Predigt ist Anrede an die Menschen

Rudolf Bohren hat schon herausgearbeitet, dass bei aller notwendigen Exegese und Textreue der Verkündiger die Hörer im Blick haben muss (Dem Worte folgen, 1969, S. 43–44):

Die Predigt ist auch Anrede an die Menschen. Und es ist wichtig, daß wirkliche Menschen angeredet werden, daß das Wort bis zum Menschen kommt. Wir müssen in diesem Zusammenhang noch einmal bedenken, daß Predigen ein Fischen ist.

Es sei gestattet, hier ein kleines Erlebnis zu erzählen: Wie mich letzthin ein Freund zum Fischfang einlädt, gehen wir an einem kleinen von Hasel umsäumten Bächlein entlang. Zum erstenmal seit zehn Jahren halte ich die Rute in der Hand. Mit schönem Schwung will ich die Angel auswerfen. Aber o weh, sie bleibt an den Haseln hängen. – So haben wir schon viel mit schönem Schwung gepredigt. Allein das Wort erreichte die Menschen nicht. Wenn die Angel nicht ins Wasser fällt, kann ich meine Rute lange in die Luft strecken. Es hilft nicht, daß ich den Text sauber exegesiert und dogmatisch richtig interpretiert habe, ja es nützt mir nichts, wenn ich mein eignes Fleisch an die Angel stecke, solange ich nicht die Angel ins Wasser halte, und zwar dahin halte, wo die Fische sind, solange ist alle Mühe vergeblich. Bei klarem Wasser sieht man die Forellen, und die Kunst ist die, den Köder dem Tier so vorzusetzen, daß es beißen kann. Und das gilt besonders für den Menschenfischer. Er muß dahin gehen, ihnen die Botschaft vorsetzen, sie mundgerecht machen, daß sie entweder zuschnappen oder sich bewußt abwenden. Und hier passiert viel Mißgeschick. Viele Prediger können wohl die Rute in die Luft strecken und Würmer baden; aber sie locken die Fische nicht.

Wo die Predigt den Menschen nicht erreicht, stimmt auch mit dem Inhalt der Predigt etwas nicht. Gottes Wort wird dann nur scheinbar verkündet; der Christus incarnatus, der Christus praesens, der kommt, um zu richten die Lebendigen und die Toten, wird nicht gepredigt. Wenn der Prediger die Menschen nicht findet, dann ist das ein Zeichen, daß seine Botschaft selber doketisch verseucht ist, daß er bloß Ideen, Abstraktionen ausbreitet. Aller Doketismus aber ist antichristlich. Man mag da meinetwegen streng orthodox, hochkirchlich, dialektisch, fein lutherisch oder nüchtern reformiert reden. Das Wort, das nicht zum Menschen kommt, ist nicht Gottes Wort. Es ist seinem Wesen nach doketisch, also antichristlich. Und das heißt also, der Hörer gestaltet die Predigt mit. »Die Hörer gehören zum Redner notwendig als seine andere Hälfte.«?

Spurgeon mahnt: »Paßt euch euren Zuhörern an. Das ist sehr wichtig. Der Prediger, der zu einer gebildeten Gemeinde redet, als hielte er eine Straßenpredigt, ist ein Tor; und umgekehrt: wer unter Bergleuten und Kohlenträgem mit wissenschaftlichen Ausdrücken und vornehmen Redensarten um sich wirft, ist erst recht ein Narr.« »Denkt euch in eure Zuhörer hinein.«

„Ich glaube, was ich fühle!“

Während im Mittelalter das „Ich glaube, um zu verstehen!“ des Anselm von Canterbury galt, kann der Satz „Ich glaube, was ich verstehe!“ als das Credo der Neuzeit bezeichnet werden. Heute lautet das Credo: „Ich glaube, was ich fühle!“.

Zugpferd einer Auflösung?

