Barth über Stalin

Die Bekennende Kirche hat unter dem starken und mutigen Einfluss von Barth, Niemöller, Gollwitzer und vielen anderen im Dritten Reich vieles richtig gemacht. Trotzdem war der Widerstand gegen das Naziregime bei einigen mit Blindheit gegenüber der stalinistischen Diktatur gepaart. Besonders Barth sympathisierte mit dem Kommunismus. 1951 erklärte der Schweizer Theologe in Casa Locarno:

Hitler war ein Verbrecher, ein Narr, das wissen wir alle. Das kann man aber von Stalin nicht sagen. Ganz anders steht es mit Stalin! Stalin kann nicht mit Hitler verglichen werden, er ist ernstzunehmen. Seinem Kommunismus geht es ja um die soziale Frage.

Kommentare

  1. Roderich meint:

    … Markus, was wäre denn Deiner Meinung nach „die gerechte Gesellschaftsform“ ?

    Die Frage ist ja, welches System entspricht am ehesten dem Willen Gottes. (Damit ist ja noch nicht gesagt, dass durch das System ein einziger gerettet wird. Das System kann „mehr“ oder „weniger“ gerecht sein, jedoch ist davon unabhängig, ob Leute sich bekehren oder nicht. Gott ist der, der das Heil gibt, Gott selber erweckt die Menschen, nicht der Staat oder das System).

  2. Jordanus meint:

    Ist nicht vielleicht das System an sich die Sünde? Ist nicht jedes Gesellschaftssystem eine Art Turmbau zu Babel, der mit großen Hoffnungen beginnt und dann an verschiedenen Vorstellungen scheitert?

  3. Roderich meint:

    @Jordanus,
    gute Frage. Meine Antwort: nein. Deine Sicht wäre eine manichäische Sicht.
    Gott hat nichts gegen Systeme… sie sollten sich nur an biblischen Prinzipien ausrichten.

    Oder was wäre die Alternative zu einem „System“? Chaos?
    Gott ist ein Gott der Ordnung.

  4. Jordanus meint:

    Ja, Ordnung. Aber vielleicht ist seine Ordnung anders als unsere Systeme. Ich meine, unsere Systeme sind die Bildnisse, von denen im Dekalog die Rede ist. Deswegen hat der Tempel auch eigene Masse. Damit klar ist, dass Gott sich von uns nicht messen lässt. Das wäre vermessen 🙂

  5. Jordanus meint:

    äääh, ich meine Maße, nicht Masse.

  6. Roderich meint:

    @Jordanus,
    was wäre Dein Vorschlag, wie unsere westliche Welt gesellschaftlich strukturiert sein sollte?

  7. Jordanus meint:

    Oh, ich wäre schon zufrieden, wenn unsere demokratischen Strukturen erhalten bleiben und sich durch die Möglichkeit der Gegenöffentlichkeit im Internet auch neue und wirksame Formen der Meinungsäußerung entfalten, die politische und wirtschaftliche Verkrustungen aufbrechen. Manche Entwicklungen erinnern mich allerdings an Rom im ersten Jahrhundert vor Christus. Das Ergebnis dieser Entwicklung war das Prinzipat des Augustus.

    Was uns in Deutschland angeht, würde ich es begrüßen, wenn wir mehr Offenheit und Phantasie bei der Integration von Muslimen hätten. Natürlich sind die uns nicht nur wohlgesonnen. Aber ehrliche Angebote zur Teilhabe würden viele Konflikte der Zukunft zu gestalten suchen, glaube ich. Ich habe den Eindruck, viele Christen führen einen Kulturkampf gegen Überfremdung. Ich meine nicht, dass diese Gefahr nicht vorhanden ist, aber die einseitige Verteufelung des Islam bringt auch nichts. Wenn ich Menschen für den christlichen Glauben gewinnen will, ist es nicht gerade überzeugend, auf althergebrachte Privilegien zu pochen.

    Ich finde es müßig, mir spekulativ über die gesellschaftlichen Strukturen Gedanken zu machen. Ich versuche eher mit dem zu „arbeiten“, was ich vorfinde, und mich im übrigen daran zu erfreuen, dass Gott die Welt regiert. Das heißt nicht, dass ich jetzt gesellschaftlich untätig bin. Aber ich versuche auch immer sein Wirken im Blick zu haben, wo ich etwas bewirken will.

  8. Roderich meint:

    @Jordanus,
    was heißt für Dich „demokratische Strukturen“ – soll der Staat das Eigentum an den Produktionsmitteln haben (und damit die Wähler – so der Sozialismus), oder sollen es private Eigentümer sein?

  9. Jordanus meint:

    Mit demokratischen Strukturen meine ich erstmal nur die klassischen „Checks and Balances“, die bewirken, dass Regierungen sich für Ihr Tun vor Presse, Wählern und Rechtsprechung verantworten müssen. Öffentlichkeit kann schon mal viele Probleme lösen – auch wenn es manchmal nicht so aussieht.

    Was Produktionsmittel usw angeht, kann ich nur sagen: dazu ist meine Meinung nicht sehr ausgeprägt. Ich habe das Gefühl, dass die Privatisierungen der letzten Jahrzehnte bei Post und Bahn viele Dinge komplizierter gemacht haben und eine flächendeckende Versorgung nicht mehr gewährleistet ist. Ich frage mich, was das gebracht haben soll außer dass die Schaffner Englisch sprechen.

    Andererseits ist es auch Schwachsinn, alles in die Hände des Staates zu legen. Politiker machen Wählern gerne Geschenke. Sonst würden sie leider oft nicht gewählt. Es wäre fatal, wenn Arbeit und Brot zu sehr von der Gnade des Staates abhinge und wenn Posten noch mehr zwischen Parteigranden hin- und hergeschustert werden.

    Paradoxerweise hat die Demokratie, dass hat schon Toqueville in den 1830ern in USA beobachtet, einen inhärenten Drang zum Totalitarismus. Parteien und Verbände prägen Meinungen, die dann immer einförmiger werden. Die Neigung der Politiker und der Wähler zu Wahlgeschenken führt dazu, dass die Politiker gar nicht mehr das sachliche Gebotene tun, sondern zu schnell auf die nächste Wahl schielen. Das führt auf die Dauer zu krurzfristigem Denken, zu schlechten Entscheidungen und zur Diskreditierung der Demokratie. Ich glaube, die Demokratie hat eine inhärente Tendenz zur Selbstauflösung. Ich bin gespannt, was uns die nächsten Jahre bringen werden. Die Krise hat da den Effekt eines Katalysators, der Veränderungsprozesse beschleunigt.

    Aber diese Fragen sind sehr grundlegend und führen von Barth und Stalin weg.

