Evangelikale

Zehn Anliegen, die Francis Schaffer mit ins Grab nahm

51lxk2nEgNL SX333 BO1 204 203 200Das kurz vor seinem Tod im Jahre 1984 verfasste Buch Die große Anpassung (eng. The Great Evangelical Desaster) lenkte die Aufmerksamkeit auf verschiedene Anliegen, die dem protestantischen Denker schwer auf dem Herzen lagen, bevor er in die Herrlichkeit einging.

Liest man Francis Schaeffers Buch drei Jahrzehnte später, mutet es beinahe prophetisch an: Der amerikanische Lehrer, der in der Schweiz lebte, wies gezielt auf wichtige Themen hin, die die evangelikale Welt von heute vor schwere Prüfungen stellen.

Ich möchte in diesem Artikel auf zehn wichtige Befürchtungen hinweisen, die Schaeffer mit ins Grab nahm und die auch uns heute, die wir uns mit dem evangeliumszentrierten, in der Reformation verwurzelten, protestantischen Glauben identifizieren, schwer auf dem Herzen liegen sollten.

1 Der wachsende Relativismus

Der Relativismus verdankt seine Entstehung der säkularen Aufklärung mit ihrem Augenmerk auf die Selbstbestimmung des Menschen. Nicht länger machte Gott die Regeln, nicht länger hatte Gott das Sagen, es war der Mensch, der von nun an vorgab, was gut und wahr, was schlecht und falsch war. Bereiche wie die der Ethik und Erkenntnistheorie wurden von einer unermesslichen Leidenschaft für Egoismus und Eigeninteresse aufgesogen. Die Öffentlichkeit verwarf das unfehlbare und irrtumslose Wort Gottes. Es folgte nichts, das seinen Platz hätte einnehmen können – es folgten menschliche Erdichtungen.

Schaeffer erkannte: Eine Kirche, die auf dem sandigen Grund des Relativismus erbaut ist, hatte dem Frontalangriff der gefallenen Vernunft nichts entgegenzusetzen. Nur die nicht verhandelbaren absoluten Maßstäbe der Schrift versetzten die Kirche in die Lage, den rechten Kampf zu kämpfen. Es war dieser feste Blick auf die absoluten Maßstäbe, „der es der frühen Kirche ermöglichte, dem Druck des Römischen Imperiums zu widerstehen“ (S. 66). Eine relativistische Kirche hat einer sündigen Kultur nichts zu sagen.

2 Disziplinlosigkeit

Angesichts des heidnischen Relativismus in unserer postmodernen Gesellschaft sind viele Gemeinden in die Falle der Verharmlosung christlicher Lehren (Absoluta) getappt, indem sie falschen Lehrern nicht entschieden entgegengetreten sind. Schaeffer hielt diese Disziplinlosigkeit der Kirche für den eigentlichen Nährboden der Irrlehrer. Genau dieser Mangel führte Anfang des 20. Jahrhundert unter den Presbyterianern in den USA zum Siegeszug der liberalen Theologie.

Schaffer ist hier sehr deutlich: „Die treuen Diener der Kirche hatten es versäumt, in konsequenter Weise Gemeindezucht zu üben“ (S. 113). Ohne Gemeindezucht und konfessionelle Disziplin aus Gründen der Lehre bleibt die Kirche vor dem Ansturm der Lawinen falscher Lehren ungeschützt. Daher schlug er vor: „Deshalb bedeutet das Ausleben der Reinheit der Kirche zuerst einmal Gemeindezucht an denen, die keine eindeutige Position in bezug auf die Lehre der Bibel vertreten“ (S. 114).

Weiter schreibt er: „Immer da, wo man sich von der historischen Auffassung über die Bibel und vom Gehorsam gegenüber Gottes Wort entfernt, müssen diejenigen, die solche Ansichten vertreten, unter Gemeindezucht gestellt werden“ (S. 117). Nur eine Hochschätzung der Heiligen Schrift könnte die Wiedereinführung der biblischen Disziplinierung rechtfertigen. Wie soll sich eine Gemeinde an die gesunde Lehre halten, wenn man sich mit ihren Mitarbeitern, die es mit der Lehre nicht so genau nehmen, nicht auseinandersetzt?

3 Kompromissbereitschaft

Vom Christen, so Schaeffer, darf erwartet werden, dass er sich für die Wahrheit einsetzt. Das traurige Merkmal seiner eigenen Zeit war ein ständiges Suchen nach Kompromissen an allen Fronten, sei es in Lehre oder Praxis. Schaffer war bestürzt darüber, wie viele Diener des Herrn nicht länger gewillt waren, die Gesellschaft mit der Wahrheit Gottes zu konfrontieren. Ein solcher Geist der Gleichgültigkeit führte die Kirche den rutschigen Weg hinab in die Abtrünnigkeit.

Schaeffer sagt: „Die Wahrheit bringt Konfrontation mit sich. Die Wahrheit verlangt nach Konfrontation, zwar liebevoller Konfrontation, aber immer noch Konfrontation. Wenn unsere Reflexhandlungen immer zur Anpassung tendieren und wir uns nicht bewußt werden, daß es hier doch um die zentrale Wahrheit geht, dann ist irgend etwas falsch“ (S. 86). Ohne tief empfundene Treue gegenüber dem Wahrheitsanspruch der Schrift, wie man sie etwa bei theologischen Riesen wie B. B. Warfield (1851–1921), James Orr (1844–1913) und J. Gresham Machen (1881–1937) beobachten konnte, wird die evangelikale Welt nicht in der Lage sein, ihre Kinder auf das vorzubereiten, was die kommenden dunklen Tage mit sich bringen werden.

