Kuyper: Sechs Vorlesungen über den Calvinismus

Da sich hier gerade eine Diskussion über Abraham Kuyper entwickelt, will ich darauf verweisen, dass sein wahrscheinlich wichtigstes Buch:

  • Abraham Kuyper: Reformation wider Revolution: Sechs Vorlesungen über den Calvinismus, [Lectures on Calvinism], Reich Christi Verlag, 1904

in deutscher Sprache heruntergeladen werden kann: reformationwider00kuyp.pdf.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Großartig — nur funktioniert auch diesmal der link wieder nicht…
    lg
    Schandor

  2. @Schandor: Komisch. Habe es eben auch unter WIN getestet und es funktioniert. Es sind allerdings knapp 10 MB.

    Liebe Grüße, Ron

  3. Schandor meint:

    @Ron
    Ich habs auf archive.org direkt angewählt, da hats dann funktioniert — super, danke!

    lg
    Schandor

  4. Brauchen wir Kuyper?
    Ich habe schon früher versucht, ihn zu lesen, da der von mir ausserordentlich geschätzte Hans R. Rookmaaker manchmal auf ihn verweist. Schnell wich mein anfängliches Interesse aber Irritation, Widerspruch und Abneigung diesem Calvinismus-Missionar gegenüber, nachdem ich Sätze wie der folgende las (aus „Reformation wider Revolution“, S. 28):

    Jetzt gehe ich dazu über, Sie noch auf einen anderen Umstand hinzuweisen, der meiner Hauptthese zur Befestigung dient, nämlich auf die Blutmischung, die für alle höhere Entwicklung unseres Geschlechts stets die physische Basis bildet. Vom Hochland von Asien aus ist unser Menschengeschlecht in gewissen Hauptgruppen auseinander gegangen; diese Hauptgruppen haben sich für ihr Teil in Volksstämme, diese Volksstämme in Nationen und Völker zersplittert, und ganz dem prophetischen Segensspruch Noahs gemäss sind es ausschliesslich die Kinder Sems und Japhets gewesen, die die Entwicklung unseres Geschlechts getragen haben. Von der dritten Hauptgruppe ging niemals ein Anstoss zu höherer Lebenswirkung aus.

    Wird hier nicht übelster Rassismus des 19. Jahrhunderts (die irrige Vorstellung von menschlichen Rassen) mit negativer Prädestinationslehre (die irrige Vorstellung von Vorbestimmung zum Verderben) vermischt? Angesichts dieser Mischung erscheinen mir die meisten Ausprägungen des von Kuyper kritisierten Modernismus geradezu wohltuend. (Ich glaube, Kuyper verstand die Bibel in diesem Punkt nicht richtig. Nicht Ham wurde verflucht, sondern Kanaan, einer der Söhne Hams, wegen seiner Gottlosigkeit, was Gericht auf sich zog, nicht etwa in Form von kultureller Degeneration, sondern in Form eines Verlustes der geographisch-staatlichen Souveränität an Israel.)
    Eine Lappalie?
    Lesen Sie, was Wikipedia über Kuypers Rezeption unter den Apartheid-Theoretikern schreibt:

    As well as Kuyper’s profound influence upon European Christian-Democrat politics up to the present, his political theology was also crucial in the history of South Africa. Scholars have noted Kuyper’s involvement with South African politics, and his influence upon the founders of Apartheid. His legacy in South Africa is arguably even greater than within the Netherlands. There, his Christian-National conception, centred upon the identification of the Afrikaner Calvinist community as the kern der natie became a rallying position for the Nederduitse Gereformeerde Kerk and the Gereformeerde Kerk, the South African offshoot of his own Gereformeerde Kerken during and after the Boer war. As Christian-Nationalists, Kuyper’s adherents in South Africa were instrumental in the building of Afrikaner cultural, political and economic institutions to restore Afrikaner fortunes following the Boer War. One key creation was the Afrikaner Broederbond, the anti-British and White Supremacist political secret society whose foundation was explicitly Christian-National. It was the Afrikaner Broederbond, in course of time, loyal to its specifically Kuyperian Christian-Nationalist ideology, which created the Afrikaner National Party, with its Apartheid plans. Throughout the Apartheid era, party and state officials swore oaths affirming the ’sovereignty and guidance of God in the destiny of countries and peoples‘ and to ’seek the development of South Africa’s life along Christian-National lines.‘ Dr. Vorster’s 1961 essay on the biblical foundations of apartheid quotes Kuyper 6 times.[4] Yet Harinck argues that „Kuyper was not guided by the cultural racism of his day, but by his calvinistic creed of human equality“.[5]

    Brauchen wir Kuyper?
    Wenn ja, frage ich Euch: Würdet Ihr seine „Lectures on Calvinism“ in die Mission unter Menschen in Afrika, südlich der Sahara, mitnehmen?