  10. markus meint:

    @roederich:

    „Insofern eine Gesellschaft “frei” ist, ist das Gottes Wille, und dort ist somit Gottes Reich. Insofern ist – was den Aspekt der Freiheit angeht – in der westlichen Welt teilweise Gottes Reich verwirklicht.“

    Ich glaube, wenn wir den Punkt angehen, entgleitet uns die Diskussion vollkommen. Nur einen Satz: Freiheit ist für mich kein Wert an sich.

    Du fragst, wo ich „die gerechte Gesellschaftsform“ sehe? Nun, ich bin in der DDR aufgewachsen. Da habe ich sie nicht gesehen. In der heutigen – bei aller echter Wertschätzung! – sehe ich sie auch nicht. Ohne Abstriche bin ich dankbar für die Freiheit meinen Glauben zu leben. Extrem dankbar! Aber keine von beiden ist auch nur annähernd mein zu Hause, meine Hoffnung. In beiden Formen sah bzw. sieht ist Kontrast-Gesellschaft gefragt – und sie sieht je anders aus. Ein „in der Gesellschaft aufgehen“ ist heute nicht die Lösung, und war sie damals nicht. Das Reich der Herrschaft Gottes ist überall schon zu sehen, wo Menschen gemeinsam Jesus konsequent folgen und nicht nur darüber reden – auch wenn Gottes Reich in letzendlicher Form noch fern ist, ist es schon da und wir sind gefordert es praktisch zu leben. Gerechtigkeit ist da für mich ein vordergründiger Begriff, als Freiheit. Freiheit, um Gerechtigkeit zu leben, ja. Aber das provoziert, denn die Freiheit für Gerechtikeit klagt unsere heutige Gesellschaft ebenso an, wie damals. Freiheit heute hat oft nicht Gerechtigkeit zum Ziel, sondern Egosimus.

    Aber eines sehe ich ganz klar, wie auch Barth:

    „Die der Gemeinde aufgetragene Botschaft von Christus als dem Inbegriff jener *kommenden Gottesherrschaft* ist dem Westen genauso widrig und peinlich, wie dem Osten: wer weiß, im Grunde vielleicht noch widriger und peinlicher.“

    Ich wünsche, dass ich auch eines Tages zum Ende meines Lebens, wie Barth sagen kann:

    „Das letzte Wort, das ich als Theologe und auch als Politiker zu sagen habe, ist nicht ein Begriff wie ‚Gnade`, sondern ist ein Name: Jesus Christus. Er ist die Gnade und er ist das Letzte, jenseits von Welt und Kirche und auch von Theologie … Um was ich mich in meinem langen Leben bemüht habe, war in zunehmendem Masse, diesen Namen hervorzuheben und zu sagen: dort! Es ist in keinem Namen Heil, als in diesem Namen. Dort ist denn auch die Gnade. Dort ist auch der Antrieb zur Arbeit, zum Kampf, auch der Antrieb zur Gemeinschaft, zum Mitmenschen. Dort ist alles, was ich in meinem Leben in Schwachheit und in Torheit probiert habe. Aber dort ist`s“

  11. Roderich meint:

    @Markus,
    „Gesellschaft“ ist natürlich ein sehr umfassender Begriff – und ist zu unterscheiden von der „richtigen gesellschaftlichen Rahmenordnung“. Es gibt meineserachtens eine „richtige Ordnung“, die wir – durch Gebet, Bibelstudium, Studium der Geschichte, Politik, Nationalökonomie, Recht – ansatzweise bzw. einigermassen in Erfahrung bringen können. Wir sollten uns auch darum bemühen, dass „gerechte“ bzw. „gute“ Rahmenbedingungen umgesetzt werden in der Gesellschaft (als „vorletztes“) Ziel. Trotzdem sollte man natürlich nicht „in der Gesellschaft aufgehen“, denn das umfasst natürlich die gesamte Kultur.
    Wir sind primär dem Evangelium verpflichtet, dem „Reich Gottes“, nicht dem „Reich der Welt“, also der „Stadt Gottes“, nicht dem „Weltstaat“, wie Augustinus sagen würde.

    Ich hoffe nicht, dass Dein Lebensfazit das gleiche sein wird, wie das von Barth. Ich denke, er hat einen wesentlichen Teil seiner „Energie“ auf die falsche Karte gesetzt. (Er hatte die Ideologie des Sozialismus in seinem Herzen, das ist ein Greuel vor Gott, weil der Sozialismus z.T. den Staat an die Stelle Gottes setzt).

    Diese fromm klingenden Worte von Barth sind schön und gut – wir wissen aber auch, dass er die Begriffe z.T. anders gefüllt hat.

    Halten wir uns also nicht an Barth, sondern – an die Bibel.

    🙂

    @Jordanus,
    dass Du für „checks and balances“ bist, ist schon mal super. Dann kannst Du eigentlich kein guter Sozialist mehr sein.

    Die Kritik von de Tocqueville an der Demokratie bzw. seine Beobachtung der ihr innewohnenden Gefahren ist natürlich zutreffend. Gerade darum müssen wir uns als Christen 1.) Gedanken machen, wie das Gemeinwesen geordnet werden sollte, und 2.) uns um die vorstaatlichen Voraussetzungen „kümmern“, ohne die jede Demokratie vergehen muss, also christliche Wahrheit im Denken der Menschen, Glaube, Sittlichkeit, Halten der 10 Gebote etc. Das hat de Tocqueville ja auch erwähnt. (So auch Francis Schaeffer). Christentum ist notwendig für den Erhalt der Demokratie. Das sagt uns natürlich auch gleich was? Dass unsere Demokratie nicht mehr lange halten wird, DENN das Christentum ist hier am verdampfen.

    Das hat alles durchaus sehr viel mit Barth zu tun. Die Frage nach der richtigen Gesellschaftsordnung war ja der Aufhänger dieser Diskussion. Ist der Sozialismus böse? Wenn ja, dann liebte Karl Barth z.T. das Böse.

  12. Jordanus meint:

    In Rom und Athen gab es keine Christen, aber durchaus Formen von Demokratie. Ich glaube nicht, dass wir das besser machen als die damals. Und eine patriarchalisch und konservativ organisierte „christliche“ Gesellschaft kann durchaus auch ein großes Hindernis für Demokratie sein. Dazu muss man nur mal die Geschichte der Junker in Preußen betrachten. Ich sehe zwischen Christentum und Demokratie keinen zwingenden Zusammenhang. Christen sind unter Umständen genauso korrupt oder elitär wie andere Menschen. Wir sind zwar gerechtfertigt durch den Glauben an Jesus, aber deswegen noch lange keine besseren Menschen.

