Dezember 2015

Eine integrative Sicht des Weihnachtsfestes

In Nordamerika versuchen erste Universitäten, politisch korrekte Weihnachtsfeiern zu etablieren. Die Schulen sollen sicherstellen, dass aus den Winterfeiern keine getarnte Weihnachtsfeier wird. Stefan Frank hat die englischsprachigen Quellen ausgewertet und schreibt:

Das Feiern von Weihnachten wird in Teilen der ehemals westlichen Welt mehr und mehr zu einer subversiven Angelegenheit, ein Untergrundfest für Dissidenten.

Wie die amerikanische Website „Campus Reform“ (1) berichtet, hat die Leitung der Universität Cornell – das ist die größte der Eliteuniversitäten der Ivy League – für die Feiern, die im Dezember aus bestimmten Gründen traditionell stattfinden, sogenannte „Brandsicherheitsrichtlinien“ verabschiedet, die viel ideologischen Zunder enthalten.

Am Anfang des Dokuments (2) finden sich tatsächlich Anweisungen zur Verhütung von Bränden. Viel mehr Raum aber nimmt der folgende, nicht recht zur Überschrift passende Teil ein, der sich mit der politischen Haltung beschäftigt, die die Mitarbeiter der Universität angesichts der „religiösen Vielfalt unserer Studenten und Kollegen“ an den Tag zu legen haben, um „ihre integrative Herangehensweise“ („inclusive approach“) unter Beweis zu stellen. So sollen sie sich etwa beim Feiern und Schmücken auf „die Jahreszeit Winter“ konzentrieren und nicht auf „einen bestimmten Feiertag“. Zudem sind sie gehalten, „Symbole zu verwenden, die Feiertage zahlreicher Religionen zeigen, im Verbund mit säkularen Dekorationen der Saison“.

Es folgt eine Liste von erlaubten und verbotenen Gegenständen, und solchen, die erlaubt sind, sofern ein spontan einzuberufender Sowjet sie billigt.

Erlaubt sind: „Schneeflocken und Bäume (in Einklang mit den Brandsicherheitsvorschriften), die mit Schneeflocken und anderen nichtreligiösen Symbolen geschmückt sind.“ Verboten – da „nicht im Einklang mit den Richtlinien der Universitätsversammlung oder den Richtlinien der Selbstverpflichtung der Universität zur Diversität und Integration“ – sind: „Krippenszenen; die Menorah; Engel; Mistelzweige; Sterne auf der Spitze von Bäumen; Kreuze; Davidsterne.“

Obwohl ich auf den Weihnachtsmann verzichten kann, zeigt das Beispiel, mit was für einer totalitären Wucht politische Korrektheit westliche Zivilisationen umkrempelt. Trotzdem bleiben Hintertüren offen. Die Ohio State University schreibt: „Explain holidays & symbols so others learn what the holiday means“ (dt. „Erkläre die Festtage und Symbole in einer Weise, dass andere lernen, was der Feiertag bedeutet“).

Hier mehr: www.achgut.com.

VD: MG

Fremde

Factum 05 2014 b6bb5538Das Magazin factum hat ein ausgezeichnetes Interview mit dem Alttestamentler Professor Markus Zehnder veröffentlicht. In „Ein moralisches Dilemma?“ (factum, 9/2015, S. 12–15) sagt Zehnder:

Natürlich gilt, und das ist grundlegend, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist. Aber das hindert nicht, dass nach den biblischen Texten unterschiedliche Gruppen von Einwanderern unterschiedlich behandelt werden. Ich verweise auf die oben erwähnte Unterscheidung zwischen ger und nokri, das heisst zwischen dem, der sich weitestgehend integriert, und dem, der das nicht tut. Es liegt dem alttestamentlichen Denken fern, die Bildung von Parallelgesellschaften zuzulassen. Im aktuellen Fall der Bildung von Parallelgesellschaften unter Scharia-Vorzeichen ist das besonders gravierend, nicht nur aus biblischer oder christlicher Sicht; denn wo die Scharia bestimmt, werden nicht nur Christen diskriminiert, sondern alle Nichtmuslime, und der liberale Rechtsstaat westlicher Prägung findet sein Ende.

Norbert Bolz: Gnadenlose Neuzeit

Obwohl ich mit dem kierkegaardianischen Schluss dieses Essays überhaupt nicht einverstanden bin, ist „Gnadenlose Neuzeit: Luther und die Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft“ von Norbert Bolz ein intellektueller Genuss. Schon der Einstieg ist gehaltvoller und herausfordernder als das betäubende Geschwätz, dass uns viele evangelische Prediger Sonntag für Sonntag zumuten:

Die evangelische Kirche unserer Zeit ist durch eine Inflation des Kreuzes gekennzeichnet. So hört man von ihren Repräsentanten und Pfarrern nur noch selten etwas über das Ärgernis und den Skandal des Wortes vom Kreuz, so wie es im Zentrum der Paulus-Briefe und damit des Neuen Testaments steht. Aber man bekommt am Sonntag sehr viel zu hören über die unzähligen kleinen Kreuze dieser Welt wie Hunger, Flüchtlingselend, Arbeitslosigkeit, Klimakatastrophe usf. Zusammengehalten werden diese kleinen Kreuze durch die Dauerbereitschaft eines „Reden wir miteinander“. Das hat schon der große dänische Protestant des 19. Jahrhunderts, Sören Kierkegaard, als Geschwätz bezeichnet. Der Pfarrer tritt immer häufiger als Gutmensch auf – und das heißt in der Sprache des Neuen Testaments: als Pharisäer. Dabei missbraucht er seine Predigt für einen sentimentalen Moralismus. Das hat Franz Overbeck schon Ende des 19. Jahrhunderts erkannt. Ich zitiere: „Nichts entvölkert unsere Kirchen so sehr, als dass man es in ihrem Gottesdienst so viel mit den persönlichen Ansichten ihrer Prediger zu tun hat.“ So Overbeck.

Die evangelische Kirche heute vermeidet Konflikte, indem sie immer weniger behauptet. Sie hat Angst vor den eigenen Dogmen und möchte um keinen Preis orthodox sein. Aber nicht orthodox sein zu wollen, ist für einen Glauben paradox. Denn Orthodoxie heißt nichts anderes als der richtige Glaube. Kennt die evangelische Kirche überhaupt noch den Unterschied zwischen Christentum und einem diffusen Humanitarismus? Sie ersetzt den Skandal des Gekreuzigten zunehmend durch einen neutralen Kult der Menschheit. Thomas Mann hat das schon vor hundert Jahren „Verrat am Kreuz“ genannt. Was dann noch bleibt, ist die Sentimentalität einer unrealistischen Menschenfreundlichkeit.

Dieses Wohlfühlchristentum befriedigt ein tiefes Bedürfnis nach Betäubung. Jeder kennt ja Marxens Formel von der Religion als Opium des Volkes. Genau in diesem Sinne hat dann auch Nietzsche von einem opiatischen Christentum gesprochen und es scharf der ursprünglichen christlichen Erschütterung entgegengesetzt. Gemeint ist bei Marx genau so wie bei Nietzsche: Nicht Religion selbst ist Opium, sondern die modernen Menschen machen aus Religion ein Opiat. Sie benutzen das Christentum als Droge, zur Beruhigung der Nerven. Jede Spur der christlichen Erschütterung ist sorgfältig getilgt. Man lässt sich zwar noch von der Jesus-Geschichte rühren, vor allem an Weihnachten. Aber vom Jüngsten Gericht will niemand mehr etwas hören. Aus Gott ist der liebe Gott geworden. Und aus Jesus ist ein guter Mensch geworden – gewissermaßen ein Integrationsbeauftragter höherer Ordnung. Aber wer den Lehrer und Sozialarbeiter Jesus lobt, will den Erlöser Christus verdrängen. Wenn Jesus nur ein Lehrer des richtigen moralischen Verhaltens gewesen wäre, hätte man ihn nicht gekreuzigt.

Hier das Essay als Mitschnitt (ein Manuskript gibt es hier):

 

VD: PG

Logos Advent Calendar

Anwender der Bibelsoftware Logos können täglich ein Buch gratis erhalten, wenn sie den Adventskalender öffnen. Heute gibt es den Doppelband Calvin’s Calvinism von Johannes Calvin. In der Beschreibung heißt es:

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No theologian has been so widely acclaimed and assailed as John Calvin. His teachings have spawned movements and sparked controversy throughout the centuries. Wars have been fought both to defend and to destroy what has become known as Calvinism, a system of thought that Calvin’s followers used as a foundation for political and theological revolutions in Western Europe and America. The breadth and depth of the global engagement with Calvin’s works since they first appeared four centuries ago—and their continuous publication since then—testify to Calvin’s importance and lasting value for the church today.

This bundle contains a translated version of Calvin’s treatise on predestination, clearly outlining his teaching and defense of the sovereignty of God in predestination and providence, as well as 14 further articles regarding predestination.

The Logos edition of Calvin’s Calvinism contains extensive tagging and linking. All Scripture references appear on mouse-over, and each reference links to the original language texts and English Bible translations in your library. With Logos, you can perform comprehensive searches by topic or Scripture reference—finding, for example, every mention of “eternal predestination” or “providence.” That makes the Logos edition of Calvin’s Calvinism easily accessible for scholars and laity alike.

Hier mehr: www.logos.com.

Die falschen Christen von Nordkorea

Ich habe kürzlich darauf hingewiesen,  dass ein Mitarbeiter des Weltkirchenrates die Lage der Christen in Nordkorea mit exorbitanter Weltfremdheit als einigermaßen erträglich eingeschätzt hat. Die FAZ berichtet nun in dem Artikel „Die falschen Christen des Kim Jong-un“ davon, dass für ausländische Delegationen Gottesdienste und Religionsfreiheiten inszeniert worden sind. Übrigens spielte die politisch links orientierte Schriftstellerin Luise Rinser dabei eine unrühmliche Rolle. Außerdem schreibt Petra Kolonko, dass der Diktator Kim Il-sung selbst aus einer christlichen Familie stammte.