  5. @Lukas: Das ist nicht die einzige Schwäche von Kuypers Schriften. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass Kuyper selbst kein Rassist im engeren Sinne war. Sogar Davis, wahrlich kein Verteidiger der Kuyperschen Theologie, schreibt (Alan T. Davis, Infected Christianity: A Study of Modern Racism, 1988, S. 93):

    Kuyper, although scarcely a racist himself (in spite of some passages in his letctures on Calvinism that might be regarded in this light today), and strongly opposed to most of the romantic and nationalistic concepts that were destined to become part oft Afrikaner as well as European racism, nevertheless became one of the intellectuell godparents of a racist system in a country in which he did not live and whose peculiar ethos he probably never fully understood.

    Zweifelsohne hat Kuyper indirekt die Apartheidspolitik in Südafrika gestärkt und damit auch Schaden angerichtet. Siehe dazu z.B. die Untersuchung: An Analysis of the Theological Justification of Apartheid in South Africa: A Reformed Theological Perspective:

    Aber Deine Frage „Brauchen wir Kuyper?“ klingt mir zu plakativ. Das ist so, als ob ich mit Verweis auf Luthers anti-jüdische Schriften frage: Brauchen wir Luther?

    Ist es nicht ein großer Ertrag des christlichen Glaubens, dass wir Christen uns zu unseren Fehlern oder unserer Schuld stellen können? Die „Erben“ Kuypers setzen sich schon seit vielen vielen Jahren mit dem Thema Apartheid auseinander (siehe zum Beispiel hier).

    Steve Mathonnet-VanderWell schreibt (Reformed Intramurals, What Neo-Calvinists Get Wrong):

    During the struggles against apartheid in South Africa, more than a few critics noted how Kuyper’s theology, with its spheres and orders of creation, was distorted by Kuyper’s Afrikaner followers into a theological justification for apartheid. To lay apartheid at the feet of neo-Calvinism is an exaggerated and unfair accusation. It does, however, demonstrate how easily a theology that focuses on orders and restoration can become a tool of rigidity and fear.

    Wir sollen urteilend lernen. Wir werden bei Augustinus, Luther, Calvin, Kuyper, Bonhoeffer usw. natürlich Dinge entdecken, die wir heute (auch im Lichte der Bibel) anders sehen. Heißt das, dass wir diese Riesen nicht brauchen?

    Liebe Grüße, Ron

    P.S. Die Dose der Pandora (Erwählungslehre) möchte ich an dieser Stelle nicht öffnen. 😉

  6. Schandor meint:

    @Lukas
    Ich bin alles andere als ein Rassist, aber allein geschichtlich betrachtet sehe ich nicht, was an Kuypers Aussage, derzufolge die Entwicklung von den Kindern Sems und Japhets ausgegangen ist, falsch sei?
    lg
    Schandor

    @Ron
    Ja, darüber darf man heute unter Christen nicht mehr sprechen. Die alten Lehren von der Gnade will der moderne Christ nicht hören. *Er* will der Initiator seines Glücks sein, und wenn ihm das genommen wird, dann beißt er. Luther hat dermaleinst heftig zurückgebissen (de servo arbitrio) 🙂
    „To lay apartheid at the feet of neo-Calvinism is an exaggerated and unfair accusation“ — Dieser Satz könnte von seiner Struktur her noch für vieles andere beispielhaft sein…
    lg
    Schandor

  7. @ Ron, Schandor: Danke für Eure Antworten. Wow, jetzt weiss ich wenigstens, wie früh am Morgen Ihr auf den Beinen seid. Werde vielleicht am Abend antworten. In Eile, Lukas

  8. Hanniel meint:

    @Ron: Dein Kommentar trifft ins Schwarze. Ich habe z. B. aus der ersten Vorlesung ein Meta-Lernmodell abgeleitet.