  13. Roderich meint:

    @markus,

    Aber eines sehe ich ganz klar, wie auch Barth:

    “Die der Gemeinde aufgetragene Botschaft von Christus als dem Inbegriff jener *kommenden Gottesherrschaft* ist dem Westen genauso widrig und peinlich, wie dem Osten: wer weiß, im Grunde vielleicht noch widriger und peinlicher.”

    Hmmm, mit jedem neuen Zitat von Barth wird es schlimmer. Im „Osten“ (Euphemismus für Kommunismus) war es nicht nur „peinlich“, sondern äußerst „peinsam“, wenn man seinen Glauben leben wollte. Lenin hat über 120.000 Priester ermordet. Wer bei Stalin als Christ seinen Mund aufmachte, wurde ins Arbeitslager geschickt. Wer seinen Glauben leben wollte, starb.
    Im Westen wurde man vielleicht ein wenig „verlacht“, aber das kann man nicht auf eine Ebene stellen.
    Wie konnte Karl Barth nur so einen Unsinn verzapfen ???

    (Klar, der Westen wird – unter anderem wegen des Einflusses neomarxistischer Theorien von Horkheimer, Adorno, Marcuse – immer christentumsfeindlicher. Danke, Karl Marx.
    (Einer der Vertreter des Neomarxismus sagte sinngemäß: „Die Saat des Sozialismus konnte im Westen nicht gut aufgehen wegen des steinigen Bodens des Christentums. Wir müssen erst christliche Werte ausrotten, damit der neue sozialistische Mensch erstehen kann“. (Georg Lukács ))
    Auch ohne den Neomarxismus wäre der Westen auf Dauer christentumsfeindlicher geworden (wenn Menschen die Sünde immer mehr lieben, stören die Menschen, die an die Sünde erinnern), aber NOCH sind die Strukturen der westlichen Gesellschaft vom Christentum geprägt).

  14. markus meint:

    @roderich: Mir scheint, wir sehen von völlig verschiedenen Blickwinkeln auf diese Thematik. Ich werde auch das Gefühl nicht los, dass du nicht im Kontext liest, sondern deutest und deutelst, wie es dein Blickwinkel eben hergibt.

    Du bist fest in deiner westlich-wirtschaftlichen Sicht verhaftet, meinst aber, du seiest unglaublich biblisch.

    „Wer bei Stalin als Christ seinen Mund aufmachte, wurde ins Arbeitslager geschickt. Wer seinen Glauben leben wollte, starb. Im Westen wurde man vielleicht ein wenig “verlacht”, aber das kann man nicht auf eine Ebene stellen. Wie konnte Karl Barth nur so einen Unsinn verzapfen ???“

    Barth redet hier von der ostdeutschen Zone. Wenn du doch wenigsten einmal die Texte lesen würdest!! Da geht es nicht um Stalin. Und selbst wenn: Diese Verbrechen rechtfertigt doch Barth überhaupt nicht?!?!? Wo nimmst du das her?

    Deine Argumente gehen davon aus, dass es „einem gut geht auf dieser Erde“. Und solange es der Kirche, den Christen irgendwie gut geht und außer ein bisschen Verlachen nichts negatives rüber kommt, ist für dich die Welt i.O.

    Barth sieht die Bedrohung der Kirche da am meisten, wo sie eingelullt wird, vereinnahmt wird, so wie es Hitler und der Nationlasozialismus mit der Kirche tun konnten, bzw. die Christen es mit sich haben machen lassen.

    „Zur rechten Zeit hat Gott uns in Adolf Hitler den Führer gegeben, der unser Volk aus seiner tiefen Erniedrigung herausgeführt hat … Ich danke Gott, dass ich diesen Aufstieg Deutschlands aus tiefster Schmach noch habe erleben dürfen.“ (Ernst Modersohn, Er führet mich auf rechter Straße, Harfe-Verlag Bad Blankenburg, 3. Auflage 1940, S. 387-388)

    „Mit dem Durchbruch der nationalsozialistischen Revolution sind Staat und Volk grundsätzlich auf die „unerschütterlichen Fundamente des Christentums“ gestellt worden. Denn der nationalsozialistische Staat steht grundsätzlich auf dem Boden des positiven Christentums“ (Friedrich Heitmüller, FeG und Gnadauer Gemeinschaftsverband)

    „Die Neugestaltung des gesamten Staats- und Volkslebens im Dritten Reich überwindet die bisherige Form der Jugendarbeit. Wir erkennen die einheitliche staatspolitische Erziehung der deutschen Jugend durch den nationalsozialistischen Staat und die Hitlerjugend als Trägerin der Staatsidee an […] Im Hinblick darauf lösen wir mit dem 10. Februar den Jugendbund der deutschen Baptistengemeinden mit all seinen Gliederungen auf. Wir stellen es unseren jugendlichen Mitgliedern anheim, sich in das Jungvolk, in die Hitlerjugend und den Bund deutscher Mädel einzugliedern.“ Stellungnahme des Vorsitzenden der evangel. Allianz

    Und passend zum Datum das GlückwunschtelegrammVereinigung Evangelischer Freikirchen an Hitler zum Attentat des 20. Juli 1944:

    „Zur Rettung vor ruchlosem Attentat senden mit inniger Freude, Dank gegen Gott und der Versicherung weiterer Fürbitte herzlichste Glückwünsche namens der Vereinigung evangelischer Freikirchen.“
    u.a. Bischof Melle, Vorsitzender der Ev. Allianz.

    Sicher gibt es auch ein paar wenige kommunistische Christen. Barth war es nicht. Anstatt zu sagen, er war ja in der SPD (was ist daran übrigens schlimm???), wird ein Bild daraus zu sagen, er war NICHT in der BRSD, die Religion und Sozialismus verband. Barth hat immer vor der Verbandelung weltlicher Systeme und Kirche gewarnt.

    Um jetzt mal von diesem dämlichen Stalin/Hitler Thema wegzukommen:

    Was denkst du, woran liegt es, dass die Kirchen in einigen Ländern in Asien, Afrika, Lateinamerika so wachsen? Wächst die Kirche in China weil das System da ein gutes ist? =der weil sie einen Weg gefunden hat eindeutig als Leib Jesus trotz des Systems zu bestehen? Ist die Christenheit in China vom Staat eingelullt und gibt es eine maoistische Kirche? Nein. Aber es gab eine nationalsozialistische Kirche! Gab es eine stalinistische Kirche? Nein.

    Da liegt doch die Gefahr! Und diese Gefahr hat Barth erkannt und benannt. Und wie sieht es bei uns aus? Was meinst du, sind unsere Kirchen und Gemeinden in dieser Gesellschaft als Leib Jesu zu erkennen? Oder sind sie im Prinzip wie alle, nur dass sie im Stillen an etwas glauben und 1-2 mal die Woche auf einer harmlosen altmodischen Veranstaltung auftauchen?