4 Sozialarbeit

Statt sich auf das Evangelium zu konzentrieren, haben viele evangelikale Glaubensgemeinschaften eine liberale Richtung eingeschlagen und verwechseln „das Reich Gottes mit einem sozialistischen Programm“ (S. 141). Schaeffer leugnete keineswegs die Wichtigkeit, Unterdrückten zu helfen, machte sich aber große Sorgen darüber, wie viele leitende Gemeindemitglieder ihre Weltsicht auf marxistische Lehren, statt auf die Heilige Schrift, gründeten.

Die Sünde war Schaeffers Ansicht nach nicht auf ungerechte gesellschaftliche Umstände zurückzuführen, sondern auf die innere Bosheit des Menschen. Gottlosigkeit gibt es unter Armen und Reichen. Die Vorstellung, der Mensch könne sich selbst verbessern, stammt nicht aus der Heiligen Schrift, sondern aus dem gefallenen, menschenzentrierten Gedankengut der säkularen Aufklärung. Gerade in Ländern, in denen die politische Welt von kommunistischen Prinzipien regiert wurde, waren die Ergebnisse verheerend. Millionen Menschen wurden auf dem Altar des Sozialismus geopfert. Deshalb witzelte Schaeffer: „Die Antwort liegt nicht in einem sozialistischem Programm“ (S. 145). Freilich muss sich die Kirche um die Armen kümmern, sie muss aber Prioritäten setzen und die Verkündigung zur Vergebung der Sünden durch den Herrn Jesus Christus priorisieren.

5 Die Verlockung der Ökumene

Der Aufruf des Weltkirchenrats (WCC) zur ökumenischen Einheit beunruhigte Schaeffer zutiefst. Es gab im Weltkirchenrat pro-marxistische Tendenzen und es fehlte der ökumenischen Bewegung eine theologische Standfestigkeit. Aus Liebe zur kirchlichen Einheit wurde jeglicher unbiblischen theologischen Fantasterei Tür und Tor geöffnet; so lehnte etwa Dorothee Sölle (1929–2003) den Herrn der Schrift ab; der „himmlische Vater“ wurde zur „himmlischen Mutter“ umfunktioniert, nichtchristliche Religionen wurden als Zugang zum Göttlichen besungen usw. (vgl. S. 158–159).

Das war nichts anderes als falsche Prophetie. Der Weltkirchenrat wurde zum theologischen Giftquell: es war ein „anderes Evangelium“, nein, es war gar kein Evangelium. Nur das Festhalten an einer unfehlbaren und irrtumslosen Bibel kann dieses Kartenhaus des Weltkirchenrats einstürzen lassen.

6 Abtreibung

Statt bei weit verbreiteten und beschönigenden Umschreibungen Zuflucht zu nehmen („Lebensqualität“ oder „Glück und Wohlbefinden der Mutter“ oder „Jedes Kind muss auch gewollt sein“), war Schaeffer überzeugt: Abtreibung ist schlicht das Ergebnis einer wiederbelebten hedonistischen Haltung; das Wohlbefinden des Einzelnen steht demnach sogar über dem heiligen Respekt vor dem menschlichen Leben. Er konnte nicht verstehen, wie jemand den Namen Christi bekennen und gleichzeitig in einer Konfession verbleiben konnte, die die Abtreibung befürwortete.

Abtreibung ist und bleibt ein offener Angriff auf das kostbare Bild Gottes, das durch die Menschheit bekannt gemacht wird. „Das ungeborene Kind ist ein menschliches Wesen, das nach dem Bilde Gottes geschaffen worden ist, und dieses zu verleugnen heißt, die Autorität der Bibel zu verleugnen. Man kann unmöglich den 139. Psalm lesen und seinen Aussagen wirklich glauben, ohne zu erkennen, daß das Leben im Mutterleib wirklich schon menschliches Leben ist. Es ist unmöglich, wirklich an die Inkarnation zu glauben, ohne zu erkennen, daß das durch den Heiligen Geist von Maria empfangene Kind in der Tat vom Zeitpunkt der Empfängnis an Gottes Sohn war“ (S. 139–140).

7 Liberalismus

Die Frucht des theologischen Liberalismus hat viele ehemals intakte Gemeinden aller geistlichen Kraft beraubt. Der Modernismus, beeinflusst von der aus Deutschland stammenden historisch-kritischen Arbeitsweise, hatte die Kardinallehren der säkularen Aufklärung im Namen Christi einfach „getauft“. Was aber zog ein solches Vorgehen nach sich? Schaeffer zählt hier auf: die „Verneinung des Übernatürlichen –, durchdrungen vom Glauben an die allumfassende Fähigkeit der menschlichen Vernunft“, die „Zurückweisung des Sündenfalls“, die „Verneinung der Göttlichkeit Jesu Christi und seiner Auferstehung“, den „Glauben an die Fähigkeit des Menschen, sich selber zu vervollkommnen“, den „Willen, die Botschaft der Bibel zu zersetzen“  (S. 49).

Liberale Prediger wie der gefeierte Harry Emerson Fosdick (1878–1969) konnten sich in ihrer Predigt nicht mehr auf die Autorität der Bibel berufen. Der säkulare Humanismus trat ins Zentrum; eine Lehre, die das Hauptaugenmerk nicht auf den Menschen richtete, wurde zwangsläufig ins Abseits gedrängt. Anstatt, dass die Kirche Einfluss nahm auf die Welt, übernahm die Welt mit ihrem evangeliumsverleugnendem Verständnis die Zügel der Kirche.

8 Hedonismus

Hedonismus ist die Vorstellung, wonach der Sinn des Lebens im Grunde das Glück, das Vergnügen und das momentane Wohlbefinden des Menschen bedeutet. Diese hedonistische Stoßrichtung drängte die gegenwärtige Gesellschaft dazu, die christliche Moral im Namen der Selbstverwirklichung aufzugeben.