  9. Johannes Strehle meint:

    „Inmitten der kirchlichen und religiösen Verwüstung,
    die der Rationalismus
    in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
    in den Kirchen anrichtete,
    war im Maaßluiser Pfarrhaus“ Jan Frederik Kuypers
    „noch etwas zu spüren
    von dem Geist der Ehrfurcht vor Gottes Wort
    und von der einfachen, frommen Lebenspraxis …
    Wenn der am 29. Oktober 1837 geborene Sohn
    vom Vater
    seine echt holländische Zähigkeit und unerschütterliche Kaltblütigkeit
    überkommen (mitbekommen) hatte,
    so gab ihm die Mutter
    kühnen Wagemut und unbezähmbare Lust zum Überwinden von Hindernissen
    als ihr Erbteil mit auf den Weg.“
    (Wilhelm Kolfhaus:
    Dr. Abraham Kuyper – Ein Lebensbericht – 2. Auflage 1925)
    „Dass mein Buch nicht *die* Kuyper-Biographie ist,
    ist selbstverständlich.
    Diese kann nur von einem Niederländer geschrieben werden,
    sobald das Kuyper-Archiv …“
    Ich gehe davon aus, dass es diese Biographie gibt,
    aber offensichtlich nicht in deutscher Übersetzung.
    Ein gutes Erbe von Vater und Mutter!
    Bis zum nächsten Zitat, falls Ron mich nicht bremst.

  10. Johannes Strehle meint:

    Abraham Kuyper

    „Als drittes Kind und ältester Sohn unter neun Geschwistern wuchs er auf“
    Das ersetzt fast eine Kinderkrippe und -tagesstätte.
    Allerdings wäre es für die Mutter und Hausfrau wohl schwierig gewesen,
    Familie und eine berufliche Karriere zu vereinbaren.
    „Anfangs … fürchteten die Eltern,
    die ihren Kindern den ersten Unterricht selbst erteilten,
    ihr ältester Sohn sei geistig schwerfällig,
    da es ihm unmöglich erschien, in die Geheimnisse der Lesekunst einzudringen.
    Sein auffallend umfangreicher Schädel,
    für den die Hüte immer besonders angefertigt werden mussten,
    flößte ihnen die Besorgnis ein, der Knabe möchte an einem Wasserkopf leiden.
    Deshalb fragten sie einen deutschen Professor um Rat.
    Nach der Untersuchung erklärte ihnen dieser jedoch …:
    „Bewahre, das ist alles Gehirn.“
    Sobald dann der zuerst so schwerfällige Schüler
    den Sinn der Buchstaben einmal begriffen hatte,
    offenbarte er eine Begabung, die Eltern und Lehrer in Erstaunen setzte.“

  11. Johannes Strehle meint:

    Abraham Kuyper

    „Von früher Jugend an
    lernte Abraham bei seinem Vater
    die Kunst der Zeiteinteilung,
    ohne die er nie die Fülle der Arbeit hätte leisten können,
    die in Kirche und Staat auf ihn wartete.“
    Heute heißt das Zeitmanagement.
    „Diese feste Lebensordnung
    hatte für den Knaben nichts Niederdrückendes und Einschüchterndes.
    Seine Geschwister erinnerten sich in späteren Jahren immer gern
    seiner frischen, die anderen mitreißenden Art.“

  12. Als Urenkel von Abraham lese ich immer gerne wie er heute wahrgenommen wird.
    Als Folge seiner erdrückenden Persönlichkeit war er nur als Politiker in der Familie vorhanden, Glauben war kein Thema. Das habe ich mir selber, später, geholt.
    Seine 5e Stone Lecture ‚Calvinism and Art‘ ist aber schon bedrückend. Gerne höre, und lerne ich mehr.

  13. Lieber Herr Kuyper,

    das klingt interessant. Haben Sie Ihre Gedanken dazu irgendwo publiziert? Was finden Sie an den Lectures so bedrückend?

    Mit freundlichen Grüßen,
    Ron Kubsch

  14. Lieber Ron Kubsch,

    1. Ich habe nicht erwartet so schnell reagieren zu müssen.
    2. Meine Gedanken habe ich nicht publiziert.
    3. Ich bin kein Theologe, sondern Architekt und Kunstmaler.

    So, präleminäres ist gesagt. Bedrückend bei Abraham (er ist eben Familie) finde ich, dass Kunst nur aus Glauben entsteht,
    und insbesondere aus dem Calvinismus: „Intellectual art is no art, and the effort put forth by Hegel to draw art from thoughts,
    militated against the very nature of art.“ Was mache ich jetzt mit Theo van Doesburg und die Gruppe de Stijl?

    „Das Kunstwerk muss im Geist vollständig konzipiert und gestaltet sein, bevor es ausgeführt wird. Es darf nichts von den formalen
    Gegebenheiten der Natur, der Sinne und der Gefühle enthalten. Wir wollen Lyrismus, Dramatik, Symbolik usf. ausschalten.
    Das Bild muss ausschließlich aus plastischen Elementen konstruiert werden, d. h. aus Flächen und Farben.
    Ein Bildelement hat keine andere Bedeutung als sich selbst“ so Theo van Doesburg 1918.