Klaus Bockmühl in „Die Diskussion über Homosexualität aus theologischer Sicht“ (Leben nach dem Willen Gottes, BWA Bd. II/3, Gießen: Brunnen, 2006, S. 31–32, erstmals erschienen in: Evangelische Theologie, Jg. 24/1964, S. 242–266):

Allem nach ist zu sagen: Die christliche Gemeinde muß sich dagegen wehren, daß sie zum Zugpferd einer Auflösung ihrer ethischen Maßstäbe gemacht werden soll, einer Relativierung, zu der das Alte wie das Neue Testament nicht die geringste Handhabe bieten. Die biblischen Urteile sind gerade deshalb relevant, weil sie das homosexuelle Verhalten, die Praxis, betreffen. Eben diese ist heute das Problem. Es ist also nicht einzusehen, wieso die Regel der Herrschaft Gottes – wie für jeden anderen Fall menschlicher Unzulänglichkeit und Verirrung auch – für die Frage der Homosexualität nicht gültig und heilbringend sein sollte. Paulus hat in 1.Korinther 6 gerade hierzu Erschöpfendes und Vorbildliches gesagt, indem er sowohl die Norm als auch die Kraft des neuen Lebens beschrieb.

Leider bekommen solche klaren Rufer im öffentlichen Diskurs heute wenig Raum. Deshalb müssen sie gelesen werden!

Heldenhafte Spermien und wachgeküsste Eizellen

Die „Gender Studies“ haben Fachbereiche und Schulfächer fest im Griff. Kritik ist unerwünscht. Wer aufbegehrt, wird – mindestens – als „reaktionär“ bezeichnet. Die genderorientierten Curricula halten aber wissenschaftlichen Ansprüchen keineswegs stand.

Dass ich einmal einen Artikel empfehle, der sich schützend vor den Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera stellt, hätte ich nicht erwartet. Jetzt ist es so weit.

Hans Peter Klein schreibt für die FAZ:

Im Zuge der Genderisierung der Universitäten mit mittlerweile fast zweihundert speziell dafür eingerichteten Professuren hat sich das grundlegend geändert. Denn diejenigen, die in dieser Geschlechterforschung ihre Mission sehen, wurden durch öffentliche Proteste nicht von ihrem Weg abgebracht. Sie wollen, dass alle Menschen so denken wie sie, weil sie sich im Besitze einer Wahrheit wähnen, die alle anderen missachten oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Dahinter steckt ein Erziehungsprogramm, für das die Vertreter dieser Position keine demokratische Legitimation besitzen.

Es ist erstaunlich, wie Minoritäten, offenbar mit politischer Unterstützung, der Mehrheit ihre Vorstellungen mit fast religiösem Eifer diktieren können. Um ihre Überzeugungen durchsetzen zu können, schaffen sie ein Klima, in dem nicht mehr der Diskurs gedeiht, sondern Andersdenkende durch Verdächtigungen und Anschuldigungen eingeschüchtert und verängstigt werden. Wer dagegen aufbegehrt, muss mit der Diffamierung und Diskreditierung der eigenen Person oder der Zensur kritischer Beiträge rechnen.

Hier mehr: www.faz.net.

VD: EP

Kritik der postmodernen Vernunft

Fernando Suarez Müller schreibt in seinem Aufsatz „Alte und neue Sophistik 1: Macht und Sprache“ (in: Bernd Goebel u. Fernando Suarez Müller (Hg.), Kritik der postmodernen Vernunft, Darmstadt: WBG, 2007, S. 62; 73–74):

Die radikale Anti-Metaphysik mündet in eine Verabsolutierung der Kategorie des Werdens. Weder für Protagoras noch für Foucault ist das „Werden“ als „Entfaltung eines Vorgegebenen“ zu verstehen, denn beiden schwebt eine ständige und radikale Veränderung der Dinge vor Augen.36 Foucault hat den missverständlichen Begriff Revenir“ deshalb auch abgelehnt und spricht selbst immer von Genese im Sinne von Veränderung (AW 286f. [262]). Jede Transformation setzt die Destruktion eines Vorherigen und die Entstehung einer ganz neuen Form voraus: „Das Verschwinden einer Positivität und das Aufkommen einer anderen impliziert mehrere Transformationstypen.“ (AW 245 [224]). Das Werden kann also weder im Werk Foucaults noch bei Protagoras teleologisch oder bewusstseinsphilosophisch gedeutet werden. Mit der Radikalisierung der Kategorie des Werdens geht naturgemäß ein starkes historisches Interesse einher. Die Geschichte ist für beide Philosophen die einzige und auch letzte Realität der Dinge.

