Nietzsche erwartete das Heil von der Biologie

Edith Düsing sieht bei Nietzsche eine gedankliche Nähe zu Darwin, auch wenn er diese zu verbergen versuchte („Nietzsches antichristliches Paulusbild“, Internationale katholische Zeitschrift Communio 38, 2 (2009), S. 160–178, hier S. 170):

Nietzsche unternimmt die Delegitimierung des christlichen Abendlandes in: Der Antichrist, indem er die in Jesus angebrochene christliche Heilsgeschichte zu einer Unheilsgeschichte umdeutet.

Das Heil sei nicht mehr vom paulinischen Christus, sondern vom antipaulinischen Anti-Christus, alias Dionysos, Zarathustra oder Nietzsche zu erwarten. Ziel ist ein säkularer Dionysoskult, worin das triumphierende Jasagen zum Leben über Tod und Wandel hinaus Schlüsseldogma ist. Das wahre Leben, das rein diesseitig sein soll, liege im Gesamtfortleben der Gattung durch Zeugung. Dies sei der wahre heilige Weg, der von Nietzsche religiös empfunden wird als ein Glaube an die „Ewigkeit des Lebens“ (KSA 6, 159f).

In einer Art Notwehrhandlung wird, um dem an sich ewig Sinnlosen verzweifelt Sinn einzuhauchen, der Biologie religiöse Weihe zugedacht. Christliche und dionysische Weltsicht differieren für Nietzsche nicht hinsichtlich des Martyriums, jedoch kommt [ihnen] ein unterschiedlicher Sinn zu. Im dionysischen Verständnis gehöre zum Leben in seiner Fruchtbarkeit auch Qual, Zerstörung, ja Vernichtung; im paulinischen Sinn gelte der ‚Gekreuzigte als der Unschuldige‘, das Wort vom Kreuz als Formel der Verurteilung des Lebens, das im Gegensatz zu Christus völlig sündig ist. „Der Gott am Kreuz ist ein Fluch auf das Leben“; der in Stücke gerissene Dionysos aber, so Nietzsches Mythologisierung des Lebenskults, ist „eine Verheißung des Lebens: er wird ewig wiedergeboren und aus der Zerstörung heimkommen“ (KSA 13, 267).