    Die kommunistischen Diktatoren gingen nie zimperlich mit den Christen um. Und um diesen Punkt geht es Barth auch nicht in den Schriften, die ich las.

    Er sieht die Gefahr für die Kirche nicht in der Verfolgung, sondern im Vereinnamtwerden, darin, dass sie STATT Christus einen anderen für Christus hält, dass die Kirche selbst einen Anti-Christus zum Znetrum bekommt. STALIN war nie Zentrum einer Kirche, Hitler war es. Und Geld ist es heute.“Ihr könnt nicht Gott oder Mammon dienen.“ „Petrus, folge mir nach, höre auf als Fischer zu arbeiten.“ Wer nimmt solche Rufe heute noch ernst?

    Wer würde um Christi willen auf sicheres Einkommen verzichten? Die mit teuren Mittelklasse-Wagen zugeparkten Gemeindeparkplätze am Sonntag sprechen eine deutliche Sprache. Aber Angst haben vor Stalin! Lächerlich! Obwohl, eher, traurig!!

    (Das soll mein letzter Post zu dem Thema sein. Es ist alles gesagt, und ich empfinde es als recht schwierig weiter über ein Thema zu reden, wenn doch die entsprechenden Texte nicht wirklich gelesen werden, sondern nur sinnentstellt als Brocken wieder auftauchen. Barth hat übrigens schon in den 1950er Jahren bedauert, dass man ihn auf diese Art diffamieren wollte, in dem man ihn zum Pro-Kommunisten macht, um auf diesen Weg seine Theologie zu diffamieren. Ich muss sagen, dass ich mich des Eindrucks nicht werwehren kann, dass einige Kommentare, vielleicht der Post an sich, von einer ähnlichen Motivation getragen sind.)

  15. Oma 65 meint:

    Ja, das Unkenntnis, wie man uter Stalin und in der darauf folgenden Zeit lebte…!
    Da könnte ich viel erzählen, wie wir als Kinder in der Schule behandelt wurden – öffentlich verhöhnt, verspottet, benachteiligt, schon als erstklässler. Nur, weil wir in Religionsunterricht und in die Kirche gingen. Wie Eltern nur schlecht bezahlte Arbeit bekamen, bloß weil sie nicht in die kommunistische Partei eingetreten sind, oder zB Akademiker waren, oder Bürger mit Geschäften, mittlere Unternehmer, Bauern mit 50-100 Ha Acker, usw. Wie solche Familien interniert wurden zB. auf die Pusta in einen Schafsstall,( natürlich ohne Heizung) -mehrere hundert Menschen. (ich schreibe über Ungarn).Wie dort Neugeborene in den Armen der Mutter hunger gestorben sind, wei die Mutter unernährt war und keine Milch hatte.(Bekannte und Verwandte von mir)… usw usw… Und später dann, noch in den 60-er Jahren wir viele nicht studieren durften, weil wir „politisch und ideologisch unreif „waren…
    Wissen Sie, daß unter der Kommunismus mehr Menschen umgebracht wurden, als in der zweiten Weltkrieg?
    Nein, nicht besser oder schlechter waren Hitler und Stalin, sondern beide waren Verbrecher, menschenverachtend, grausam. Es sollte endlich mit den zweierlei Maßen aufhören! Besonders unter Christen.
    In meiner Umgebung gaben es die Mutter, deren Baby in dem Stall auf der Pusta hunger starb, und einen Vater, der gesehen hat, wie seine 12-jährige Tochter in Auschwitz in dei Gaskammer gebracht wurde…
    Wer wagte es zu behaupten, welcher Kindestot weniger schlimm war?!
    Die beiden, Hitler und Stalin, haben der Menschheit unendlich viel Leid und Grausamkeit zugefügt, – gleich!
    Unsere Aufgabe ist es, wachsam zu sein, daß solche Kräfte nie wieder an die Macht kommen!
    eine Oma aus Ungarn

  16. Johannes Strehle meint:

    Zu Markus

    Das Versagen der Masse der Evangelikalen und ihrer einflussreichen Führer, zum Beispiel Modersohns, in der nationalsozialistischen Diktatur ist, denke ich, bekannt und auch von niemand in dieser Debatte bestritten worden. Dass dieses Versagen mit dem Schafpelz des Wolfs zusammenhängt, ist auch unbestritten. Aus diesen Erfahrungen für die Zukunft zu lernen, ist wichtig. Auch das ist unbestritten.
    Das Verführungs- und Versuchungspotential für Christen, das die Freiheit eines Rechtsstaates mit sich bringt, ist auch unbestritten. Vor diesen Gefahren zu warnen, ist wichtig. Auch das ist unbestritten.
    Markus‘ Ausführungen lesen sich nun so, als sei ein totalitäres System, in dem der Wolf ohne Schafpelz herrscht, für Christen besser.
    Der einzige Vorteil dieses Systems (verglichen mit den beiden anderen), den ich erkennen kann, ist die klare Front. Dieser Vorteil ist nicht zu bestreiten.
    Aber womit wird dieser Vorteil erkauft? Mit unsäglichem Leid vieler Menschen und insbesondere der standhaften Christen.
    Bei allen Nachteilen, die auch der Rechtsstaat westlicher Prägung in dieser gefallenen Schöpfung mit sich bringt, muss man schon gute Argumente haben, wenn man diesen nicht als das relativ beste Herrschaftssystem unter irdischen Bedingungen anerkennt – im Sinne der Aussage Churchills, dass die Demokratie die schlechteste aller Staatsformen ist, ausgenommen alle anderen. Mir sind noch keine guten Argumente begegnet, die bei einem System-Vergleich mit Abwägung der Vor- und Nachteile zu einem anderen Ergebnis führen. Wer sich zu dieser Anerkennung trotzdem nicht durchringen kann und sich nicht für dieses System und gegen andere Systeme engagiert, wird seiner Verantwortung als Christ nicht gerecht. (Siehe zum Beispiel Francis Schaeffer „Helft den Christen im Sowjetblock!“)
    Paulus schreibt an Timotheus, dass wir uns bei Gott für Regierungen einsetzen sollen, die uns als Christen ein „ruhiges und stilles Leben in aller Frömmigkeit und Würde ermöglichen.“
    Gesunde Christen sind keine Masochisten.
    Nach dem Gleichnis Jesu werden die Christen standhaft bleiben (auch gegenüber Wölfen im Schafpelz und den Verführungen einer Konsumgesellschaft) und mit Ausdauer Frucht bringen, deren Herz ein guter Boden für das Wort Gottes ist. Alle anderen werden früher oder später von der Fahne gehen, sei es durch Druck, Verfolgung, Versuchung oder weil sie sich von Sorgen, Reichtum und Genüssen bzw. Vergnügungen beherrschen lassen. So erklärt Jesus das Gleichnis.