Trotz mancher Differenzen sind die Übereinstimmungen zwischen den Kerngedanken des Protagoras und denjenigen Foucaults hinreichend hervorgetreten, um die Rede von einer zeitgemäßen Wiederholung der antiken Sophistik, von einer Foucaultschen Neosophistik als erwiesen zu betrachten. Es hat sich dabei herausgestellt, dass manche schon längst bekannten Einwände gegen die Sophistik immer noch und auch im Falle Foucaults erhoben werden können. Die Reduktion aller Geltung auf Genesis ist angesichts des historisch-skeptizistischen Ansatzes Foucaults unvermeidlich – sie bedroht allerdings seine eigene Position. Auch wenn man, wie im Werk des Protagoras, die Unerkennbarkeit der Lüge oder, wie im Falle Foucaults, die Unvermeidbarkeit der Fiktion hervorhebt, tritt die jeweilige Position dadurch nicht gestärkt hervor. Indem der Dialog und die Kommunikation immer im Lichte des Konflikts erscheinen, stellt sich vielmehr die Frage, inwiefern eine dialogische Auseinandersetzung mit einer solchen Position überhaupt noch möglich ist: Nichts, was diese Position vertritt, kann Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erheben.

Einzelkämpfer

Sandra Kaudelka hat einen beeindruckenden Film über Leistungssportler aus der ehemaligen DDR gedreht. Es handelt sich um berührende Portraits von vier ehemaligen Sportlerstars, die bis an die Grenzen ihrer mentalen und körperlichen Leistungsfähigkeit gegangen sind. Möglich war das, da sie – selbst ehemalige Leistungssportlerin – das Vertrauen ihrer vier Protagonisten gewinnen konnte: Marita Koch (Läuferin), Udo Beyer (Kugelstoßer), Brita Baldus (Springerin) und Ines Geipel (Sprinterin).

Eine seltene, auch filmisch absolut empfehlenswerte, Innenansicht, nicht nur für Leute, die mit der Welt des DDR-Leistungssports in Berührung gekommen sind.

Hier:

„Warum ich als schwuler Atheist meine, die Kirche muss gegen die Homo-Ehe sein“

Ein schwuler Atheist erklärt der Kirche, weshalb sie sich dem öffentlichen Begehren nach der gleichgeschlechtlichen Ehe widersetzen muss. An solchen Beispielen wird deutlich, wie weit es die Kirchen mit ihrer Anbetung „soziologischer Wahrheiten“ gebracht hat.

Können diese Christen nicht sehen, dass die moralische Grundlage ihres Glaubens nicht in der Arithmetik der Meinungsforscher gesucht werden darf? Was hat das irische Referendum uns gezeigt? Eine Mehrheit der Menschen in der Republik Irland ist im Jahr 2015 nicht mit der jahrhundertealten Lehre ihrer Kirche einig, dass nämlich sexuelle Beziehungen zwischen zwei Personen des gleichen Geschlechts eine Sünde sind. Fein: Wir können diese Feststellung nicht bezweifeln. Aber kann ein Übergewicht in der öffentlichen Meinung das Verhältnis zwischen Tugend und Laster umkehren? Wäre es Mose für einen Moment in den Sinn genommen (ganz zu schweigen von Gott), dass er sich lieber der Moloch-Verehrung zuwendet, weil es das ist, was die meisten der Israeliten tun wollten?

Hier der empfehlenswerte Beitrag von Matthew Parris: blogs.spectator.co.uk.

