Barth, „der rote Pfarrer“

Karl Barth war bereits in seiner frühen Schaffensperiode, also noch vor der „dialektischen Wende“, vom Sozialismus sehr angetan.

Die Einflüsse auf dem Weg dahin sind vielfältig. Das Reich Gottes als ethische Aufgabe war das große Thema der Liberalen Theologie, die er in Berlin oder Marburg gehört hatte. Durch Eduard Thurneysen lernte Barth Hermann Kutter kennen, der als Pfarrer am Zürcher Neumünster predigte, die Verheißungen Gottes würden mit der Sozialdemokratie in Erfüllung gehen. Beachtlichen Einfluss entwickelten freilich auch die Erfahrungen in der Arbeiterstadt Safenwill, in der Karl Barth zwischen 1911–1921 ein Pfarramt übernahm. Er konnte dort mit eigenen Augen sehen, unter welch schwierigen Bedingungen geschuftet wurde (ähnliches erlebten ja auch Karl Marx und Friedrich Engels).

Wer glaubt, die „Himmel auf die Erde“-Theologie sei erst durch das neue Missionsparadigma erfunden oder bedeutsam geworden (z.B. N.T. Wright: „In der Bibel bedeutet Erlösung nicht: Gott errettet die Menschen aus der Welt heraus, sondern Erlösung ist die Errettung der Welt an sich.“), braucht nur auf Leute wie Walter Rauschenbusch oder eben Karl Barth zurückblicken. Christiane Tietz schreibt in ihrer Barth-Biographie in dem Kapitel „Der rote Pfarrer“ (Karl Barth, 2018, S. 82):

Die Nähe lag für Barth in dem, was die soziale Bewegung und die Sozialdemokratie wollen: Das, «was sie wollen,… das wollte Jesus auch». Deshalb könne man auch «als Atheist und Materialist und Darwinist ein echter Nachfolger und Jünger Jesu sein». Der Sozialismus als proletarische Bewegung sei eine Bewegung von unten. Ganz ähnlich war Jesus Arbeiter und wandte sich an die Armen und Unterdrückten. Wer behaupte, Jesu Botschaft habe sich nur auf Geist und Innerlichkeit gerichtet, verleugne diese Botschaft. Für Jesus habe es nicht zwei Welten von Geist und Materie, von Himmel und Erde gegeben, «sondern nur die eine Realität des Gottesreichs»; die Erlösung bestand für Jesus darin, «daß Gottes Reich zu uns komme in die Materie und auf die Erde». Pointiert gesagt: «Nicht wir sollen in den Himmel, sondern der Himmel soll zu uns kommen.»

Deshalb müsse die Kirche endlich den Mut haben auszusprechen: «die soziale Not soll nicht sein, um dann ihre ganze Kraft für dieses es soll nicht sein einzusetzen». Diesen Mut wandte Barth gleich an. Er fragte rhetorisch: «Gehn die beiden zusammen: Jesus und der Kapitalismus, das System des schrankenlos wachsenden Privateigentums?» Und er zog die Konsequenz: «Dieses Erwerbssystem muß … fallen vor allem seine Grundsäule: … das Privateigentum an Produktionsmitteln».

Obwohl die Wende hin zur „Wort Gottes“-Theologie diese Schwärmerei abmilderte, blieb Barth dem Sozialismus sein Leben lang verbunden. Er verteidigte nach dem Krieg sogar Stalin, weil er hoffte, diesem sei es im Kern um die „soziale Frage“ gegangen. Bis zu seinem Lebensabend blieb er ein Kirchenmann, der für die „soziale Bewegung“ warb.

Rudolf Bultmann, der ja eine Zeit lang an der Seite von Barth für die Wende kämpfte, durchschaute schon früh die Irrtümer des Sozialen Evangeliums. Über die „Reich Gottes“-Theologie der Ritschlianer sagte er (Glauben und Verstehen, Bd. 1, 1961, S. 15):

Wenn man meint, daß soziale Arbeit als solche, d.h. Arbeit, die sich — ob sozialistisch orientiert oder nicht — um die Schaffung menschenwürdiger sozialer Zustände müht, als solche Reichsgottesarbeit, christliches Tun sei, so kennt man das σκάνδαλον des Wortes Gottes nicht. Und das σκάνδαλον ist um so größer, um so deutlicher, als hier gegenüber solchem Tun, das an sich pflichtmäßig, ehrenwert, bitter notwendig ist, hart gesagt wird: es ist kein christliches Tun. Denn es gibt kein Tun, das sich direkt auf Gott und sein Reich beziehen könnte. Jede Form menschlichen Gemeinschaftslebens, die schlimmste wie die idealste, steht in gleicher Weise unter dem göttlichen Gericht.

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