Das imperialistische Schulregiment

Einige Eltern wollen ihre Kinder lieber zu Hause unterrichten als sie in eine Schule zu schicken. Mit diesem Vorhaben scheitern sie in Deutschland an einer Regelung, die auf das Reichsschulpflichtgesetz aus dem Jahr 1938 zurückgeht. Homeschooling ist hierzulande verboten, es gilt die allgemeine Schulpflicht. In Österreich, Frankreich, Großbritannien und vielen anderen Staaten gibt es hingegen nur eine Unterrichts- oder Bildungspflicht.

Jetzt allerdings bekommt die Homeschooling-Bewegung überraschend prominente Unterstützung:

In dieser Woche tagt nun ein internationaler Kongress der umstrittenen Homeschooling-Bewegung in Berlin – und bekommt prominente Unterstützung von CDU- und FDP-Politikern. Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) hat ein provokantes Grußwort verfasst. Darin rechnet er mit der gängigen Schulpolitik ab und lässt Sympathien für die „Freilerner“, wie sie sich selbst gern nennen, erkennen: Dass Eltern ihre Kinder verantwortungsvoll selbst beschulen, sei ein „heilsamer Stachel“ gegen das Schulregiment.

Er selbst habe „mehr außerhalb als innerhalb der Schule gelernt“, schreibt Blüm weiter. Mittlerweile dagegen beobachte er „eine totale Vereinnahmung durch den Schulbetrieb“, der „imperialistische Züge“ angenommen habe. Er sei „gegen die Monopolisierung der Erziehung durch den Staat und die faktische Abschaffung von Elternschaft“. Wenn man auch noch die „letzten Überbleibsel der Familie an Wissenschaft, Wirtschaft und Staat“ übergäbe, wäre die Gesellschaft „mit einer wohltemperierten und -versorgten Legehennenbatterie“ vergleichbar, warnt Blüm.

SPIEGEL online berichtet: www.spiegel.de.

VD: MM

Hanna Rosin befeuert die Geschlechterdebatte

410r0nQNg4L._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-arrow-click,TopRight,35,-76_AA300_SH20_OU03_.jpgDie US-Autorin Hanna Rosin befeuert mit ihrem neuen Buch The End of Men die Geschlechterdebatte. Ihre These: Der Mann nervt und ist am Ende, die Frau ist dagegen endlich auf dem Gipfel der Macht.

Can Mayaoglu stellt in ihrer Rezension die entscheidende Frage und schreibt Rosin ein unbeabsichtigtes Verdienst zu:

Damit stehen wir vor einer entscheidenden Frage: Können wir es wirklich als Gewinn betrachten, wenn die vermeintliche Selbstverwirklichung beider Geschlechter einem falschen Erfolg geopfert wird? Und es ist ein falscher Erfolg, wenn einer auf der Strecke bleibt. Bei aller Liebe für mein eigenes Geschlecht: Das kann es doch nicht ernsthaft gewesen sein? Was ist lebenswert an einer Gesellschaft, die bei der Nabelschau bloß das Geschlecht geändert hat, auf das sie schaut? Was bitte schön ist daran emanzipiert? Das wirklich große Verdienst, das Rosin erbringt, ist daher womöglich völlig unbeabsichtigt. Sie erinnert uns daran, dass wir weiter aufmerksam beobachten müssen: Denn so, wie es ist, ist es nach wie vor nicht gut.

Hier: www.spiegel.de.

Timotheus 9

image.pngAusgabe 9 des Magazins Timotheus ist erschienen. Diesmal geht es um ein Thema, über das heute kaum noch gepredigt und gesprochen wird: die Buße.

In Zeiten der großen Erweckungen, in den Zeiten Luthers, Calvins, Whitefields, Edwards oder Spurgeons nahm die „Buße“ ihren rechtmäßigen und lehrmäßig richtigen Platz ein.

Die Biografien großer Gottesmänner zeugen von der Wucht und Wichtigkeit „echter Buße“ und wir tun gut daran, daraus zu lernen. Angesichts dieser Tatsachen fragen wir: „Was bedeutet Buße wirklich?“ Diese Ausgabe kann niemals die Lehre der Buße als ganzes erfassen und es bleibt letztlich ein fehlerhafter Versuch diesem wichtigen Thema literarisch gerecht zu werden.

Vielleicht kann diese Ausgabe als Plädoyer oder Anstoß dafür dienen, der Buße in Denken, Leben und Praxis den richtigen Platz zu geben.

