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Rezension: Homosexualität

41emqNHn6rL SX329 BO1 204 203 200Die Rezension zum Buch:

ist inzwischen in der Ressourcenbibliothek von Evangelium21 gelandet und kann dort auch als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Hier die ersten Absätze:

In diesem Buch hat die Evangelische Allianz in Großbritannien zu einem emotional und kontrovers besetzten Thema Stellung bezogen. Die Herausgeber sind eng mit der evangelikalen Dachorganisation verbunden. Andrew Goddard war bis 2015 stellvertretender Direktor des Kirby Laing Institute for Christian Ethics in Cambridge, inzwischen ist er wissenschaftlicher Leiter der Einrichtung. Don Horrocks war bis 2015 Öffentlichkeitsreferent der Allianz in Großbritannien. Die beiden haben für die Beiträge, die am Ende eines mehrjährigen Klärungsprozesses von der Britischen Allianz zur Verfügung gestellt worden sind, die Schlussredaktion übernommen. Wenn ich nachfolgend von Autoren spreche, dann meine ich damit all diejenigen, die an dem Gesamtpaket mitgewirkt haben.

Das Buch enthält zehn Leitsätze, die biblische Begründungen für eine christliche Sexualethik mit seelsorgerlichen Anliegen verbinden. Im ersten Leitsatz heißt es etwa: „Wir erkennen an, dass wir alle Sünder sind und dass Jesus Christus die einzige wirkliche Hoffnung für sündige Menschen ist, wie immer unsere eigene Sexualität auch aussehen mag. Es ist unser ernstes Gebet, dass evangelikale Erwiderungen auf die Debatten zur Homosexualität heute wie auch zukünftig von seiner Liebe, Wahrheit und Gnade geprägt sein mögen“ (S. 23). Der siebte Leitsatz lautet: „Wir würdigen und ermutigen alle, die gleichgeschlechtlich empfinden und sich zur Enthaltsamkeit verpflichtet haben, indem sie von gleichgeschlechtlichen sexuellen Handlungen Abstand nehmen. Wir sind überzeugt, dass sie für Ordination und Leitungsdienste in der Kirche bzw. Gemeinde geeignet sind. Wir erkennen an, dass sie in den Bereich des christlichen Hirtendienstes wertvolle Einsichten und Erfahrungen einbringen können.“ Entlang dieser Leitsätze ist das Buch in fünf Kapitel strukturiert, die jeweils unterschiedliche Themenfelder erörtern.

Das erste Kapitel behandelt das Sündersein des Menschen sowie für die Debatte wichtige Begriffe und Grundeinsichten. Eingegangen wird dort auch auf Bezeichnungen von sexuellen Minderheiten und die statistische Streuung. Die Zahlen zur Verbreitung von Homosexualität schwanken enorm, je nach Untersuchung liegen sie zwischen 1 bis 8 Prozent. Die Autoren orientieren sich an Erhebungen, die 2010 für das Vereinigte Königreich vom Statistischen Nationalamt vorgenommen wurden. Demnach wird übereinstimmend mit früheren Forschungen geschätzt, dass 1,4 Prozent der Einwohner schwul, lesbisch oder bisexuell sind (S. 34–35). Diese Angaben weichen beachtlich von der öffentlichen Wahrnehmung ab. In den USA wurde beispielsweise 2011 festgestellt, dass 1,8 Prozent der Erwachsenen sich als bisexuell und 1,7 Prozent als lesbisch oder schwul bezeichnen. Demgegenüber ergab eine Gallup-Umfrage aus demselben Jahr, dass die Erwachsenen in den USA davon ausgehen, dass im Durchschnitt 25 Prozent der Amerikaner schwul oder lesbisch sind (vgl. S. 35).

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Ist das Christentum die wahre Religion?

Wenn ich im Unterricht versuche, den Neuansatz Friedrich Schleiermachers zu erklären, provoziert das hin und wieder verwundertes Fragen. „Wie ist das genau gemeint?“ „Muss ich das verstehen?“

Kurz: Für den Theologen Schleiermacher steht das fromme Selbstbewusstsein des Menschen, jenes „Bewusstsein schlechthinniger Abhängigkeit“ (F. Schleiermacher, Der christliche Glaube (1830/31), Bd. 1, 1984, S. 3–6) im Zentrum der Theologie. Die Glaubenslehre beruht für ihn auf zweierlei, „einmal auf dem Bestreben die Erregung des christlich frommen Gemüthes in Lehre darzustellen, und dann auf dem Bestreben, was als Lehre ausgedrückt ist, in genauen Zusammenhang zu bringen“ (Der christliche Glaube (1821/22), Bd. 1, 1984, S. 16). An die Stelle der Heiligen Schrift tritt das Erleben des Gläubigen. „Der Mensch war das Subjekt seiner Theologie, Gott das Prädikat“ (H. Zahrnt, Die Sache mit Gott, 1996, S. 39). Jan Rohls schreibt dazu (J. Rohls, Protestantische Theologie der Neuzeit, Bd. 1, 1997, S. 396):

Gott ist uns also im Gefühl auf eine ursprüngliche Weise gegeben, so daß das schlechthinnige Abhängigkeitsgefühl nicht erst sekundär aus einem Wissen von Gott entsteht. Das Bewußtsein unserer selbst als in Beziehung zu Gott stehend ist daher ein unmittelbares Selbstbewußtsein, nämlich das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit, das das sich selbst gleiche Wesen der Frömmigkeit ausmacht. Und Gott bedeutet zunächst nur dasjenige, was in diesem Gefühl als das mitbestimmende Woher unseres Soseins mitgesetzt ist.

Während also zuvor Frömmigkeit verstanden wurde als eine subjektive Reaktion auf objektive Lehrinhalte, dreht Schleiermacher die Ordnung um und setzt beim Gemüt an. Die Glaubensdogmen sind nicht Ursprung, sondern Frucht der Glaubenserfahrung. Sätze des Glaubens sind Ausdruck des frommen Gefühls. Schleiermachers Glaubenslehre möchte deshalb nicht mehr objektive Glaubensinhalte beschreiben, sondern den Glauben der Menschen begrifflich ordnen und darstellen.

Da sich das religiöse Bewusstsein in jedem Menschen findet, also auch bei Gläubigen anderer Religionen, kennt Schleiermacher den qualitativen Unterschied zwischen dem christlichen Glauben und anderen „Glaubensformen“ nicht mehr. Religionen werden von ihm auf ihr Entwicklungsstadium befragt, da sie die Entfaltung des religiösen Bewusstseins auf verschieden fortschrittliche Weise spiegeln. Weil alle drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) derselben höchsten Entwicklungsstufe der Frömmigkeit angehören, können sie sich nur durch ihre Art der Frömmigkeit quantitativ unterscheiden. Im Christentum kommt nach Schleiermacher freilich die Frömmigkeit zu ihrer „reifsten Erfüllung“.

Der Religionskritiker Ludwig Feuerbach hatte bei seiner Kritik des Christentums damit ein leichtes Spiel. Er drehte den Spieß einfach um und sagte: „Ist z.B. das Gefühl das wesentliche Organ der Religion, so drückt das Wesen Gottes nichts Anderes aus, als das Wesen des Gefühls … Das göttliche Wesen, welches das Gefühl vernimmt, ist in der Tat nichts anderes als das von sich selbst entzückte und bezauberte Wesen des Gefühls – das wonnetrunkene, in sich selige Gefühl“ (L. Feuerbach, Das Wesen des Christentums, in: Sämtliche Werke, Bd. 7, 1883, S. 8). Das Selbstbewusstsein projiziert die eigenen Wünsche, Ängste und Sehnsüchte auf den Himmel. Der Mensch ist nicht das Geschöpf Gottes, sondern Gott ist das Geschöpf des Menschen. So dürfen wir Feuerbachs Projektionsthese zusammenfassen.

Schleiermacher wollte eigentlich den Glauben vor der Kritik der reinen Vernunft (Kant) schützen, als er ihn in den Raum der Gemütserfahrung verlagerte. Gelungen ist ihm das nicht.

Nun ist das wirklich nicht so einfach zu verstehen. Vielleicht hilft ja das nachfolgende Video eines Pastors, den Ansatz nachzuvollziehen. Er erörtert in wenigen Minuten das Verhältnis von Glauben und Wahrheit  und bewegt sich dabei im Fahrwasser Schleiermachers. Feuerbach hätte mit großer Freude und geschliffenen Klingen auf die Projektionen der beiden von ihm angeführten Personen, ein Christ und eine Muslimin, reagiert.

