Es gibt sie, die unglaublich umsichtigen und klugen Psychologen, die mit bewundernswerter Menschenkenntnis und -liebe Erschöpfte oder Traumatisierte begleiten. Heute las ich den Bericht eines Psychologen, der als Mitarbeiter von âĂrzte ohne Grenzenâ in Kriegsgebieten und Krisenregionen Menschen mit enormen psychischen Beschwerden unterstĂŒtzt hat (Krieg, Kultur und Psyche, NERVENHEILKUNDE 6/2016, S. 375â377).
Unumwunden beschreibt er die Folgen von Kriegsstress:
Die Folgen des Krieges sind hĂ€ufig belastender als die Erfahrung selbst. Krieg kann Flucht, Vertreibung und den Verlust der Heimat bedeuten; ein jahrelanges Dahinvegetieren in FlĂŒchtlingslagern, ohne BeschĂ€ftigung und ohne eine vernĂŒnftige Perspektive fĂŒr das weitere Leben. Krieg reiĂt FamilienverbĂ€nde auseinander, die fĂŒr Schutz, Versorgung und IdentitĂ€t standen. Krieg bedeutet Armut, Zunahme von sexueller und hĂ€uslicher Gewalt sowie BetĂ€ubung mit Alkohol und Drogen â manchmal mit billigen und giftigen Haushaltschemikalien wie Klebstoffen oder Schuhputzmitteln. Traumatisierung als punktuelles Ereignis ist nicht das Hauptproblem. Weit mehr Menschen leiden unter dem scheinbar niemals endenden Stress des Ăberlebens unter widrigen Bedingungen, der sich in Form von Angst, Misstrauen, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung, GrĂŒbeln, Schlafstörungen und Schmerzen zeigt.
Wahrscheinlich muss man es selbst durchgemacht oder eben in diesen Gebieten gearbeitet haben, um zu verstehen, was fĂŒr Qualen das sind. Das ist mit vielen seelischen Wehwehchen, die wir hier haben, nicht vergleichbar.
Besonders interessant finde ich, was fĂŒr persönliche Konsequenzen der Psychologe aus seinen Erfahrungen gezogen hat. Er musste feststellen, dass die klassischen diagnostischen Kriterien und Krankheitsbilder (ICD/DSM) in diesen Gebieten nicht mehr greifen. Sein Fazit:
Durch meine Arbeit in Krisengebieten hat sich mein Leben verĂ€ndert. Meine langjĂ€hrige Begeisterung fĂŒr Psychotherapie ist weitgehend erloschen. Manche unserer Probleme erscheinen mir nicht mehr so bedeutsam. Seelisches Leiden bei uns zuhause sehe ich jetzt oft als EpiphĂ€nomen der Postmoderne mit ihrem nicht einlösbaren Versprechen von GlĂŒck, AuthentizitĂ€t und Selbstverwirklichung. Unendliche, Wahlmöglichkeiten in fast allen Lebensbereichen und die Angst vor falschen Entscheidungen fördern Selbstzweifel und Ambivalenz. Die zunehmende Therapeutisierung der Gesellschaft in unserer Kultur erlebe ich als problematisch. Zwischen Mobbing, Burnout Trauma, Anpassungs-, Bindungs- und Persönlichkeitsstörungen, Depression und Suchtverhalten, scheint der Lebensraum fĂŒr NormalitĂ€t immer geringer zu werden. Zum Leben gehörende Krisen und Konflikte erfahren durch Diagnosen, neue Krankheitsmodelle und der Interaktion mit Behandlern eine professionalisierte Aufwertung, die vielleicht nicht immer hilfreich ist.
Das VerstĂ€ndnis psychiatrischer KrĂ€nkheitsbilder erscheint mir â ohne BeruÌcksichtigung des soziokulturellen Hintergrundes â unvollstĂ€ndig. Werte und Normen, Individualisierung, Wohlstand, ReligiositĂ€t sowie soziale Strukturen einer Gesellschaft bilden nicht nur den Kontext in dem psychiatrischer Erkrankungen klassifiziert werden, sondern sie sind auch Teil ihrer Entstehung.
Einfach klasse!
VD: CJ