Schaeffer war darüber aufgebracht, dass das persönliche Wohlergehen mehr und mehr den Vorrang über das Leben erhielt, wie das etwa bei der Abtreibungsfrage der Fall ist: „Wir sind umgeben von einer Gesellschaft ohne feste Maßstäbe“, schreibt er, „einer Gesellschaft, die alles toleriert. Alles wird psychologisch abgekanzelt oder wegerklärt. Es gibt kein ‚richtig‘ und ‚falsch‘ mehr. Wie es mit dem ‚Wohlbefinden‘ der Mutter gegen das menschliche Leben steht, so wird auch alles, was sich dem ‚Wohlbefinden’ des einzelnen oder der Gesellschaft in den Weg stellt, beseitigt“ [dieses Zitat fehlt in der dt. Ausgabe, in der engl. Ausgabe zu finden auf S. 63; R. K.].

Das selbstsüchtige und unmoralische Wesen des Hedonismus war eine echte Gefahr für die Kirche in Schaeffers Tagen. Das hat sich in unserer Generation nicht geändert. Mancherorts ist die Kirche mehr um ihre „Kundenzufriedenheit“ besorgt als um die wahre Anbetung des dreieinigen Gottes.

9 Der Verlust der Offenbarung

Schaeffer beharrte auf der Notwendigkeit einer hohen Sicht der propositionalen Offenbarung für das geistige und akademische Wohlergehen des zeitgenössischen Protestantismus. Gott, der Schöpfer aller Dinge (auch der Sprache!), existiert und es ist nur natürlich, wenn er sich des Mittels der Sprache bedient, um der Welt seinen Willen anhand klarer Aussagen mitzuteilen.

Francis Schaeffer legte die Betonung nicht auf die subjektiven religiösen Erfahrungen des Gläubigen, sondern auf den objektiven Offenbarungsgehalt der Bibel. Die Erfahrung ist in dem Maße nützlich, wie sie sich an der Lehre der Bibel orientiert. „Worin besteht dieses Fundament?“, fragt Schaeffer. Er antwortet: „Es besteht darin, daß der unendlich-persönliche Gott, der wirklich lebt, nicht geschwiegen hat, sondern lehrsatzmäßige Wahrheit [engl. „propositional truth“; R. K.] in bezug auf alles, was die Bibel lehrt, ausgesprochen hat“ (S. 80–81). Lass die Offenbarung, die sich in klaren Aussagesätzen artikuliert, weg, und die Grundlage des Christentums ist aufgegeben!

10 Die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift

„Wir haben die unfehlbare Bibel“ (S. 86; [im Engl. „inerrant Scripture“, besser mit „irrtumslose Schrift“ zu übersetzen; R. K.]). Ein letztes und wichtiges Anliegen, das sich durch Schaeffers ganzes Buch zieht, ist die Sache der Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift. Schaeffer war bestürzt, dass Evangelikale aus den eigenen Reihen die volle Inspiration der Schrift mit der Behauptung infrage stellten, die Bibel könne durchaus geographische und geschichtliche Irrtümer enthalten, auch wenn ihre Lehre zu Glaube und Moral (meistens) wahr sei. So etwa dachten die neo-orthodoxen Theologen Karl Barth (1986–1968) oder Emil Brunner (1889–1966).

Schaeffer lehnte diese Sichtweise rundweg ab: Die Bibel „ist nicht nur dann unfehlbar [engl. „without error“; R. K.], wenn sie von Werten, dem Bedeutungssystem und religiösen Dingen spricht, sondern auch dann, wenn sie von der Geschichte und dem Kosmos spricht“ (S. 77). Der Amerikaner zielte damit auf die Sicht: Die Bibel ist voll und ganz Gottes Wort. Was Schaeffer betrifft, war eine irrtumsbehaftete Bibel – selbst wenn diese Irrtümer sich nur auf Wissenschaft und Geschichte bezögen – niemals unfehlbar. Unfehlbarkeit [engl. „infallibility“; R. K.] bedingt Irrtumslosigkeit (und umgekehrt).

Obwohl Barth, Brunner und eine Reihe Theologen-Kollegen Anfang des 20. Jahrhunderts eine antiliberale Revolution auf den Weg brachten, war Schaeffer weit davon entfernt, sich mit deren Neo-Orthodoxie zufriedenzugeben. Die Hauptsorge des Amerikaners war deren offenkundiger Verzicht, die Heilige Schrift voll und ganz als Wort Gottes zu betrachten, was auf einen übermäßig subjektiven Ansatz ihrer Theologie zurückzuführen war. Statt zu sagen, die Bibel „enthalte“ das Wort Gottes oder „werde“ zum Wort Gottes, etwa durch die existenzielle Begegnung mit dem auferstandenen Christus, war Schaeffer in dieser Hinsicht streng. Echter Evangelikalismus bekennt: Die Bibel ist „objektive, absolute Wahrheit auf allen Gebieten, die sie anspricht“ (S. 74).

Zusammenfassung

Schaeffers zehn Anliegen können zurückverfolgt werden in die [säkulare; R. K.] Aufklärung, in jene Zeit also, in der der Mensch seine „autonome“ Vernunft über und gegen die verbindliche Offenbarung Gottes in der Bibel stellte.

Es scheint, als stehe die evangelikale Welt heute vor derselben Entscheidung wie die Christen damals: Soll Gottes Wort oder das Gedankengut der gefallenen Menschheit unser Denken und unsere Praxis bestimmen? Wäre Schaeffer heute noch unter uns, hätte er zweifelsfrei für die erste Option gestimmt. Wie steht es mit Ihnen?

Will Graham

– – –

Der Artikel erschien zuerst bei EvangelicalFocus. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt wurde der Beitrag von Ivo Carobbio. Die Zitate sind entommen: Francis A. Schaeffer, Die grosse Anpassung: Der Zeitgeist und die Evangelikalen, Asslar: Schulte u. Gerth, 1988. Das Buch ist als Sonderausgabe lieferbar.