VD: JS

Reformation und Islam

Ich habe kürzlich das Impulspapier „Reformation und Islam“ der Konferenz für Islamfragen der EKD gelesen. Ein echtes Leseerlebnis. Wer wissen will, wie es um weite Kreise innerhalb der Evangelischen Kirchen bestellt ist, sollte sich diese Erfahrung gönnen. Es ist kein Vergnügen.

Nun gäbe es sehr viel über das Impulspapier zu sagen. Auffällig beispielsweise gleich zum Einstieg die für die Kulturwissenschaften bezeichnende (therapeutische) Sprache. Sie wurde gewählt, um die Empfindungen derer zu beschreiben, die sich seinerzeit mit der Frage befassen mussten, ob wohl bald auch Wien an die Türken fallen werde. „Zur Zeit Luthers sah Europa sich militärisch und politisch vom expandierenden Osmanischen Reich bedrängt.“ Die Betonung liegt auf „die Leute sahen es so“. Sie sahen eine Bedrohung, die ja vielleicht gar keine war. Konstantinopel war jedoch 1453 gefallen und die Türken waren auf dem Vormarsch nach Europa. „Man nahm sie wahr als die Anderen und Fremden, als die bedrohliche Macht aus dem Südosten“ (S. 7). Eigentlich, so könnte man vermuten, suchten die Türken nur florierende Handelsbeziehungen in gänzlich friedlicher Absicht. Aber da die Europäer die Schönheit des Fremden noch nicht angemessen zu schätzen wussten, haben sie das übersehen.

Aber lassen wir das. Wenden wir uns einer Argumentationsfigur zu, die heutzutage oft zu finden ist. Es geht um das „sowohl als auch“. Auf S. 24 wird das Argument sehr anschaulich entfaltet.

Zunächst heißt es:

Die anhand der Rechtfertigungslehre vor 500 Jahren gewonnenen zentralen Einsichten reformatorischer Theologie können heute in fünf Kernpunkten zusammengefasst werden: solus Christus – allein Christus, sola gratia – allein aus Gnade, solo verbo – allein  im  Wort,  sola  scriptura, – allein  aufgrund  der  Schrift  und  sola fide – allein  durch den Glauben.

Das klingt doch ganz gut. Aber dann geht es weiter. Ungefähr so: So schön diese Einsichten auch waren und vielleicht noch sind. Es gibt ein großes Problem! Die Reformatoren haben es damals tatsächlich so gemeint, wie sie es geschrieben haben. Oder anders formuliert: Die Schwierigkeit ist, dass mit dem „allein Christus“ die Vorstellung verbunden wurde und auch heute noch verbunden werden kann, dass außerhalb von Christus niemand das Heil findet. Wir müssen so von Christus sprechen lernen, dass die Heilsversprechen anderer Religionen nicht deklassiert werden.

Bezugnehmend auf den EKD-Grundtext „Rechtfertigung und Freiheit“ heißt das (S. 25):

Die Herausforderung besteht darin, von Christus zu sprechen, aber so, dass dabei nicht der Glaube des anderen abgewertet oder für unwahr erklärt wird. So wie für den Christen das Gehören zu Christus der einzige Trost im Leben und im Sterben ist, so ja auch für den Anhänger der anderen Religion sein spezifischer Glaube. Dies darf auf beiden Seiten des Gespräches anerkannt werden.

Die Reformatoren waren also damals der ungeheuerlichen Vorstellung aufgesessen, es handele sich bei der muslimischen Religion um eine Irrlehre. Heute haben wir, bedingt durch geistesgeschichtliche Entwicklungen, den Glauben, der zwischen wahren und falschen Lehren unterscheidet, glücklicherweise überwunden. Wenn also beispielsweise Petrus vor knapp 2000 Jahren der Meinung war, dass Jesus Christus der Eckstein ist und in keinem anderen als in diesem Namen unsere Rettung zu finden ist (vgl. Apg 4,11–12), dann hatte er zwar recht. Er übersah allerdings (falls er es überhaupt so gesagt hat), dass dies nicht so zu verstehen ist, als ob allein Jesus retten kann.

Das sei ihm aber verziehen. Schließlich kannte er die dialogischen Ansätze, die uns heute zur Verfügung stehen, noch nicht.

Kyrie eleison.

Gründlich Lesen (3): Totenauferweckung tiefenpsychologisch

Lukas überliefert in seinem Evangelium die Totenauferweckung zu Nain. Jesus kam in diese Kleinstadt, als der einzige Sohn einer Witwe beerdigt werden sollte. Lesen wir den Abschnitt (Lk 7,11–17):

Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge. Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr. Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter. Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk besucht. Und diese Kunde von ihm erscholl in ganz Judäa und im ganzen umliegenden Land.

Was ist die Botschaft dieser Geschichte? Anselm Grün hat kürzlich eine Auslegung vorgelegt und meint, die Erzählung zeigt, wie aus einer krankhaften Beziehung eine neue Beziehung von zwei erwachsenen Menschen entstanden ist. Jesus gibt der Mutter den Sohn zurück, der aus seiner Identität als Muttersohn auferstanden ist; der nun endlich wagt, er selbst zu sein (A. Grün, „Damit beide leben können“, Christ in der Gegenwart, 68. Jg. vom 05.06.2016, S. 1–2).

Psychologische Bibelinterpretation

Schauen wir uns zunächst an, wie Grün zu dieser Deutung gekommen ist. Ich fasse die wesentlichen Gedanken zusammen.

Auslegen heißt für ihn, „dass wir das eigene Leben mit dem Text in einen Dialog bringen“. Da zum Leben auch Mutter-Sohn-Beziehungen gehören, lässt sich diese Erzählung als Beziehungsgeschichte auslegen. Die Beziehung zwischen der Witwe und ihrem einzigen Sohn ist sehr eng. Dem Sohn wurde es zu eng. Er konnte darin nicht mehr leben und starb schließlich.

Grün lässt offen, wie der Sohn starb. Wir dürfen vermuten, dass er an der überbordenden Beziehung erstickt ist. Dass eine große Menschenmenge ihn auf einer Leichenbahre aus der Stadt trägt, signalisiert: Er wird aus dem mütterlichen Einflussbereich herausgetragen.

Weshalb spricht Jesus dann die harten Worte: „Weine nicht!“ zur Mutter? Jesus will ihr sagen: „Lass deinen Sohn ziehen. Er muss seinen Weg gehen. Schau da sind viele Menschen, die dich begleiten. Du bist nicht allein.“ Jesus sagt dem Sohn: „Das ist nicht der richtige Ort, an dem du bist. Du kannst dich nicht dein Leben lang auf Händen tragen lassen, Ich befehle dir, stehe auf.“

Der Sohn braucht einen männlichen Beistand, um sich aus dem Einflussbereich der Mutter herauszubewegen und sich auf eigene Füße zu stellen. Denn: „Das griechische Wort egerthete kann beides bedeuten: „Steh auf, aber auch: Wach auf! Mach endlich die Augen auf: Du lebst im mütterlichen Bereich wie in einem Schlafzustand“. Weil Jesus dem Sohn wie ein Vater den Rücken stärkt, kommt er mit seiner eigenen Kraft in Berührung und kann sich gegen seine Existenz auf der Bahre auflehnen. Er spürt jetzt, was ihn bewegt und spricht es an.

So gibt Jesus einer Mutter ihren Sohn zurück. Das ist laut Anselm Grün nicht als Regression zu denken. Der Sohn braucht die Wurzel der Mutter. Er kann sie nicht einfach abschneiden, sonst schneidet er sich selbst vom Leben ab. Jetzt hat er jedoch seine neue Identität gefunden. Wir sehen die gesunde Beziehung zweier erwachsener Menschen.

Verführung durchschauen

Warum lohnt es sich, diese phantasievolle Ausdeutung genauer zu betrachten? Ich glaube, wir finden in ihr bei genauer Betrachtung drei typische Bestandteile von Verführung.

