Autorenname: Ron

„Genderismus“ als Sündenbock

In dem Aufsatz „‚Genderismus‘ als Sündenbock“ beschwert sich Judith Butler über die zunehmende Kritik an den Gendertheorien (Philosophie Magazin, Sonderausgabe 20, Jan/Apr 2022, S. 18–23, zuerst am 23.10.2022 als „Why is the idea of ,gender‘ provoking backlash the world over?“ im Guardian erschienen).

Sie behauptet dort im Wesentlichen, dass der Treiber des „Antigenderismus“ die Sehnsucht nach autoritärer Herrschaft und Zensur sei. Unter dem Vorwand, dass die Kritiker der Gendertheorien keinen Bildungswillen mitbrächten und kaum dazu bereit seien, sich mit Ansichten auseinanderzusetzen, die ihren eigenen widersprechen, verzichtet sie darauf, inhaltliche Argumente für ihre Behauptung vorzutragen. Dafür macht sie genau das, was sie ihren Opponenten unterstellt. Sie vereinfacht, diffamiert und schablonisiert. Und sie rückt den „Antigenderismus“ in die Nähe des Faschismus. Ausgrenzungen dieser Art verfehlen ihr Ziel selten. Sie zeigen eben auch oft, dass es um sachliche Argumente nicht gut bestellt ist.

Nachfolgend einige Zitate von Judith Butler aus dem besagten Aufsatz:

Die Argumente der Anti-Gender-Bewegung sperren sich gegen eine schlüssige Rekonstruktion, weil es ihren Vertretern nicht unbedingt auf Konsistenz und Kohärenz ankommt. (S. 19)

Auch wenn die Bewegung allgemeiner nationalistisch, transphob, misogyn und homophob ist, besteht ihr Hauptziel in einer Umkehrung der rechtlichen Fortschritte, die die LGBTQI- und feministischen Bewegungen in den letzten Jahrzehnten erkämpft haben. (S. 19)

[Die Vertreter der Gendertheorien] bestreiten nicht, dass es ein biologisches Geschlecht gibt; sie fragen danach, wie Geschlecht durch medizinische und rechtliche Rahmenbedingungen hergestellt wird, wie sich dieser Rahmen historisch verändert hat und welchen Unterschied es für die soziale Organisation unserer Welt macht, wenn das Geschlecht, das wir bei der Geburt zugewiesen bekommen, für das weitere Leben unter anderem in den Arbeits- und Liebesverhältnissen keine vorbestimmende Rolle mehr spielt. (S. 19–20)

Im Allgemeinen stellen wir uns die Zuweisung des Geschlechts als etwas vor, das nur einmal geschieht. Aber was ist, wenn wir es uns als komplexen und revidierbaren Prozess denken? Das heißt über die Zeit revidierbar für diejenigen, die das falsche Geschlecht zugewiesen bekommen haben? Wer eine solche Perspektive einnimmt, stellt sich nicht gegen die Wissenschaft, sondern fragt nur, in welcher Weise Wissenschaft und Recht in die soziale Regulierung von Identitäten eingehen. (S. 20)

Angestachelt von Sorgen vor einem Zusammenbruch der Infrastruktur, Hass auf Migranten und – in Europa – der Furcht, der Unantastbarkeit von heteronormativer Familie, nationaler Identität und weißer Vorherrschaft verlustig zu gehen, suchen viele die Schuld bei der zersetzenden Kraft von Gender, Postkolonialismus und Critical Race Theory. Wenn sich diese Gruppen Gender als Invasion von außen imaginieren, zeigen sie nur zu deutlich, dass sie selbst nationalistisch motiviert sind. (S. 20)

Gleichzeitig nehmen Gegner der „Gender-Ideologie“ Zuflucht zur Bibel, um ihre Ansichten über die natürliche Hierarchie zwischen Mann und Frau und über die je eigenen Vorzüge des Männlichen und Weiblichen zu untermauern (auch wenn fortschrittliche Theologen klargestellt haben, dass diese auf strittigen Lesarten der Bibeltexte beruhen). In Angleichung der Bibel an die Naturrechtslehre erklären sie das zugewiesene Geschlecht zur göttlichen Setzung und tun seltsamerweise so, als stünden heutige Biologinnen und Medizinerinnen im Dienste einer Theologie aus dem 13. Jahrhundert. (S. 22)

