Ein letztes Gespräch über letzte Dinge

Friedrich Wilhelm Graf (lehrte früher evangelische Theologie an der LMU in München) beschreibt in der FAZ sein letztes Gespräch mit Jürgen Habermas (FAZ, 16.03.26, Nr. 63, S. 11). Hier ein Auszug: 

Starnberg, 5. Januar. Nach dem üblichen Mittagessen beim Italiener in Söcking sprachen wir mehrere Stunden lang miteinander. Zunächst ging es, wie schon so oft, um Religion und Christentum. In einem kurzen Beitrag zur Festschrift für seinen Schüler Thomas Schmid, den wenige Tage zuvor gestorbenen Frankfurter katholischen Theologen und Religionsphilosophen, hatte er neuerlich darauf insistiert, dass eine nur schwache, rein symbolische Transzendenz des Einzelnen den starken Hoffnungspotentialen der alten christlichen Eschatologie nicht gerecht werde. Eine liberaltheologische Formel wie „Kein Mensch geht im Vorhandenen auf“ drohe die Substanz des Christlichen preiszugeben.

Aber Jürgen Habermas wusste auch, wie voraussetzungsreich und schwierig es unter postmetaphysischen Reflexionsbedingungen ist, alte Glaubensgehalte in einer intersubjektiv kommunikablen, also rationalen Sprache zu vergegenwärtigen. Dass ein Übersetzer in beiden Sprachwelten zu Hause sein müsse, es aber nicht mehr allzu viele religionssensible Vernunftdeuter gebe, räumte er ein. Er beschwor elementare Rettungsgewissheit und erinnerte gern an Gershom Scholem. Dessen Beerdigung im Februar 1982 in Jerusalem sei die berührendste, irgendwie schönste gewesen, an der er je teilgenommen habe. Vor Särgen, am offenen Grab sei ihm die heilsame Kraft von Kult und religiösem Ritus deutlich geworden.

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21 Minuten zuvor

Nicht umsonst heißt es in der Schrift: »Die Klugen werde ich an ihrer Klugheit scheitern lassen; die Weisheit derer, die als weise gelten, werde ich zunichte machen.«“

  1. Korinther 1, 19
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