In 2. Timotheus 4,3 lesen wir: „Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer aufhäufen werden, weil es ihnen in den Ohren kitzelt.“ Mit anderen Worten: Menschen wollen das Evangelium nicht mehr hören. Sie laden sich Leute ein, deren Lehren für die Ohren angenehm zu hören sind. Sie wollen hören, was das Wort verdreht und für ihr selbstsüchtiges Sehnen passend macht. Denn, so schreibt Paulus im nächsten Vers (4,4), man will der Wahrheit nicht mehr Gehör zu schenken, sondern sich erfundenen Fabeln (griech. mythous) zuwenden.

Was ist nun das Verführerische dieser Bibelauslegung?

Erstens rechtfertigt Anselm Grün die Auslegung mit dem Hinweis, dass Bibeltexte auf verschiedene Weise ausgelegt werden dürfen. Nun will er damit nicht etwa sagen, dass Bibeltexte unterschiedlich interpretiert werden. Wir wissen alle, dass das so ist. Grün will sagen: Diese Texte wollen unterschiedlich ausgelegt werden und jede einzelne Auslegung hat ihre Berechtigung. Da die Bibeltexte keine objektive Bedeutung haben, stehen unterschiedliche Auslegungsmöglichkeiten gleichberechtigt nebeneinander. Jede Auslegung ist auf ihre eigene Weise wahr.

Das bringt uns zum zweiten Punkt, der sehr eng mit ersten zusammenhängt. Die Wahrheit einer Auslegung wird hergestellt, indem das eigene Leben in ein Gespräch mit dem Bibeltext eintritt. Verstehen wir Bibelauslegung so, erlangen wir eine Geltungsumkehr. Der Bibeltext wird nämlich im Lichte der eigenen Erfahrung gedeutet. Es ist nicht das Wort Gottes, das Licht in unser Leben bringt, sondern es ist umgekehrt: Wir schreiben dem Wort Gottes einen Sinn zu; wir tränken die Bibel in den Farben unserer eigenen Lebenserfahrung. Die Erfahrung bekommt größere Geltung als der Bibeltext. Wir zwingen den Text in die Knie.

Ein beliebter Trick dafür ist die semantische Neubesetzung von Begriffen oder Aussagen. Wir lesen Dinge hinein, die dort gar nicht stehen, etwa hier die viel zu enge Beziehung zwischen Mutter und Sohn oder die Flucht aus dieser Beziehung durch den Tod. Einzelne Wörter kann man schöpferisch mit Bedeutungen belegen, die sie im Kontext ihrer Verwendung gar nicht tragen. Grün klärt uns zum Beispiel darüber auf, dass das griechische Verb lalein ein Sprechen meint, das aus dem Herzen kommt. Deshalb ist dem Text entnehmbar: Der Sohn spricht nach seiner Auferweckung endlich aus, was er in seinem Herzen spürt.

Es lohnt sich, derartige Beteuerungen zu prüfen. Lukas verwendet das Wort lalein fernerhin in Kapitel 22,60. Während Petrus dort redet (griech. lalountos), kräht der Hahn. Das, was Petrus sagt, ist das Gegenteil von dem, was er im Herzen trägt. Er verleugnet die Wahrheit und weiß es. In einem exegetischen Wörterbuch zum Neuen Testament heißt es: „Im NT findet sich [lalein] nur in der Bedeutung sprechen, reden, wobei die Bedeutungsnuance reden können für eine Reihe von Stellen charakteristisch ist“ (EWNT, Bd. 2, Sp. 828). Genau dieses reden können ist in Lukas 7,15 gemeint. Der Sohn lebt, er kann wieder sprechen!

Das bringt uns zu einen dritten Punkt. Das Sinnzentrum der Erzählung wird verschoben. In den Mittelpunkt rückt, was Jesus den Menschen bringt. Jesus schafft die Heilung, ein Wunder, die Auferweckung, die wiederhergestellte Beziehung.

Wo aber liegt das Sinnzentrum dieser Geschichte? Es steht da (Lk 7,16-17): „Alle aber ergriff Furcht; und sie verherrlichten Gott und sprachen: Ein großer Prophet ist unter uns erweckt worden, und Gott hat sein Volk besucht.“

Ein Mensch kann Tote nicht zum Leben erwecken. Es gibt auch im Alten Testament keine Totenauferweckungen aus menschlicher Kraft. So etwas kann nur Gott. Die Menschenmenge, die das Wunder miterlebt, weiß das. Sie lobt Gott, denn er besucht sein Volk. Dieser Jesus ist ein großer Prophet. Dass Jesus nicht nur mit der Autorität Gottes handelt, sondern selbst Gott ist, bleibt ihnen freilich noch verschlossen. Doch genau darum geht es in dieser Geschichte.

Jesus stillt den Durst des Lebens

Leider sind tiefenpsychologische Auslegungen heute in den Predigten öfter zu hören, als wir es uns wünschen können. Sie haben etwas betörend Angenehmes. Sie rücken den Menschen mit seinen Ängsten, Sehnsüchten und unersättlichen Wünschen ins Zentrum. Das tut gut. Das ist es, was unsere Ohren kitzelt.

Doch die Antworten und Lösungen, die uns diese Auslegungen bieten, sind allzu menschlich. Sie helfen nur für den Augenblick.

Wenn wir hören wollen, was Gott zur Not des Menschen sagt, müssen wir genau hinhören, die Texte gründlich studieren und ihnen das Recht einräumen, unser Leben auszudeuten. Was wir dann bekommen, mag manchmal weh tun. Doch es trägt uns zu Christus. Er kann den Durst unseres Lebens stillen und tut das auch. Wer von dem Wasser trinkt, das Jesus gibt, „den wird in Ewigkeit nicht dürsten, es wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt (vgl. Joh 4,13).

Die am Kreuz geborene Liebe

Wir kennen sie, unsere lieben christlichen Autoren, die uns in ihren vielen Büchern erzählen, wie schön und wertvoll wir alle sind. Du bist ein so wunderbarer Mensch, dass Gott sich aufgemacht hat, dich zu suchen! Weißt du nicht, wie schön du bist?

Was für eine erbärmliche und kraftlose Botschaft! Wer die Güter, die Gott angenehm stimmen, in sich selbst sucht, hat nichts begriffen.

Wie wunderbar heilsam ist dagegen, was Martin Luther uns zu sagen hat (HD, XXIV):

[Gottes Liebe, wenn sie am Menschen lebendig wirksam ist, liebt] „Sündige, Böse, Törichte und Schwache, um sie zu Gerechten, Guten, Klugen und Starken zu machen und so strömt sie heraus und teilt Gutes aus. Denn die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden, sie werden nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind. Menschliche Liebe flieht daher die Sünder als Böse. So sagt Christus: ‚Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu suchen, sondern Sünder‘ (Matth. 9, 13). Das aber ist die am Kreuz geborene Liebe des Kreuzes, die sich nicht dorthin wendet, wo sie Gutes findet, um es für ihre eigenen Zwecke zu gebrauchen, sondern dorthin, wo sie den Bösen und Armen Gutes bringen kann.

Porno als Bedrohung der Männlichkeit

Belinda Luscombe hat für die aktuelle Ausgabe des Time Magazine den alarmierenden Artikel „Porno und die Bedrohung der Männlichkeit“ verfasst. Sie beschreibt dort die erste Generation junger Männer, die mit uferloser Online-Pornographie aufwächst und vor ganz neuen Herausforderungen steht (leider ist der Artikel nicht frei zugänglich).

Kurz: Jugendliche kommen immer früher mit Pornographie in Berührung. Geschildert wird das Beispiel von Noah, der bereits mit 9 Jahren erste Videos heruntergeladen hat und mehrmals täglich Pornos konsumierte als er 15 war. Gemäß einer Studie der University of Bristol aus dem Jahre 2015 sehen fast 40% der Jungen aus Großbritannien im Alter von 14 bis 17 regelmäßig Pornos.

Irgendwann stimulieren diese Videos das Lustzentrum der Jugendlichen nicht mehr, was oft dazu verleitet, schärferes und sogar gewaltverherrlichendes Material zu konsumieren. Immer mehr Jugendlichen entwickeln mit der Zeit eine sogenannte „Porn-Induced Erectile Dysfunction“ (PIED). Sie verlieren also die Lust an der natürlichen Sexualität und sind unter Umständen auch gar nicht mehr in der Lage, diese zu erleben. So wird aus dem Pornokonsum eine Pornosucht. Die virtuelle Welt versperrt den Zugang zum Leben.