Als faschistische Tendenz greift sie vielmehr auf eine ganze Reihe rhetorischer Strategien aus dem gesamten politischen Spektrum zurück, um damit die Angst vor Unterwanderung und Zerstörung, die ganz unterschiedlichen ökonomischen und sozialen Kräften entspringt, auf die Spitze zu treiben. Sie strebt überhaupt nicht nach Konsistenz, denn ihre Stärke speist sich gerade auch aus ihrer Inkohärenz. (S. 22)

[Die Anti-Gender-Ideologie] ist reaktionäre Hetze, ein Bündel aufwiegelnder Widersprüche und inkohärenter Behauptungen und Anwürfe. Sie lebt von genau der Instabilität, die sie einzudämmen verspricht, und ihr eigener Diskurs stiftet selbst nichts als Chaos. Durch eine Flut inkonsistenter und übertreibender Behauptungen rührt sie sich eine Welt diverser unmittelbarer Bedrohungen zusammen, um ihren Ruf nach autoritärer Herrschaft und Zensur zu unterfüttern.

Als faschistische Tendenz unterstützt die Anti-Gender-Bewegung immer stärker werdende Formen des Autoritarismus. Durch ihre Taktiken werden Staaten ermutigt, in Universitätsprogramme einzugreifen, Kunst und TV-Programme zu zensieren, Transpersonen ihre Rechte zu verwehren und LGBTQI aus öffentlichen Räumen zu verbannen, reproduktive Freiheiten einzuschränken und den Kampf gegen Gewalt gegen Frauen, Kinder und LGBTQI- Personen zu untergraben. (S. 23)

Warum ist dieser Beitrag so unsachlich und im Ton herabwürdigend? Zum Teil kann das damit erklärt werden, dass viele Texte von Judith Butler in so einem Stil vorgetragen sind. Sie schreibt mehr als Aktivistin denn als Philosophin. Es könnte aber darüber hinaus der Fall sein, dass sich immer mehr Intellektuelle gegen die oft seltsamen Thesen des Genderaktivismus wehren und die Luft für die vielen Gender-Professorinnen enger wird. Aus Betroffenheit entwickelt sich manchmal Wut.

Alan Sokal (ja, genau der vom Sokal-Skandal, vgl. hier S. 11–16) kommentiert den Aufsatz von Butler sachlich: „Wir unterstützen voll und ganz das Recht aller Menschen, ihr Leben so zu leben, wie sie es wünschen, frei von Gewalt, Belästigung und Diskriminierung. Wir sind jedoch nicht mit der radikalen Idee einverstanden, dass die selbst deklarierte Geschlechtsidentität das biologische Geschlecht für alle rechtlichen und sozialen Zwecke ersetzen sollte.“

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Nochmal: Weihnachtsaktion 2021

Da schon in wenigen Tagen die Verlosung des Logos 9 Silber-Pakets stattfindet, hier noch einmal der Hinweis auf die Weihnachtsaktion:

Wir nähern uns Weihnachten 2021. Ich möchte mich erneut bei allen TheoBlog-Lesern für das Interesse, die persönlichen Gespräche sowie anregende Kommentare bedanken!

Einige Besucher haben wieder Bücher oder andere Dinge über TheoBlog bei Amazon bestellt (mehr dazu hier). Zudem habe ich einige Spenden zur Unterstützung des Blogs erhalten. Herzlichen Dank! Das ist eine Ermutigung dafür, weiterzumachen!

Ich bin dankbar für jeden, der mit einer Spende der Arbeit mit dem Blog unter die Arme greift. Dafür gibt es eine Bankverbindung oder ein Paypal-Formular. Vielen Dank!

Erneut möchte ich mich durch eine Aufmerksamkeit erkenntlich zeigen. Der Softwarehersteller Faithlife ermöglicht in diesem Jahr eine Verlosung der phantastischen Bibelsoftware Logos 9 in der Edition Silber.

Aktion: Logos 9 Silber

Logos ist eine führende Bibelsoftware und im deutschsprachigen Raum der größte Anbieter für digitale Literatur aus dem Bereich Theologie. Ich selbst arbeite seit vielen Jahren intensiv mit Logos und bin außerordentlich zufrieden (siehe hier).

Die Bibliothek der Edition Silber enthält unglaublich viele Ressourcen wie etwa das Lexikon zur Bibel, die Biblia Hebraica Stuttgartensia oder die Biblische Dogmatik und vieles mehr.

Das Paket eignet sich ideal für Bibelschüler, Älteste oder Laienprediger. Die Funktionen von Logos 9 Silber umfassen Studienhilfen, das Faktenbuch, einen Atlas, und vieles mehr. Die Software ist verfügbar unter Windows, Mac, Android, iOS und kann auch im Internet genutzt werden. Weitere Informationen über das Paket gibt es hier.