Der Artikel kann hier im PDF-Format heruntergeladen werden: SchaeffersSorgen.pdf.

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Der Evangelikalismus und die Wahrheitsfrage

Molly Worthen’s Artikel „The Evangelical Roots of Our Post-Truth Society“, der kürzlich in der NEW YORK TIMES erschienen ist, enthält kluge Betrachtungen. Insgesamt will er allerdings, so mein Eindruck, den Relativismus unter den konservativen Evangelikalen fördern. Wenn Worthen beobachtet, dass manche Entwicklungen an den evangelikalen Ausbildungsstätten hoffnungsvoll stimmen, da eine wissenschaftliche Sicht auf die Bibel gefördert wird, dann passt das gut ins Bild. Wir erahnen, was damit gemeint ist.

Immerhin hat es Cornelius Van Til wieder einmal geschafft, in der NYT erwähnt zu werden (2007 wurde er von der gleichen Autorin in dem Artikel „Onward Christian Scholars“ genannt). Molly Worthen schreibt:

Der zweite Impuls, derjenige, der das Anliegen der Wissenschaftler, die Bibel herauszufordern, ablehnt, entwickelte sich im frühen 20. Jahrhundert zu einer Denkschule, die als „Voraussetzungsbewusstes Denken“ (engl. presuppositions) bezeichnet wurde. Der Begriff ist ein Zungenbrecher, aber die Idee ist einfach: Wir alle haben Denkvoraussetzungen, die unser Verständnis der Welt gestalten. Cornelius Van Til, ein Theologe, der diese Idee gefördert hat, lehnte die Prämisse ab, dass alle Menschen Zugang zur objektiven Realität haben. „Wir gestehen wirklich nicht zu, dass Sie irgendeine Tatsache in irgendeiner Dimension des Lebens so sehen, wie sie ist“, schrieb er in einer Broschüre, die auf Nichtchristen ausgerichtet war. [Anmerkung: Diese letzte Aussage hätte übrigens auch von I. Kant stammen können. Überhaupt sollte jemand, der Van Til richtig verstehen will, Kants Kritik der reinen Vernunft lesen.]

Es trifft zu, dass die Apologetik nicht zu einer Form des Tribalismus verkommen darf. Wir brauchen als Christen ehrliche Debatten, den Mut zur Selbstkritik und die Bereitschaft, uns „testen“ zu lassen. Wir brauchen aber ebenfalls den Mut (und Fleiß), die Denkvoraussetzungen nicht-christlicher Denkschulen, wie z.B. die des Naturalismus, infrage zu stellen.

Hier der Artikel: www.nytimes.com.

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Evangelikale streiten über Familienbild

Das Onlineportal Evangelisch.de berichtet über eine innerevangelikale Diskussion um das Familienbild. Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), hat eine Musikproduktion des Liedermachers und Pastors Jörg Swoboda auf der Online-Präsenz der Deutschen Evangelischen Allianz empfohlen:

„Sollte Gott gesagt haben?“ Jene skeptische Ur-Frage, die die Welt ins Chaos stürzte, treibt auch heute viele in die Orientierungslosigkeit. Anstatt daran festzuhalten, dass Gottes Wort das qualifizierteste Benutzerhandbuch des Lebens ist, wird Misstrauen gesät. Die Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau, lebenslänglich in liebegetränkter Treue gestaltet, wird hinterfragt und umdefiniert: Warum sollte es nicht auch Mann mit Mann oder Frau mit Frau sein? Stimmt es überhaupt, dass die Menschheit nur aus männlichen oder weiblichen Spezies besteht? Gibt es nicht stattdessen viel mehr Geschlechtertypen? Warum sollten Körperteile entscheidend dafür sein, ob ein Mensch Mann oder Frau ist? Ist das Geschlecht nicht vielmehr anerzogen statt konstitutionell? Brauchen Kinder wirklich Vater und Mutter? Und ist die Ehe überhaupt noch zu retten oder nicht doch besser durch Lebensabschnitts-partnerschaften abzulösen? Kommen Erotik und Sexualität wirklich zur Blüte, wenn sie in die Gefangenschaft der Ehe eingebunden sind? Und warum sollte man Ehen nicht konsequent begraben, wenn die Liebe abkühlt?  – Es ist Jörg Swoboda zu danken, dass er diese Fragen nach Liebe, Ehe, Zusammenleben ohne Trauschein, Fortpflanzung, Scheitern und Versöhnung in seiner neuen CD thematisiert.

Der Vorsitzende der DEA, Michael Diener, reagierte mit einer Stellungnahme im sozialen Netzwerk Facebook. Evangelisch.de schreibt:

Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Michael Diener, reagierte darauf mit der Klarstellung, dass es sich bei diesen Worten „um eine persönliche Äußerung des Generalsekretärs“ handele und ausdrücklich nicht um eine Verlautbarung der Evangelischen Allianz, wie der Informationsdienst „idea“ berichtet. Er warf Steeb vor, mit diesem Statement andere Beziehungsformen als die Ehe von Mann und Frau zu diskriminieren. Steeb und auch der Liedermacher sollten sich fragen, wie die Liedtexte auf ungewollt kinderlose Ehepaare oder Singles wirkten, so Diener. Er empfehle „Zurückhaltung dabei, die eigenen Erfahrungen auf die pluralen biblischen Texte zu übertragen.“

Die Stellungnahme wirft allerlei Fragen auf. Lässt man sich auf die Argumentationsfigur von Michael Diener ein, könnten man z.B. fragen, ob es überhaupt noch erlaubt sein könne, davon zu reden, dass jeder Mensch ein Sünder sei. Denn so eine Aussage kann ja ebenfalls von vielen Menschen als diskriminierend aufgefasst werden. Für besonders erklärungsbedürftig halte ich allerdings die von Diener in Facebook gemachte Aussage (das Statement scheint dort inzwischen gelöscht worden zu sein), dass er Steebs Sicht der Ehe „absolut nicht teilt“. Er teilte mit, dass man seiner Meinung nach für die Ehe von Mann und Frau sein könne, ohne andere Beziehungsformen zu diskriminieren.