VD: LN

Die Verzauberung der Welt

Nachfolgend der Auszug einer Buchbesprechung, die vollständig in Glauben & Denken heute 1/2015 erscheinen wird. Es geht um das Buch:

Die Verzauberung der Welt

NewImageIn seiner Kulturgeschichte des Christentums zeigt Jörg Lauster, wie der Glaube seit der Antike nicht nur die Kirche, sondern auch Kunst, Zusammenleben, Wirtschaften, Regieren und Forschen geprägt hat. Seine tragenden Grundüberzeugungen sind deshalb nicht allein in den Lehren und Traditionen der Kirche, sondern ebenfalls auf Gebieten wie Musik, Kunst, Architektur, Literatur oder Wissenschaft zu finden.

Der Autor, Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Philipps-Universität Marburg, legt bereits in der Einleitung seine Denkvoraussetzungen offen. Er weiß sich den Idealen der liberalen und aufgeklärten Theologie verpflichtet, wie sie von Friedrich Schleiermacher, Ernst Troeltsch, Rudolf Otto oder Adolf von Harnack angewandt wurden. Ihrem Grundanliegen ist seine „Kulturgeschichte des Christentums dankbar verpflichtet, wenn sie seine Kulturformen auf ihre religiöse Bedeutung hin zu lesen versucht“ (S. 15). Das Christentum soll nicht verteidigt, sondern als Ort der eigenen Herkunft gewürdigt werden. Deshalb werden auch die düsteren und irrationalen Erscheinungsformen angesprochen. Das Finstere kann – so der Autor – nur dann vertrieben werden, „wenn eine Religion das Licht der Aufklärung auf ihre eigene Geschichte wirft“ (S. 14). Nach dieser Standortbestimmung führt Lauster die Leser durch zweitausend Jahre Kirchengeschichte.

Er beginnt bei Jesus, skizziert die Entstehung der Urgemeinde und die konstantinische Wende, die das Christentum Ende des 4. Jahrhunderts unter Theodosius die Anerkennung als Staatsreligion einbrachte. Von der Entstehung der Klöster und die Missionierung Europas führt das Buch dann weiter zu Papsttum, Kreuzzügen und Inquisition. Über die scholastischen Wissenschaften und die große Zeit der kirchlichen Architektur gelangt der Autor über die Renaissance weiter zur Reformationszeit. Ausführlicher als diese wird die „Wucht des Barock“ beleuchtet, bis endlich die Zeit der Aufklärung und die damit verbundene Verwandlung des Glaubens begreiflich gemacht werden. Das letzte Kapitel ist treffend mit „Das vervielfältigte Christentum“ überschrieben. Dargestellt sind dort die Prozesse der Konfessionsbildung und der Säkularisierung. Auch katholischer Antimodernismusstreit, Kulturprotestantismus, Atheismus und Naturalismus bekommen ausführlich Raum.

Es liegt auf der Hand, dass in einer Rezension nicht auf alle Teile eines so umfangreichen Werkes eingegangen werden kann. Ich greife somit zwei Themen heraus.

Beginnen will ich mit dem Rätsel der Person Jesu, das Lauster im ersten Kapitel zu lösen versucht. Hier wird ersichtlich, dass der Autor mit seinem Bekenntnis zur aufgeklärten Theologie ernst macht. Zurück greift er vor allem auf Werke von Gerd Theißen und Jens Schröter, in denen er den aktuellen Forschungsstand zum Leben und Wirken Jesu abgebildet sieht (vor allem Theißen/Merz, Der historische Jesus, 2011 u. Schröter, Jesus von Nazaret, 2012). Die Evangelien sind eine frühe Kulturform des Christentums, in der die Göttlichkeit des Menschen Jesus vergegenwärtigt und in Erinnerung gehalten werden soll. „Ihre Verfasser hatten kein Interesse an einer historischen Berichterstattung und an der Wiedergabe von Tatsachen, denn sie sprachen aus einer religiösen Begeisterung und Gewissheit und wollten diesen Enthusiasmus weitergeben. Die Evangelien beschreiben Jesus als Gottessohn, weil sich die Verfasser ganz sicher waren, dass er der Gottessohn ist. Daher griffen sie auf Ausdrucksformen des Mythos zurück und zeichneten Jesus in leuchtenden Farben“ (S. 20-21).

