Heideggers finsteres Vermächtnis

41JCuufyXGL._Derzeit ist in den Feuilletons ein Satz häufig zu hören oder zu lesen: „Die Katze ist aus dem Sack!“ Worum geht es? Der deutsche Philosoph Martin Heidegger führte in der Zeit von 1931 bis zum Anfang der siebziger Jahre mit Unterbrechungen geheime Denktagebücher, die sogenannten Schwarzen Hefte. Nur wenige Familienangehörige und Geliebte bekamen Auszüge aus den vierunddreißig Wachstuchheften zu sehen (einige Zitate waren allerdings in Frankreich bekanntgeworden). Sonst konnte nur vermutet werden, dass da noch etwas passiert. Gegenüber Vertrauten hatte Heidegger gelegentlich bemerkt, er habe die Katze noch gar nicht aus dem Sack gelassen. Er verfügte testamentarisch, dass die Hefte erst am Schluss der Werkausgabe publiziert werden. Nun sind die ersten drei Bände der Manuskripte beim Verlag Vittorio Klostermann erschienen (der erste Band: M. Heidegger: Gesamtausgabe. 4 Abteilungen / Überlegungen II-VI: (Schwarze Hefte 1931-1938).

Der Inhalt ist so bedrückend, dass der Fachwelt der Atem stockt. Selbst Heideggerschüler, die bisher ihren Lehrer gegen die längst bekannte „Nazinähe“ (vgl. dazu Victor Farías: Heidegger und der Nationalsozialismus u. von Holger Zaborowski: „Eine Frage von Irre und Schuld?“: Martin Heidegger und der Nationalsozialismus) verteidigt haben, gehen inzwischen die Argumente aus. Thomas Assheuer kommentiert für DIE ZEIT:

Die Hefte sind ein philosophischer Wahnsinn und in einigen Abschnitten ein Gedankenverbrechen. Es gibt nun keine Beruhigung mehr. Die treuherzige Geschichte, Heidegger habe sich nur kurz, nur für einen Wimpernschlag der Weltgeschichte, vom Faschismus verführen lassen, ist falsch. Selbst dort, wo er zu Hitler auf Distanz ging, tat er es nicht aus moralischer Empörung; er tat es, weil er sich vom Regime mehr erhofft hatte. „Aus der vollen Einsicht in die frühere Täuschung über das Wesen des Nationalsozialismus ergibt sich erst die Notwendigkeit seiner Bejahung, und zwar aus denkerischen Gründen.“

Die Aufzeichnungen durchzieht eine rüde Kritik des Juden- und Christentums (zu Heideggers Abkehr vom Katholizismus siehe hier), aber auch das Eingeständnis, er habe in seinem Hauptwerk Sein und Zeit den einzelnen Menschen überschätzt. Heidegger hofft nun auf den totalitären Staat, erkennt jedoch bald, dass auch der Nationalsozialismus dem Sein nicht zum Durchbruch verhilft. Nur ein Gott kann uns noch retten, sollte er später sagen. Er meinte damit nicht den jüdisch-christlichen Gott, sondern den Gott eines neuen Heidentums, einen Gott, mit dem sich der Mensch solidarisiert.

Die Tatsache, dass genau der Philosoph, der neben Nietzsche den Eintritt in das spätmoderne oder postmoderne Denken maßgeblich mitbestimmt hat, die Menschen, insbesondere die Juden, zutiefst verachtet und den deutschen Staat vergöttert hat, wird Anlass dafür geben, das Erbe der hermeneutischen und existentialistischen Philosophie noch einmal genauer zu betrachten. Die Elite der Dekonstruktion, unter ihnen der aus Litauen stammende Emmanuel Levinas oder die Franzosen Michel Foucault und Jacques Derrida, steht in der denkerischen Schuld Heideggers.

Wer einen Eindruck von der Erschütterung haben möchte, die derzeit die Philosophenwelt erfasst, sollte sich die SWR2-Sendung „Heideggers ‚Schwarze Hefte‘“ anhören. Zur Gesprächsrunde gehören Prof. Dr. Micha Brumlik (Philosoph, Senior Advisor des Zentrums für Jüdische Studien, Berlin/Brandenburg), Prof. Dr. Rainer Marten (Philosoph, Universität Freiburg) und Prof. Dr. Peter Trawny (Philosoph, Herausgeber von Martin Heideggers „Schwarzen Heften“, Bergische Universität Wuppertal) sowie der Moderator Eggert Blum.