    Weiter „And since this is the very priciple of Religion, over intellect, moralty and art, that she alone effects the communion with
    the Infinite in our self-consciousness, the call for a secular, allembracing art-style, independant of any religious priciple, is simply absurd“.

    Das finde ich bedrückend. Natürlich hat Glauben sehr vieles hervorgebracht und bringt auch heute noch hervorragendes.
    Aber auch die Pythagoreer haben hervoragendes hervorgebracht, ohne Calvin. Die Lehre der Harmonik von Hans Kayser zeigt
    wie auch heute das Gedankengut der Pythagoreer weiter entwickelt werden kann. Sicher, unser Intellekt ist eine göttliche Gabe,
    aber damit arbeiten tut der Mensch. Als aktiver Gäubiger (in der evang. ref. Kirche Uznach) sind meine Bilder dennoch intellektuelle
    Arbeiten. So Max Bill: „das Ziel der konkreten Kunst ist es, Gegenstände für den geistigen Gebrauch zu entwickeln, ähnlich wie der Mensch
    sich Gegenstände schafft für den materiellen Gebrauch. […] konkrete Kunst ist in ihrer letzten Konsequenz der reine Ausdruck von
    harmonischem Mass und Gesetz. Sie ordnet Systeme und gibt mit künstlerischen Mitteln diesen Ordnungen das Leben.[…]
    Die Kunst hat Gebiete erfasst, die ihr früher verschlossen waren. Eines dieser Gebiete bedient sich einer mathematischen Denkweise,
    die trotz ihrer rationalen Elemente viele weltanschauliche Komponenten enthält, die bis über die Grenzen des Abklärbaren hinaus führen.“

    Ich bitte um Verständnis für meine holprige Sprache (meine Muttersprachen sind Niederländisch und Französich) und würde ich schreiben
    können würde ich nicht malen.

    Freundliche Grüsse

    Peter Kuyper

  15. Andreas meint:

    @Herr Kuyper,
    sehr schöne Bilder auf Ihrer Homepage.

  16. Lieber Herr Kuyper,

    vielen Dank für Ihre Antwort. Ihr Deutsch ist gut lesbar und ich bin froh, dass ich nicht Niederländisch lesen oder schreiben muss. 😉

    Wenn ich das richtig verstanden habe, wehrt sich A. Kuyper gegen den Vorwurf, dass der Calvinismus keinen eigenen Kunststil hervorgebracht hat. Dies sei kein Beweis für die geistige Armut des Calvinismus. Der Calvinismus hat auch zur Kunst etwas zu sagen.

    A. Kuyper baut seine Argumentation auf Hegel und Hartmann auf. Kunst tritt ursprünglich mit der Gottesverehrung auf, hat sich dann aber verselbständigt. „Der Grundgedanke nun sowohl bei Hegel wie bei v. Hartmann ist vollkommen richtig. Religion und Kunst habenjede eine eigene Lebenssphäre; Spähren, die, anfänglich kaum unterschieden und darum ineinandergemischt, bei richtiger Entwicklung selbst auseinandergehen.“

    Hier kann ich A. Kuyper folgen. Dann allerdings behauptet er, dass ohne Verbindung mit den religiösen Prinzip kein eigener Kunsttil hervorgebracht werden kann.

    Da weiß ich nicht, wie genau A. Kuyper das meint. Man kann es auch so verstehen, dass z.B. der Atheismus oder die Zahlen- und Muskiklehre des Pythagoras ein religiöses Prinzip ist. Auch solche religiösen Prinzipien können große Kunst hervorbringen.

    Das würde sich mit der Kunsttheorie von Hans Rookmaaker decken, der ja von der VU Amsterdam kam (siehe auch: http://www.gnpcb.org/assets/products/excerpts/1581346948.1.pdf).

    Liebe Grüße, Ron

  17. Lieber Ron,
    Danke für den Hinweis auf Hans Rookmaaker. Ich muss das zuerst mal lesen, und werde mich dann wieder melden.
    Liebe Grüsse

    Peter

  18. Der Aktuelle Link lautet https://archive.org/details/reformationwider00kuyp
    viel Freude damit.

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  1. […] hat (hier) in der Diskussion von Kuypers Aussagen zur Entwicklung von Völkern treffend kommentiert. Er […]

  2. […] ich das Büch Reformation wider Revolution lese. Diese Buch hat Ron Kubsch auf theoblog.de in diesem Artikel empfohlen. Im Folgenden einige Zitate zu der Frage, was Calvinismus eigentlich […]

  3. […] der Ausgangspunkt der Diskussion – die Kommentare zu diesem Artikel (den ich fälschlicherweise als eine „Empfehlung“ bezeichnet hatte) – bleibt nun […]

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