Hier eine Bestellmöglichkeit und mehr: www.timotheusmagazin.de.

Verfolgung und Diskriminierung von Christen (Teil 2)

Hier der zweite Teil der kleinen Reihe Verfolgung und Diskriminierung von Christen (mit besonderer Berücksichtigung des Themas „Zahlen“:

Verfolgung und Diskriminierung von Christen (Teil 2)

Max Klingberg

 

„Schätzungen“

Das führt uns zu einem zentralen Problem: den zahllosen „Schätzungen“. Die allermeisten sogenannten „Schätzungen“ verdienen diesen Namen nur im umgangssprachlichen Sinn; es sind vielmehr intransparente Spekulationen. Ohne Angaben zu den Grundlagen, wie z.B. (möglichst repräsentativen und umfangreichen) Zählungen, einer daraus folgenden Extrapolation und einer anschließenden Fehlerbetrachtung und Fehlerberechnung. Um es provokant zu sagen: Viele sogenannte „Schätzungen“ vermitteln den Eindruck, als seien sie aus einem Bauchgefühl heraus entstanden. Bemüht man sich um mehrere unabhängige „Schätzungen“, so finden sich mitunter skurrile Ergebnisse:

Wie viele Konvertiten gibt es?

Im Jahr 2008 hatte ich versucht, die Zahl der christlichen Konvertiten in Ägypten näherungsweise zu bestimmen. Ägypten war und ist kein verschlossenes Land, es gibt eine große christliche Minderheit und der Zugang zu Konvertiten, Konvertitenhauskreisen und zu Missionaren ist relativ einfach. Zur Datenerhebung gehörte unter vielen anderen Punkten regelmäßig auch die Frage nach der möglichen Zahl der Konvertiten, also die Bitte um eine spekulative „Schätzung“. Die schlechte Nachricht: Fast niemand sagte ehrlich, dass er das nicht könne.

Die interessantere Nachricht: Die Angaben von Missionaren, Konvertiten, Gemeindeleitern etc. reichten von „gewiss über 300“ bis zu gewagten „etwa zwei Millionen“. Was sagen uns diese Zahlen? Sie sagen zumindest, dass man mit Zahlen sehr vorsichtig umgehen sollte.

„Neun von zehn um ihres Glaubens verfolgte sind Christen“?

Auch diese These wurde und wird vielfach zitiert, in bester Absicht, auch von säkularen Medien. Sie ist quasi Allgemeingut geworden, aber ist sie deshalb zutreffend? Diese These hat eine Eigendynamik entwickelt. Nähere Informa- tionen darüber, wie die 90% zustande kommen, existieren nicht. Sie können gar nicht existieren, da zentrale Punkte völlig unklar sind. Was bedeutet „verfolgt“? Die Grenzen von Diskriminierung zur Verfolgung sind fließend. Und welche verfolgten Christen werden ausschließlich wegen ihres Glaubens verfolgt – und nicht vorrangig aus anderen Gründen, z.B. weil sie zu einer verfeindeten Ethnie gehören? Überhaupt: Wie viele Menschen sind insgesamt weltweit um ihres Glaubens willen verfolgt? Alle diese Fragen sind ungeklärt.

Gibt es außer Christen überhaupt größere Gruppen, die wegen ihres Glaubens diskriminiert oder verfolgt werden?

Durchaus! Die Bahá‘í im Iran gehören mit rund 300.000 Personen dabei zu den kleineren Gruppen. Weltweit werden in mehreren Ländern muslimische Schiiten und Ahmadiyya von Sunniten diskriminiert – und zum Teil verfolgt. Im schiitisch dominierten Iran werden hingegen Sunniten ganz erheblich diskriminiert. Im bevölkerungsreichen Indien leiden nicht nur Christen unter Hindu-Extremisten. Ganz entscheidend zu der Frage nach dem „Wie viele?“ trägt vor allem die Volksrepublik China bei. Verschiedene staatliche und nichtstaatliche Angaben und „Schätzungen“ zur Zahl der Christen in China variieren von um 20 Millionen bis 120 Millionen Menschen!

Zum Vergleich: Bevor die buddhistische Meditationsschule Falun Gong in der Volksrepublik China ab dem Juli 1999 verboten und grausam verfolgt wurde, gab ein staatlicher Fernsehsender die Zahl der Falun Gong Praktizierenden mit landesweit „rund 100 Millionen“ Menschen an. Wie hoch die Zahl der Anhänger heute ist, lässt sich nicht ermitteln, doch Falun Gong ist nur eine von über zehn verbotenen Meditationsschulen, wenn auch die mit Abstand größte. Während nicht jeder bekennende Christ in China effektiv diskriminiert wird, so muss praktisch jeder bekennende Falun Gong Praktizierende mit Verhaftung, „Umerziehung durch Arbeit“ und Folter rechnen.