  17. @markus: War unterwegs und hatte 10 Tage kein Internet. Die Quelle: Walter Künneth, Lebensführungen, 1979, S. 130. Künneth war dabei, als Barth das sagte. Dabei waren auch viele Christen, die gerade aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt waren und nun die Welt nicht mehr verstanden.

    Die Frage, ob man den ganzen Barth durch ein Zitat präsentieren kann, bedarf wohl keiner Antwort. Wer dennoch eine braucht, sollte die Kirchliche Dogmatik lesen.

    Bevor Du mir weiterhin „Verdrehung“ etc. unterstellst, empfehle ich Dir, z.B. alles zu lesen, was ich hier über Barth geschrieben habe. Nicht völlig zu unrecht wurde ich ja bereits in den Nähe eines Barthianers gerückt, da ich mich seiner Schleiermacher-Kritik angeschlossen habe. 😉

    Liebe Grüße, Ron

  18. Roderich meint:

    @markus, Jordanus,
    es ist klar, man darf nicht „alles“ von Barth in einem Aufwasch verurteilen, nur weil er – aus meiner Sicht – eine verquere Sicht auf die Politik hatte.

    Ich freue mich, bei Gelegenheit mal ein Buch seiner Dogmatik zu lesen. (Werde es sehr kritisch prüfen). Wenn mir jemand mal sein „bestes“ Werk empfehlen könnte – und wo ich es günstig kaufen kann, ohne einen Kredit aufnehmen zu müssen – wäre ich dankbar. 🙂

    Die Kritik von Francis Schaeffer an Karl Barth ist ja hier sicher geläufig. Um sie noch mal kurz zu wiederholen: Schaeffer schreibt in „Wie sollen wir den leben?“ zu Barth sinngemäß:

    Wir müssen großen Respekt haben vor Barth, dass er gegen die Nazis Position bezogen hat in der Barmener Erklärung 1934.
    Barths Theologie sei aber leider eine Form des „Existenzialismus“ gewesen. Dies fing an in seiner Auslegung des Römerbriefes. Barth hielt bis an sein Lebensende an der historisch-kritischen Theologie fest, an einer Kritik an der Bibel als „Gottes Wort“. Er sagte, die Bibel habe viele Fehler. Jedoch bricht dann ein „Wort“ aus der Bibel aus (ich übersetze aus der Englischen Ausgabe von Schaeffer). Theologie sei also letztlich im Gebiet der Nicht-Vernunft. (Dafür hat er aber erstaunlich lange Bücher geschrieben, auf Basis seiner Vernunft… :-))

    Schaeffer fasst die Sicht von Barth so zusammen: Die Bibel hat zwar Fehler, trotzdem kann man im nicht-rationalen Bereich noch eine „religiöse Erfahrung“ mit der Bibel machen. „Religiöse Wahrheit“ ist zwar nicht rational, und nicht überprüfbar, aber dennoch irgendwie wahr im „irrationalen“ Bereich. Der rationale / logische Bereich sei ganz und gar getrennt vom nicht-rationalen / nicht-logischen Bereich.
    (Nach klassischer Logik geht das aber nicht. Entweder etwas ist wahr, oder es ist nicht wahr).

    Laut neo-orthodoxer Sicht (der Sicht von Barth) macht die Bibel keine Aussagen, die man sachlich auf Richtigkeit prüfen kann; diesen Anspruch habe die Bibel gar nicht.
    Karl Barth, so Schaeffer, hat in der Theologie die Tür geöffnet für existentialistisches Denken. (Eine falsche Dichotomie zwischen Vernunft und Glaube, bzw. zwischen rational und nicht-rational).
    Francis Schaeffers Buch „Escape from Reason“ geht auch noch darauf ein.

  19. Roderich meint:

    Hier noch mal ein ganz anderer Gedanke, zurück zum Thema Totalitarismus, und die mangelnde deutliche Verurteilung des Kommunismus bzw. Sozialismus durch Barth:

    Demnächst erscheint ein sehr gutes Buch im VTR Verlag, genau zu dieser Thematik:

    Klaus Hornung: Vernunft im Zeitalter der Extreme – Die konservative
    Position, herausgegeben und Einleitung von Harald Seubert
    Nürnberg: VTR, ISBN: 978-3-941750-85-2, Paperback, 240 S., 19,95 Euro,
    erscheint 17. September 2012

    Im Werbetext heißt es:

    Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter der Extreme und des
    Weltbürgerkriegs der Ideologien. Klaus Hornungs Buch zeigt, dass die
    Position des freiheitlichen Konservatismus, die er in einem
    beeindruckenden Bogenschlag von Tocqueville über Bismarck und Hans
    Rothfels bis François Furet und George F. Kennan entwickelt, ein
    überzeugendes Gegenbild der Vernunft in dem totalitären Strudel gewesen
    ist. Damit geht Hornung weit über die Vergegenwärtigung eines
    unerlässlichen Erbes hinaus. Das Buch entwickelt eine konservative
    Orientierung für das 21. Jahrhundert.

    Diese christliche und konservative Sicht war dem Sozialisten Barth natürlich ganz fern…

    Das Buch zeigt u.a., dass schon in den 30er Jahren, dann aber besondes während und nach dem 2. Weltkrieg, eine Diskussion um die Ursachen des Totalitarismus entbrannte. Es herrschte allgemein die Sicht vor, BEIDE Totalitarismen seien schlecht, sowohl die Nationalsozialistische als auch die Kommunistische / Sozialistische.

    Das Buch hat sehr tiefgehende Gedanken und Analysen, es beleuchtet u.a. auch die Ideengeschichte des Sozialismus.

    Z.B. macht Hornung sehr gut klar, dass auch der Sozialismus eine (falsche) messianische Bewegung war. In dieser Hinsicht ist Karl Barth also einer Täuschung erlegen – er hat den falschen Messias des Sozialismus nicht erkannt.

    Für die, die es interessiert, hier das längere Zitat.

