Heidegger: Warten auf Gott

Für Heidegger ist die Geschichte des Abendlandes eine Geschichte des Abfalls. Je mehr wir Menschen versucht haben, das Seiende auf den Begriff zu bringen, desto weiter haben wir uns vom Unwesentlichen in den Bann ziehen lassen (und damit vom Wesentlichen entfremdet). Das Wesentliche ist das Sein. Der Philosoph hat immer wieder eindrücklich davor gewarnt, dass die moderne Technik, die vor allem verdinglicht, uns den Blick für das Sein des Seienden verstellt.

Für Heidegger ist weder Gott noch der Mensch das Sein, die Sprache ist »das Haus des Menschen«. Deshalb rückt er ein notwendiges neues Denken in die Nähe der Sprache. Sprache ist geschichtlich und somit ein Weg zum Ursprung. Indem wir auf die Sprache hören, erfahren wir, wie es um uns bestellt ist. Besonders die Dichtung vermittelt eine Weise unseres Gestimmtseins und enthüllt somit das Seiende. Wenn Heidegger mahnt, auf die Dichter zu hören, geht es ihm weniger um die Inhalte als um die Art und Weise, wie der Dichter spricht und was er dadurch vom Sein preisgibt.

Die heideggersche Kritik an der Moderne und dem technischen Weltverständnis ist kraftvoll und hilfreich. Das neue Denken, welches das Sein enthüllt, hat Heidegger nicht gefunden. Es ist noch nicht da. Wir müssen darauf warten. In einem SPIEGEL-Gespräch, das im September 1966 Rudolf Augstein und Georg Wolff mit Heidegger führten und das auf seinen Wunsch erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, bekannte der Philosoph (Der Spiegel, Nr. 23 vom 31. Mai 1976, S. 193–219):

Die Philosophie wird keine unmittelbare Veränderung des jetzigen Weltzustandes bewirken können. Dies gilt nicht nur von der Philosophie, sondern von allem bloß menschlichen Sinnen und Trachten. Nur noch ein Gott kann uns retten. Uns bleibt die einzige Möglichkeit, im Denken und im Dichten eine Bereitschaft vorzubereiten, für die Erscheinung des Gottes oder für die Abwesenheit des Gottes im Untergang; dass wir im Angesicht des abwesenden Gottes untergehen.

Hier ein SPIEGEL-Artikel über Heideggers Abkehr vom christlichen Glauben: PPM-SP197202001460149.pdf.
Nachfolgend außerdem einige Impressionen, die Einblick in das Sein des Dichterphilosophen ermöglichen:

Kommentare

  1. Michael meint:

    Nicht dass es von Bedeutung wäre, aber vielleicht sollte man trotzdem erwähnen, dass Heidegger von 1933 – 1945 NSDAP Parteimitglied war?

  2. Bettina Klix meint:

    Ich kann nicht anders, als es zu bedauern, dass Heidegger das Interview mit dem Spiegel nicht vor dem Tod freigab. Er hat damit eine Möglichkeit, in seine Zeit noch direkt hinein zu wirken verschenkt. Warum? Oder wofür?

  3. @Bettina: Thema des SPIEGEL-Interviews war seine Verstrickung in den Nationalsozialismus. Heidegger wollte sich dazu offen erst postum äußern. Immerhin wurde er mit seinen eigenen steilen Sätzen konfrontiert, z.B. mit: „Nicht Lehrsätze und Ideen seien die Regeln eures Seins. Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz.“

    Das Interview habe ich gerade im Netz gefunden:

    http://www.menschenkunde.com/pdf/ballmer/heidegger_spiegelinterview_1966.pdf

    Liebe Grüße, Ron

  4. Heidegger wird natürlich hinsichtlich seines Alters zu einem Mann, der sich von eindeutigen Aussagen distanziert. Der Mann, der sich einst als König des deutschen Universitätenwesens verstand und als der Philosoph muss am Ende seiner Karriere bescheidener werden. Zu groß der Einfluss eines Adorno und der kritischen Frankfurter Schule. Dementsprechend hat sich das Feld der Heideggerianer in Deutschland dezimiert. Der späte Heidegger ist nur schwerlich zu interpretieren und ich rate davon ab. Der frühe Heidegger leistet bahnbrechendes. Dennoch aber ist auch nicht sein Aufsatz zur Technik zu verwerfen. Heidegger bringt keine hohle Technikkritik auf den Plan, sondern lehrt uns das Wesen der Technik zu entbergen. Im Wesen der Technik selbst liegt eine Chance der Freiheit inbegriffen. Insofern hat Heidegger kein Problem mit der Technik, sondern mit der Weise wie wir diese benutzen.

    Viele Grüße 🙂

  5. Brigitte Reichenbach meint:

    Ich bin ja schon froh, daß M. Heidegger kein Atheist war, sondern seinen
    “ Abschlussworten “ zufolge mindestens wohl ein Agnostiker zu sein schien ……

  6. Brigitte Reichenbach meint:

    Ich bin ja schon froh, dass M. Heidegger kein Atheist war, sondern seinen
    “ Abschlussworten zufolge wohl zumindest ein Agnostiker zu sein
    schien ………..

  7. Er ist da!

  8. Wer das Interview lesen möchte, findet es hier: https://docs.google.com/file/d/0ByBmdFWIrZRhVEM0V0RDTU9yNGs/edit?pli=1

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  1. […] der Nationalsozialismus dem Sein nicht zum Durchbruch verhilft. Nur ein Gott kann uns noch retten, sollte er später sagen. Er meinte damit nicht den jüdisch-christlichen Gott, sondern den Gott eines neuen […]

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