Ein Fazit?

Zahlen werden insbesondere im Kontext von Christen und Muslimen als Munition in ideologischen Grabenkämpfen „geschätzt“ und missbraucht. Zahlen werden zu oft unkritisch verwendet und leichtgläubig für bare Münze gehalten, bloß weil sie häufig zitiert werden oder „wissenschaftlich“ erscheinen, z.B. weil sie krumm sind oder ein Komma enthalten. Täglich finden schwersten Menschenrechtsverletzungen statt, doch wir sollten uns nicht erst dann für die Opfer einsetzten, wenn deren Zahl in die Hunderttausende geht. Christenverfolgung beginnt nicht erst dort, wo Völkermord anfängt. Wir müssen uns gegen himmelschreiendes Unrecht stellen, weil es Unrecht ist und weil jeder einzelne Mensch zählt.

Über den Irrglauben an die göttliche „Kraft“

Der evangelische Theologe Stephan Schaede kritisiert, dass in seiner Kirche die zentrale Botschaft verdunkelt wird: Gott muss als Person mit einer Biografie gedacht werden, nicht als eine segnende Kraft, meint der Leiter der evangelischen Akademie in Loccum.

Was Schaede sagt, überzeugt mich nicht in allem, geht aber in die richtige Richtung. Besonders gefällt mir – wie kann es anders sein – seine Zurückhaltung gegenüber einer überzogenen Kontextualisierung (nur sagen, was bei anderen gut ankommt) sowie der Tadel an den vielen Geistlichen, die mit ihren inszenierten Segensgesten die Evangeliumsleere zu kompensieren versuchen.

Hier zwei Zitate:

Die Welt: Warum aber erzählen Protestanten so wenig von diesem personalen Gott?

Schaede: Ein Grund dafür ist die weit verbreitete Meinung, dass für die Verkündigung entscheidend sei, was angeblich bei den sogenannten normalen Leuten ankommt. In der Meinung, die Leute würden mit dem personalen Gott nichts mehr anfangen können, erzählt man lieber gleich gar nichts mehr von ihm. Das Fatale daran ist: Auch das führt zu einer unguten Klerikalisierung des evangelischen Pfarramts.

Die Welt: Aber viele Geistliche folgen doch selbst der Kraft-Vorstellung, etwa wenn sie in Gottesdiensten immerzu alle segnen, die nur den Weg in die Kirche gefunden haben. Dieses inflationäre Segnen findet sich in der Bibel nicht beim personalen Gott, der ja keineswegs so ungehemmt alle segnet.

Schaede: Ihre Beschreibung ist zutreffend, widerspricht aber nicht der These von der Klerikalisierung. Denn mit jenen allzu vielen Segensgesten inszenieren sich Pfarrerinnen und Pfarrer als Mystagogen und kompensieren damit ihren pastoraltheologischen Relevanzverlust in den Gemeinden, so nach dem Motto: Wenn schon der liebe Gott nur eine Kraft ist, dann muss ich als geistliche Person so richtig Persönlichkeit zeigen.

Ich finde es eine wichtige Testfrage für Geistliche: Wenn das Segnen und Handauflegen zur Hauptsache wird, mache ich es dann nicht zu einer mein Pfarramt mystifizierenden Ersatzhandlung, weil ich meinem Verkündigungsauftrag nicht mehr recht traue oder nicht so richtig weiß, was ich verkündigen soll, oder denke, die Leute glauben sowieso nicht so ganz, was ich verkündige?

Hier mehr: www.welt.de.

Verfolgung und Diskriminierung von Christen (Teil 1)

Anfang November wird das Jahrbuch Märtyrer 2012 erscheinen. Ich freue mich, vorab einen äußerst informativen Artikel von Max Klingberg in Auszügen veröffentlich zu dürfen. Max Klingberg arbeitet für die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und ist Initiator und Mitherausgeber des Jahrbuchs zur Christenverfolgung heute. Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung in mehreren Teilen.