    [Der] Nationalismusforscher Hans Kohn maß den „Zielen und Lebensanschauungen“ dieser Diktatursysteme [also sowohl Kommunismus wie Nationalsozialismus] einen quasireligiösen Charakter zu mit einer „messianischen“ Erwartungshaltung. In dem berühmt gewordenen Symposion der American Philosophical Society im November 1939 betonte der amerikanische Historiker Carlton J.H. Hayes, dass die zeitgenössischen totalitären Diktaturen aus dem „Verfall der traditionellen Religion und (der) Verdunkelung von religiösen Werten“ hervor gingen, aus der Sehnsucht der Massen, die entstandene „religiöse Leere … mit irgendeinem neuen Glauben auszufüllen“. In diesen neuen Diktaturen würden „wesenhaft religiöse Elemente“ und „religiöse Gefühle“ angesprochen, die Diktatoren appellierten „als Hohepriester neuer und glühender Religionen“ an die Massen, und die Neubekehrten antworteten enthusiastisch und fanatisch auf diesen Appell. In dem Symposion charakterisierte der 1933 emigrierte deutsche Verwaltungswissenschaftler Fritz Morstein-Marx die totalitären Regimes als „eine mögliche Reaktion auf die sozialen Verwerfungen und Instabilitäten des geistigen und sozioökonomischen Modernisierungsprozesses“. Diese „secular religions“ versuchten, das durch den neuzeitlichen Religionsverlust entstandene Vakuum durch weltimmanente Glaubensgewissheiten zu füllen. Andere Autoren kennzeichneten die neuartigen Monopolparteien in ihrem Streben nach der Einheit von politischer und ideologischer Macht als „politische Kirchen“. Trotz seines Anspruchs auf Wissenschaftlichkeit konnte auch der Marxismus nach Auffassung Raymond Arons nicht darüber hinwegtäuschen, dass er letztlich auf einem „acte de fois“ beruhte. Bei allen diesen Autoren herrschte die Überzeugung vor, dass die totalitären Systeme Ausdruck und Symptom einer tiefgehenden geistigen Krise der westlichen Zivilisation seien, Ergebnis der epochalen Säkularisierung und ihres „Transzendenzverlustes“. Und auch über ihre geistesgeschichtlichen Wurzeln herrschte weitgehende Übereinstimmung. Carlton Hayes erblickte in der Säkularisierung seit dem 18. Jahrhundert und der Französischen Revolution den Beginn eines fundamentalen Kontinuitätsbruchs der westlichen Kultur mit ihrem griechisch-römischen und jüdisch-christlichen Erbe. An seine Stelle sei der Intellektuellenglaube an die „Humanität“ oder an die „Wissenschaft“ getreten, dessen Abstraktionen aber den religiösen Bedürfnissen entwurzelter Massen nicht genügen konnten, so dass sie sich dem „materialistischen Kommunismus“ oder der „nationalistischen Vergottung von Blut und Boden“ zuwandten. Für Hans Kohn trug der Kommunismus „alle Züge einer ‚religious or pseudo-religious eschatology’“ und standen auch die faschistischen Diktaturen in der von der Französischen Revolution ausgehenden Traditionslinie. Der italienische Politiker und Sozialwissenschaftler Don Luigi Sturzo, der schon seit den zwanziger Jahren wichtige Beiträge zur Deutung des totalitären Phänomens lieferte, führte seine Wurzeln auf die philosophischen Grundlagen der Aufklärung und der Enzyklopädisten mit ihren Ideen der Natur und der Humanität zurück.

    Die Autoren, die zur Wesensbestimmung der zeitgenössischen Diktaturen Begriffe wie säkulare, politische oder immanentistische (Sozial-)Religionen benützten, waren sich darüber im Klaren, dass es hier um die „Transponierung religiöser Grundhaltungen auf innerweltliche Realitäten“ ging, es sich also um „uneigentliche“ Ersatz-, Quasi- oder Pseudo-Religionen handelte, die mit religionsphänomenologischen und auch kirchensoziologischen Kategorien erschlossen werden sollten. Während die authentischen Religionen durch ihren Bezug zu einem transzendenten Gott gekennzeichnet sind, das Göttliche in einem transzendenten Weltgrund suchen und finden, setzen die Säkular-Religionen endliche Wirklichkeiten absolut, suchen sie das Göttliche in Teilinhalten der Welt, Klasse oder Rasse, Ökonomie oder „Blut und Boden“ und anderem. Marxismus wie Nationalsozialismus geht es nach Eric Voegelin darum, „die Seinsverfassung mit ihrem Ursprung in göttlich-transzendentem Sein aufzuheben und sie durch eine weltimmanente Seinsordnung zu ersetzen, deren Vollendung in den Machtbereich menschlichen Handelns gegeben ist“. Der Geschichtsprozess wird zur neuen absoluten, sinnstiftenden Instanz; eine emphatische Vorstellung von Zukunft übernimmt die Rolle des göttlichen Weltregiments. Unter Berufung auf Gesetze und Ziel des Geschichtsprozesses erheben auch die Ersatzreligionen einen umfassenden Heils- und Gehorsamsanspruch, der ohne Abstriche „in dieser Welt“ eingelöst werden soll – als Hingabe des Einzelnen an die Erhaltung und Mehrung des eigenen Volkes oder der Rasse oder als Unterwerfung unter die Notwendigkeit des Geschichtsgesetzes und die Überwindung der individuellen Entfremdung durch die bewusste Identifizierung mit der Menschheits-Gattung, die als Emanzipation, reale und vollkommene Freiheit gedeutet wird. Der Wahrheits- und Gehorsamsanspruch der Politischen Religionen ist prinzipiell ebenso umfassend wie der der auf Transzendenz gerichteten Religionen; in der neuen nach-christlichen und nach-liberalen Einheit von ideologischer und politischer, „geistlicher“ und säkularer Macht wird er in der Regel rigoros exekutiert. Säkulare Religionen können so einen universalen Anspruch erheben wie der Marxismus und der Bolschewismus, sie können sich aber auch als „Volksreligionen“ auf partikulare Kollektive beziehen.

    Auch Talmon verwendet zur Kennzeichnung des Politischen Messianismus einen Religionsbegriff, der den hier gegebenen Ersatz-Charakter im Vergleich mit einer auf Transzendenz gerichteten Religion deutlich macht. Talmon sieht in den Postulaten und Axiomen des Politischen Messianismus, „einer letzten, logischen und ausschließlich gültigen sozialen Ordnung eine Sache des Glaubens. Sie können weder bewiesen noch widerlegt werden – wie in einer Religion“. Der quasi-religiöse Zug dieses Glaubens zeige sich auch darin, dass er für seine Anhänger und Gläubigen eine „gewaltige Macht (ist), die Menschen formt und Berge versetzt“. Der von Talmon verwendete „funktionale“ Religionsbegriff kommt auch in der generellen Bestimmung seines Untersuchungsgegenstands zum Ausdruck, den er definiert als einen „Geisteszustand, eine Art zu fühlen, eine Disposition, einen Komplex von geistigen, emotionellen und Verhaltenselementen, die alle am besten vergleichbar sind mit einer menschlichen Gesamthaltung, die durch eine Religion ausgelöst wird“.
    Das Verständnis der Philosophie des 18. Jahrhunderts und der Französischen Revolution als einer neuen, säkularen Art von Religion war schon unter den Zeitgenossen weit verbreitet. Der scharfsichtige Antoine de Rivarol konstatierte den hier stattfindenden Ersatz der Religion durch die Philosophie, die damit zu einer neuartigen „réligion philosophique“ wurde, die ihr Ziel nicht mehr im Jenseits hat, sondern „ihr Reich auf das gegenwärtige Leben beschränkt“. Die Philosophen, die die Revolution vorbereiteten, hatten, so Rivarol, nicht weniger im Sinn als den totalen Neubau der Welt, indem sie die Säulen der bestehenden Welt zum Einsturz zu bringen trachteten. Der Schriftsteller Jacques Mallet du Pan schrieb unter dem unmittelbaren Erleben der Revolution: „La doctrine révolutionaire (…) est pour tous les partisans de la révolution une véritable réligion (…). Le fanatisme d’irréligion, d’égalité, de propagandisme, est aussi exalté et mille fois plus atroce dans ses moyens que ne le fut jamais le fanatisme religieux.“