Das zweite Thema, das ich herausgreife, ist der Abschnitt über die Erfindung des Romans (S. 435–443). Bernhard Lang hat in seiner Besprechung für die FAZ zurecht vermerkt, dass es sich um ein fulminantes Kapitel handelt (vgl. FAZ, 14.11.2014, S. 10). Nachdem Lauster kurz in die „spektakuläre Kulturhöhe“ der englischen Literatur unter Shakespeares und Marlowes einführt, stellt er die Werke zweier Puritaner vor, die die reformatorische Verehrung des Wortes ernst nahmen. „Es waren die Puritaner, die die Bedeutung des Buches in der Kulturgeschichte des Christentums auf die Spitze trieben: ‚Puritanism was an intrinsically bookish Movement‘, bilanziert ein führender Puritanismus-Forscher“ (S. 436, gemeint ist Neil Keeble). Im 17. Jahrhundert waren es John Bunyan und Daniel Defoe, die mit ihren Hauptwerken die Literatur vom Epos zum Roman hinführten und so diesem literarischen Genre zu einem rasanten Aufstieg verhalfen.

Der baptistische Prediger John Bunyan (1628–1688) veröffentlichte 1678 den Roman The Pilgrim’s Progress. Das Buch wurde noch zu seinen Lebzeiten ein großartiger Erfolg und ist eines der meistgelesenen Bücher überhaupt. Die Pilgerreise ist beides zugleich, „ein Wendepunkt in der Geschichte der modernen Literatur und eines der wirkungsvollsten christlichen Erbauungsbücher der Neuzeit“ (S. 436). Bunyan wandte sich nach einer schweren Glaubenskrise dem Puritanismus zu und schloss sich einer Baptistengemeinde an. Dort wirkte er als Prediger und veröffentlichte kleinere theologische Schriften, in denen er sowohl den episkopalen Anglikanismus als auch das freikirchliche Quäkertum auf der Grundlage seiner reformierten Theologie beanstandete. Er wurde wegen seiner Kirchenkritik für viele Jahre ins Gefängnis gesteckt, wo er schließlich auch die Pilgerreise verfasst hat. Wolfgang Iser, ein bedeutender deutscher Anglist und Literaturwissenschaftler, erklärt den Erfolg des Romans in der Neuzeit damit, „dass die Sinnkonstitution des Textes zu einer unverkennbaren Aktivität des Lesers wird“ (S. 438). Lauster: „Im Detail sah Iser diese Wende durch die besondere Konstellation des Calvinismus vorbereitet. Nach dessen unverbrüchlicher Überzeugung schloss die göttliche Gnadenwahl jede menschliche Mitwirkung an der eigenen Erlösung aus. Anders als der mittelalterliche Ritter kann sich der ‚Puritan Hero‘ nicht durch Taten Verdienste erwerben, sondern der Welt allein durch sein inneres Vertrauen in die göttliche Gnadenwahl trotzen, seine Taten können dann nur Folge dieser Heilsgewissheit sein. Im Roman ergeben sich dadurch zwei Spannungspole. Der Leser hat Anteil an der Allwissenheit des Autors und weiß um die göttliche Gnadenwahl des Pilgers, er steht aber auch im Bann des individuellen Schicksals, der Gefahren und Proben, die der Pilger zu bestehen hat. So wird der Leser innerlich hineingenommen in die stetige Vergewisserung des Heils. Mit den Mitteln des Romans ist die Heilsbotschaft kein abstraktes, überweltliches Diktum, sondern geht in die konkreten Lebenssituationen eines menschlichen Individuums ein“ (S. 438).

