Hier klingt Martin Heidegger ganz ähnlich wie Kierkegaard (Anmerkungen I-V, Gesamtausgabe, Bd. 97, Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 2015, S. 205–206):
Christentum ist Metaphysik, die den christlichen Glauben als Wissen ausgibt. Christlichkeit ist der Glaube an Christus in Christus.
Wer gegen das Christentum denkt, denkt nicht gegen die Christlichkeit; denn gegen sie kann das Denken aus zwei Gründen nicht denken: einmal, weil das Denken, wenn es „gegen“ denkt, nur gegen sich selbst zu denken hat; und zum anderen und in der Folge, weil das Denken als Denken die Kluft zum Glauben ist und es nicht nötig hat, erst noch gegen den Glauben zu denken. Aber es liegt im Wesen der Kluft, daß sie, was auf der einen und der anderen Seite liegt, in seiner eigenen Ruhe läßt. Nur die Theologen, die Christentum für Christlichkeit halten, verwirren alles. Die Theologen haben recht, wenn sie sich vor dem Denken fürchten und darin ihren größten Feind sehen. Sie haben recht, wenn sie deshalb alle Machtmittel, sogar die des Staats, mobilisieren, um das Denken aus ihrer Machtsphäre auszuschalten. Aber die Theologen haben unrecht, wenn sie meinen, sie wirkten damit für den Glauben.
Der Name „christlich“ bleibt zweideutig; er sagt entweder: christentümlich, oder: Christ-gläubig. Wer gegen „das Christliche“ spricht, muß zweideutig sprechen. Wenn er gegen das Christentümliche spricht, spricht er noch nicht gegen das Christliche im Sinne des Christ-Gläubigen – aber auch nicht für dieses. Er kann dies als denkender auch nicht; es wäre, wenn er wollte, ein Mißverständnis; denn der Glaube bedarf solcher Fürsprache nicht; er kommt als Gnade aus Christus selbst. Aber es könnte nötig sein, und zwar des Denkens wegen, gegen das Christliche im Sinne des Christentümlichen zu sprechen. Dies Gegen könnte mittelbar, durch die Kluft zum Christlichen im Sinne des Glaubens, und wider den „Willen“ des Denkens ein Sprechen für den Glauben sein; dafür nämlich, daß er aus Christus ist und nicht aus der Theologie. Solche Überlegungen sagen dem Glaubenden und dem Denkenden nichts Neues. Sie sagen aber in einer Zeit der Verwirrung des Christlichen und in einer Zeit der Angst vor dem Denken vielleicht doch Menschen etwas Befremdliches. Wenn jedoch die Verwirrung des Christlichen noch einmal verwirrt wird in der Verkennung des Heiligen durch das Gerede von „der Transzendenz“, dann könnten solche Überlegungen wenigstens dazu dienen, auf die Kluft zwischen Glauben und Denken hinzuweisen.
Das Denken ist für den Glauben eine Torheit und das Unmögliche ist der Glaube für das Denken.
Aber beide sind einig, indem sie sich anerkennen; die Anerkennung besteht in der Forderung des Glaubens, daß das Denken Denken, und in der Forderung des Denkens, daß der Glaube Glaube sei. Diese Forderung wird jedoch als gemäße nicht dadurch lebendig, daß sie sich von beiden her ausspricht, sondern nur so, daß der Glaube ein Glaube ist und das Denken ein Denken. Also waltet in solchem Anerkennen doch ein Streit. Allerdings. Aber ein Streit, der nicht innerhalb und nicht durch menschliches Wollen geschlichtet wird. Vereinfacht ist der Streit verborgenerweise.