Hier:

Kommentare

  1. Bitte ehrlich nachdenken!
    H. hatte eine jüdische Geliebte, die bis zu seinem Tod seine Freundin blieb u. ihm seine Nazi-Irrtum bis 1935 verzieh. Sie gilt bis heute als die beste Kennerin seines Denkens.
    Er war ein Kritiker der machtbesessenen Moderne, die allein dem naturwissenschaftlichen, “rechnenden” Denken Wahrheit zugesteht. Mensch u. Umwelt würden als bloße Verfügungsmasse zur Machtsteigerung angesehen – dies würde in grausamen Kriegen enden. Er sah anfangs in totaler Verkennung in den Nazis eine Revolte gegen diese Weltanschauung. H. kritisierte privat (!) auch Teile der jüdischen Elite als führende Vertreter des rein naturwissenschaftlichen “rechnenden Denkens” u. hatte hier offensichtlich Vorurteile.
    Die Ermordung der zumeist tiefgläubigen Juden geschah aber nicht deswegen, sondern aufgrund des virulenten christlichen Antisemitismus u. der “rechnenden” Nazi-Rassebiologie. Beides lehnte H. aber als primitiv ab – anders als zig millionen Deutsche.
    Leider berücksichtigen die Journalisten viel zu wenig den damaligen Sprachgebrauch. Heidegger ist da eigentlich noch harmlos u. auf das Private beschränkt. In der SPD sprach man offiziell z.B. vom “schachernden Geldjuden”, der “Verjudung Deutschlands”, sogar von “Rassenhygiene”. T. Mann schrieb z.B. Aufsätze über die “Lösung der Judenfrage”. Adenauer sprach noch in den 1960ern vom “Weltjudentum”, für die Kirchen galten Juden als “Gottesmörder” u. “Söhne des Teufels”, „Kreuzug gegen die jüdischen Bolschewismus“ als „Christenpflicht“ usw. selbst Brecht sprach v. Juden als “Rasse”, (ganz zu schweigen heute von Stoiber u. seiner “durchrassten Gesellschaft”). Alle Medien waren voll von diesen Gedanken! (PS Das sind nur die harmlossen Zitate!)

  2. Tim-Christian meint:

    Müssen solche Ent-deckunugen wirklich Sein? Nur weil der ehemalige HuSSerl-Schüler sich in dieser Frage politisch auf dem Feldweg befunden hat, muss man ja nicht gleich die ganze Fundamentalornithologie verdammen. Es Kehre bitte jeder vor seiner eigenen Tür! Man, man, man – diese Verfallenheit.

  3. @Tim-Christian: Wirklich gut! 🙂

    Liebe Grüße, Ron

  4. Schandor meint:

    @Tim-Christian

    LOL! 🙂 🙂

  5. Bernd Rombach M.A. meint:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    Heidegger als Antisemiten zu bezeichnen, ist absolut lächerlich. Nur eine voreingenommene und oberflächliche Lektüre kann zu solch einem „Ergebnis“ kommen. Es handelt sich wieder einmal um einen hinterhältigen Versuch, einen der größten Denker des 20. Jahrhunderts, auf den jedes andere Land stolz wäre, kaputt zu schreiben. Die schwarzen Hefte, die wohl von keinem der „Kritiker“ wirklich offen gelesen wurden, enthalten u.a. eine tiefe Kritik des seinsvergessenen Nationalsozialismus, von dem sich Heidegger -im Gegensatz zu vielen anderen Zeitgenossen- bereits 1934/35 entschieden abgewendet hat. Heidegger von heute aus in dieser oberflächlichen Art und Weise zu kritisieren, zeigt nur die tiefe Dekadenz der heutigen bundesdeutschen Pseudointellektuellen.
    MfG
    Rombach M.A.

  6. Mark.us meint:

    Ich finde es nötig und gut die deutschen geistesgeschichtlichen und philosophischen Verwicklungen und Korrelationen mit dem damaligen Antisemitismus zu analysieren und ans Licht zu holen.

    Die Glaubwürdigkeit kann natürlich ganz schnell leiden, wenn die jeweiligen Disziplinen zuerst auf den Dreck auf der anderen Strassenseite verweisen bzw. was sie da sehen als Dreck definieren.

    Vielleicht hilft ein Blick in die eigene Tradition. Dann ist auch der weitere Blick ein glaubwürdiger. Luthers Anti-Judaismus (und nicht direkter Antisemitismus, wie bei Heidegger) ist da naheliegend – auch als eine der Wurzeln des modernen Antisemitismus. Wie dann zum Beispiel auch die Evangelische Allianz Wegbegleiter Hitlers sein konnte und selbst das eher konservative und fromme Klientel der Bekennenden Kirche erst spät und in der Ausnahme für die Juden ihre Stimme erhob, gehört ebenso benannt, mit Blick auf den damaligen Mainstream.

    Nichts destotrotz finde ich es sehr gut, das Theoblog die aktuelle Diskussion um eine der Heroen der deutschen Geistesgeschichte aufnimmt und überhaupt davon Kenntnis hat. Also eher, das eine tun und das andere nicht lassen.