Auch Daniel Defoe (1660–1731) entstammt der Strömung der „Abweichler“ und teilte die Überzeugungen des Puritanismus. Sein Roman Robinson Crusoe wurde ein Welterfolg und fesselt noch heute viele Leser. Als er ihn veröffentlichte, war Defoe bereits 59 Jahre alt. „Robinson Crusoe entführt seine Leser in ferne Welten, seine Geschichte ist spannend, sie ist anrührend, und sie ist voller edler Botschaften. Man erfährt aus dem Buch viel über die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des frühen 18. Jahrhunderts in all ihren globalen Verflechtungen, vor allem aber über die grandios zuversichtliche Haltung zur Welt, die aus der Verbindung von Puritanismus und Aufklärung hervorging“ (S. 439). Defoe entwirft „das Ideal des homo faber“, denn durch „den Einsatz seiner Vernunft kann der Mensch Großes erreichen. Robinsons Taten auf der Insel wiederholen im Zeitraffer die Kulturgeschichte der Menschheit. Vom erfolgreichen Ackerbau über die Viehzucht, die Erziehung des ‚wilden‘ Freitag bis hin zur Ausarbeitung einer Militärstrategie und den Aufbau eines kleinen Gemeinwesens treibt er die Entwicklung auf der Insel voran und zeigt, was dem Menschen an Weltgestaltung möglich ist, wenn er mit Vernunft und Tatkraft zu Werke geht“ (S. 440). Der puritanische Glaube ist allerdings das wichtigste Motiv des Buches: „Zu den Gütern, die Robinson von dem Wrack des Schiffes retten kann, mit dem er vor der Insel kenterte, gehört neben Werkzeugen und Nahrungsmitteln eine Bibel. Er fängt an, täglich morgens und abends darin zu lesen, und die Lektüre zeigt ihre Wirkung: ‚Schon bald nachdem ich mich ernstlich dieser Aufgabe verschrieben hatte, empfand ich tiefste und aufrichtigste Trauer über meinen früheren ruchlosen Lebenswandel.‘ Ihn ergreifen die biblischen Worte, die er über die Vergebung der Sünden liest. Die Bibellektüre ändert seine Lebensrichtung in der scheinbar ausweglosen Lage auf der Insel. ‚Meine Gedanken waren durch beständiges Lesen in der Bibel und das Gebet zu Gott auf höhere Dinge ausgerichtet. Ich empfand auf eine Weise Trost, wie es mir vorher nicht möglich gewesen war.‘ Immer wieder bewährt sich die Bibel in schwierigen Lagen als Quelle des Trostes, die regelmäßige Bibellektüre wird zum Ritus seines Inselchristentums, die Ausrichtung auf die Gebote Gottes zum Ethos. Im Prozess der Bekehrung fängt Robinson an, seine Lage neu zu beurteilen. Sein früheres Leben erscheint ihm als Verfehlung, der Schiffbruch als Strafe und die einsame Insel letztlich als eine Gnade: ‚Hier war ich dem Übel der Welt entzogen und kannte weder Fleischeslust noch Hoffart und ließ mich auch von keinem anderen Reiz verführen. Ich verlangte nichts, denn ich hatte alles, was sich ein Mensch wünschen kann.‘“ (S. 441).

Das Buch ist „verzaubernd“ schön gesetzt und enthält 89 Abbildungen, davon 25 in Farbe. Verfasst ist es in einer leichtverständlichen Sprache, so dass die Lektüre nicht nur bildet, sondern Freude macht. Bei der Fülle des verarbeiteten Stoffs rechnet man mit einer höchstgestrafften Darstellung. Lauster überrascht jedoch gelegentlich mit sehr genauen Beobachtungen oder mit Verweisen auf den aktuellen Forschungsstand.

Der Leser sollte im Hinterkopf behalten, dass das Buch aus der Perspektive des liberalen Protestantismus geschrieben ist. Weiß man mit den Einseitigkeiten dieser Herangehensweise umzugehen, kann das Werk großes Vergnügen bereiten. Jörg Lausters Kulturgeschichte des Christentums ist ein empfehlenswertes Buch.

