Kritik der postmodernen Vernunft

Fernando Suarez Müller schreibt in seinem Aufsatz „Alte und neue Sophistik 1: Macht und Sprache“ (in: Bernd Goebel u. Fernando Suarez Müller (Hg.), Kritik der postmodernen Vernunft, Darmstadt: WBG, 2007, S. 62; 73–74):

Die radikale Anti-Metaphysik mündet in eine Verabsolutierung der Kategorie des Werdens. Weder für Protagoras noch für Foucault ist das „Werden“ als „Entfaltung eines Vorgegebenen“ zu verstehen, denn beiden schwebt eine ständige und radikale Veränderung der Dinge vor Augen.36 Foucault hat den missverständlichen Begriff Revenir“ deshalb auch abgelehnt und spricht selbst immer von Genese im Sinne von Veränderung (AW 286f. [262]). Jede Transformation setzt die Destruktion eines Vorherigen und die Entstehung einer ganz neuen Form voraus: „Das Verschwinden einer Positivität und das Aufkommen einer anderen impliziert mehrere Transformationstypen.“ (AW 245 [224]). Das Werden kann also weder im Werk Foucaults noch bei Protagoras teleologisch oder bewusstseinsphilosophisch gedeutet werden. Mit der Radikalisierung der Kategorie des Werdens geht naturgemäß ein starkes historisches Interesse einher. Die Geschichte ist für beide Philosophen die einzige und auch letzte Realität der Dinge.

Trotz mancher Differenzen sind die Übereinstimmungen zwischen den Kerngedanken des Protagoras und denjenigen Foucaults hinreichend hervorgetreten, um die Rede von einer zeitgemäßen Wiederholung der antiken Sophistik, von einer Foucaultschen Neosophistik als erwiesen zu betrachten. Es hat sich dabei herausgestellt, dass manche schon längst bekannten Einwände gegen die Sophistik immer noch und auch im Falle Foucaults erhoben werden können. Die Reduktion aller Geltung auf Genesis ist angesichts des historisch-skeptizistischen Ansatzes Foucaults unvermeidlich – sie bedroht allerdings seine eigene Position. Auch wenn man, wie im Werk des Protagoras, die Unerkennbarkeit der Lüge oder, wie im Falle Foucaults, die Unvermeidbarkeit der Fiktion hervorhebt, tritt die jeweilige Position dadurch nicht gestärkt hervor. Indem der Dialog und die Kommunikation immer im Lichte des Konflikts erscheinen, stellt sich vielmehr die Frage, inwiefern eine dialogische Auseinandersetzung mit einer solchen Position überhaupt noch möglich ist: Nichts, was diese Position vertritt, kann Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erheben.

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