Belinda Luscombe:

Da die Jugendlichen, die die Pornographie verschlingen, das Material in einem Gehirn verdauen, das noch in der Entwicklung steckt, ist es möglich, dass sie besonders anfällig sind. Philip Zimbardo, emeritierter Professor für Psychologie an der Stanford University (und der Mann, der das berühmte Stanford-Prison-Experiment durchführte), stellt fest, dass Pornographie oft Hand in Hand mit Videospielen geht und ähnlich fein abgestimmt ist, um eine möglichst große Abhängigkeit zu erzeugen.

„Pornographie lässt dich in etwas versinken, was ich momentan als hedonistische Zeitzone bezeichne“, sagt er. „Du suchst die Lust und die Neuheit und lebst im Augenblick.“ Während sie nicht substanzungebunden süchtig macht, meint er, hat die Pornographie dennoch die gleiche Wirkung auf das Verhalten wie eine Drogenabhängigkeit: Einige Leute hören auf, sich um andere Dinge zu kümmern, nur damit sie ihrer Pornosucht nachgehen können. „Und dann ist das Problem, dass du mehr und mehr tust, da die Belohnungszentren des Gehirns die Fähigkeit zur Erregung verlieren“, fügt er an.

Belinda schildert anschließend verschiedenen Initiativen, die dabei helfen, aus der Sucht herauszukommen. Auch der eingangs genannte Noah unterstützt inzwischen Aussteiger und hat ein Buch dazu geschrieben. In diesem kurzen Video nennt er einige Punkte, die ihm dabei geholfen haben, wieder ein normales Leben zu führen:

Viele Tipps von Noah sind wirklich hilfreich. Freilich stehen Initiativen wie dieser die Ressourcen des Glaubens nicht zur Verfügung. Es fehlt die tiefere Analyse, zu der auch die Einsicht gehört, dass Pornographie eine Form des Götzendienstes ist und bei Jesus Christus Vergebung und Hilfe gefunden werden kann.

Inzwischen ist das Buch Finally Free: Fighting for Purity with the Power of Grace von Heath Lambert in deutscher Sprache erschienen. Der Verlag schreibt über die Publikation:

Kennen Sie den verzweifelten, aber anscheinend hoffnungslosen Kampf gegen die Faszination der Pornografie? Haben Sie je versucht, jemandem zu helfen, der in diesen verhängnisvollen Strudel geriet? Ist Ihnen bewusst, wie schwer es ist, davon loszukommen? Gibt es überhaupt echte Freiheit auf diesem Gebiet? Braucht man noch stärkere Bemühungen, einen festeren Entschluss, sich ändern zu wollen – oder neue Methoden und neue Programme?

Die gute Nachricht ist: Es gibt Einen, der Menschen wirklich frei machen kann, die der Pornosucht verfallen sind: Jesus Christus!

In diesem Buch beschreibt Dr. Heath Lambert acht biblisch fundierte Strategien zur Überwindung dieser Sucht. In jedem Kapitel weist er überzeugend nach, wie wichtig die biblischen Aussagen in diesem speziellen Kampf sind. Und er bezeugt, dass ungeachtet der Härte oder Länge des Kampfes der Herr jeden, der mit dem Wunsch nach Befreiung und der Sehnsucht nach einem Leben in Reinheit zu ihm kommt, frei machen kann. Er will es tun.

Daniel Röthlisberger hat zudem einen von verhaltenstherapeutischen Einsichten geprägten Ratgeber für Seelsorger verfasst.

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Gottes Mutterherz?

Einleitung

In einem Artikel vom 29. Dezember 2015 plädiert Tobias Faix für eine stärkere Betonung der weiblichen Seite Gottes in der christlichen Verkündigung. Er hat dabei auf verschiedene lexikalische Beobachtungen zurückgegriffen, die erörterungswürdig sind.

Ich möchte jedoch in der nachfolgenden, rasch ausgeführten, Untersuchung lediglich danach fragen, ob die zahlreichen in Anschlag gebrachten Bibeltexte die eingeforderte Rede vom „Mutterherz Gottes“ stützen. Ich zitiere dafür die angeführten Beweistexte, die in der feministischen Literatur immer wieder auftauchen, und ergänze sie durch kurze Vermerke.

Betrachtung der Bibeltexte

1. Gott als gebärende Frau

Dtn 32,18: „An den Fels, der dich gezeugt hat, dachtest du nicht mehr, und den Gott, der dich geboren hat, hast du vergessen.“

Der Vers spricht nicht von einer Frau, sondern davon, dass Gott (der Fels) uns gemacht hat. Das hebräische ḥyl kann gebären, aber auch zeugen, hervorbringen o. schaffen bedeuten. Da die Nomen „Gott“ und „Fels“ sowie das Verb „zeugen“ grammatisch maskulin sind, ist davon eher auszugehen.

Jes 42,4: „Lange bin ich still gewesen, habe ich geschwiegen, habe ich mich zurückgehalten, wie die Gebärende werde ich nun schreien, werde so sehr schnauben, dass ich um Luft ringen muss.“

Der Vers spricht nicht über eine Frau, sondern davon, dass Gott wie eine Gebärende schreien wird. Hier wird eine Tätigkeit Gottes beschrieben. Eine Eigenschaft oder Aktivität ist nicht mit Identität zu verwechseln. Zu sagen, dass mein Auto so schnell ist wie eine Rakete, bedeutet nicht, dass mein Auto eine Rakete ist.

Num 11,12: „Habe denn ich dieses ganze Volk empfangen, oder habe ich es gezeugt, dass du zu mir sagst: Trage es an deiner Brust, wie der Wärter den Säugling trägt, in das Land, das du seinen Vorfahren zugeschworen hast?“ 

Es handelt sich um einen Spruch des Mose. Er beschwert sich bei Gott, da dieser von ihm verlangt, sich um das Volk Gottes zu sorgen, so als sei es sein Kind. Es ist möglicherweise eine rhetorische Frage, die implizit mitteilt: „Du Gott hast das Volk gezeugt und aufgezogen“. Aber selbst dann, wenn das Bild feminin ist, ist der Text kein Beleg für die Weiblichkeit Gottes.

Hiob 38,8: „Wer hat das Meer mit Schleusen verschlossen, als es hervorbrach, heraustrat [wie] aus dem Mutterschoß, …“

Die Erde wird als Mutterschoß beschrieben, aus dem das Meer hervorgekommen ist. Gott war derjenige, der das Wasser mit Toren zurückgehalten hat. Die GN übersetzt trefflich: „Wer hat das Meer mit Toren abgesperrt, als es hervorbrach aus dem Schoß der Erde?“.

Hiob 38,29: „Aus wessen Schoß ist das Eis gekommen, und wer hat den Reif des Himmels geboren?“

Der Vers erinnert tatsächlich an das Bild einer Mutter. Allerdings steht hier wie in V. 28 das Verb jld, welches, je nachdem, ob eine Frau oder ein Mann gemeint ist, mit gebären oder zeugen übersetzt wird. Da es hier maskulin ist, passt zeugen besser.

Joh 16,21: „Wenn eine Frau niederkommt, ist sie traurig, weil ihre Stunde gekommen ist. Wenn sie das Kind aber geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Bedrängnis vor Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.“

Hier wird die Verbildlichung einer gebärenden Mutter gebraucht, um die Zeit der Drangsal und Traurigkeit zu beschreiben, die auf die Jünger Jesu zukommt.

2. Gott als stillende Mutter

Num 11,11-12: „Und Mose sprach zum HERRN: Warum gehst du so übel um mit deinem Diener, und warum finde ich keine Gnade in deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? Habe denn ich dieses ganze Volk empfangen, oder habe ich es gezeugt, dass du zu mir sagst: Trage es an deiner Brust, wie der Wärter den Säugling trägt, in das Land, das du seinen Vorfahren zugeschworen hast?“

Der Text wurde unter Num 11,11 bereits kommentiert. Hier beschwert sich Mose bei Gott. Auch dann, wenn die Fragen rhetorisch gestellt sind, ist die feminine Illustration kein Beleg für die Weiblichkeit Gottes. Gott spricht maskulin (’mr).

Ps 131,2: „Fürwahr, ich habe meine Seele besänftigt und beruhigt; wie ein entwöhntes Kind bei seiner Mutter, wie das entwöhnte Kind ist meine Seele ruhig in mir.“

David beschreibt seine seelische Verfassung. Seine Seele ist wie ein entwöhntes Kind stille in ihm [also in David].