Fortschritt braucht Vater, Mutter, Kinder

Bei der beabsichtigten Gleichstellung von Ehe und „Homo-Ehe“ geht es nicht um Kleinigkeiten, sondern um die Keimzelle der Gesellschaft. Zeit für den Bundestag, Farbe zu bekennen. Obwohl der Schutz der Familie eigentlich selbstverständlich sein sollte, muss man heute sehr dankbar sein, wenn ein Journalist wie Reinhard Müller die Diskussion um das neue Familienbild mit folgenden Worten kommentiert:

Zwar bringt auch nicht jede Ehe Kinder hervor, wie Karlsruhe messerscharf beobachtete, doch ist die Verbindung zwischen Mann und Frau nun einmal die einzige, die Kinder hervorbringen kann. Hier geht es nicht um Antidiskriminierung, sondern um Vaterschaft, Mutterschaft und Kindeswohl. Müsste aus einer kompletten Gleichstellung nicht gefolgert werden, Leihmutterschaft auch in Deutschland zu erlauben? Der neue, überparteiliche Leitsatz, der womöglich bald auch im Grundgesetz steht, lautet: Familie ist da, wo Kinder sind. Aber die Samenbank ist nicht die Keimzelle der Gesellschaft. Ist das konservativ? Wer Fortschritt will, braucht Vater, Mutter, Kinder.

Hier: www.faz.net.

Helmut Kentler als Aufklärer

Helmut Kentler gehörte zu den Wortführern der „Emanzipatorischen Pädagogik“. Wie viele andere ging er davon aus, dass zwischen Autoritätshörigkeit und dem Verbot sexueller Betätigung für Kinder und Jugendliche ein kausaler Zusammenhang bestehe. Die „Kämpfer“ für eine ungehemmte sexuelle Triebbefriedigung stützten sich auf Hypothesen von Wilhelm Reich, der in der Sexualmoral ein Mittel dafür sah, Menschen in einer Stimmung der Selbstunterwerfung zu halten.

So sah das auch Kentler: Die „repressive Sexualerziehung“ veranlasse Menschen, bedenkliche Fähigkeiten wie Selbstbeherrschung, Verzichtenkönnen und Aufopferungsbereitschaft zu lernen, „die weit über den Sexualbereich hinaus Bedeutung gewinnen: Einem Menschen, der gelernt hat, auf seine sexuellen Bedürfnisse zu verzichten, kommt gar nicht mehr in den Sinn, daß er im Beruf ein Bedürfnis nach Mitbestimmung seiner Arbeitsbedingungen und Selbstorganisation seiner Arbeit anmelden könnte, daß ‚Gesellschaft‘ kein Schicksal sein müßte, von dem er abhängt, daß Politik nicht über seinen Kopf hinweg zu geschehen braucht. Während er sich seine Sexualität untertan machte, wurde er zum Untertan der herrschenden Gesellschaftsverhältnisse“ (Sexualerziehung, 1970, S. 68, zitiert aus: W. Brezinga, Die Pädagogik der Neuen Linken, 1980, S. 175).

Nun zeigt sich immer klarer, was für eine perfide Rolle Kentler bei den Pädophilieverstrickungen der linken Szene gespielt hat. Wie die TAZ berichtet, hat der Berliner Senat Ende der 60er Jahre 13- bis 15-jährige Straßenkinder pädophilen Männern anvertraut. Geleitet wurde der Feldversuch vom „Papst der Sexualpädagogik“, Helmut Kentler. Der bekennende Homosexuelle hat die Jugendlichen, die er als „sekundärschwachsinnig“ einstufte, bei ihm bekannten Pädophilen wohnen lassen. Bei einer Fraktionsanhörung der FDP im Jahr 1981 sagte er aus: „Diese Leute haben diese schwachsinnigen Jungen nur deswegen ausgehalten, weil sie eben in sie verliebt, verknallt und vernarrt waren.“

Übrigens fand die TAZ noch 2008 lobende Worte für Kentler. Anlässlich seines Todes schrieb die Tageszeitung:

Er plädierte für die Entkriminalisierung des Sexuellen überhaupt, war ein couragierter Gutachter vor Gerichten, wenn es um Delikte nach dem Sexualstrafrecht ging, und engagierte sich in sexualwissenschaftlichen Organisationen. Kentler zählte zu den wütenden Kämpfern wider ein gesellschaftliches Klima, in dem Sexualität nur als Steckprinzip patriarchaler Prägung denkbar sein sollte. Sexualität, so Kentler, musste vom „Igittigitt“ entkleidet werden.

