Das Bibelwort und Jesus Christus

Verdunkelt eine hohe Sicht der Bibel die Offenbarung von Jesus Christus? Jacob Thiessen schreibt in: „Bibel und Inspiration“ (Daniel Facius (Hg.), Der Bibel verpflichtet: Mit Herz und Verstand für Gottes Wort, 2015, S. 95–97):

Dass die „tote Orthodoxie“ die Verbalinspirationslehre erfunden habe und mit ihrem Hang alles dogmatisch zu systematisieren den lebendigen Glauben an Jesus erstickt habe, ist zwar oft wiederholt worden, lässt sich aber historisch nicht bestätigen. Die Orthodoxie hat ganz im Gegenteil einen reichen Schatz an geistlichen Kirchenliedern und Musik (z.B. Paul Gerhard, Johann Sebastian Bach u.v.a.) und auch an exegetischen und praktischen Studien hervorgebracht, die bis heute ermutigen können. Johann Gerhard hat nicht nur eine Dogmatik geschrieben, sondern auch seine weit verbreiteten Meditationen, die echte Erbauungsliteratur darstellen. Es stimmt einfach nicht, dass erst eine Befreiung von den Fesseln des „toten Bibelwortes“ die Liebe zu Jesus und das geistliche Leben blühen lassen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Idee dahinter mag noch einleuchten: „Weil Jesus die Selbstoffenbarung Gottes sei und das Wort Gottes und die Bibel erst davon abgeleitete Autorität beanspruchen könne, darum dringt man durch das Wort hindurch zur Begegnung mit dem wahren Jesus und erlebt hier geistliche Tiefe. Dass Bibelwort sei nur Mittel, um Jesus selbst zu begegnen. Wenn aber die Bibel zu sehr im Vordergrund steht, dann wird die Selbstoffenbarung Gottes in Christus verdunkelt.“ Aber diese Idee ist von der unrealistischen Vorstellung getragen, dass die Offenbarung von Jesus uns unmittelbar zugänglich sei. Das war sie aber schon für die Jünger Jesu nicht, die mit ihm mehr als drei Jahre zusammenlebten. Sie war es nicht einmal nach seiner Auferstehung. Erst im Licht des Wortes Gottes, das Gott lange vorher durch seine Propheten offenbart hatte, ist Jesus als der Christus erkennbar. Er ist es gerade nicht aufgrund irgendeiner Aura oder eines irgendwie gearteten Ergriffenseins der Jünger. Sein Rettungswerk wird als solches erkannt, weil es „nach der Schrift“ (1Kor 15,1-4) geschehen ist.

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Kommentare

  1. Schandor meint:

    Hurra, was für ein guter Text! Endlich sagt’s mal wer so deutlich! Kann den Spruch nämlich schon nicht mehr hören. Gehört in eine Reihe mit dem: „Bei uns geht die Liebe über die unterschiedlichen Lehrmeinungen“. Kann ich auch nicht mehr ertragen.

    „die Verbalinstpirationslehre erfunden“ – das allein schon! Wann merkt der Christ, dass es keinen rechten Glauben geben kann, wenn er nicht glauben kann, was geschrieben steht? Hört man die Stimme hinter dem Zweifel? Hört man sie? Und sagt sie nicht E X A K T dasselbe wie damals: „Sollte Gott gesagt haben …?“

  2. Robertus Theophilus meint:

    Guter Kommentar, Schandor!
    Und ich kann nur zustimmen. Wenn die Bibel nur intellektuell inspirieren sollte, kann ich mir nicht erklären, warum ich manchmal beim Lesen so direkt die Ansprache einer Person erfahre. Ich hätte (auch) gern die direkte Berührung, das direkte Hören von Jesus wie das eines menschlichen Freundes, dennoch ist dieses Wort Gottes ECHTES Wort und ECHTES Eingreifen seinerseits in mein Leben – viel hundertfach erlebt.

  3. Lieber Robertus Theophilus,

    was verstehst Du unter „nur intellektuell“? Was ist denn eine „nicht-intellektuelle“ (?) Ansprache einer Person? Wie soll das gehen? Das verstehe ich nicht.

  4. Alexander meint:

    @Der Calvin
    Du müsstest ein wenig an Deiner Lesefähigkeit feilen. Die Ablehnung von „nur intellektuell“ ist etwas anderes als ein Plädoyer für (ausschließlich) „nicht-intellektuell“. Es geht um beides: Um Verstand und Herz (daher der Untertitel des Buches, das Ron hier empfiehlt). Dass beides zusammengeht (und gehört), wird damit verteidigt. Daneben gibt es ja auch heute noch eine „tote Orthodoxie“. Deine Äußerungen hier auf dem Blog wären hierfür einschlägige Beispiele.