Jes 49,15: „Würde eine Frau ihren Säugling vergessen, ohne Erbarmen mit dem Kind ihres Leibs? Selbst wenn diese es vergessen würden, werde doch ich dich nicht vergessen!“

Ein Vergleich. Eine Mutter vergisst ihr Säugling nur ausgesprochen selten. Selbst wenn sie es vergisst, so ist Gott anders als eine Mutter. Er wird sein Volk nie vergessen.

Hos 11,4: „Mit menschlichen Seilen habe ich sie gezogen, mit Stricken der Liebe, und ich war für sie wie jene, die das Kleinkind an ihre Wangen heben, und ich neigte mich ihm zu, ich gab ihm zu essen.“

Das Bild bezieht sich auf Ephraim als Kuh (vgl. Hos 10,11). Gott hat das Arbeitstier schonend behandelt.

1Petr 2,2: „Verlangt jetzt wie neugeborene Kinder nach der vernünftigen, unverfälschten Milch, damit ihr durch sie heranwachst zum Heil, …“

Petrus greift wie in 1Petr 1,23 das Bild vom Neugeborenen auf. Die wiedergeborenen Christen sehnen sich nach geistlicher Nahrung wie Säuglinge sich nach Muttermilch sehnen.

3. Gott, der einkleidet

Gen 3,21: „Und der HERR, Gott, machte dem Menschen und seiner Frau Röcke aus Fell und legte sie ihnen um.“

Dieser Text hat keinerlei Beweiskraft für die These des Artikels, es sei denn, es wird vorausgesetzt, dass ausschließlich Frauen in der Lage sind, Menschen einzukleiden.

Mt 6,25-34: „Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Schaut auf die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen — euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht mehr wert als sie? Wer von euch vermag durch Sorgen seiner Lebenszeit auch nur eine Elle hinzuzufügen? Und was sorgt ihr euch um die Kleidung? …“

Wie bei Gen 3,21 hat auch dieser Text keine Beweiskraft. Hinzu kommt, dass in Mt 6 ausdrücklich vom „himmlischen Vater“ gesprochen wird (vgl. 6,26.32).

4. Gott erzieht

Jes 46,3-4: „Hört auf mich, Haus Jakob, und ihr, der ganze Rest des Hauses Israel, die ihr mir schon im Leib eurer Mutter aufgeladen worden seid und die ihr vom Mutterschoß an getragen worden seid: Bis in euer Alter bin ich es und bis ins hohe Alter: Ich bin es, der euch schleppt. Ich habe es getan, und ich werde tragen, und ich werde euch schleppen und euch retten.“

Gott trägt das Volk vom Zeitpunkt der Geburt an und wird es auch in Zukunft tragen und retten. Der Bezug zur These fehlt, es sei denn, es wird davon ausgegangen, dass nur eine Frau schleppen, tragen und retten kann.

Hos 11,1–4: „Als Israel jung war, habe ich es geliebt, und ich rief meinen Sohn aus Ägypten. Sooft man sie rief, haben sie sich abgewandt von ihnen; den Baalen bringen sie Schlachtopfer dar und den Götterbildern Rauchopfer! Dabei war ich es, der Efraim das Gehen beigebracht hat – er hob sie auf seine Arme –, sie aber haben nicht erkannt, dass ich sie geheilt habe. Mit menschlichen Seilen habe ich sie gezogen, mit Stricken der Liebe, und ich war für sie wie jene, die das Kleinkind an ihre Wangen heben, und ich neigte mich ihm zu, ich gab ihm zu essen.“ 

Siehe oben unter Punkt 2 (Hos 11,4).

5. Gott tröstet

Jes 66,13 „Wie einen, den seine Mutter tröstet, so werde ich euch trösten, und getröstet werdet ihr in Jerusalem.“ 

Es handelt sich um einen einfachen Vergleich, nicht um eine behauptete Identität von Gott und Mutter. Vgl. die Anmerkung zu Jes 42,14 unter Punkt 1. Der Sprecher, Jahwe (v. 12), redet in der männlichen Form (’mr).

Offb 21,4: „Und abwischen wird er jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein; denn was zuerst war, ist vergangen.“

Der Text hat keinerlei Beweiskraft im Blick auf die These, es sei denn, es wird verneint, dass ein Vater Trost spenden kann. Gen 5,29 spricht allerdings z.B. ausdrücklich davon, dass der Mann Noah trösten wird.

6. Gott als Geburtshelferin

Ps 22,10–11: „Du bist es, der mich aus dem Mutterschoß zog, der mich sicher barg an der Brust meiner Mutter. Auf dich bin ich geworfen vom Mutterleib an, von meiner Mutter Schoß an bist du mein Gott.“

Der Text hat keinerlei Beweiskraft, außer, es wird vorausgesetzt, dass ein Mann bei einer Geburt nie ein Helfer sein kann, so wie beispielsweise ein Gynäkologe die Geburt unterstützt.

Jes 66:

Hier gilt das Gleiche wie bei Ps 22,10-11.

7. Gott als Bärenmutter

Hos 13,8: „Ich falle über sie her wie eine Bärin, der man die Jungen genommen hat, und ich zerreiße die Brust über ihrem Herzen. Und dort fresse ich sie wie eine Löwin, die Tiere des Feldes reißen sie in Stücke.“

Hier wird Gott mit wilden Tieren verglichen, um den Ernst des göttlichen Gerichts herauszustreichen.

Ps 123,2: „Sieh, wie die Augen der Diener auf die Hand ihres Herrn, wie die Augen der Magd auf die Hand ihrer Herrin, so blicken unsere Augen auf den HERRN, unseren Gott, bis er uns gnädig ist.“

Ein einfacher Vergleich ohne Beweiskraft im Blick auf die These. Es wird nicht gesagt, dass Gott eine Gebieterin ist.

Lk 15,8-10: „Oder welche Frau, die zehn Drachmen besitzt und eine davon verloren hat, zündet nicht ein Licht an, kehrt das Haus und sucht eifrig, bis sie sie findet? Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte. So, sage ich euch, wird man sich freuen im Beisein der Engel Gottes über einen Sünder, der umkehrt.“

Erkenne keinen Zusammenhang mit der These.

8. Gott als Bäckerin

Mt 13,33: „Ein anderes Gleichnis nannte er ihnen: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mischte, bis alles durchsäuert war.“ 

Ein Gleichnis. Erkenne keinen Zusammenhang mit der These.

Lk 13,20-21: „Und wiederum sprach er: Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen? Es ist einem Sauerteig gleich, den eine Frau nahm und mit drei Scheffel Mehl vermengte, bis alles durchsäuert war.“

Ein Gleichnis. Erkenne keinen Zusammenhang mit der These.

9. Gott als Adlermutter

Ex 19,4: „Ihr habt selbst gesehen, was ich Ägypten getan und wie ich euch auf Adlersflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe.“ 

Ich bin kein Vogelkundler. Aber meines Wissens vertreibt oft die Adlermutter die Küken aus den Nestern und lässt sie fallen, damit sie fliegen lernen. Der Adlervater fängt sie dann mit seinen Flügeln auf. Aber selbst bei Arbeitsteilung spricht der Text nicht davon, dass Gott eine Adlermutter ist.

Dtn 32,11: „Wie ein Adler, der seine Brut aufstört zum Flug und über seinen Jungen schwebt, so breitete er seine Flügel aus, nahm es und trug es auf seinen Schwingen. Der HERR allein leitete es, kein fremder Gott war mit ihm.“

Ebenso wie Ex 19,4.

10. Gott als Henne

Ps 17,8: „Behüte mich wie den Augapfel, den Stern des Auges, birg mich im Schatten deiner Flügel“

Ps 57,2: „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig, denn bei dir suche ich Zuflucht. Im Schatten deiner Flügel suche ich Zuflucht, bis das Verderben vorüber ist.“ 

Figurative Rede, wie sie oft zu finden ist. Bei Gottes Flügeln findet man Zuflucht und Schutz, vgl. z.B. Ps 36,7; 57,1; 63,7-8.

Mt 23,37: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder um mich sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel sammelt, und ihr habt nicht gewollt.“

Lk 13,34: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt.“ 

Auszug aus einer Strafrede Jesu. Das Bild von der Henne ist eindeutig figurativ zu verstehen.

