Hanniel hat das Buch:
gelesen. Hier eine kurze Buchbesprechung, die Hanniel freundlicherweise zur VerfĂŒgung stellt:
Die Intoleranz der Toleranz
Carson sieht das Buch als inhaltliche ErgĂ€nzung zu âChrist and Culture Revisitedâ. Bereits in seinem umfangreichen Werk zum religiösen Pluralismus (âThe Gagging of Godâ) hatte er auf das verĂ€nderte ToleranzverstĂ€ndnis hingewiesen. In diesem vergleichsweise kurzen Buch nimmt er den Faden auf. Das erste Kapitel dient dazu, den Rahmen fĂŒr die Entwicklung der These abzustecken. In den nĂ€chsten beiden Kapiteln geht es darum, die These anhand von Beispielen aus der US-Rechtsprechung zu konkretisieren und die historische Entwicklung des Begriffs seit den Griechen nachzuvollziehen. Im vierten Kapitel wird der Anspruch der neuen Toleranz, nĂ€mlich ethisch und moralisch âauf neutralem Bodenâ zu stehen, grĂŒndlich entkrĂ€ftet. Das Buch wĂ€re unvollstĂ€ndig, wenn der Bogen zum Wahrheitsbegriff (5. Kapitel) und zur RealitĂ€t des Bösen in der Welt (6. Kapitel) nicht geschlagen worden wĂ€re. Genau so ist Carson bestrebt, mit der von vielen Christen gehegte idealistische Vorstellung von Demokratie aufzurĂ€umen, indem er einen Blick auf das aktuelle Weltgeschehen wirft.
Um was es geht
Carson geht es im ganzen Buch um die eine Hauptsache: Den neuen Toleranzbegriff zu hinterfragen, als unbrauchbar zu entlarven und den Leser gedanklich zum herkömmlichen VerstĂ€ndnis des Begriffs zurĂŒckzufĂŒhren. Insofern ist dieses Buch âkreisförmigâ aufgebaut. Die These wird von verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Jede einzelne Perspektive wird mit einer FĂŒlle aktueller Beispiele (aus den USA) untermauert. Wie es fĂŒr Carson typisch ist, lohnt es sich auch die Fussnoten zu lesen. Dort gibt es Dutzende von Hinweisen auf aktuelle Literatur. Bei mindestens zehn BĂŒchern habe ich ein âQâ fĂŒr âQuelleâ hingeschrieben. Einzelne BĂŒcher setzte ich auf meine Leseliste.
FĂŒnf Dinge, die ich gelernt habe
Alte und neue Toleranz: Durch das Buch erhielt ich ein vertieftes Bewusstsein darĂŒber, wie tief der Graben zwischen der alten und der neuen Toleranz ist. Mit der neuen Toleranz verbunden ist der einengende Leitsatz, dass alle Religionen und Ăberzeugungen gleichwertig nebeneinander zu stehen haben. Wie absurd diese Behauptung ist, wird schon daran deutlich, dass darunter Ideologien wie der Nationalsozialismus oder der Stalinismus fallen wĂŒrden. In der RealitĂ€t kommen die Vertreter nicht darum herum, einige wenige Ăberzeugungen anderen vorzuziehen. Vornehmlich im Schussfeld der Kritik stehen christliche Ăberzeugungen. Wer sich diskriminiert fĂŒhlt, kann ohne erhebliche Hindernisse Behörden in Aufregung und Agitation versetzen. Ein solches Vorgehen erstickt nicht nur den akademischen Diskurs. Er schrĂ€nkt die Meinungsvielfalt drastisch ein.
Die Behauptung der NeutralitĂ€t: Die neue Toleranz steht mitnichten auf neutralem Grund und Boden. Weil sie einige Ăberzeugungen bevorzugen muss, wird sie dem eigenen Anspruch nach Gleichbehandlung untreu. Es ist unumgĂ€nglich, einen moralischen Standpunkt einzunehmen.
Das Argument der Ăberheblichkeit: Wer einmal die Seite wechselt (und als Christ wĂ€re es sinnvoll, sich in einen BĂŒrger eines Staates ausserhalb der westlich-sĂ€kularen Welt zu versetzen), dem wird die Arroganz der neuen Toleranz vor Augen gefĂŒhrt. Wer dem sĂ€kularen Leitsatz nicht zustimmen kann, weil er einer anderen Religion angehört, wird automatisch degradiert. Ganz zu schweigen von der Behauptung, dass alle Religionen die gleichen Aussagen treffen bzw. sich in ihrer Substanz nicht voneinander unterscheiden wĂŒrden.