  5. Will gar nicht mitdiskutieren, außer um dem Calvin über die uns trennenden Lehrmeinungen hinweg zu empfehlen meinen Namensvettern doch zu bitten „tote Orthodoxie“ einmal genau zu definieren. Am besten aus der Schrift! Ansonsten stimmen orthodoxe Lutheraner hier voll zu: Grundlage für die hier kritisierten Äusserungen ist die Idee, Gott offenbare sich primär in mir selbst und meinen Gefühlen („lebendig“ fühlt man sich). Von Adolf Köberle in seinem phantastischen Werk „Rechtfertigung und Heilgung“ unter der Rubrik Mystik detailliert kritisiert. Ansonsten herzlichen Dank, dass als positive Beispiele der Orthodoxie ausschließlich beinharte Lutheraner genannt wurden (Bach , P. Gerhard, der sich gegen die Union stellte und Johann Gerhard, einer der besten Lutherischen Theologen).

  6. @Alexander
    Du hast Recht, „nicht-intellektuell“ ist hier doppeldeutig. Meine Frage bezog sich in der Tat nicht auf ausschließlich „nicht-intellektuell“, sondern wirklich auf AUCH „nicht-intellektuell“.

    Oder um es einfacher zu sagen: Ich will wissen, was Robertus Theophilus darunter versteht, was über dem „nur intellektuellen“ hinausgeht. Was ist dieses „etwas“?

    Andere Frage: Was verstehst Du unter „toter Orthodoxie“? Was heißt das?

  7. Tim-Christian meint:

    Tote Orthodoxie ist meiner Meinung nach dann gegeben, wenn jemand mit dem Heidelberger Katechismus so umgeht, wie die Pharisäer mit dem mosaischen Gesetzt. Also formale Rechtgläubigkeit ohne wirkliche Gottes- und Nächstenliebe. Wobei das Problem nicht die Rechtgläubigkeit an sich ist – „Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet …“ (Matt 23,3) -, sondern in der Lieblosigkeit besteht. Der umgekehrte Fehler, der heutzutage besonders en vogue zu sein scheint, meint nun, man müsse die Rechtgläubigkeit in den Wind schießen, um liebevoll zu sein. Da weiß man nicht, was schlimmer ist 😉

  8. Ich empfehle zur Auseinandersetzung mit der Orthodoxie (ob tot oder lebendig) das Buch von Philipp Jakob Spener: „Pia desideria“

  9. @Tim-Christian

    Also formale Rechtgläubigkeit ohne wirkliche Gottes- und Nächstenliebe.

    Interessante Definition! Aber formale Rechtgläubigkeit ist ja gerade keine wirkliche Rechtgläubigkeit. Das heißt, dann müsste man „Rechtgläubigkeit“ in Anführungszeichen setzen. Dann müsste man also sagen: Tote „Orthodoxie“.

    Wobei das Problem nicht die Rechtgläubigkeit an sich ist

    Das sehe ich genauso. Absolut! Aber wenn man das so sieht, wie wir beide, dann macht es ja gerade keinen Sinn, hier überhaupt von Orthodoxie zu sprechen. Das verwirrt doch nur unnötigerweise.

    sondern in der Lieblosigkeit besteht.

    Und dann handet es sich ja gerade nicht um Rechtgläubigkeit. Die fehlende Liebe beweist ja gerade, dass die Rechtgläubigkeit fehlt.

  10. Robertus Theophilus meint:

    Hallo Calvin,
    der Alexander hat das schon recht gut beantwortet. Ich denk, die Bibel kann genauso wie ein Plato oder eine mathematische Regel intellektuell genossen werden. Das Intellektuelle bleibt jedoch sachlich, fordert keine Antwort (kann es um seiner Unpersönlichkeit auch nicht). Das Reden Gottes geht darüber hinaus, es ist persönlich (nebst dem rein verstandesmässigen).
    Wie soll das gehen? Ich glaub, da müsste man antworten „Ihr müsst von neuem geboren werden“. Es ist jetzt einfach so (durch den Glauben). Früher war Gott für mich eine (wahnwitzige) Idee, jetzt ist er mir erfahrene Person, deren Einfluss ich genauso wenig leugnen könnte wie den meiner Frau.
    Lange Rede kurzer Sinn … ich glaub, Du weißt schon, wie ich das meine. 🙂

  11. Tim-Christian meint:

    @Calvin

    Ja, sehe ich auch so. Insofern die Liebe die Hauptsumme aller Unterweisung ist (vgl. 1 Tim 1,5), kann eine lieblose Orthodoxie natürlich immer nur eine Orthodoxie in Anführungszeichen sein.

  12. @Robertus Theophilus

    Ich denk, die Bibel kann genauso wie ein Plato oder eine mathematische Regel intellektuell genossen werden.

