jede Menge von Schulderfahrungen gibt. Nicht nur Diebstal, auch brutaler und hinterlistiger Mord gehören zur Wahrheit des glücklichsten Volkes. Das Schuldproblem wird, so beschreibt es Everett eindrücklich, durch Ächtung oder durch Schweigen gelöst. So hat man dann eben Freunde, die man besser nicht auf ihre Morde anspricht (vgl. S. 222–223). Eine überzeugende Vision für ein Leben, dass von Vertrauen und Glück geprägt ist?

Zwei abschließende Bemerkungen:

Zum einen macht das Beispiel von Everett deutlich, wie wichtig für Missionare eine solide theologische Ausbildung ist, in der auch fundamentaltheologische Fragen durchdacht werden. Everett hat sich nach einer Zeit im Exzess und mit Drogen durch die Begegnung mit evangelikalen Christen bekehrt. Der Erfahrung seiner Schuld entsprach der erfahrene Zuspruch der Vergebung. Solche Erlebnisse sind existentiell. Nichts daran ist verwerflich. Allerdings kann aus ihnen ein Frömmigkeitsstil erwachsen, der diese Erfahrung zur Grundlage des Glaubens erklärt. Wird dann irgendwann, z.B. durch einen Kulturwechsel, die Schulderfahrung relativiert, bleibt nicht mehr viel übrig. Everett, ein nachdenklicher Mensch, scheint grundlegende Fragen des christlichen Glaubens nie wirklich durchdacht zu haben und hatte so auf dem Missionsfeld der Mystik des Augenblicks bei den Pirahã nicht mehr viel entgegenzusetzen. Leidenschaft reicht also bei einem Ruf in die Mission nicht aus. Die Klärung wichtiger theologischer Fragen gehört zur Zurüstung hinzu.

Auf Seite 394 seines Buches legt Everett ein erstaunliches Bekenntnis ab: »Hätte ich mir die Zeit genommen und etwas über dieses Volk gelesen, bevor ich es zum ersten Mal besuchte, so hätte ich erfahren, dass Missionare sich schon seit über hundert Jahren um ihre Bekehrung bemüht hatten.« Ich musste den Satz zweimal lesen. Everett hat sich tatsächlich mit seiner damaligen Familie bei einem bis dahin unerreichten Stamm niedergelassen, ohne sich vorher gründlich über die Geschichte dieses Volkes zu informieren (obwohl es Literatur dazu gibt)? Ein guter Missionar kennt seine Bibel und die Zielkultur! Also auch hier: Leidenschaft reicht nicht. Es gehört zur Pflicht eines Missionars, sich so gut als möglich über die Kultur, in der er sich niederlässt, zu informieren.

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