 

Verfolgung und Diskriminierung von Christen (Teil 1)

Max Klingberg

Desinformation

Der Mohammed-Schmähfilm „Die Unschuld der Muslime“ hat in mehreren islamisch geprägten Ländern der Welt dazu geführt, dass ungezählte Christen gänzlich unschuldig bedroht, angegriffen und in einigen Fällen sogar umgebracht wurden. Über die Unruhen und über viele der Übergriffe wurde intensiv in den Medien berichtet. Wenig berichtet wurde über das Umfeld, aus dem heraus dieser Film entstand. Der Produzent des Films ist ein ägyptischer Kopte, der in die USA auswanderte. In seiner Heimat Ägypten, aber auch in vielen anderen Ländern tobt ein heftiges Ringen um Deutungshoheit, Religion und ihren Einfluss auf die Politik. Dieser Kampf wird von vielen Beteiligten seit Jahren und mit großer Intensität geführt – oft weit unter der Gürtellinie. „Die Unschuld der Muslime“ ist gegenwärtig nur das bekannteste Produkt dieser Auseinandersetzung. Die Schmähungen darin sind geradezu spektakulär plump. Doch das ist nicht immer so. Vielfach werden Übertreibungen, Halbwahrheiten, Schmähungen und frei erfundene Falschinformationen bedeutend geschickter eingesetzt. Das macht Desinformation umso gefährlicher. Sie verbaut die Sicht auf ein realistisches, differenziertes Gesamtbild. Physische Aggression, Gewalt und Morde gegen Andersgläubige gehen in der „islamischen Welt“ fast immer von Angehörigen der Mehrheitsreligion aus. Die Ausnahmen in dieser Hinsicht sind rar. Ein Monopol für Desinformation haben islamische Extremisten gleichwohl nicht. Zahlen spielen dabei eine zentrale Rolle: Zahlen, die Journalisten wie Leser im Westen für korrekt halten, ohne sich näher damit auseinanderzusetzen.

Zahlen

Um einen Überblick über Diskriminierung und Verfolgung zu erhalten, scheinen Zahlen zunächst ein idealer Zugang zu sein. Zahlen zum Thema geistern in größerer Menge durch Medien und Literatur. Einige davon sind selbst von seriösen Journalisten und Wissenschaftlern zitiert und so scheinbar geadelt worden – weil alternative Zahlen schlicht fehlen. Dabei kollabieren die allermeisten Zahlen schon bei behutsamer kritischer Nachfrage. Informationen darüber, wie Zahlen ermittelt oder auf welcher Grundlage sie „geschätzt“ wurden fehlen fast immer. Was aber kann man dann glauben? Dazu ein kleiner aber notwendiger Exkurs zum Thema „Zahlen, Daten, Fakten“:

Journalisten und Zahlen – „100.000 Christen haben Ägypten verlassen?
In unserer medialen Welt „brauchen“ Journalisten Zahlen. Der Druck, „Zahlen, Daten, Fakten“ zu präsentieren ist so unausweichlich, dass die vorhandenen Zahlen verwendet werden. Doch auch wenn völlig korrekt die Quellen benannt sind, heißt das nicht automatisch, dass die genannte Zahl in irgendeiner nähren Beziehung zur Realität stehen müsste. Ein Beispiel: Im September 2011 behauptete der koptische Anwalt Nagib Gubrail aus Kairo in einem Bericht, dass seit der ägyptischen Revolution 100.000 Kopten Ägypten verlassen hätten und ganz überwiegend in die USA ausgewandert seien. „Geschätzte“ weitere 250.000 ägyptische Christen würden bis Ende 2011 folgen. Die „Schätzung“ von einer Viertelmillion Kopten, die Ägypten in dem verbliebenen Jahresviertel verlassen sollten, viel bald dem Vergessen anheim, aber die Zahl der 100.000 geflohenen Kopten wurde wieder und wieder zitiert. Nun ist es für Ägypter relativ schwierig, in die USA oder andere westliche Staaten auszuwandern. Christen in Ägypten stellen sich die Frage, wie dies möglich gewesen sein könne und kamen zu dem Schluss, dass Gubrails Zahlen unmöglich zutreffen konnten. Mit den Belegen dafür konfrontiert, zog sich der Anwalt darauf zurück, die Zahlen seien durch „Schätzungen“ von Kopten in den USA zustande gekommen, die ihm telefonisch mitgeteilt worden seien. Diese Diskussion in Ägypten, die die Zahl der „100.000“ letztlich ad absurdum führte, drang nicht bis nach Deutschland durch.

„Alle fünf Minuten stirbt ein Christ“ wegen seines Glaubens?