    Zur zentralen, am stärksten fortwirkenden Gestalt dieser Entwicklung in der Jahrhundertmitte wurde Karl Marx, dessen Werk den halben Weg markierte von 1789 bis 1917, von der Französischen zur Russischen Revolution, von Rousseau und Robespierre zu Lenin. Er war es, der die Tradition der totalitären Demokratie in den Aggregatzustand des „messianischen Kommunismus“ weitertrieb, indem er Demokratie im emphatischen Sinn zum „aufgelösten Rätsel aller Verfassungen“ erklärte, zur „Entelechie“, zur treibenden Kraft und zum vorbestimmten, unvermeidlichen Ziel des ganzen Geschichtsprozesses, das nun vor seiner Verwirklichung stand. Talmon nennt Marx’ geniales Jugend-Fragment „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ „ein messianisches Dokument par excellence“. Er gibt darin weitaus mehr als politische Maximen und Rezepte, eine Anleitung nicht zur „nur politischen Emanzipation“, sondern eine Vision der „allgemein menschlichen Emanzipation“. Und auch für ihn ist die Kritik der Religion der archimedische Punkt, an dem die Theorie nunmehr in ein praktisches Revolutionsprogramm transformiert werden soll. „Wie Hegel glaubt auch Marx, dass er die Gesamtheit der Geschichte überblickt, mit vollem Verständnis für deren Ablauf und ihre Bestimmung. Nur dass mit Marxens eigenen Worten dort, wo Hegel und die Junghegelianer im Himmel beginnen und auf die Erde herabsteigen, er, Marx, von der Erde zum Himmel steigt“.
    Talmons Kritik ist philosophisch wie politisch gleichermaßen scharfsichtig. Marx‘ Vision der Zukunft basiere auf zwei „unbewiesenen Annahmen: erstens, dass es so etwas wie wahres menschliches Wesen, abgeleitet aus der wahren Natur der menschlichen Gattung, gibt – eine höchst scholastische Prämisse –, und zweitens, dass das wahre Wesen ein Vehikel sozialer Harmonie ist. Wenn keines von beiden zutrifft – der wahre Mensch und die harmonische Veranlagung –, dann wird das System jene Harmonie nicht ohne Zwang erreichen, das heißt, ohne die Menschen zu zwingen, das zu sein, was sie sein sollen, wahre Menschen“. Diese Konsequenz der Peripetie des totalitär-demokratischen Messianismus in Zwang und Gewalt haben Marx und Engels sich selbst und ihren Gläubigen vorenthalten. Dies war der Grund, dass sie „zu der folgenschwersten politischen Frage nichts zu sagen (hatten) – nämlich der Führerschaft in einer demokratisch-sozialistischen Gesellschaft“. Sie haben diese Frage ausgeklammert oder kaschiert – als angebliche Herrschaft „der ungeheuren Mehrzahl im Namen der ungeheuren Mehrzahl“ und als „Diktatur des Proletariats“, aber angeblich nur für eine Übergangszeit. Sie haben diese Frage, an der alle spätere Verwirklichung im real existierenden Sozialismus hing, weggeschoben mit der Bemerkung, „die Menschen in einer sozialistischen Gesellschaft würden von andersartigen Motiven bewegt als in der Vergangenheit und die Angst vor dem Missbrauch der Macht würde irrelevant werden“.

    Trotz aller Konfrontation zwischen den beiden großen totalitären Diktatursystemen zweifelte Talmon nicht, dass der von ihm unternommene Aufweis ihrer Ursprünge fundamentale Gemeinsamkeiten an das Licht brachte: die Annahme einer einzigen, umfassenden und ausschließlichen Wahrheit in der Politik; die Proklamation des „Primats der Materie“ der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse auf der einen Seite und der biologischen Faktoren, des „Blutes“ und der Rasse auf der anderen; die Vision der Geschichte, die zu Vollendung und Heil führen werde über einen revolutionären Durchbruch, der die gesellschaftlichen Konflikte letztendlich beseitigen beziehungsweise die uranfängliche Reinheit der Rasse als Voraussetzung des Heils wiederherstellen werde; z. B. beide Ideologien hingen gleichermaßen einem manichäischen Bild der Geschichte und Politik an, für das es nur Gut oder Böse, Freund oder Feind geben kann und keine Wahrheit, die in der Mitte liegt. Beiden ging es um das harte Entweder-Oder: Marxismus oder kapitalistische Bourgeoisie, nordische Rasse oder die Juden. Beide Ideologien und Systeme pflegten schließlich auch Formen totalitär- oder pseudo-demokratischer Partizipation als Mittel der Identifizierung der einzelnen mit dem vom Geschichtsprozess vorgegebenen Gemeinwillen. Die Parteitage und Scheinparlamente dieser Regimes, nach Einheitslisten „gewählt“, sollten Einmütigkeit demonstrieren und herstellen.
    Auf diesem Hintergrund wurde auch eine Erscheinung verständlich, der Talmons besonderes ideologiekritisches und sozialpsychologisches Interesse galt, ein Phänomen, das er als „the Blurring of Lines“ bezeichnet, der Seitenwechsel und „Konversionen“ einzelner und ganzer Gruppen zwischen den Positionen des totalitären Spektrums. Talmon hebt dabei besonders auf die Fälle ab, in denen linke Revolutionäre aus Unzufriedenheit mit dem reformistischen Sozialismus zu „faschistischen“ oder radikal-nationalistischen Positionen wechselten und dabei auch den Antisemitismus als eine Art „Ersatz-Internationalismus“ verstanden. Hierher gehörten große Teile etwa der französischen Kollaboration mit dem Dritten Reich während des Krieges. Ein anderes Beispiel bot etwa der spätere Staatschef Polens, Josef Pilsudski, der Talmon schon wegen seiner polnischen Herkunft interessierte. Pilsudski, aus dem polnischen Kleinadel, der Slachta, stammend, war anfänglich ein leitendes Mitglied der polnischen Sozialistischen Partei gewesen. Nach der gescheiterten Revolution von 1905, die in Polen sowohl sozialistische wie nationale Motive hatte, wechselte er zum nationalistischen Pol und gründete im Exil in Österreichisch-Galizien eine Polnische Legion als Vorbereitung auf die nationale Befreiung von russisch-zaristischer Fremdherrschaft im erwarteten europäischen Krieg. Zwischen 1926 und seinem Tod 1935 wurde er der „starke Mann“ Polens im Rahmen eines faktisch autoritären politischen Systems.