Fazit

Der Artikel „Das Mutterherz Gottes“ wirft zahlreiche theologische Fragen auf. Um einige zu nennen: Ist im Hebräischen tatsächlich die Gebärmutter Ort der Gefühle und des Glaubens? Prägt die Biografie den Glauben eines Menschen prinzipiell stärker als die Theologie, determinieren also Vita und soziales Milieu die Bibelauslegung? Ist das zu Anfang geschilderte Beispiel nicht ein immens starker Hinweis darauf, dass wir unsere Erfahrungen gerade nicht auf Gott projizieren, sondern diese vielmehr von Gott her erleuchten lassen sollten? Ist das Shalom Gottes eine transformatorische Zusage Gottes für den Frieden in dieser Welt? Steht über das Wesen Gottes nur sehr wenig in der Heiligen Schrift? Warum finden wir in der Bibel keine Aufforderung, Gott als Mutter anzusprechen, die geforderte Anrede als Vater dagegen sehr wohl?

Diese kleine Untersuchung war freilich nicht den großen Fragen gewidmet. Es ging lediglich darum, ob die im Beitrag „Das Mutterherz Gottes“ aufgeführten 30 Bibeltexte die These stützen, dass die Heilige Schrift Gott mit zahlreichen weiblichen Bildern beschreibt (und „Mutterherz“ ein angemessener Begriff ist, um das Herz Jahwes zu bezeichnen). Viele der angeführten Begründungstexte haben im Blick auf die Behauptung keine Beweiskraft. Einige Texte rufen entsprechende Bilder oder Assoziationen hervor, ohne das sie ein weiblicheres Gottesbild erzwingen. Lediglich Hiob 38,29 könnte die Ansicht, Gott werde als gebärende Frau gekennzeichnet, stützen. Jedoch ist auch dieser Text nicht so evident, dass er den restlichen Befund kompensieren kann.

Ron Kubsch

– – –

Der Text kann hier auch als PDF-Datei heruntergeladen werden: MutterherzGottes1.1.pdf.

Nachtrag vom 31.12.15, 16.20 Uhr: Tobias hat die Ausführungen zu rǽḥæm für „Mutterschoß“ und lėb für Herz inzwischen korrigiert, so dass ein Hinweis darauf nur stört. Ich habe den entsprechenden Abschnitt deshalb gestrichen.

Worin besteht das Heil des Menschen?

In einem Religionsbuch für die Oberstufe habe ich gerade einen Beitrag von Gerhard Szcesny (1918-2002) gelesen. Er erörtert darin die Frage: Worin besteht das „Heil“ des Menschen?

Die „Antwort“ lautet:

In der möglichst vollkommenen Ausbildung und Ausschöpfung seiner Anlagen und der bestmöglichen Erfüllung der individuellen und gesellschaftlichen Aufgaben, die ihm seine Zeit stellt, oder in der Konzentration auf jene Talente und Tugenden, die ihn mit der „anderen Wirklichkeit“ in Berührung bringen und auf sie vorbereiten? Ist es vor allem wichtig, dass der Mensch sich unablässig darum bemüht, die Heilswahrheiten seiner Religion zu erkennen, oder ist es wichtiger, dass er sich in seinem Leben den ethischen Erfordernissen seiner Religion entsprechend verhält?

Meine erste Reaktion: Eine Antwort, die der Erwartungshaltung des Fragenden entspräche, wäre (a) unevangelisch und (b) unkatholisch.

Meine zweite Reaktion: Eigentlich ist das genau das, was viele Menschen in und außerhalb der Kirche über das Heil denken. Leider. Viel Aufklärung braucht es. Die Verkündigung des Evangeliums, der guten Nachricht nämlich, dass das Heil außerhalb von uns in Christus zu finden ist, tut Not.

Ist Theologie eine Wissenschaft?

Die Theologie hob seit dem 13. Jh. ihren Wissenschaftscharakter heraus, also seit der Zeit, in der die ersten Universitäten entstanden. In gewisser Weise genoss die Theologie innerhalb der Wissenschaft immer eine Sonderstellung, die sich allerdings im Verlauf der Geschichte umgekehrt hat. In der Scholastik und der frühen Neuzeit galt die Theologie als die führende und höchste Wissenschaft, als „Herrin“ und „Mutter“ aller anderen Wissenschaften, die ihrerseits zu „Mägden“ degradiert wurden. Das heißt: alle Künste und Wissenschaften mussten sich vor der Theologie (o. Kirche) rechtfertigen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war die Theologie dementsprechend geachtet. Mit der Aufklärung emanzipierten sich die anderen Wissenschaften jedoch von der Theologie und traten ihr gegenüber zunehmend selbstbewusst bis abfällig auf. Durchgesetzt hat sich ein Wissenschaftsverständnis, das ohne Gott auskommt. Da in den Wissenschaften so gearbeitet wird, als gäbe es keinen Gott, ist die „Hypothese Gott“ überflüssig geworden (Laplace).

Heute muss sich die Theologie gegenüber anderen Wissenschaften rechtfertigen. Wenn zum Beispiel die EKD die immerhin noch vom Staat finanzierten theologischen Fakultäten verteidigt, dann tut sie das, indem sie den Nutzen für die Gesellschaft herausstellt. Theologie als Wissenschaft korrigiere den ökonomischen Totalitarismus, leiste einen Beitrag zur Orientierungskraft von Religion und Weltanschauung, fördere die Toleranz; kurz: sie „ist für die Gesellschaft unentbehrlich“.

Das sehen ganz viele Leute anders. Sie stellen die Frage: Warum soll Theologie mehr sein als eine private Tröstung? Es gibt sehr unterschiedliche Strategien, um die bedrohte Wissenschaftlichkeit der Theologie zu rehabilitieren. Wir können uns nicht mit allen beschäftigen. Ich will nur versuchen, drei Strategien kurz zu skizzieren.

1  Der theonomistische Ansatz

Einmal gibt es Theologen oder Wissenschaftstheoretiker, die davon ausgehen, dass Gott die Voraussetzung für wissenschaftliches Arbeiten überhaupt ist. Wissenschaft kann es nur geben, weil Gott existiert und seiner Schöpfung eine rationale Struktur gegeben hat. Die Strömung, die auf den Apologeten Cornelius Van Til (1895–1987) vom Theologischen Seminar Westminster (USA, Philadelphia) zurückgeht, tritt mit dieser Denkvoraussetzung an. Zu ihren Vertretern gehören John Frame, Greg Bahnsen oder auch Vern Poythress. Poythress, der vor der Theologie Mathematik studiert und inzwischen sogar eine Logik verfasst hat, packt diesen Ansatz in den ersten Satz seiner Wissenschaftstheorie: „Alle Wissenschaftler, einschließlich der Agnostiker und Atheisten, glauben an Gott. Sie müssen das tun, um überhaupt ihre Arbeit tun zu können.“

John Frame hat ein Grundlagenwerk zur Erkenntnistheorie geschrieben, welches genau von dieser Denkvoraussetzung ausgeht. Er versucht in seinem Buch The Doctrine of the Knowledge of God eine christliche Erkenntnistheorie zu entwickeln, die sich einerseits durch ihren Bezug zu Heiligen Schrift auszeichnet und andererseits den nachmodernen Perspektivialismus würdigt (ja sogar biblisch begründet). Frame entwickelt ein durch und durch positives Verhältnis zur Wissenschaft, betrachtet ihre Disziplinen aber im Blick auf die Theologie eher als Hilfswissenschaften.

Er schreibt:

„Hier will ich allgemein zeigen, dass jede Wissenschaft so wie Linguistik, Logik und Geschichte uns dabei helfen kann, die Schrift zu interpretieren und anzuwenden. Es stimmt, dass viele Wissenschaften, vielleicht alle, heute von ungläubigen Denkvoraussetzungen dominiert werden und wir einen großen Aufwand betreiben müssen, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber wenn wir unzweideutig auf dem biblischen Fundament arbeiten, können wir viel von der Wissenschaft lernen.“

Frame entwickelt im Folgenden einige Prinzipien zum Verhältnis von Theologie und Wissenschaft, die zeigen, dass er durchaus den Wissenschaften eigene Kompetenz zugesteht, aber alles in allem die Wissenschaften aus der Sicht der Schrift beleuchtet und beurteilt werden müssen. Er geht dabei davon aus, dass die Schrift sich bewährt, dass also das, was sie zu den Dingen sagt, die die Wissenschaft betreffen, autoritatives Wort Gottes ist.

