Martin Luther und die deutsche Mystik

Der Deutschlandfunk hat in einem Beitrag darauf hingewiesen, dass Luther in seiner Jugend von der deutschen Mystik geprägt war. Das ist grundsätzlich richtig. Trotzdem vermisse ich den Hinweis darauf, dass sich der reife Theologe Luther von der Mystik distanziert hat und sein Gottesbild mit dem des Mystiker Meister Eckhart nichts zu tun hatte (»Gott und ich, wir sind eins.«).

Martin Luther zur Mystik nach Dionysius:

Dies ist ihre Lehre, die als die höchste göttliche Weisheit ausgegeben wird, von der ich auch einmal überzeugt gewesen bin, doch nicht ohne großen Schaden für mich selbst. Ich ermahne euch, daß ihr diese Mystische Theologie Dionysii … wie die Pest verabscheut.

Interessenten empfehle ich meine kurze Ausarbeitung »Die Mystik oder das Wort«: MystikoderdasWort.pdf.

Hier der Beitrag des DLF:

Kommentare

  1. Johannes Otto meint:

    Hm, was ist denn das? „Mystik ist ein modernes Wort, das es zur Zeit Luthers noch nicht gab.“ Wie kann er es dann immer wieder verwenden? Sowohl in Deinem Zitat als auch an anderen Stellen kommt es vor, zum Beispiel, wenn Luther zu Psalm 5 schreibt:

    „Viele Leute plagen sich vielfältig ab und schwatzen vielerlei über die mystische, negative, eigentliche und sinnbildliche Theologie und wissen doch weder, was sie sagen, noch wovon sie etwas behaupten. Denn sie wissen nicht einmal, was eine Bejahung oder eine Verneinung ist, noch wie sie zustande kommt; auch können ihre Auslegungen nicht ohne Gefahr gelesen
    werden, denn wie sie selbst waren, so schrieben sie auch; wie sie dachten, so redeten sie. Sie dachten aber das Gegenteil der negativen Theologie, das heißt, sie liebten weder den Tod noch die Hölle, daher mußten sie zwangsläufig sowohl sich selbst als auch ihre Leser täuschen. Dies möchte zur Warnung gesagt sein, weil überall, in Italien wie auch in Deutschland, die Schrift des Dionysius über die mystische Theologie verbreitet wird, das heißt, bloßer Anreiz zu einer Wissenschaft, die sich selbst aufblasen und zeigen will. Niemand soll glauben, er sei ein mystischer Theologe, wenn er dies gelesen, verstanden und gelehrt hat, oder vielmehr bei sich meinte, er verstünde und lehre es. Durch Leben, ja, durch Sterben und Verdammnis wird man ein Theologe, nicht durch Verstehen, Lesen oder Forschen.“

    Luthers Mystik bestand darin, dass der verlorenen Mensch in Tod und Auferstehung (was grundsätzlich gilt und zugleich einen Prozess bezeichnet) mit dem gekreuzigten und Auferstandenen Christus verbunden ist. Nur durch den im Wort vermittelten Christus wird der Sünder mit Gott verbunden. Solch ein Vortrag hätte Luther vermutlich die Zornesröte ins Gesicht getrieben und eine solche Mystik hätte er als Abgötterei beschrieben:

    „Abgötterei heißt und ist allerlei Heiligkeit, Gottesdienst und geistlich Wesen, es gleiße von außen, wie schön und herrlich es kann, dazu allerlei hitzige und brünstige Andacht des Herzens derer, die Gott dienen wollen ohne Christus, den Mittler, ohne sein Wort und besonderen Befehl.“

    An anderer Stelle schreibt Luther als Trost für eine geängstete Person:

    „Daß dieselbe Person aber auch Christus recht erkenne (ist not), nämlich daß durch ihn allein alle unsere Sünde bezahlt und uns Gottes Gnade gegeben wird, auf daß sie nicht durch sich selbst, ohne diesen Mittler einen Zugang zu Gott suche.“

  2. @Johannes: Ich habe mich darüber auch gewundert, zumal Luther die ἕνωσις μυστική gekannt haben müsste. Vielleicht ist das nur ein Sprachproblem, Luther benutze m.W. eher „Vereinigung“. Habe keine Zeit, der Sache nachzugehen.
    Liebe Grüße, Ron

  3. Johannes Otto meint:

    @Ron: Luther fängt, soweit ich es sehe, etwa 1518 an, sich kritisch gegenüber der Mystik zu äußern. Unter anderem in der Auseinandersetzung mit Karlstadt scheint es dann Mitte der 1520er zum eindeutigen Bruch zu kommen. Was den Begriff „Mystik“ betrifft, so war die Schrift von Dionysius ja als „De mystica theologia“ überliefert. Ob Luther dann das deutsche Wort „Mystik“ verwendet hat, müsste man mit einem Blick in die WA mal nachprüfen, die Sache und die lateinische Bezeichnung waren ihm jedenfalls ofensichtlich bekannt. Daher ist die Behauptung im Beitrag des DLF für mich nicht so ganz nachvollziehbar.

    Liebe Grüße, Johannes

  4. @Johannes: Ich kann mir kaum vorstellen, dass Luther nur den lateinischen Begriff mysticus benutzt hat. Der Artikel Luther und die Mystik (ZSTh 13, 1936, 150-240) könnte weiterhelfen. Siehe auch: http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/93.html

    Zeit müssten wir haben. 😉

    Liebe Grüße, Ron

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  1. […] dazu auch den Beitrag Martin Luther und die deutsche Mystik (der dazugehörige DLF-Beitrag ist leider nicht mehr […]

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