Das wären über 105.000 Christen pro Jahr – die getötet würden, weil sie Christen sind. Diese und ähnliche Werte liegen um Größenordnungen zu hoch, selbst dann, wenn der Begriff Märtyrer maximal weit gefasst wird: Ein getöteter Christ, der nicht getötet worden wäre, wenn er kein Christ gewesen wäre. Die weltweit beste Betrachtung zur aktuellen Zahl christlicher Märtyrer stammt vom Direktor des Internationalen Institutes für Religionsfreiheit (IIRF) und IGFM-Vorstandsmitglied Prof. Dr. mult. Thomas Schirrmacher aus dem Jahr 2011 („Zur Kritik der Zahl von 178.000 (2010) bzw. 100.000 (2011) christlichen Märtyrer pro Jahr“, Märtyrer 2011: Das Jahrbuch zur Christenverfolgung heute, hrsg. von Tomas Schirrmacher, Max Klingberg u. Ron Kubsch. Idea Dokumentation 2011/10, Studien zur Religionsfreiheit Bd. 20, Verlag für Kultur und Wissenschaft, S. 119–124).

Die Herrschaft der Zeit

Hubert Windisch schreibt in seiner Minima Pastoralia (Würzburg: 2001, S. 23):

Eines der markantesten Zeitzeichen der Gegenwart ist das ausgeprägte Interesse an der Zeit als solcher. Es ist bemerkenswert, dass gegenwärtig über nichts so viel nachgedacht und gerätselt, publiziert und gestritten wird wie über die Zeit selbst. Es fällt dabei die Selbstbezüglichkeit des Phänomens der Zeit auf. In gewisser Weise kann man von einer herkunfts- und zukunftslosen Zeit-Selbst-Befassung sprechen, von einem tempus incurvatum in se ipsum, worin sich letztlich Nietzsches Botschaft vom Tode Gottes geltend macht. Denn diese Botschaft ist – genau besehen – eine Botschaft von der Göttlichkeit der Zeit. Die Aufkündigung der Herrschaft Gottes ist die Ankündigung der Herrschaft der Zeit. Der Tod Gottes erhebt die Zeit zum Gott. Da Gott aber tot ist, ist die Herrschaft der Zeit, und das, was die Zeit ausmacht, unerbittlich.

Die falschen Hirten

201210240914.jpgDer Reformator Huldrych Zwingli (1484–1531) hat bereits in den Anfangsjahren der Züricher Reformation erkannt, dass eine nachhaltige geistliche Erneuerung der Kirche aufs engste mit den Pfarrhäusern verbunden ist. Das geistliche Amt – immer anfällig für Missbrauch – war einerseits in der mittelalterlichen katholischen Kirche tief abgesunken. Zahlreiche Kleriker verwalteten ihr Amt gänzlich ohne Verkündigungsdienst. Andererseits förderte die reformatorische Betonung des allgemeinen Priestertums beim täuferischen Flügel eine chaotische und oft bildungsfeindliche „Narrenfreiheit“.

Zwingli strebte eine am Ganzen des Wortes Gottes geschulte Wiederherstellung des Pfarramtes an. Entscheidend für ihn war die Verkündigung des Evangeliums als Exegese der entsprechenden Bibelstellen zur Kirche. Zur Festigung des Hirtendienstes gehörte für ihn aber auch, dass die Hirten Vorbilder sind. Dieses Hirtenverständnis führt täglich ans Kreuz.

Über die falschen Hirten, also über die Wölfe, schrieb Zwingli 1524 in seinem Der Hirt:

I. Alle, so nit leerend, sind nüts denn wolf, ob sy schon Hirten, bischof oder küng genennt werdind. Sich hieby, wie vil sind der leerenden Bischöfen? II. Welche denn schon leerend, und nit das wort gottes, sunder tröum leerend, sind aber wolf. III. Welche das wort gottes leerend , doch nit zü der eer gottes , sunder uf sich und ir houpt, den papst, zü schirm irs erdichten hohen stanbs ziehend, sind schädlich wolf tummend in den lleideren der schafen. IV. Welcheelche schon leerend, und leerend ouch mit dem wort gottes, und aber die grossen verärgrer, die höupter, nit anrürend, sunder tyranny wachsen lassend , sind schmeichlend wolf oder Verräter des volks. V. Welche nit mit den werken übend, das sy mit dem wort leerend, sind nüts under dem christenen volk, brechend vil mee mit den werken, denn sy mit wort buwind. VI. Welche der armen nit achtend, sy verdrucken lassend und beschweren, sind falsch Hirten. VII. Welche namen der Hirten tragend, und aber weltlich herrschend, sind die bösten wärwolfen. VIII. Welche rychtag zemmen legend, sack, seckel, spycher und teller füllend, sind ware wärwolf. Und endlich, welche anders mit der leer weder erkanntnuß, liebe und kindliche furcht gottes under den menschen fürnemend ze pflanzen, die sind falsche Hirten. Und nun bald mit jnen von den schafen, oder aber sy fressends gar. IX. Daby ouch lychtlich verstanden wirt, daß alle die falsche Hirten sind, die an die creaturen von dem schöpfer fürend.