In einer Pressemitteilung des Geschäftsführenden Vorstand der DEA aus dem Dezember 2015, wurde die Sichtweise, wie sie in der Empfehlung von Hartmut Steeb zum Ausdruck kommt, noch empfohlen. Wörtlich hieß es damals:

Die Deutsche Evangelische Allianz hat sich im größeren Kontext unter dem Titel „Sucht der Stadt Bestes“ im Jahr 2009 so positioniert: „Wir wenden uns ebenso gegen die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der geschlechtlichen Orientierung… Wir begegnen Vertretern einer anderen geschlechtlichen Orientierung mit Respekt und Würde, sehen allerdings praktizierte Homosexualität – wie andere Formen der außerehelichen Sexualität – grundsätzlich als unvereinbar mit der für den christlichen Glauben maßgebenden biblischen Ethik an. Wir wenden uns außerdem gegen Versuche, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften der im Grundgesetz herausgehobenen klassischen Ehe gleichzustellen …“

Es ist erstaunlich, dass sich der Vorsitzende der DEA von dieser Position nicht nur absetzt, sondern auch jene kritisiert, die sie vertreten. In der Pressemitteilung der DEA hieß es zudem: Der Artikel in der WELT vom 14. Dezember 2015 greife „eine ganze Reihe zentraler Themen auf. Wir sind unserem Vorsitzenden Dr. Michael Diener dankbar für viele eindeutige Aussagen, etwa zum missionarischen Zeugnis gegenüber jedermann, auch gegenüber Muslimen und Juden.“ Die Nachrichtenagentur IDEA hatte im November 2016 freilich darüber berichtet, dass Michael Diener sich hinter das „Nein“ der EKD-Synode zur Judenmission gestellt habe (vgl. hier).

Fragen über Fragen. Ich kann der DEA nur wünschen, dass diese Dinge schnell geklärt werden.

Evangelikale als Straßenkämpfer

Als ich gemeinsam mit meiner Frau am Samstagmorgen von München in das Studienzentrum Pforzheim fuhr, um dort eine Vorlesung über Apologetik zu halten, hörte ich im SWR2-Radio die Sendung: „Kampf um Kinderherzen: Kommunion, Konfirmation, Kirchenpädagogik“ von Hans-Volkmar Findeisen. Das Feature war insgesamt gut gemacht und zeigt u.a. anhand von Beispielen den Paradigmenwechsel in der Unterweisung der großen Kirchen. Das neue Paradigma heißt „Entschulung der Katechese“. Nicht mehr die Lerninhalte stehen im Vordergrund, sondern das gemeinsame Erleben und Feiern. Offiziell spricht die Evangelische Kirche deshalb nicht mehr von „Konfirmanden-Unterricht“, sondern von „Konfirmandenarbeit“. Endlich – so heißt es – ist Gott als Richter in der Religionspädagogik verschwunden.

Die Redaktion meint, die Konfirmandenarbeit leiste heute einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der Zivilgesellschaft. Aktuelle Studien erkennen ihre Bedeutung „als Vermittlungsinstanz von Werten wie Nächstenliebe, Toleranz, Vielfalt und Weltoffenheit“.

Am Ende der Sendung gibt es allerdings einen Dämpfer. Da sind nämlich noch die „Engstirnigen“ und die „Traditionalisten“, die das friedliche und tolerante Konzert der Großkirchen stören. Auf katholischer Seite sind das Migrantenfamilien aus Kroatien, Polen, Ghana, Sri Lanka oder Ecuador. Auf evangelischer Seite stammen die Fundamentalisten aus der ehemaligen Sowjetunion. Ihre Verbündeten sind die Evangelikalen.

Zitat:

Auch sie sehen sich der Segnungen einer ohnedies fremden Welt beraubt. Sie helfen mit, wie es heißt, „überholte“ und „weltfremde“ Vorstellungen von religiöser Erziehung und Intoleranz gegen sexuelle Minderheiten gegebenenfalls mit den Fäusten auf der Straße durchzusetzen. So geschehen etwa bei den Demonstrationen gegen den neuen baden-württembergischen Bildungsplan. Kein Zweifel: Solche Misstöne stören das Bild der Harmonie, das die moderne Gesellschaft und die Kirchen gerne von sich selber malen.

Hier werden also – am Ende der Sendung – die Traditionalisten in die Nähe intoleranter Zeitgenossen gerückt. Schlimmer noch: Sie setzen als unverbesserliche Minderheit ihre Interessen „gegebenenfalls mit den Fäusten auf der Straße“ durch. Als Beispiel wird die Demonstration gegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg angeführt. Erweckt wird allerdings der Eindruck, als flögen die Fäuste der Frommen schon mal, wenn es darum gehe, ihre Überzeugungen durchzusetzen.

Wäre ich Polizist, würde ich mir nichts lieber wünschen als die harmlosen Frommen, die ein- oder zweimal im Jahr für das Lebensrecht oder eine angemessene Bildungspolitik demonstrieren. So schnell findet man keine pflegeleichteren Protestler. Soweit ich es mitbekommen habe, ging die Gewalt bei den Demonstrationen in Stuttgart auch gar nicht von den Gegnern des Bildungsplanes, sondern von einigen linken Gruppierungen aus, die den rot-grünen Bildungsplan stützen.