  7. H. kritiserte an der westlichen Theologie, Gott „technisch“ als Ursache der Welt (in Konkurrenz zur Physik) zu denken. Außerdem werde Gott als oberster Wert gedacht, aufgrund der alles in der Welt in seiner Wertgkeit berechnet werden kann (letzte Verrechnung „Jüngstes Gericht“)
    Eben das Christentum beruhte aber für ihn auf dem Versuch der Theologen „Gott zum obersten Wert“ zum höchsten Seienden zu machen und ihn damit zugleich zur Ursache seiner selbst (causa sui) wie alles anderen zu erklären das aber hieß für Heidegger: Gott zur „ursprünglichsten Sache“ herabzusetzen.
    Das Christentum der Theologen verdammte er schließlich sogar als „die Gotteslästerung schlechthin“ und meinte: „Zu diesem Gott kann der Mensch weder beten, noch kann er ihm opfern. Vor der Causa sui kann der Mensch weder aus Scheu ins Knie fallen, noch kann er vor diesem Gott musizieren und tanzen.“
    Was für Heidegger bleibt, ist das Fragen als die „Frömmigkeit des Denkens“, ist das Zeitalter der „Weltnacht“, einer „dürftigen Zeit“, in dem die „Heimatlosigkeit des Menschen hinsichtlich seines Wesens“ „durch die „Eroberung der Erde als eines Planeten und den Ausgriff in den kosmischen Raum ersetzt wird“ — so Heidegger schon zu Ende des Zweiten Weltkrieges.

    Diese „verfestigte Herrschaft der Notlosigkeit“ in einer Welt, die ihre eigene Heimatlosigkeit vergessen hat, trieb Heidegger in einem noch unveröffentlichten Gespräch zu dem Satz: „Nur ein Gott kann uns retten.“
    Noch vor diesem Gespräch jedoch schrieb er über Nietzsches Satz, eigentlich sei nur der „moralische Gott“ widerlegt: „Der Gott als Wert gedacht. und sei er der höchste, ist kein Gott. Also ist Gott nicht tot.“

  8. rolf eicken meint:

    Herzlichen Dank, Rob, für diese Klarstellung. Heideggers Aussagen über Gott sind, wie Rob richtig schreibt nur über Nietzsche zu verstehen, den er sehr verehrt hat.
    Ich hatte 6 Monate Zeit mir meine eigenen Gedanken über Gott zu machen, da ich in ziemlicher Einsamkeit gelebt habe, ohne allerdings von der Zivilisation gänzlich abgeschnitten gewesen zu sein. Mein Fazit möchte ichtrotzdem hier nicht veröffentlichen; denn es könnte zuviele in diesem Blog verletzen.

  9. @rolf eicken: Wer einstecken kann, darf auch austeilen. Also wenn, dann. Wir sind gespannt.

    Liebe Grüße, Ron

  10. Schandor meint:

    Wer übrigens einen schnellen und unterhaltsamen Zugang zur Heideggerschen Sprache sucht, wird ab Minute 33:48 in diesem Video fündig 🙂

    https://www.youtube.com/watch?v=CWjfYRypTHw

  11. H. über den Macht-Gott der Theologen:
    „So kann, wo alles Anwesende sich im Lichte des Ursache-Wirkung-Zusammenhangs darstellt, sogar Gott für das Vorstellen alles Heilige und Hohe, das Geheimnisvolle seiner Ferne verlieren. Gott kann im Lichte der Kausalität zu einer Ursache, zur causa efficiens, herabsinken. Er wird dann sogar innerhalb der Theologie zum Gott der Philosophen, jener nämlich, die das Unverborgene und Verborgene nach der Kausalität des Machens bestimmen, ohne dabei jemals die Wesensherkunft dieser Kausalität zu bedenken.“

    H. über einfache Gotteserfahrung:
    „Hinter dem Schloß ragt der Turm der St. Martinskirche. Langsam, fast zögernd verhallen elf Stundenschläge in der Nacht. Die alte Glocke, an deren Seilen oft Bubenhände sich heißgerieben, zittert unter den Schlägen des Stundenhammers, dessen finster – drolliges Gesicht keiner vergißt.
    Die Stille wird mit seinem letzten Schlag noch stiller. Sie reicht bis zu jenen, die durch zwei Welt – Kriege vor der Zeit geopfert sind. Das Einfache ist noch einfacher geworden. Das immer Selbe befremdet und löst. Der Zuspruch des Feldweges ist jetzt ganz deutlich. Spricht die Seele? Spricht die Welt? Spricht Gott?
    Alles verspricht den Verzicht in das Selbe. Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen. Der Zuspruch macht heimisch in einer langen Herkunft.“

  12. Roderich meint:

    Hallo Rolf,
    willkommen zurück 🙂
    Ja, da wäre ich auch gespannt. (Wir diskutieren dann gerne mit, ob die Schlussfolgerungen korrekt geschlussfolgert sind ;-))
    Grüße, Roderich

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