Der theonomistische Ansatz zeichnet sich durch seinen Bibelbezug aus und hilft durchaus einem Christen beim Durchdenken seines Glaubens und auch dabei, den Glauben zur Welt der Wissenschaft in einen Bezug zu setzen. Seine Stärke liegt aber mehr in der Binnenkraft als in der Außenwirkung. Selten gelingt der Dialog mit den Wissenschaften, die unter den Bedingungen heutiger Wissenschaftstheorie arbeiten.

2 Der kritische Ansatz

Der kritische Ansatz zeigt dort, wo die Schwächen des theonomistischen Ansatzes liegen, seine Stärken. Theologen, die sich einem kritischen Ansatz verpflichtet fühlen, wollen die Theologie den aggressiven kritischen Rückfragen aus dem Raum der Wissenschaftstheorie bewusst aussetzen und Theologie unter den Bedingungen jeweils akzeptierter Wissenschaft treiben. Sie suchen also gezielt den Dialog mit der Wissenschaft. Dabei gehen sie davon aus, dass der christliche Glaube wirklichkeitsbezogen ist und sich auch vor dem Forum radikaler Anfragen bewähren kann.

Erkennbar sind die Ansätze dadurch, dass sie Theologie gegenüber einer jeweils prominenten Wissenschaftssicht verteidigen und daher die argumentativen Strukturen dieser „Paradigmen“ übernehmen.

Ein herausragendes Beispiel ist sicher Wolfhart Pannenberg (1928–2014), der das Problem erkannt hat und von der Theologie erwartet, dass sie sich so bewähren muss, wie andere Wissenschaften, „wenn auch zur theoretischen ‚Verifikation‘ der christlichen Lehre ihre affektive und praktische Bewährung hinzutreten muß“.

Ein anderer Theoretiker, der diese Herausforderung anzunehmen versucht, ist Richard Swinburne (geb. 1934), der von der analytischen Philosophie herkommend zeigt, dass der christliche Glaube plausibel ist. Swinburne nimmt die probabilistische Argumentation auf. Es ist wahrscheinlicher, dass es Gott gibt, als das es ihn nicht gibt. Er sagt über sein Buch zur Existenz Gottes:

„Die Schlußfolgerung dieses Buches ist, daß die Existenz, die Ordnung und die Feinabstimmung der Welt; die Existenz von bewußten Menschen in der Welt mit Möglichkeiten, sich selbst, einander und die Welt zu formen; eine Reihe historischer Indizien von Wundern im Zusammenhang mit menschlichen Nöten und Gebeten, besonders im Zusammenhang mit der Gründung des Christentums, weiter gestützt durch Erfahrungen seiner Gegenwart von Millionen von Menschen; daß all dies es erheblich wahrscheinlicher macht, daß es einen Gott gibt, als daß es keinen gibt.“

Im evangelikalen Raum hat sich in Deutschland vor allem Heinzpeter Hempelmann angestrengt, den Wirklichkeitsbezug des christlichen Glaubens hervorzuheben und zu zeigen, dass er sich nicht gegenüber Kritik immunisieren darf. Hempelmann setzt sich besonders mit den Vorwürfen des Kritischen Rationalismus auseinander, der insbesondere in der Person von Hans Albert dem Christentum unterstellt, es entziehe sich der kritischen Prüfung und die ganze Theologie sei damit unwissenschaftlich. Er kommt am Schluss seiner beachtlichen Dissertation zu dem Ergebnis:

„Der christliche Glaube lebt unter dem permanenten Gebot, sich einem offenen Dialog der Falsifizierbarkeit zu stellen. Nur so erreicht und demonstriert er seinen Wirklichkeitsbezug; nur so gewinnt er in der Bewährung die Glaubwürdigkeit, an der ihm im Interesse der von ihm vertretenen Botschaft doch sehr gelegen ein muß.“

Von katholischer Seite hat Helmut Peukert in der Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie (Jürgen Habermas) einen wissenschaftstheoretischen Ansatz, vorgelegt, der noch heute, vielleicht auch mangels Alternativen, große Wertschätzung genießt. Für Peukert ist Theologie „eine Theorie kommunikativen Handelns und der in diesem Handeln erschlossenen Wirklichkeit“.

Die Stärke des kritischen Ansatzes liegt in seiner Dialogfähigkeit. Theologie setzt sich der radikalen Kritik mit offenem Visier aus. Die Schwäche ist, dass durch die „Anpassungsleistungen“ meist Überzeugungen fallengelassen werden, die im Rahmen des Dialogparadigmas nicht „überlebensfähig“ sind. Sehr schön ist das beispielsweise bei Rudolf Bultmann zu sehen, der sich den Herausforderungen der Moderne mit bewundernswerter Konsequenz stellt, letztlich aber Glaubensinhalte geopfert hat, ohne die biblischer Glaube nicht auskommt (z. B. Auferstehung).

3 Der dialektische Ansatz

Einen vollkommen anderen Weg hat die sogenannte dialektische oder neo-orthodoxe Theologie um Karl Barth (1886–1968) eingeschlagen. Für Barth ist es eine Form des Götzendienstes, wenn Theologie sich einem heidnischen allgemeinen Wissenschaftsbegriff beugt. Wissenschaft muss für Barth zwar im Sinne der Sachgemäßheit wissenschaftlich sein. Gegenstand der Theologie ist aber Gott in seiner Offenbarung, also das Wort Gottes. Sachgemäßheit von Theologie entscheidet sich deshalb an der Frage, ob sie dem Wort Gottes entspricht oder nicht.

Barth warnt die Theologen davor, sich dem Druck wissenschaftlicher Forderungen zu stellen. Theologie muss sich nicht vor den heidnischen Künsten bewähren, sondern vor Gott. Es gibt – hier wird die Prägung durch Sören Kierkegaard erkennbar – keinen Übergang vom Wissen zum Glauben. Barth: „Direkt übernommen haben Philosophie, Geschichtswissenschaft, Psychologie usw. … faktisch noch nie etwas anderem als der Vermehrung der Selbstentfremdung der Kirche, der Entartung und Verwüstung ihrer Rede von Gott gedient.“

Das heißt für die Theologie:

„Keinesfalls folgt aus der Tatsache, daß sie als solche gilt und auch wohl zu gelten beansprucht, die Verpflichtung, sich mit Rücksicht auf das, was sonst ‚Wissenschaft‘ heißt, in ihrer eigenen Aufgabe stören und beeinträchtigen zu lassen. Der Ausrichtung auf diese ihre eigene Aufgabe hat sie vielmehr schlechterdings jede Rücksicht auf das, was sonst ‚Wissenschaft‘ heißt, unterzuordnen und nötigenfalls zu opfern. Die Existenz der anderen Wissenschaften, die höchst achtunggebietende Treue, mit der wenigstens manche von ihnen ihren Axiomen und Methoden nachgehen, kann und muß sie daran erinnern, daß auch sie ihrer eigenen Aufgabe ordentlich, d. h. mit entsprechender Treue nachgehen soll. Sie kann sich aber nicht von jenen darüber belehren lassen, was das in ihrem Fall konkret zu bedeuten hat. Sie hat methodisch nichts bei ihnen zu lernen. Sie hat sich nicht vor ihnen zu rechtfertigen, vor allem nicht dadurch, daß sie sich den Anforderungen eines zufällig oder nicht zufällig allgemein gültigen Wissenschaftsbegriffs unterzieht.“

Die Stärke dieses Ansatzes liegt sicher darin, dass Theologie ihren Gottesbezug wichtiger nimmt als alles andere. Theologie richtet sich nach ihrem Gegenstand, also an Gott und seiner Offenbarung, aus.

Aber es gibt eine entscheidende Schwäche. Nichts, was in der Welt passiert, kann den Glauben gefährden. Glaube hat sich gegenüber der Kritik immunisiert und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, damit unwissenschaftlich zu sein.

Von allen drei Ansätzen oder Strategien können wir lernen. Denn ich glaube, (a) dass jeder Mensch um Gott weiß, dieses Wissen aber unterdrückt (theonomistischer Ansatz); dass (b) der Gottesglaube sich in der Wirklichkeit bewähren und deshalb auch gegenüber den Wissenschaften sprach- und argumentationsfähig sein muss (kritischer Ansatz); und schließlich (c) Theologie zuallererst von der Bezogenheit auf Gott und dem Gehorsam gegenüber Gottes Offenbarung bestimmt sein soll (offenbarungstheologischer Ansatz).