Ähnlich verzerrend hat kürzlich Stefan Behr für die Frankfurt Rundschau über den „A21 – Walk for Freedom“ berichtet. In Frankfurt hatten einige Leute für die Organisation der Hillsong-Pastorin Christine Caine friedlich gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel demonstriert. Behr zieht in seinem Artikel die Aktion ins Lächerliche und schreibt den Veranstaltern einen gewissen fundamentalistischen Ruf zu.

Das ist alles nicht so tragisch, aber eben auch wenig hilfreich. Ein Journalismus, der auf so unfeine Weise verfremdet und die Stimmung anheizt, braucht sich an andere Stelle nicht darüber beschweren, dass heute an den Stammtischen und in den Foren unselig viel gehetzt wird.

Den Audiomitschnitt und das Manuskript der Sendung „Kampf um Kinderherzen“ gibt es hier: www.swr.de.

Die „Micha-Initiative“ und ihre Defizite

Mit diesen Worten stellt sich die „Micha-Initiative“ vor:

Die Micha-Initiative ist eine weltweite Kampagne, die Christinnen und Christen zum Engagement gegen extreme Armut und für globale Gerechtigkeit begeistern möchte. Sie engagiert sich dafür, dass die Nachhaltigkeitsziele/Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen umgesetzt werden. Bis 2030 soll weltweit Armut beseitigt werden.

Holger hat sich die Kernargumente der sogenannten „Micha-Initiative“ angeschaut und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis:

„Micha“, so scheint mir doch, ist leider auf der völlig falschen Fährte. Man hat dort nicht erkannt: Armut ist ein Produktions-, kein Verteilungsproblem. Was schafft Wohlstand? Und was hat bisher schon dazu geführt, dass der Planet nicht nur eine Milliarde, sondern sage und schreibe sechs Milliarden gut ernährt? Wie ist es denn zu diesem Wunder gekommen? Es ist recht einfach: Arbeit, Fleiß, Unternehmertum, Investitionen und gute Ideen und nochmals gute Ideen. Unsere menschliche Kreativität, unser Reichtum an Ideen, braucht einen Raum der Freiheit, in dem die Ideen sich untereinander befruchten und sich aneinander reiben können; und am Ende stehen neue Produkte, die auf Märkten getestet werden, so dass die weniger guten ausgeschieden werden. Das ist eine Skizze des demokratischen (rechtsstaatlichen) Kapitalismus. In den freiheitlich geprägten Ländern des Nordens konnte er sich durchsetzen. (Mehr über die „Große Transformation“ hier.)

Anreize zum fleißigen und intelligenten Arbeiten – das, was uns wirklich voran bringt, wird bei „Micha“ so gut wie gar nicht thematisiert. Daneben steht natürlich das großzügiges und freiwillige Abgeben von erworbenem Reichtum, Taten der Barmherzigkeit, Nothilfe, gemeindliche Diakonie, Spenden an Hilfswerke, doch leider wird über das englische „charity“ in „Micha“-Kreisen fast schon die Nase gerümpft. Das sei ja wohl zu wenig; man müsse doch an die Strukturen und die globalen Zusammenhänge ran. Diese Wohltätigkeit, die schon eine lange Geschichte in der westlichen Welt hat, wird nur zu oft schlecht gemacht. Dabei hat sie mitunter Großartiges bewirkt – ohne dass man sich die „Weltgemeinschaft“ auf die Fahnen geschrieben hat. Neben „charity“ darf die gegenseitige Hilfe in Selbsthilfe- und Arbeitervereinen nicht unerwähnt bleiben. Vor der Etablierung des modernen Wohlfahrtsstaates gab es in einigen Ländern eine Wohlfahrtsgesellschaft, in der Hilfe zivilgesellschaftlich z.B. in den „friendly societies“ organisiert wurde (s. Stephen Davies‘ Vortrag dazu hier).

Als dritte Säule der christlichen Antwort auf das Armutsproblem sind Institutionen oder Ordnungen Gottes zu nennen. An erster Stelle stehen hier die Familie und die Kirche, denn sie reichen die Werte und Tugenden weiter, die Menschen zur Kultivierung, Weiterentwicklung und Bewahrung der Schöpfung und zum Abgeben von Reichtum anhalten.

Mehr: lahayne.lt.

Christliche Fundamentalisten in den USA

Deutschlandradio Kultur hat wieder einmal kräftig ausgeholt und den evangelikalen Fundamentalismus in den USA einer Fundamentalkritik unterzogen. Leider werden dabei etliche Sachen durcheinander geworfen, so dass die Aussagekraft der Sendung bescheiden bleibt. Aus Bill Clinton wird, weil er hin und wieder eine Gemeinde der Südlichen Baptisten besuchte, ein Evangelikaler und natürlich wird aus jedem, der sich gegen das Recht auf Abtreibung ausspricht, ein problematischer Fundamentalist.

Schade, es  gibt es ja tatsächlich allerlei Gründe, die Evangelikalen zu kritisieren und andere Gründe dafür, sie zu loben.

Hier der Beitrag als Audiodatei:

 

Eine Mitschrift gibt es hier: www.deutschlandradiokultur.de.

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Gottes Wort vertrauen – Barmherzigkeit leben

Der Gnadauer Verband hat in einer Erklärung zur evangelikalen Debatte der letzten Monate Stellung bezogen. Es heißt in „Gottes Wort vertrauen – Barmherzigkeit leben“ unter anderem:

Wir bekennen uns unverändert dazu, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat. In der lebenslangen Einehe hat die menschliche Sexualität einen einzigartigen Raum zur Entfaltung und Gestaltung. Menschen, die nicht in einer Ehe leben, sind unabhängig von Geschlecht und Alter zur Enthaltsamkeit aufgerufen, zu der Gott „Wollen und Vollbringen“ schenken kann.