Falls ein Teilnehmer gewinnt, der die Logos 9 Silber Edition bereits besitzt, wird die Firma Faithlife großzügigerweise einen Gegenwert für das Nutzerkonto anrechnen.

Ich danke dem Produktmanagement von Faithlife Deutschland an dieser Stelle für ihre hervorragend Arbeit mit Logos und für die Unterstützung dieser Weihnachtsaktion! Ihr macht eine klasse Arbeit!

Jeder Blog-Leser hat die Chance, das Softwarepaket zu erhalten. Um Empfänger von Logos 9 Silber werden zu können, sind folgende drei Punkte zu beachten:

  • Sie müssen TheoBlog regelmäßig lesen (Vertrauenssache).
  • Sie müssen mir über das Kontaktformular Ihre E-Mail-Adresse mitteilen (und dabei unbedingt das Stichwort: „Weihnachtspäckchen“ in der Mitteilung erwähnen).
  • Am 21. Dezember werde ich von meiner jüngsten Tochter unter allen übersandten Adressen einen Empfänger über ein Losverfahren auswählen lassen und die gewählte Person kontaktieren (Vertrauenssache). Nach Übersendung der Postanschrift stelle ich den Kontakt zur Firma Faithlife her, die dann die Software „freischalten“ wird.

Vielen Dank!

R.C. Sproul: A Life

Nichols Sproul A lifeAm 14. Dezember 2017 verstarb R.C. Sproul im Alter von 78 Jahren. Timon Kubsch hat anlässlich seines Todestages die Biographie R.C. Sproul: A Life von Stephen J. Nichols besprochen:

Die Biografie ist mit viel Liebe zum Detail geschrieben und von großer Anerkennung für Sprouls Leben geprägt. Dabei lässt Nichols den Leser nicht nur einen zugeneigten Blick auf das werfen, was diesen treuen Mann Gottes geprägt hat. Vielmehr scheint es durch die privaten Details, die ausführliche Beschreibung des Lebensweges, die vielen Zitate von Sproul selbst und durch mehrere heitere Passagen fast so, als ob man R.C. Sproul selbst beim Lesen kennenlernt. Was dabei meiner Meinung nach etwas zu kurz kommt, ist die Frage, wie Sproul – neben all den theologischen Debatten – im privaten Leben mit Rückschlägen und Leid umgegangen ist. Außerdem könnte manch einen deutschsprachigen Leser nicht nur die englische Sprache, sondern auch das teils sehr spezifisch amerikanische Vokabular etwas abschrecken, welches eine gewisse Kenntnis des amerikanischen Kontextes voraussetzt. Nichtsdestotrotz ist R.C. Sproul: A Life eine lesenswerte Lektüre für jeden, der sich von dem Leben dieses gottesfürchtigen Mannes inspirieren und seinen Fokus wieder neu auf Gottes Heiligkeit und Größe ausrichten lassen möchte.

Mehr: www.evangelium21.net.

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Offene Türen öffnen Herzen

Anna Tissen schreibt in ihrer Rezension des Buches Offene Türen öffnen Herzen (CV, 2021):

„Ich habe ein bisschen Angst, das Buch zu lesen, weil ich fürchte, dass es mich herausfordern wird.“ Diese Bemerkung bekam ich in der Vorbereitung auf die Rezension von jemandem zu hören, der das Buch gerade auf seine Leseliste gesetzt hatte.

Gemeint ist das Buch Offene Türen öffnen Herzen – Radikal einfache Gastfreundschaft in einer nachchristlichen Welt von Rosaria Butterfield, das kürzlich auf Deutsch erschienen ist. Es beschreibt in Ansätzen die Geschichte der Autorin, die als überzeugte Nichtchristin wieder und wieder von einem gläubigen Ehepaar eingeladen wurde und schließlich zu Christus fand. Vor diesem Hintergrund nimmt Rosaria Butterfield den Leser mit in ihr Haus und zeigt, wie Gott dieselbe „radikal einfache Gastfreundschaft“ gebrauchen kann, um deinen Freunden und Nachbarn das Evangelium zu bringen.

Den Rahmen des Buches bilden persönliche Geschichten, die immer wieder mit Bibelstellen, Lehre und praktischen Tipps verwoben werden. Die Geschichten werden nicht unbedingt in sich abgeschlossen erzählt, sondern bilden mehrere, zeitlich nicht immer aufeinanderfolgende Erzählstränge, in denen der Leser immer wieder Menschen aus dem Umfeld der Autorin begegnet. Das macht das Buch sehr persönlich, erfordert aber auch ein gutes Gedächtnis des Lesers und empfiehlt das Durchlesen „am Stück“.

