Gottes vergessene Kinder

Tempel1001.jpgDER SPIEGEL hat zur Osterzeit wieder einmal zugeschlagen und behauptet in dem Artikel „Gottes vergessene Kinder“ (15/2012, S. 120–123), dass das uns überlieferte Alte Testament Produkt einer Geschichtsfälschung sei. Die ursprünglichere Thora, so berichtet das Nachrichtenmagazin unter Berufung auf die Forschungsarbeiten des Ethnologen Stefan Schorch, stamme von den Samaritern. Die hebräische Bibel liefere nur ein Zerrbild ihrer Geschichte. „Papyrusrollen aus Qumran am Toten Meer, aber auch ein jüngst auf dem Antikmarkt aufgetauchtes Fragment der Bibel zwängen zu einer ‚völligen Neubewertung‘, sagt Schorch“ (S. 121). Den „spannendsten Hinweis“ auf die wirkliche Geschichte habe Jizchak Magen geliefert, der seit 25 Jahren auf der Kuppe des Garizim grabe. Was also ist das Hauptargument? „Seine Befunde, erst zum Teil veröffentlicht, kommen einer Sensation gleich: Auf dem Berg stand bereits vor 2500 Jahren ein gewaltiges, hell schimmerndes Heiligtum, umschlossen von einer 96 mal 98 Meter großen Einfriedung. Die Mauer hatte sechskammrige Tore mit riesigen Holztüren. Der Tempel von Jerusalem war zu jener Zeit allenfalls ein simpler Kubus“ (S. 121).

Laut einer Qumranrolle habe Mose seinem Volk befohlen, ein Heiligtum auf dem Garizim zu errichten. „In der hebräischen Bibel (an der Jerusalems Priesterschaft womöglich noch sehr lange herumschrieb) hört sich das Ganze plötzlich anders an. Von einem „erwählten Ort“ ist nicht mehr die Rede. Auch das Wort „Garizim“ ist an der entscheidenden Stelle gestrichen“ ( S. 122). Um gegenüber den Samaritern ihren Anspruch zu unterstreichen, hätten sich die Priester aus dem winzigen Südreich eine Heilsgeschichte ersonnen. „Demnach regierte bereits um 1000 vor Christus der Ur-König David von Jerusalem aus einem glänzenden Großreich. Sein Nachfolger Salomo schuf in der Stadt angeblich einen Tempel aus Zedernholz, „vollständig mit Gold überzogen“. Das alles sei Unsinn. Die Priester wollten nur das Ansehen der Samariter schmälern und hätten dafür das eigene Heiligtum gegenüber der Götterfestung auf dem Garizim wort- und phantasiereich aufgewertet. „Vom Sakrosanktum des Salomo wurde bis heute nicht ein Stein gefunden“ (S. 123).

Ich habe Peter van der Veen  (siehe auch hier) zu dieser These befragt und eine Antwort erhalten, die ich freundlicherweise hier wiedergeben darf:

Natürlich gab es die Samariter und ihr Heiligtum. Die Spuren des Heiligtums reichen vielleicht sogar bis ins 6.–7. Jh. v. Chr. zurück. Das allerdings ist noch längst kein Beweis dafür, dass gemogelt wurde, indem Jerusalem erst später fälschlich anstatt von Gerizim bevorzugt wurde und somit der biblischer Text verändert (gefälscht) wurde. Das ist reine Spekulation. Dass vom Jerusalem Tempel aus der Zeit Salomos nichts gefunden wurde hat einen ganz anderen Grund, d.h. schlicht und ergreifend, dass man dort nicht graben darf. Dennoch ist der Schutt, der beim Bau der unterirdischen Moschee ausgehoben wurde von Professor Gabriel Barkays Team sehr genau durchgesiebt worden und noch wird da weiter gearbeitet. Dabei sind viele Sachen gefunden worden, hauptsächlich jedoch aus herodianischer und späterer Zeit. Eine Tonbulle jedoch nennt einen gewissen Gaaljahu, den Sohn Immers. Die Tonbulle datiert aus etwa 600 v. Chr. und obwohl Gaaljahu direkt aus der Bibel nicht bekannt ist, handelt es sich beim Namen des Vaters um einen vor allem unter Leviten bekannten Personennamen, wie auch aus der Zeit Jeremias bekannt ist (Jer 20:1). Zudem schreiben die Priester von Jahwes Heiligtum auf der Nil-Insel Elephantine in Ober-Ägypten im späten 5. Jh. v. Chr. an die Priesterschaft in Jerusalem und nicht an die Priester auf Gerizim wenn es um Ratschläge bezüglich des Kultus geht. In einem Brief (Brief 18) aus Tel Arad (an der Südgrenze Judas), um 600 v. Chr., wird das Haus Jahres erwähnt, und da Arad als Festung Judas direkt dem König von Juda (in Jerusalem residierend) unterstand (wie auch aus Arad-Brief Nr. 24 deutlich ist; während das frühere Lokalheiligtum Arads zu dieser Zeit nicht mehr existierte), kann nur vom Jerusalemer Tempel die Rede sein. Zudem wird in Brief 18 ein gewisser Qerositer (d.h. aus dem Hause der Nethaniter) erwähnt. Die Qerositer lebten zur Zeit Nehemias als Leviten im Jerusalemer Tempel (Esr 2,44; Neh 7,47; 1Chron 9,2) und es wird angenommen dass die Familie schon in vorexilischer Zeit existierte.