Weil die Lebensform eines Menschen immer „mit-spricht“ und „mit- verkündigt“, berufen wir Menschen, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben, weder in den Verkündigungsdienst noch in Leitungsaufgaben. Denn Leben und Lehre gehören zusammen.

Zu lesen ist aber auch:

Wir nehmen jedoch eine Spannung wahr zwischen dem biblischen Befund und dem Leben in einer homosexuellen Beziehung. Aus unserer Sicht lassen sich biblische Aussagen über den Willen Gottes und eine homosexuelle Lebensweise nicht in Einklang bringen. – Gleichwohl gibt es einige unter uns, die an dieser Stelle eine andere exegetische Einsicht haben oder die aus dem gleichen exegetischen Befund andere Schlussfolgerungen ziehen.

Ulrich Parzany hat inzwischen für das Netzwerk Bibel und Bekenntnis hilfreich Stellung genommen. Er schreibt unter anderem:

Ich bin dankbar für die Klärungen, lese aber zugleich mit Verwunderung: „Wir nehmen jedoch eine Spannung wahr zwischen dem biblischen Befund und dem Leben in einer homosexuellen Beziehung.“ Da besteht aber nicht nur eine Spannung, sondern offensichtlich ein Widerspruch.  Selbst auf der Basis verschiedener Bibelverständnisse lassen sich biblische  Aussagen über den Willen Gottes und eine homosexuelle Praxis nicht in Einklang bringen.

Hier der vollständige Text: www.bibelundbekenntnis.de.

Streit entzweit deutsche Evangelikale

Durch sein Gespräch mit  der WELT hat Michael Diener, oberster Repräsentant der frommen Protestanten in Deutschland, eine sehr grundsätzliche Diskussion über den zukünftigen Kurs der Evangelikalen auf den Weg gebracht. Matthias Kamin, Politredakteur bei der WELT-Redaktion, fasst seine Beobachtungen in einem Artikel zusammen und kommt darin auch auf das Treffen in Kassel zu sprechen:

Zudem warf die Parzany-Gruppe die Frage nach dem Personal an der DEA-Spitze auf: „In vielen Gemeinden und Gemeinschaften besteht Besorgnis darüber, welchen Kurs führende Repräsentanten der evangelikalen Bewegung steuern“, heißt es im Kommuniqué. Das liest sich wie eine Vorstufe zur Rücktrittsforderung.

Das jedoch ließ viele in der Bewegung erschrecken. Jetzt bemüht man sich um Beruhigung. Den Anfang machte Diener selbst, durch eine einlenkende „persönliche Erklärung“ in der vergangenen Woche. Zwar nahm er darin keine Äußerung zurück.

Diener schrieb aber: „Für alle Äußerungen im Rahmen des ‚Welt‘-Interviews, die im pietistisch-evangelikalen Raum teils als unangemessene öffentliche Kritik verstanden wurden, bitte ich die Menschen, die ich dadurch verletzt habe, ausdrücklich um Entschuldigung.“ Ihm sei klar geworden, dass er sich in seiner Funktion „zurückhaltender und vermittelnder zu in pietistisch-evangelikalen Bewegungen strittigen Fragen äußern“ müsse.

Damit freilich machte Diener klar, dass es in der Bewegung strittige Fragen gibt. So sieht das auch Parzany, der danach eine „Stellungnahme“ publizierte. Zwar würdigte Parzany darin Dieners Entschuldigung und versprach, sich künftig in der Öffentlichkeit zurückzuhalten. Doch betonte er, es müsse eine inhaltliche Diskussion geführt werden. Und ganz am Schluss fragte Parzany, ob Diener seine Erklärung „als Person“ oder „Vorsitzender der DEA“ abgegeben habe. Dass es darüber „Unklarheiten“ gebe, schaffe „Irritationen“, schreibt Parzany.

Hier mehr: www.welt.de.

Ein Hauch von Barmen

Hier liegt Nicolai Franz in seiner Analyse zum Kommuniqué von Kassel völlig richtig:

Die Verfasser wittern vielmehr einen ganz grundsätzlichen Konflikt in der Frage, ob christliche Bekenntnisse verbindlich sind und ob dieses Bekennen auch einschließt, falsche Lehren zu verwerfen. Unter diesen „falschen Lehren“ sei zum Beispiel die Ansicht, es gebe neben Jesus Christus auch noch andere Wege zum Heil, dass die Taufe auch ohne den Glauben rette oder dass gleichgeschlechtliche Beziehungen dem Willen Gottes entsprächen und daher von Kirchen gesegnet werden dürften.

Hier mehr: www.pro-medienmagazin.de.

„Gemeinsam widerstehen und … Orientierung geben“

Bin gerade zurückgekehrt von den Beratungen in Kassel und sehe, dass idea bereits das Kommuniqué veröffentlicht hat. Die Atmosphäre war ernst und konstruktiv, wofür ich sehr dankbar bin. Also hier der Text:

Kommuniqué über die Beratungen zum Thema

„Gemeinsam widerstehen und Christen in den Auseinandersetzungen um Grundfragen des christlichen Glaubens Orientierung geben“

Wir, 65 Personen aus evangelischen Kirchen, Landeskirchlichen Gemeinschaften und Freikirchen,  sind am 23. Januar 2016  in Kassel zu Beratungen zusammengekommen.

Folgende Beobachtungen haben uns dazu veranlasst: 

In den evangelischen Kirchen werden die Grundlagen des Glaubens zunehmend demontiert. In Frage gestellt wird insbesondere

  • die Autorität der Bibel als Wort Gottes und höchste Norm für Glauben und Leben,
  • dass Jesus Christus der einzige Weg zum Heil ist,
  • dass Gott durch den stellvertretenden Tod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung die Welt mit sich versöhnt hat,
  • dass zur Offenbarung Gottes die Gottebenbildlichkeit des Menschen mit der Polarität und Gemeinschaft von Mann und Frau gehört,
  • dass die Gebote Gottes auch heute die gültigen Maßstäbe für das Leben der Christen und der Gemeinden sind.