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Ist jeder Christ ein Theologe?

Wir sind wahrscheinlich damit vertraut, dass es im Raum unserer Gemeinden und Kirchen unterschiedliche Auffassungen über den Nutzen der Theologie gibt. Auf der einen Seite des Spektrums haben wir Leute, die überhaupt nicht wiedergeboren sind, aber Theologie studieren. Sie treten mit dem Anspruch auf, dass nur ein studierter Theologe das Recht habe, theologische Aussagen zu machen. Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es Christen, die die Theologie für ein Werk des Teufels halten. Sie treten in der Regel sendungsbewusst auf und sind sich – so jedenfalls meine Erfahrung – sehr sicher, dass die Beschäftigung mit der Theologie in den allermeisten Fällen den persönlichen Glauben und die Lehre in der Gemeinde beschädigt.

Diese unterschiedlichen Auffassungen über den Nutzen der Theologie lassen sich teilweise dadurch erklären, dass diese Gruppen unter Theologie jeweils etwas anderes verstehen. Die studierten Theologen haben die akademische Theologie im Kopf, die Gegner der theologischen Arbeit verbinden mit der Theologie eher liberale Strömungen, haben jedoch eine hohe Meinung von der biblischen Lehre.

Tatsächlich ist es allerdings so, dass jeder Christ in einem gewissen Sinn ein Theologe ist. Es geht gar nicht um die Frage, ob jemand theologische Überzeugungen hat, sondern vielmehr darum, was für theologische Überzeugungen ein Mensch hat. Entweder ist unsere Theologie gut, das heißt schrifttreu. Oder sie ist schlecht, was bedeutet, dass sie Dinge vernachlässigt, die in der Heiligen Schrift offenbart sind, etwas überbetont oder über Dinge hinausgeht, die in der Schrift stehen (oder unsauber darstellt). Insofern ist in einem gewissen Sinne bereits das Kind in der Sonntagsschule ein „Doktor der Theologie“.

Zugleich müssen wir allerdings feststellen, dass es unterschiedliche Personenkreise oder „Maße“ für die Theologie gibt.

Wir haben (1) eine Theologie für alle Jünger, also eine Laientheologie. Ich gebrauche dieses Wort keinesfalls abwertend, sondern gemäß dem Anliegen des allgemeinen Priestertums. Für diejenigen, die glauben, gilt (1Petr 2,9–10):

„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, das Volk, das er sich zu eigen machte, damit ihr verkündet die Wohltaten dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Ihr seid die, die einst kein Volk waren, jetzt aber das Volk Gottes sind, die einst keine Barmherzigkeit erlangten, jetzt aber Barmherzigkeit erlangt haben.“

Ein Christ ist von Gott dazu auserwählt, die Wohltaten seines Herrn „auszurufen“, „zu verkünden“ oder „zu proklamieren“ (griech. ἐξαγγέλλω). Dieser Verkündigungsdienst setzt natürlich voraus, dass die Priester mit dem Evangelium vertraut sind. Gläubige des Neuen Bundes haben nicht nur Gemeinschaft miteinander und feiern das Herrenmahl, sie halten fest an der „Lehre der Apostel“ (Apg 2,42). Christen waren einst Sklaven der Sünde, sind aber jetzt von ganzem Herzen „gehorsam geworden der Gestalt der Lehre“ oder der „Wahrheit“, die ihnen durch die Apostel übergeben wurde (Röm 6,17; 1Petr 1,21).

In diesem Sinne ist jeder Christ Priester und insofern ebenfalls Theologe. Er nimmt das Wort Gottes bereitwillig auf und forscht – wenn möglich täglich –, ob das, was er glaubt, mit der Schrift übereinstimmt (vgl. Apg 17,11). Er verkündigt das Wort sich selbst, aber auch seinen Kindern, geistlichen Geschwistern oder Ungläubigen.

Wir haben (2) eine Theologie für die Diener der Gemeinden. Obwohl alle Christen zur königlichen Priesterschaft gehören, sind einige von ihnen mit Aufgaben betraut, die eine besondere theologische Kompetenz erfordern. Ich denke hierbei nicht an die Lehrer und Hirten, sondern an Mitarbeiter, deren Aufgaben bereits ein tieferes Verständnis für die „göttlichen Dinge“ voraussetzen.

In der Apostelgeschichte wird uns davon berichtet, dass die Apostel nicht mehr genug Zeit für das Wort Gottes und das Gebet hatten, da zu viele praktische Tätigkeiten zu verrichten waren (vgl. Apg 6,1–4). Um diesen Umstand zu ändern, wurden Diakone eingeführt, die die Apostel in ihrem geistlichen Dienst entlasten sollten. Obwohl sich die Diakone vor allem um leibliche Bedürfnisse und praktische Aufgaben kümmerten, achtete die Gemeinde in Jerusalem darauf, dass diese Männer stark im Glauben und vom Heiligen Geist erfüllt waren.

Es trifft zu, dass von den Diakonen im Unterschied zu den Ältesten keine Lehrfähigkeit erwartet wird (s. 1Tim 3,8–13). Dennoch sollen sie das „Geheimnis des Glaubens in einem reinen Gewissen bewahren“ (1Tim 3,9). Den Ausdruck „Geheimnis des Glaubens“ verwendet der Apostel Paulus anderswo zur Bezeichnung des offenbarten Evangeliums (vgl. 1Kor 2,7ff.; Eph 3,3–9; 1Tim 3,16). Gemeint ist also, dass sie das Evangelium verstanden haben, ihm vertrauen und in Übereinstimmung mit ihm leben.Bei unterschiedlichsten Diensten in den Gemeinden wird mehr erwartet als ein persönlicher Glaube und charakterliche Festigkeit. Ich denke da an Christen, die Gottesdienst leiten, die Kinder schulen oder Hauskreise führen. Solche Mitarbeiter sollten gründlich in der biblischen Lehre geschult sein.

Wir haben (3) eine Theologie für Hirten, Verkündiger und Lehrer der Gemeinden. Wer in der Gemeinde öffentlich unterrichtet, braucht die „Fähigkeit zu lehren“ (vgl. 1Tim 3,2). Von ihm darf erwartet werden, dass er „sich an das zuverlässige Wort hält, wie es der Lehre entspricht, damit er imstande ist, sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen als auch die Widersprechenden zu überführen“ (Tit 1,9).

Schließlich haben wir (4) eine Theologie für die Lehrer zukünftiger Lehrer. Wir können das einem Rat entnehmen, den Paulus seinem Mitarbeiter Timotheus weitergibt (2Tim 2,2):

„Und was du von mir gehört hast vor vielen Zeugen, das vertraue treuen Menschen an, die fähig sein werden, auch andere zu lehren.“

Ich möchte an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen. Aber sicher ahnen wir, was gemeint ist: Es gibt erfahrene, begabte und hoffentlich bewährte Lehrer, die bei der Zurüstung zukünftiger Lehrer und Prediger helfen.

Es geht hier freilich nicht um unterschiedliche Theologien für unterschiedliche Kreise, sondern um unterschiedliche Maße der Gottesgelehrtheit mit der einen Lehre des Christus. Von Lehrern wird ein höheres Maß der Gottesgelehrtheit erwartet als von Diakonen, die beispielsweise für die Gemeindefinanzen zuständig sind. Obwohl alle Christen in einem Sinne Priester sind, sind nicht alle Lehrer (1Kor 12,29; Eph 4,11).

Noch etwas: Wem Gott viel anvertraut, von dem wird er auch viel erwarten (vgl. Lk 12,48). Einem Menschen, dem viel anvertraut wurde, der aber andere zur Sünde verführt, erwartet am Tag des Gerichts eine sehr harte Strafe. Jesus sagt in Mt 18,6:

„Wer aber einen dieser Geringen, die an mich glauben, zu Fall bringt, für den wäre es gut, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde.“

Hirten, Pastoren und Lehrer haben deshalb eine besonders große Verantwortung. Deshalb warnt Jakobus (Jak 3,1): „Es sollen nicht viele von euch Lehrer werden, meine Brüder! Denn ihr wisst, dass wir als solche ein noch strengeres Urteil empfangen werden“ (vgl. a. 2Kor 11,15). Wer andere Christen durch falsche Lehren verwirrt, „wird das Urteil tragen, wer er auch sei“ (Gal 5,10).

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