Das Regime lasse Funktionäre als katholische Priester oder evangelische Pfarrer auftreten, hat ein aus Nordkorea geflohener Funktionär in Südkorea kürzlich bestätigt. Die falschen Pfarrer arbeiten für das nordkoreanische Ministerium für die „Einheitsfront“. An der Kim-Il-sung-Universität würden sie in christlicher Terminologie unterwiesen, berichtete er. Und nicht nur die Pfarrer, auch die „Gläubigen“ seien von diesem Ministerium ernannt, um mit staatlichem Segen Kontakte im Ausland zu pflegen und Personen, die eine potentiell positive Einstellung zu Nordkorea hätten, darin zu bestärken.

Tatsächlich ist das Christentum in Nordkorea brutal ausgerottet worden. Bereits nach der Gründung des kommunistischen Staates 1948 ließ Diktator Kim Il-sung, der selbst aus einer christlichen Familie stammte, Priester und Gläubige hinrichten oder in Arbeitslager einweisen. In den achtziger Jahren empfahl die deutsche Schriftstellerin Luise Rinser, die eine freundschaftliche Beziehung zu Kim Il-sung und Sympathien für den nordkoreanischen Staat hatte, er solle doch Kirchen bauen, um dem Ausland zu zeigen, dass es Religionsfreiheit in Nordkorea gebe.

Kim Il-sung ließ in seiner Hauptstadt eine katholische und eine evangelische Kirche bauen, später kam eine russisch-orthodoxe hinzu. Die kleinen staatlichen Gemeinden erfüllen seither eine diplomatische Funktion und dienen dem Regime als eine zusätzliche Kontaktbrücke zur Außenwelt und besonders zu den christlichen Kirchen in Südkorea, die Nordkorea gern auf seine Seite ziehen wollte. Gleichzeitig geht das Regime aber gegen heimliche Missionierungsbemühungen aus Südkorea, das heute einer der christlichsten Staaten Ostasiens ist, hart vor. Südkoreaner, die in Nordkorea mit einer Bibel erwischt werden, werden inhaftiert. Ob es angesichts der seit Jahrzehnten anhaltenden Verfolgung und Terrorherrschaft noch echte Gläubige gibt und ob diese zu den Schau-Gottesdiensten mit falschen Pfarrern kommen, ist zu bezweifeln. In Südkorea vermutet man, dass es eher noch einige versprengte Christen im Untergrund gibt.

Hier der Artikel: www.faz.net.

Das Bibelwort und Jesus Christus

Verdunkelt eine hohe Sicht der Bibel die Offenbarung von Jesus Christus? Jacob Thiessen schreibt in: „Bibel und Inspiration“ (Daniel Facius (Hg.), Der Bibel verpflichtet: Mit Herz und Verstand für Gottes Wort, 2015, S. 95–97):

Dass die „tote Orthodoxie“ die Verbalinspirationslehre erfunden habe und mit ihrem Hang alles dogmatisch zu systematisieren den lebendigen Glauben an Jesus erstickt habe, ist zwar oft wiederholt worden, lässt sich aber historisch nicht bestätigen. Die Orthodoxie hat ganz im Gegenteil einen reichen Schatz an geistlichen Kirchenliedern und Musik (z.B. Paul Gerhard, Johann Sebastian Bach u.v.a.) und auch an exegetischen und praktischen Studien hervorgebracht, die bis heute ermutigen können. Johann Gerhard hat nicht nur eine Dogmatik geschrieben, sondern auch seine weit verbreiteten Meditationen, die echte Erbauungsliteratur darstellen. Es stimmt einfach nicht, dass erst eine Befreiung von den Fesseln des „toten Bibelwortes“ die Liebe zu Jesus und das geistliche Leben blühen lassen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Idee dahinter mag noch einleuchten: „Weil Jesus die Selbstoffenbarung Gottes sei und das Wort Gottes und die Bibel erst davon abgeleitete Autorität beanspruchen könne, darum dringt man durch das Wort hindurch zur Begegnung mit dem wahren Jesus und erlebt hier geistliche Tiefe. Dass Bibelwort sei nur Mittel, um Jesus selbst zu begegnen. Wenn aber die Bibel zu sehr im Vordergrund steht, dann wird die Selbstoffenbarung Gottes in Christus verdunkelt.“ Aber diese Idee ist von der unrealistischen Vorstellung getragen, dass die Offenbarung von Jesus uns unmittelbar zugänglich sei. Das war sie aber schon für die Jünger Jesu nicht, die mit ihm mehr als drei Jahre zusammenlebten. Sie war es nicht einmal nach seiner Auferstehung. Erst im Licht des Wortes Gottes, das Gott lange vorher durch seine Propheten offenbart hatte, ist Jesus als der Christus erkennbar. Er ist es gerade nicht aufgrund irgendeiner Aura oder eines irgendwie gearteten Ergriffenseins der Jünger. Sein Rettungswerk wird als solches erkannt, weil es „nach der Schrift“ (1Kor 15,1-4) geschehen ist.

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