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Rene
Gast

Es hat schon etwas rührendes, wie sich ein Magazin bemüht, ein Buch zu widerlegen, das es für eine Märchensammlung hält, von einem Gott, den es nicht für existent hält. Warum diese Mühe? Der Koran oder Grimms Märchen werden nicht so bemüht. Und warum, so frage ich mich, wird jede andere, egal wie dubiose, geschichtliche Quelle sofort als wahr akzeptiert, während den vielen Manuskripten der Bibel stets mit Misstrauen (bestenfalls) begegnet wird?

Finsternis kontra Licht, würde ich da sagen …

LG René

F. M.
Gast
F. M.

Warum diese Mühe?

Weil dieses Buch auf seinen guten wie auf seinen schlechten Seiten, so unendlich viel Einfluss auf die Menschen genommen hat. Nicht immer zum Besten aller Menschen, wie ein Blick in die Geschichte zeigt.

Roderich
Gast
Roderich

@ F.M., Natürlich darf jeder dazu seine eigene Meinung haben, aber meines Erachtens hatte die Bibel – wo sie richtig verstanden und angewandt wurde – nur guten Einfluß auf alle Menschen. Die jeweilige Sichtweise zu dieser Frage hängt natürlich davon ab, ob man glaubt, dass die ganze Bibel Gottes inspiriertes Wort ist. Das, was uns beunruhigen sollte, ist aber, dass Menschen, die zwar wiedergeborene Christen waren, dennoch zum Teil die Bibel falsch ausgelegt haben, und dann durchaus Unheil angerichtet haben. Die konkrete „Anwendung“ davon ist die Frage: wie kann man selber vermeiden, die Bibel falsch zu verstehen? Denn der Satan… Weiterlesen »

Rhoenblick
Gast

Der Spiegel-Artikel fordert in seinen Kernaussagen zum Nachdenken auf. Es ist mit klar, dass alle Rechtgläubigen sich sträuben, Fälschungen des Alten Testamentes anzuerkennen. Die Bibel ist nicht Gottes Wort – wie auch der Koran nicht vom Erzengel Gabriel diktiert worden ist. Die biblischen Werke sind von Menschen geschrieben worden. Sie sind von Menschen ausgewählt und im AT bzw. NT zusammengefasst worden. Die Zeilen von F.M. leicht abwandelnd lässt sich sagen, der Satan war/ist nicht nur der Verführer der Völker, sondern auch der Menschen, des Menschen. Er verführte/verführt sie zu Fälschungen, zu Verdrehungen, zu Lügen. Davon sind auch die Schreiber der… Weiterlesen »

Schandor
Gast
Schandor

Jetzt ist es heraus, und wir dürfen es glauben! Die Bibel ist nicht Gottes Wort – ja Kirche, fasst du es? Jahrtausendelang hast du dich einer falschen Hoffnung hingegeben, hast dich narren lassen von deinem Wunsch nach Erlösung! – da kommt dein Erlöser und sagt dir, dass die Bibel nicht Gottes Wort ist! Satan – der gar nicht wirklich existiert – wird nichtsdestotrotz literarisch fruchtbar gemacht? „Die heutige Wissenschaft weiß, dass … Es herrscht nach dem heutigen Stand der Forschung kein Zweifel mehr darüber, dass … Forscher sind sich einig, dass …“ – Es geht auch noch seichter: „So wissen… Weiterlesen »

Peter
Gast

Obwohl ich das Nachrichtenmagazin Der Spiegel sehr schätze muß ich sagen das er mich bei diesem Artikel keineswegs zum Nachdenken anregt.

„Der Spiegel-Artikel fordert in seinen Kernaussagen zum Nachdenken auf. „

trackback

[…] 7,47; 1Chron 9,2) und es wird angenommen dass die Familie schon in vorexilischer Zeit existierte. http://theoblog.de/gottes-vergessene-kinder/17161/comment-page-1/#comment-15867 Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Gelesen von peter. Permanenter Link des […]

Lutz
Gast
Lutz

@Schandor:
dein:
Zitat: „Und was ist bitte ein “neutraler Fachmann”?
Antwort: Ganz einfach, ein “neutraler Fachmann” ist jemand, der die Inspirationslehre ablehnt und behauptet, das AT sei nicht Gottes Wort. Genau daran erkennt man ihn, den “neutralen Fachmann”. Seine Forschung beginnt er mit einer einzigen (!) Prämisse, und die lautet: “Das AT ist nicht Gottes Wort”. Ergebnis seiner Forschungen: ditto. Das ist ein “neutraler Fachmann”.

fordert von mir (darf ich das so sagen?…) „gut gebrüllt Löwe“!

Lieben Gruß Lutz

Rene
Gast

Eine sehr treffende Definition 🙂

Bundesbedenkenträger
Gast

Also wie ich Schorch kenn (ich durfte bei ihm Hebräisch lernen), haben die den etwas eigenwillig wiedergegeben. Zur Information: Schorch ist kein Ethnologe, sondern Theologe und Inhaber eines AT Lehrstuhls in Halle. Seine Habilitation hat er über den samaritanischen Pentateuch geschrieben. Insofern hat er mit den Samaritanern zu tun. Was ich mir vorstellen kann ist, daß er gesagt hat, daß es eben nicht nur eine Texttradition gibt, die wir im masoretischen Text haben, sondern eben unter anderem ach den samaritanischen. Daneben gibt es ja auch noch die Septuaginta… Ich hatte besagten Spiegel schon in der Hand, hab mich aber dann… Weiterlesen »