Mehr: www.evangelium21.net.

Gendern als Staatspflicht

Die Stadt Hannover hat vor drei Jahren in Deutschland die geschlechtergerechte Sprache zur verbindlichen Norm in der Verwaltung gemacht. Die Vorgaben der Stadt sind oft kritisiert worden. Die niedersächsische Landeshauptstadt hat deshalb ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Die Verfasserin ist Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Geschlechterstudien, insbesondere Intersektionalität und Postkategorialität, Gewalt im Geschlechterverhältnis, Antidiskriminierungsrecht und Rechtssoziologie. 2020 nominierte sie die Linksfraktion für die Wahl zur Richterin am Verfassungsgericht von Berlin. So kann das Ergebnis ihres Gutachtens kaum überraschen. Die FAZ schreibt:

Der 123 Seiten lange Text könnte die Debatte über die gendergerechte Sprache in Deutschland neu befeuern, denn die Professorin aus Berlin geht darüber hinaus, die neuen Sprachregeln in Hannover lediglich zu einer zulässigen Möglichkeit zu erklären. Lembke leitet aus dem Grundgesetz vielmehr eine Pflicht für staatliche Stellen ab, künftig gendergerechte Sprache zu verwenden und auch auf binäre Anreden wie „Sehr geehrte Damen und Herren“ zu verzichten. „Die Pflicht zur sprachlichen Nichtdiskriminierung besteht von Verfassung wegen und kann durch gesetzliche Regelungen oder durch Verwaltungsvorschriften, Erlasse und Weisungen konkretisiert werden“, schreibt Lembke

…

Die Berliner Professorin sieht auch nicht nur Verwaltungen im engeren Sinne in der Pflicht. Auch Gerichte und sonstige staatliche oder staatsnahe Einrichtungen sollen gendergerechte Sprache gebrauchen müssen. Zur Lage an den Schulen nimmt das Gutachten keine Stellung, dort stellt sich das Problem, dass die Sprachvorgaben mit geltenden Rechtschreibregeln kollidieren, besonders vehement.

A. Kuyper: Das Zeugnis des Heiligen Geistes

Abraham Kuyper sagt über das Zeugnis des Heiligen Geistes (Calvinismus, 2021 [1898], S. 63):

Die Notwendigkeit des Glaubens an die Heilige Schrift beruht darum für den Calvinisten nicht auf logischen Erwägungen, sondern auf dem immittelbaren Zeugnis des Heiligen Geistes, auf dem „testimonium Spiritus Sancti“. Seine Einsicht in die Inspiration ist abgeleitet, und abgeleitet ist jede kanonische Erklärung der Schrift, aber nicht abgeleitet, sondern unmittelbar wirkt die magnetische Kraft, womit die Schrift seine Seele wie der Magnet den Stahl anzieht und festhält. Und dies geht weder magisch noch unergründlich mystisch zu, sondern so, dass Gott zuerst sein Herz wiedergebiert, durch diese Wiedergeburt einen unversöhnlichen Streit zwischen seinem Herzen und der lügnerischen Welt um ihn her entfacht, und dann ihm in dieser Schrift eine Welt der Gedanken, eine Welt der Kraft und eine Welt des Lebens erschließt, wie sie auf sein wiedergeborenes Herz passt, damit übereinstimmt und als wahre, wesentliche Welt dazu gehört. Dass er diese Identität, die das wiedergeborene Leben seines eigenen Herzens mit der Welt der Heiligen Schrift aufweist, sehen und tasten kann, das ist dasjenige, was dieses „testimonium Spiritus Sancti“ in seinem Herzen zustande bringt. Er will seinen Gott wieder besitzen, er sucht den Heiligen, alles, was in ihm ist, dürstet nach dem Unendlichen, nun wohl, außer dieser Schrift gewährt er nur Schattenlinien, erst wenn er durch das Prisma dieser Schrift in die Höhe emporschaut, entdeckt er seinen Gott wieder wirklich. Darum legt er aber der Wissenschaft keine Fessel an: mag kritisieren, wer kritisieren will; auch die Kritik trägt in sich die Verheißung der Vertiefung unserer Einsicht in die Schrift.

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Folgt der Wissenschaft?

