Stefan Zweigs Rolle

Der Schriftsteller Stefan Zweig zeichnete Johannes Calvin in seinem Roman Calvin oder ein Gewissen gegen die Gewalt (1936 erschienen und als indirekte Kritik am Nazireich gedacht) als freudlosen Finsterling, als tyrannischen und verklemmten Diktator, der Andersdenkende gnadenlos verfolgte. Leider ist im deutschsprachigen Raum dadurch der Eindruck entstanden, Calvin hätte sich als Reformator in Genf durch anhaltende Machmissbräuche hervorgetan. Matthias Freudenberg schreibt dazu im Calvin Handbuch:

Das wohl bekannteste und in der populären Calvinrezeption verbreitetste Beispiel eines negativen Umgangs mit dem Genfer Reformator liegt im Geschichtsroman des Literaten Stefan Zweig Castellio gegen Calvin oder ein Gewissen gegen die Gewalt (1936) vor. Zweig urteilte, Calvin hätte einen „hysterischen Machttrieb“, er betriebe „eine drakonische Entrechtung der Persönlichkeit, vandalische Ausplünderung des Individuums“. Mitleidlos ließe er Druckerpressen, Kanzel, Katheder, Synoden und die Staatsgewalt spielen und hätte seinen Widerpart Castellio vollkommen überwacht. Sein „Wille über alle“ herrschte in der Stadt, er kämpfte um „die Totalität der Macht“ und beabsichtigte die völlige „Gleichschaltung eines ganzen Volkes“ im Stile einer neuen Form „dogmatischer Diktatur“. Schon Calvins Antlitz offenbarte die Strenge und Härte seiner Lehre (zitiert nach Ulrich 2002,173 f.). Aufschlussreich zum Verständnis dieser polemischen Schrift ist ihr Entstehungsjahr 1936 mit den Eindrücken der Gewalt und der totalitären Herrschaft des Nationalsozialismus auf Zweig. Ohne eigenes gründliches Calvinstudium und durch sekundäre Informationen mit negativen Urteilen versorgt, lieferten die zeitgenössischen Ereignisse – der Konflikt zwischen Intoleranz und Humanismus – das Interpretationsmuster zur Darstellung des Fanatikers Calvins, der in grotesker Weise verzeichnet wurde. Indirekt knüpfte Zweig an die ohne Sympathie für Calvin verfasste Darstellung von Friedrich W. Kampschulte Johannes Calvin. Seine Kirche und sein Staat in Genf aus dem 19. Jahrhundert an. Calvin wurde zur dunklen Folie für den an Castellio entdeckten Toleranzgedanken, dem Zweig sich selbst verpflichtet sah. Letztlich nahm Zweig eine idealtypische Historiographie vor, in der er geschichtliche Phänomene personalisierte und Calvin in die Nähe Hitlers rückte (vgl. Ulrich 2002,179-182). Die Wirkung von Zweigs Zerrbild Calvins reicht bis in die Gegenwart, fand gelegentlich Eingang in Schulbücher und beeinflusste bisweilen das Calvinbild populärer Nachschlagewerke.

Seit einiger Zeit wird nun Zweig selbst verdächtigt, junge Menschen, wohl überwiegend Frauen, bedrängt zu haben. Ulrich Weinziel hat in seinem Buch Stefan Zweigs brennendes Geheimnis (Zsolnay Verlag, Wien 2015) die These aufgestellt, Zweig sei ein Erotomane gewesen und habe dazu geneigt, Frauen sexuell zu terrorisieren. Die Geschichte der Wiener Moderne muss freilich nicht umgeschrieben werden.

Hier das DLF-Gespräch mit Ulrich Weinziel:

 

Stefan Zweigs brennendes Geheimnis von Ulrich Weinzierl

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Kommentare

  1. Hier mehr über Zweig und seinen Exhibitionismus:
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-138749283.html

  2. Teresa meint:

    @H. Lahayne:

    Das ist leider ein „argumentum ad hominem“ und tut nichts zur Sache, ob Calvin ein guter oder böser Mensch war. Bitte entkräften Sie die historischen Tatsachen, die Calvin betreffen, anstatt sich zu echauffieren, dass ein Perverser sie genutzt hat, um sich selbst zu erhöhen.

    Danke.

  3. @Teresa: Wie soll es denn gelingen, historische Tatsachen zu entkräften?

    Liebe Grüße, Ron

  4. Teresa meint:

    Eben: Historische Tatsachen kann man nicht entkräften.
    Historische Tatsache ist, dass Calvin in Genf eine Art christliche „Scharia“-Gesellschaft eingeführt hat. Er hat Leute bis in kleinste Details ihres Lebensstils zu einem „tugendhaften Lebensstil“ gezwungen, damit hat er aber gegen den Grundsatz verstoßen, dass man Gott nur freiwillig lieben kann und auch muss, um gerettet zu werden. Dass Stefan Zweig, der diese Tatsachen literarisch verarbeitet hat, selbst ein anders gelagertes, aber ebenfalls charakterliches Problem hatte, tut nichts zu Sache Calvin. Zweig täte nur etwas zur Sache, falls er nicht die historische Wahrheit beschrieben hätte. Die wichtigere Frage ist, warum hat Calvin so gehandelt und inwiefern ergibt sich das aus seinem düsteren Gottesbild.

  5. Peter Geerds meint:

    @Teresa
    Stefan Zweig hat sich nicht so an die historischen Tatsachen gehalten. Die neuere Calvin-Forschung ist davon überzeugt.

    Er hat Leute bis in kleinste Details ihres Lebensstils zu einem „tugendhaften Lebensstil“ gezwungen …

    Und? Der Staat grenzt meine Grundrechte ein, z. B. das auf freie Meinungsäußerung. Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat vor einigen Jahren festgestellt, dass das Streikrecht ein unaufgebbares Grundrecht ist. Die Bundes- und Landesbeamten dürfen in Deutschland nicht streiken. Was schließt du jetzt daraus?

  6. @Teresa: Es geht doch in diesem Thread darum, dass Zweig Calvin und das Leben in Genf gerade nicht historisch dargestellt hat. Zweig hat Calvin verfremdet und instrumentalisiert.

    Liebe Grüße, Ron

  7. Alexander meint:

    „Getretner Quark wird breit nicht stark“, pflegte einer meiner Lehrer zu sagen. Dass Calvin in Genf eine Schreckensherrschaft oder „Scharia-Gesellschaft“ eingerichtet hätte, ist schon deswegen Unsinn, weil er das Genfer Bürgerrecht erst 1559, wenige Jahre vor seinem Tod, erhalten hat und weil es natürlich in Genf eine politische Körperschaft gab, den Großen Rat, welche das Sagen hatte. Natürlich versuchte Calvin auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Aber jeder, der einmal ernsthafte Werke zur Geschichte der Reformation in Genf gelesen hat (und damit meine ich nicht den Geschichtsklitterer Zweig), weiß, wie wenig Calvin dies gelungen ist. Der Rat der Stadt Genf ist es auch, der den Prozess gegen Servet an sich gerissen und Servet zum Feuertod verurteilt hat. Calvin versuchte bekanntlich, wenigstens eine weniger grausame Hinrichtungsart durchzusetzen. Auch das ist ihm wie man weiß nicht gelungen.

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