    Moment! Mit dem intellektuell genießen sind nicht alle Formen des Intellektuellen abgedeckt. Man kann die Bibel problemlos intellektuell genießen, ohne sie auch intellektuell für wahr zu halten. Das ist nicht beides dasselbe! Beispiel: Ich kann einen Fantasy-Roman (intellektuell) genießen, ohne ihn auch (intellektuell) für wahr zu halten.

    Das Intellektuelle bleibt jedoch sachlich,

    Das Intellektuelle ist per definitionem sachlich.

    Das Reden Gottes geht darüber hinaus, es ist persönlich (nebst dem rein verstandesmässigen).

    Ich verstehe diesen angeblichen Gegensatz hier nicht. Erstens kann das Reden Gottes (wie jedes Reden) per definitionem nur verstandesmäßig sein. Sonst könnten wir z.B. nichts darüber aussagen. Genau das machst Du jetzt aber gerade. Zweitens, wenn das Reden Gottes persönlich ist (was es ist), dann schließt das nicht aus, dass es verstandesmäßig ist. Verstandesmäßig ist doch nicht das Gegenteil von persönlich. Du verwechselst zwei unterschiedliche Kategorien.

    Aber noch mal: Was soll das sein: Eine nicht-(nur-)verstandesmäßige Rede? Definiere das bitte mal!

    Wie soll das gehen? Ich glaub, da müsste man antworten „Ihr müsst von neuem geboren werden“. Es ist jetzt einfach so (durch den Glauben).

    Nein, meine Frage war nicht, wie/warum jemand zum Glauben kommt, sondern was Glaube ist.

    Früher war Gott für mich eine (wahnwitzige) Idee,

    Ja, aber das ist eben keine Rechtgläubigkeit, sondern Falschgläubigkeit.

  13. Robertus Theophilus meint:

    Ok, einmal versuch ich’s noch. DANACH geb ich’s auf mit der Haarspalterei, denn meine sind a) eh zu dünn und b) hab ich nicht so viele (auch wenn sie dann zahlenmäßig mehr würden ;).
    Ich habe nicht behauptet: „schließt das nicht aus, dass es verstandesmäßig ist“, sondern eben nicht „nur“. Wenn ich in der Müllzeitung von einer neuen Regelung lese ist das eine (verstandesmässige/intellektuelle) Information, wenn mir meine Frau anheim stellt, gefälligst den Müll rauszubringen ist das auch Information, aber eben nicht „nur“.

    In diesem rechtgläubigen oder auch recht gläubigen Sinne … 😉

  14. @Robertus Theophilus

    Ich habe nicht behauptet: „schließt das nicht aus, dass es verstandesmäßig ist“, sondern eben nicht „nur“.

    Du hast mich nicht verstanden. Okay, lass mich ein (ganz schlechtes) Beispiel bringen: „In meiner Kirche predigen NUR Männer (d.h. also keine Frauen).“ Diese These wird nicht widerlegt, wenn einer sagt: „Aber in deiner Kirche hat eine Person gepredigt, die englisch ist.“ Das ist ein Kategorienfehler: Hier wird Geschlecht mit Nationalität verwechselt.

    Das war auch meine Argumentation gegen Deine Sichtweise: Wenn das Reden Gottes persönlich ist, dann ist damit nicht die These widerlegt, dass das Reden Gottes nur verstandesmäßig ist. Absolut nicht.

    Genauso wenig wie die These, dass (auch) Ausländer in meiner Kirche predigen, nicht widerlegt, dass nur Männer predigen. Die Kategorie persönlich ist einfach eine ganz andere Kategorie wie verstandesmäßig.

    „1+1=2“ ist eine nicht-persönliche Aussage, „Gott liebt dich“ ist dagegen eine persönliche Aussage. Aber beide Aussagen sind gleichermaßen rein verstandesmäßig.

    Wenn ich in der Müllzeitung von einer neuen Regelung lese ist das eine (verstandesmässige/intellektuelle) Information,

    Informationen sind immer verstandesmäßig. Sie sind es per definitionem. Es ist völlig egal, ob eine Information persönlich ist oder nicht-persönlich ist. Sie ist immer verstandesmäßig.

    wenn mir meine Frau anheim stellt, gefälligst den Müll rauszubringen ist das auch Information, aber eben nicht „nur“.

    Dann ist es ein Aufforderungssatz. (Oben hatten wir einen Aussagesatz.) Dieser Aufforderungssatz lässt sich problemlos in einen Aussagesatz umwandeln. Und der ist rein verstandesmäßig.

  15. Johannes Strehle meint:

    „Die Idee dahinter mag noch einleuchten:
    „Weil Jesus die Selbstoffenbarung Gottes sei
    und das Wort Gottes und die Bibel
    erst davon abgeleitete Autorität beanspruchen könne …“
    Ich finde die Idee überhaupt nicht einleuchtend denn
    „Im Anfang war das Wort … und Gott war das Wort.“

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