Professor Peter Dabrock mahnt in seinem Beitrag „Folgt der Wissenschaft?“ wissenschaftliche Institutionen, nicht leichtfertig für sich in Anspruch zu nehmen, „die Wissenschaft“ zu repräsentieren. Und er erwartet, dass sie sich nicht für politische Interessen verzwecken lassen (FAZ vom 13.12.2021, Nr. 290, S. 6):

Gerade die großen Wissen­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen müssen daran arbei­ten, die von ihren Mitglie­dern erwor­be­nen Repu­ta­tio­nen nicht zu verspie­len. Hier bedarf es eines selbst­kri­ti­schen, nach meiner Wahr­neh­mung noch ausste­hen­den Klärungs­pro­zes­ses. Dazu zählt, dass die Wissen­schafts­aka­de­mi­en, von denen es eben mehr als eine gibt, in der Außen­kom­mu­ni­ka­ti­on stär­ker erken­nen lassen, was ihr Selbst­ver­ständ­nis nach innen schon längst prägt: Sie sind nicht mehr hono­ri­ge Gelehr­ten­ver­samm­lun­gen, sondern Arbeits­aka­de­mi­en. Daher soll­ten sie sich weni­ger als Poli­tikak­teu­re insze­nie­ren als viel­mehr Diskurs­raum bereit­stel­len, in dem auf Grund­la­ge metho­di­scher und fach­li­cher Stan­dards Wissen­schaft betrie­ben werden kann – mit den jeweils gülti­gen Erkennt­nis­sen, mit diskur­si­ver Strit­tig­keit und der daraus dennoch ableit­ba­ren Orien­tie­rung.

Gendern darf benotet werden

Niemand wird gezwungen, in gendergerechter Sprache zu schreiben. Doch der Gebrauch von geschlechtergerechter Sprache darf laut einem Rechtsgutachten unter bestimmten Umständen in die Benotung einer Prüfung einfließen. Die Uni Kassel hat ein Rechtsgutachten dazu in Auftrag gegeben. Die Welt berichtet: 

Erstellt wurde das Gutachten von Rechtswissenschaftler Michael Sachs, ehemaliger Co-Direktor des Instituts für Deutsches und Europäisches Wissenschaftsrecht der Universität Köln. Er kommt zu dem Schluss, dass Gendern zwar nicht als formales Kriterium für eine Prüfungsleistung (wie etwa Rechtschreibung und Grammatik) festgelegt werden soll.

Dozenten dürften geschlechtergerechte Sprache jedoch „zu einem gewissen Anteil“ berücksichtigen, solange es dafür einen fachlichen oder berufsqualifizierenden Bezug gebe, heißt es in der Zusammenfassung des Gutachtens, welche die Uni Kassel am Mittwoch veröffentlichte. Die Bewertung müsse jedoch verhältnismäßig sein und dürfe nicht willkürlich erfolgen, betont Gutachter Sachs darin. Im Zweifel müsse der „Antwortspielraum des Prüflings“ respektiert werden.

Die Universität sieht mit den Ausführungen des Rechtsexperten ihre früheren Einschätzungen zur Bewertung geschlechtergerechter Sprache bestätigt. 

Ich hoffe auf weitere Gutachten, die zu einem anderen Ergebnis führen. 

Mehr hier: www.welt.de.

Karl Marx in Paris

In dem sehr empfehlenswerten Buch Karl Marx in Paris: Die Entdeckung des Kommunismus fand ich einen Abschnitt, in dem Jan Gerber anschaulich beschreibt, wie leichtfertig Karl Marx das Geld anderer Leute ausgegeben hat (Jan Gerber, Karl Marx in Paris, S. 59):

Der sorglose, geradezu leichtsinnige Umgang mit eigenem und fremdem Vermögen sollte zu Marx’ Markenzeichen werden. Auch später lebte die Familie regelmäßig am Rand des bürgerlichen Existenzminimums. Kam Geld ins Haus, dann wurde es innerhalb kürzester Zeit verprasst: Die Familie zog in immer größere Häuser und hielt sich zeitweise zwei Dienstmädchen; Eleanor, Laura und Jenny Marx, die drei Töchter, bekamen Klavier-, Zeichen-, Französisch- und Italienischunterricht.

Anders als vielen Marxisten des 20. Jahrhunderts, denen weniger an der Befreiung des Proletariats als an der Proletarisierung der Befreier gelegen war, ging es Marx, das stellte er schon in den Pariser Manuskripten klar, nicht um die Forderung nach gleichem Elend für alle. In seinen besten Momenten hatte er stattdessen den Lebensstil des untergehenden Adels als Blaupause für eine zukünftige Gesellschaft vor Augen.

VD: RK

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