Professor Hans Scholl hat einen hervorragenden Aufsatz über das Pfarramt und Pfarrerbild bei Huldrich Zwingli geschrieben „Nit fürchten ist der Harnisch: Pfarramt und Pfarrerbild bei Huldrych Zwingli“ in: Zwingliana XIX,1, Zürich 1992, S. 361–392). Zum 9. Merkmal des falschen Hirten heißt es dort (S. 380):

Zwinglis Liste zum falschen Hirten schließt mit „9. Daby ouch lychtlich verstanden wirt, das alle die valsche Hirten sind, die an die creaturen von [weg von] dem Schöpfer füerend. Zwingli kann mit dieser Formel „vom Schöpfer weg auf das Geschöpf lenken alles zusammenfassen, was er am spätmittelalterlichen Amtsverständnis kritisiert und ablehnt: die Vernachlässigung der Wortverkündigung zugunsten der Kirchengesetze, die Verkehrung des kirchlichen Dienstauftrages in Herrschaftsstrukturen usw. Überall geschieht das gleiche: An die Stelle des creator wird die creatura gesetzt. Die Ehre, die dem Schöpfer zukommt, wenn der Mensch richtig leben und atmen soll, wird auf das Geschöpf umgebogen. Aus dieser Verkehrung kommt der ganze Zerfall.

Der vollständige Aufsatz kann hier heruntergeladen werden: www.zwingliana.ch.

Scholls Buch Verantwortlich und frei mit Studien zu Zwingli und Calvin gibt es hier:

Die Visualisierung der digitalen Welt

Ende der 70er Jahre verknüpften einige Gelehrte des nachmodernen Denkens die „Entterrorisierung“ der Welt mit öffentlichen Zugängen zu Speichern und Datenbanken (vgl. z.B. F. Lyotard, Das postmoderne Wissen, S. 191–193). Die gleiche Verteilung der Spieleinsätze, also der Informationen, ermögliche den Eintritt in eine gerechtere Welt.

Rückblickend erkennen wir ernüchtert, dass zwar fast alle Daten öffentlich sind, aber die Leute sich für Texte kaum noch interessieren. Mal abgesehen davon, dass das Internet heute ein beliebter Tummelplatz für Verbrecher und Terroristen geworden ist, erobern datenhungrige bewegte Bilder das digitale Netz.

DIE WELT hat von Envisional erhobene Zahlen zum Datentausch im Internet veröffentlicht:

  1. 35,8 Prozent Pornografie
  2. 35,2 Prozent Filme
  3. 12,7 Prozent TV-Sendungen
  4. 4,2 Prozent Software
  5. 3,9 Prozent PC-Spiele
  6. 2,9 Prozent Musik

Hier:  www.welt.de.

Vom Verschwinden des Menschen

Der katholische Theologe J. B. Metz beharrt darauf, dass die Ablösung von Gott zugleich die Entmächtigung und Auflösung des Menschen bedeutet. Besonders warnt er (wohl in Anlehnung an Heidegger) vor der rein technischen Rationalität, die für ihn bereits Phänomen des Niedergangs ist. „Alles wird technisch reproduzierbar, am Ende auch der produzierende Mensch selbst“ („Vom Verschwinden des Menschen“, in: Kaufmann u. Metz: Zukunftsfähigkeit, 1987, S. 130).

„Dieses Verschwinden des Menschen wird“ – wie Gerald Kruhöffer zu Metz schreibt – „um so erfolgreicher geschehen, je mehr es sich nicht als Bedrohung und Unterdrückung vollzieht, sondern als Vergnügen und Zerstreuung – vor allem durch die Massenmedien“ (Der Mensch – das Ebenbild Gottes, 1999, S. 79).

Ohne Gottesgedächtnis gibt es, wenn es zum Schwure kommt, für Metz keine Rettung („Vom Verschwinden des Menschen“, S. 138).

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