Heindrikje Kuhs, die derzeit an einer Dissertation über Augustinus arbeitet, hat freundlicherweise das hier schon erwähnte Buch De haeresibus von Vanessa Bayha besprochen. Auf Anfrage des karthagischen Diakons Quodvultdeus verfasste Augustinus parallel zu seinen berühmten Retractationes in den Jahren vor seinem Tod einen sogenannten „Häretikerkatalog“, in dem er insgesamt 88 Gruppierungen unter dem Oberbegriff der Irrlehre klassifizierte und beschrieb.
Heindrikje Kuhs schreibt:
So zeigt sich, dass für Augustinus Häresien ein breites Spektrum haben: Sie betreffen sowohl den dogmatischen als auch den ethischen Bereich. Hinsichtlich moralischen Fehlverhaltens benennt Augustinus unter anderem den Bereich der Ehe und Sexualität, Hochmut, Arbeitsscheu, Geldliebe und Heuchelei. Auch im Bereich der Lehre tauchen einige Themen immer wieder auf – eine systematische Zusammenfassung bietet aber weder Augustinus noch Bayhas Kommentar. Häresien betreffen die Schöpfungslehre und Kosmologie, astrologische Spekulationen, die Notwendigkeit der Gesetzesbefolgung, die Leugnung der Göttlichkeit von Jesu Christus, heterodoxe Trinitätsvorstellungen, die Leugnung der leiblichen Auferstehung, die Zurückweisung der materiellen Welt und eine damit einhergehende Ablehnung von Wein und Ehe bis hin zur radikalen Askese der Selbstkastration. Besonders das Thema Ehe ist für Augustinus bedeutsam, da er sich zur Abfassungszeit von haer. in einer Kontroverse mit Julian von Aeclanum befand, die sich immer wieder um diese Problematik drehte. Daher ergreift Augustinus die Gelegenheit, seine Position zu verdeutlichen und stellt klar, dass die Ehe ‚gut‘, die Enthaltsamkeit ‚besser‘ und das Problem nicht diese noch jene, sondern die Begierde ist.
Für heutige Leser skurril klingen einige Sakramentspraktiken: So habe die Gruppe der Ophiten die Schlange für Christus gehalten, verehrt und bei ihrem ‚Abendmahl‘ eine lebendige Schlange das Brot zur Konsekration anlecken lassen. Andere Häretiker feierten die Eucharistie mit Brot und Käse oder mit Wasser statt Wein. Darüber hinaus finden sich in Augustins Katalog Lehren, die einem heutigen Christen nie als Irrlehre in den Sinn kommen würden, wie die fehlende Unterscheidung zwischen Bischofs- und Priesteramt, exzessives Schweigen oder die Leugnung der dauerhaften Jungfräulichkeit Marias. Hier wird deutlich, dass ein Kompendium der Häresien stets ein zeitgebundenes Dokument ist. Augustinus kommt zuweilen zu einem anderen Schluss als seine Quellen, was als Häresie zu bewerten ist – ebenso verfahren moderne Leser mit seinem Text. Bis heute besteht die Tradition fort, Häresien zusammenzustellen, um Pastoren und Gemeindegliedern eine Handreichung zu bieten.
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„Geldliebe“, das erlebe ich oft, dass sich „Christen“ nicht von ihrem Geld trennen können. Sie haben nicht begriffen, dass es keinen Leichenwagen mit Lastenanhänger gibt und himmlischer Reichtum (Matthäus 6, 19.20) entscheidend ist.