In vielen Gemeinden und Gemeinschaften herrscht Verwirrung und besteht Besorgnis darüber, welchen Kurs führende Repräsentanten der evangelikalen Bewegung  steuern.

Es fehlt an deutlichem Widerstand gegen Entscheidungen von Kirchenleitungen und Synoden, die eindeutig Bibel und Bekenntnis widersprechen. Das betrifft aktuell die Beschlüsse zur Segnung und kirchlichen Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren,  die kirchliche Förderung der Gender-Ideologie und Verlautbarungen zum interreligiösen Dialog.

Wir sind uns über die Bekenntnisgrundlagen einig, auf deren Basis wir weiter gemeinsam handeln wollen.

Wir sind den altkirchlichen Bekenntnissen (Apostolicum, Nicaenum, Athanasianum) und den Bekenntnisschriften unserer verschiedenen Kirchen verpflichtet.

Wir sind dankbar für die Klarheit der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz. Deren Aussage „Wir bekennen uns… zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“, gibt uns auch heute klare Orientierung.

In einigen neueren Bekenntnissen sehen wir ebenfalls notwendige und hilfreiche Orientierung. Zu nennen sind:

Wir unterstützen den Aufruf „Zeit zum Aufstehen, Ein Impuls für die Zukunft der Kirchen“, den viele von uns unterschrieben haben.

In den gegenwärtigen Auseinandersetzungen halten wir folgende Konkretion für nötig:

  • „Wir bekennen uns zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“. (Glaubensbasis der Evangelischen Allianz)
  • Wir stehen dafür ein, dass die rettende Botschaft von Jesus Christus allen Menschen gilt,  den Juden zuerst. (Römer 1,16)
  • Wir widersprechen der falschen Lehre, es gäbe auch andere Wege zum Heil.
  • Wir widersprechen der falschen Lehre, dass Menschen durch die Taufe ohne den Glauben an Jesus Christus gerettet werden. (Markus 16,16)
  • Wir stehen dazu, dass gemäß der Offenbarung Gottes der Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen wurde und dass die Polarität und Gemeinschaft von Mann und Frau zu dieser Ebenbildlichkeit gehört, wie Jesus Christus es ausdrücklich bestätigt hat. (1.Mose 1,26-28; Matthäus 19,4-6)
  • Wir widersprechen der falschen Lehre, gleichgeschlechtliche Beziehungen entsprächen dem Willen Gottes und dürften von den Kirchen gesegnet werden.

Wir sind uns einig, dass im Gegensatz zum postmodernen Denken das Bekenntnis zu Jesus Christus und der Lehre der Apostel mit logischer und theologischer Notwendigkeit die Verwerfung falscher Lehren einschließt. So widersprechen wir Ansichten wie zum Beispiel:

  • Man müsse für zentrale biblische Wahrheiten eintreten, doch gleichzeitig seien gegensätzliche Verständnisse und Lesarten der Bibel zu akzeptieren.
  • Es sei dem Anliegen einer geistlichen Erneuerung der Kirche nicht zuträglich, wenn Missstände offen kritisiert werden. Ein „Ruf zur Mitte“ dürfe nicht ergänzt werden durch die Verwerfung von Irrlehre.
  • Biblisch orientierte Gemeinden hätten ein Toleranzproblem und müssten sich für Pluralität in Lehrfragen öffnen. Sie müssten auch solche Mitchristen akzeptieren, die in Sünde leben und die diese Sünde gegen Gottes Willen rechtfertigen.
  • Weil Jesus ein „Liebhaber“ und kein „Rechthaber“ gewesen sei, dürfe es auch keinen offenen, energischen Streit um die Wahrheit geben, wie er aber bei Jesus, bei den Aposteln, bei den Reformatoren und den Vätern der Barmer Erklärung stattfand.

Wir fordern die zuständigen Gremien des Gnadauer Verbandes und  der Deutschen Evangelischen Allianz  auf, zu diesen Irritationen klärend Stellung zu beziehen und bitten um gemeinsame Gespräche.

Wir fordern die evangelikalen und pietistischen  Verbände und die Bekenntnisgemeinschaften auf, das Reformationsjubiläum 2017 für Veranstaltungen zu nutzen, bei denen die reformatorischen Prinzipien „Allein Christus, Allein die Schrift, Allein die Gnade, Allein der Glaube“ öffentlich bekannt werden und zugleich benannt wird, wo diese reformatorische Basis verloren zu gehen droht. Wir erklären uns bereit, bei diesen Veranstaltungen inhaltlich und organisatorisch mitzuwirken.

Wir laden alle Verantwortlichen in Kirchengemeinden, Gemeinschaften und Freikirchen ein, sich diesem Vorhaben anzuschließen. Wir wollen klären, stärken und einigen in der Wahrheit und nicht in der Unklarheit. Wir rufen auf zum Gebet für die Erneuerung unseres Lebens und unserer Gemeinden, Gemeinschaften und Kirchen.

Zur Weiterführung unserer Anliegen wurde eine Fortsetzungsgruppe  unter Leitung von Pfr. Ulrich Parzany gebildet,  der folgende Personen angehören:  Sr. Heidi Butzkamm, Pfr. Dr. Tobias Eißler, Gemeinschaftspastor Martin Grünholz, Prof. Dr. Rolf Hille, Pfr. Johannes Holmer, Pfr. Ulrich Rüß, Pfr. Dirk Scheuermann, Rektor Dr. Rolf Sons, Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter.

Die Veröffentlichung dieses Kommuniqués wurde einstimmig beschlossen.

Kassel, den 23. Januar 2016

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