Er verfasste eine Fülle von Ratgebern und schrieb auch das Vorwort zu dem von Will McBride publizierten Bildband „Zeig mal“, eine Art Coffeetablebook für Erwachsene, denen im Zeichen der antiautoritären Aufgewühltheit jener Jahre nahe gebracht werden sollte, keine Angst vor ihren Doktor spielenden Kindern zu haben. Kentlers Credo: Sexualität verdient es, ernst genommen und von der Last religiöser Verbotsmoral befreit zu werden. In den späten Achtzigern geriet seine Perspektive allerdings schwer in Misskredit. Einen akademischen Wegbereiter des Pädosexuellen hieß man ihn; Feministinnen hielten ihm ein naives Verhältnis zum sexuellen Missbrauch von Kindern durch Erwachsene vor.

Im Bericht über erste und vorläufige Befunde zum Forschungsprojekt „Die Pädophiliedebatte bei den Grünen im programmatischen und gesellschaftlichen Kontext“, ist nachzulesen, wie groß der Einfluss Helmut Kentlers gewesen ist:

Die von Kentler mit verfasste Aufklärungsbroschüre „Zeig mal! Ein Bilderbuch für Kinder und Eltern“, 1974 im von Hermann Ehlers (CDU) gegründeten und lange von Johannes Rau (SPD) geleiteten, infolgedessen sehr evangelisch geprägten Jugenddienst-Verlag (Rechtsnachfolger: Peter Hammer), erschienen, setzte sich in Deutschland 90.000 Mal, in den USA über 300.000 Mal ab. Im Vorwort betonte Kentler, dass sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kinder keineswegs bedenklich oder gar schädlich seien. Würden „solche Beziehungen nicht von der Umwelt diskriminiert“, dann seien vielmehr „positive Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung zu erwarten“. Ähnlich argumentierte sein Bremer Professorenkollege Rüdiger Lautmann, für den Sexualdelikte eher „Straftaten ohne Opfer“ waren. An den „hergebrachten Stereotypen“ zur Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern – die sexuelle Handlung hinterlasse beim Kinde einen seelischen Schock mit bleibenden Schäden – „stimmt nichts“.

Auch die Gerichte zogen diese Wissenschaftler damals gern als Sachverständige in Missbrauchsfällen hinzu. Im Übrigen war Kentler, seit 1976 Lehrstuhlinhaber für Sozialpädagogik und Sexualwissenschaft an der Universität Hannover, fest davon überzeugt, dass „echte Pädophile“ „hochsensibel gegen Schädigung von Kindern“ seien. In der Zeit kam er 1980 auch als Experte für das „Trampen“ zu Wort. Der „Tramp-Fan Kentler“, wie ihn der durchaus ein wenig skeptische Autor nannte, mochte die Sorgen von Eltern gegen das „Per-Anhalter-Mitfahren“ der Kinder nicht teilen. Es sei zwar möglich, „daß im Wagen ein Mann sitzt, der das Mädchen oder den Jungen verführen will. Das ist aber meines Erachtens gar kein Problem. Ich weiß von vielen Trampern und auch aus meiner Jugend: Man braucht dann bloß zu sagen, ich habe keine Lust, und dann ist die Sache in Ordnung.“

Kentler, der drei Jungen adoptierte, erklärte später über seine Tätigkeit als Gerichtsgutachter apropos: „Ich bin sehr stolz darauf, dass bisher alle Fälle, in denen ich tätig geworden bin, mit Einstellungen der Verfahren oder sogar Freisprüchen beendet worden sind.“

Es wird höchste Zeit, die pseudowissenschaftlichen Ansätze der Reformpädagogik, die inzwischen fast flächendeckend in die Bildungspolitik eingedrungen sind, auf ihre Ideologielastigkeit zu untersuchen. Wie viele entsprechende Forschungsprojekte gibt es eigentlich dazu an den Universitäten?

Wie finster es noch in den 80er und 90ern innerhalb der Kreuzberger Pädophilenszene zuging, hat übrigens kürzlich Gerd Nowakowski für den TAGESSPIEGEL zusammengetragen.

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