    Also, diese Diskussion, die schon vor und während des 2. Weltkrieges lief, und danach richtig einsetzte, muss wohl total an Karl Barth vorbeigegangen sein.
    Oder er hat sie wahrgenommen, war aber – wegen des „Sozialismus in seinem Herzen“ – auf diesem linken Auge blind. Leider.

    Das Buch empfehle ich sehr !

  20. Johannes Strehle meint:

    Roderich,

    danke für die Empfehlung!

  21. Johannes Strehle meint:

    Die Frömmigkeit und die frommen Worte Karl Barths
    müssen im Kontext seiner Theologie verstanden werden
    als irrationale Frömmigkeit.
    Auch Rudolf Bultmann beispielsweise
    war ein sehr frommer Mann mit frommen Worten,
    die eine völlig andere Bedeutung hatten als beispielsweise für Luther.

  22. Johannes Strehle meint:

    Zum Zitat aus dem Buch von Hornung:

    Sehr gute und wichtige Ausgrabungen von bzw. Erinnerungen an scharfsinnige Diagnosen.

  23. @Roderich: Danke für die Ausführung über Barth und die Buchempfehlung!

  24. Lukas meint:

    @ Roderich
    Danke! Ein interessanter Artikel, aber dieser Herr Talmon greift daneben, wo er Marschall Piłsudski in sein Modell hineinpressen will. Dessen Biographie hat nämlich weniger mit dem totalitär-politischen Diesseitsmessianismus zu tun, als mit dem Kampf um Polens Unabhängigkeit, für die er sich übrigens immerhin so verdient gemacht hat, dass sein Name noch heute in jeder polnischen Stadt eine der wichtigsten Strassen schmückt. Auch von seiner Persönlichkeit her war er nicht „messianischer“ Ideologe, sondern eher kühler Stratege und pragmatischer Technokrat. Sein Putsch und authoritäres Regime ist bestimmt nicht über alle Zweifel erhaben, aber das Polen der Zwischenkriegszeit war ganz sicher kein totalitärer Staat. Das geistige Leben blühte im Gegenteil auf. Die Polnische Sozialistische Partei war übrigens eine demokratische Partei, beteiligte sich in der Zwischenkriegszeit an den Parlamentswahlen und wurde konsequenterweise 1948 verboten. (Gut, fairerweise muss man sagen, dass unter den Sowjets auch nicht-demokratische kommunistische Gruppierungen verboten wurden.)
    Ausserdem machte Piłsudski 1933 den Westmächten den hellsichtigen Vorschlag, einen Präventivkrieg gegen Nazideutschland zu führen. Leider hat man nicht auf ihn gehört.

  25. Roderich meint:

    @Lukas (Podolski?),
    danke für die Info. Das wäre sicher mal interessant, Pilsudskis Biographie und (wenn vorhanden) eigene Schriften dahingehend zu studieren, inwieweit er diese dahinterliegenden Ideologien auch wirklich verinnerlicht hat. Ich glaube, es ging Klaus Hornung darum aufzuzeigen, dass viele Vertreter der Linken auch wechselten zur Rechten, und dass beide Strömungen somit eine gewisse Verwandtschaft hatten. (Klaus Hornung zitiert ja hier Jacob Talmon, den jüdischen Totalitarismusforscher, der selber ursprünglich aus Polen stammte; man müsste das mal bei Jacob Talmon selber nachlesen, wie er zu der Schlußfolgerung über Pilsudksi kam. )
    Bei Wikipedia findet sich die Liste der Werke von Talmon.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Jacob_Talmon
    Das Buch „The Origin of Totalitarian Democracy“ steht offenbar online:
    http://www.questia.com/PM.qst?a=o&d=8907637 – in dem speziellen Buch steht aber nichts über Pilsudski drin, habe es schon mit der Suchfunktion gesucht.

  26. Roderich meint:

    @Lukas,
    noch etwas dazu:

    Es mag wohl sein, dass Piłsudski eher ein Pragmatiker war als ein „tiefgläubiger“ Sozialist (und später eher „Nationalist“ als Nationalsozialist). Er war aber führend in der sozialistischen Partei Polens – da muss man schon ein gewisses tieferes Verständis des Sozialismus bei ihm voraussetzen.

    (von Wikipedia) Im Jahre 1892 beteiligte er sich an der Bildung der Polska Partia Socjalistyczna (PPS) und ab 1893 war er führendes Mitglied der Partei innerhalb des Russischen Reichs. Ab 1894 übernahm er die Schriftleitung des PPS-Parteiblattes „Robotnik“ (Der Arbeiter)

    Das Polen ab 1926 (auch unter Pilsudski) war natürlich nicht „Nationalsozialistisch“, wohl aber eine durchaus eine Militärdiktatur. (Aber Du hast sicher Recht, da war wohl wenig „Messianismus“ nach seinem Wechsel.)
    Ich glaube, Talmon hat Pilsudski einfach als ein „Beispiel für einen Seitenwechsler“ zitiert. Man müsste es im Einzelnen bei Talmon nachlesen.
    (Die deutschen Übersetzungen von Talmon sind leider kaum erhältlich. Wie Hornung auch schreibt, hat Talmon zu Unrecht in BRD kaum Beachtung gefunden).

  27. Roderich meint:

    Cornelius van Til: „Barth and Modern Theology“. Eine Kritik der Theologie von Karl Barth:
    http://www.sermonaudio.com/playpopup.asp?SID=2200485158
    (Etwa in der gleichen Richtung wie Francis Schaeffers Kritik an Barth).

    Weitere Reden von van Til hier:
    http://macmate.macace.net/~macfhionn@macace.net/index.html/

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  1. […] hat während der Diskussion über das Stalinbild von Karl Barth auf eine Buchveröffentlichung zum Stalinkult verwiesen. Das Buch The Stalin Cult von Jan Plamper […]

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