Die Optionen fĂŒr Religionsfreiheit: Carson stellt verschiedene Varianten der Religionsfreiheit dar. Variante A: Jeder darf denken, was er will; die AusĂŒbung der Religion wird jedoch stark kontrolliert. Variante B: BĂŒrger dĂŒrfen nicht nur ihre eigenen Ăberzeugungen haben, sondern sich auch mit Gleichgesinnten treffen. Verboten ist das Evangelisieren. Variante C: BĂŒrger dĂŒrfen sich nicht nur treffen, sondern ihre Ăberzeugung auch offen propagieren. Allerdings dĂŒrfen sie in öffentlichen Angelegenheiten keine religiösen GrĂŒnde anfĂŒhren. Variante D: Jeder BĂŒrger, ob religiös oder nicht, hat die Verantwortung, seine moralische Weisheit, wie sie auch immer geartet ist, in die öffentliche Diskussion einzubringen. Nur Variante D ist mit dem herkömmlichen Toleranzbegriff wirklich kompatibel.
Die Gefahren der Demokratie: Wie stark die neue Toleranz dem Totalitarismus des Staates in die HĂ€nde spielt, wurde mir erst bei der LektĂŒre so richtig bewusst. Wo der einzelne BĂŒrger seine Ăberzeugungen nicht geltend machen kann (und diese Ăberzeugungen orientieren sich am besten an einer ĂŒberstaatlichen AutoritĂ€t), springt der Staat in die LĂŒcke.
Drei eindrĂŒckliche Beispiele
Es kann ein einheitliches Muster fĂŒr Diskriminierung abgeleitet werden. Im Namen der neuen Toleranz wird eine Person bzw. Organisation der Intoleranz bezichtigt und dadurch selbst diskriminiert. Carson berichtet von Ărzten, die verklagt oder ausgeschlossen werden, weil sie selber keine Abtreibungen vornehmen wollen (auch wenn sie anderen das Recht zugestehen). Ganz Ă€hnlich geht es dem Professor, der in einer Debatte ĂŒber die PalĂ€stinenser ĂŒber geschichtliche Details diskutieren wollte. Im Nu entstand eine hitzige Diskussion unter Studenten, und prompt fĂŒhlte sich jemand diskriminiert. Es kam zur Anzeige und zur Entlassung des Dozenten. Oder was soll man vom Verbot halten, einen Vater an einer Schule darĂŒber berichten zu lassen, wie er den Tod seines Sohnes verarbeitet hat â wobei er auf seinen Glauben Bezug zu nehmen gedachte? An diesen und vielen weiteren Beispielen wird deutlich, dass mit der neuen Toleranz die Vielfalt von Meinungen eingeschrĂ€nkt sowie Diskussion und Argumentation verunmöglicht wird.
Der Ruf zum Umdenken und Handeln
Das Buch ist ein hĂ€nderingendes PlĂ€doyer und âBeknienâ des Lesers: Lass dir die Augen öffnen ĂŒber die fatale Neudefinition des Toleranzbegriffs. Werde dir bewusst, was dieser Wandel fĂŒr die Christen bedeutet. Insofern passt das letzte Kapitel mit acht inhaltlichen Denk- und Handlungsempfehlungen ĂŒberein. Es ist eine Aufgabe des Christen, auf die Fallen des neuen ToleranzverstĂ€ndnisses hinzuweisen. Eine Massnahme ist eben das Schreiben dieser Buchbesprechung. Ich werde mich kĂŒnftig noch besser auf einzelne Pressemeldungen aus europĂ€ischen Zeitungen achten, um entsprechende hiesige Belege zu sammeln. Carson ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass die AufklĂ€rungsarbeit jedoch nicht das prioritĂ€re Ziel des Christen darstellt. Vielmehr geht es darum, mutig hinzustehen und das Evangelium zu verkĂŒndigen. Wie soll das geschehen? Durch Debatte und AbwĂ€gen von Argumenten, ohne Druck, aber mit viel Entschiedenheit. Wer nĂ€mlich wirklich tolerant sein will, der muss selbst ĂŒber feste Ăberzeugungen verfĂŒgen!