Akzente

Dogmatik und Gottesgelehrtheit

Die Unterscheidung zwischen objektiver Lehre und subjektiver Erkenntnis von Gott legt nahe, die objektive Lehre werde vor allem theoretisch erschlossen und stehe in den Büchern; die „Gottesgelehrtheit“ sei eher eine praktische Angelegenheit und auf das Leben ausgerichtet. Tatsächlich gehören objektive und subjektive „Dogmatik“ zusammen.

Nehmen wir einmal eine Aussage, die uns wahrscheinlich sehr bekannt vorkommt: „Die biblische Lehre ist die Grundlage für das Leben als Jünger Jesu.“ Diese Aussage ist einerseits korrekt, wenn wir hier mit „Lehre“ meinen, was die Schrift sagt. Meinen wir jedoch mit „Lehre“ dogmatische Aussagen, die von Menschen gemacht sind, ist die Sache etwas komplizierter.

Einerseits ist die Bibel tatsächlich Grundlage für das Leben. Andererseits ist die „Gottesgelehrtheit“ jedoch Voraussetzung für die dogmatische Arbeit. Wir können auch sagen, dass nur jener, der durch den Geist Gottes wiedergeboren ist und Vergebung seiner Sünden empfangen hat, Dogmatik im engeren Sinne treiben kann.

Ein Beispiel dafür finden wir in dem Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus. Nikodemus war ein Lehrer in Israel und mit den alttestamentlichen Texten bestens vertraut. Trotzdem verstand er das Evangelium nicht (vgl. Joh 3,10). „Jesus entgegnete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wer nicht von oben geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen“ (Joh 3,3). Ohne Heiligen Geist können wir die göttlichen Dinge nicht verstehen.

Paulus schreibt in 1Kor 2,14–15:

„Der natürliche Mensch aber erfasst nicht, was aus dem Geist Gottes kommt, denn für ihn ist es Torheit; und er kann es nicht erkennen, weil es nur geistlich zu beurteilen ist. Wer aber aus dem Geist lebt, beurteilt alles, er selbst aber wird von niemandem beurteilt. Denn wer hätte die Gedanken des Herrn erkannt, dass er ihn unterwiese? Wir aber haben die Gedanken Christi.“

Ein anderer Text des Apostels ist ebenso aufschlussreich. In Röm 12,1–2 schreibt Paulus:

„Ich bitte euch nun, liebe Brüder und Schwestern, bei der Barmherzigkeit Gottes: Bringt euren Leib dar als lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer – dies sei euer vernünftiger Gottesdienst! Fügt euch nicht ins Schema dieser Welt, sondern verwandelt euch durch die Erneuerung eures Sinnes, dass ihr zu prüfen vermögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Ein erstaunlicher Gedanke. Christen sind aufgefordert, ihrer Leiber – hier stehend für das gesamte Leben –, Gott zur Verfügung zu stellen. Der vernünftige Gottesdienst, die Transformation unseres Denkens, ist Voraussetzung für die Erkenntnis des göttlichen Willens.

Schauen wir noch in einen dritten Text. In 1Kor 8,1–3 sagt Paulus:

„Nun zur Frage des Opferfleisches: Wir wissen ja, dass wir alle Erkenntnis besitzen. Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf. Wer meint, etwas erkannt zu haben, hat noch nicht erkannt, was Erkenntnis heißt. Wer aber Gott liebt, der ist von ihm erkannt worden.“

Was sagt uns der Apostel hier? Wir können formulieren: Theoretisches Erkennen bläht auf. Im tieferen Sinn handelt es sich gar nicht um Erkenntnis, sondern um stolz machende „Pseudoerkenntnis“. Wer Gott und die Geschwister liebt (vgl. die ganze Debatte um das Götzenopferfleisch in 1Kor 8) empfängt göttliche Erkenntnis (dieser Abschnitt ist inspiriert von J. Frame: „Studying Theologie as a Servent of Jesus“, RTS, URL: Study_as_a_Servant.pdf).

Gott erkennen schließt die Vernunft ein. Das allerdings bedeutet nicht, dass ein großer Intellekt ausreicht, um Gott zu verstehen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Liebe, Gehorsam und der Erkenntnis Gottes. Wir können auch sagen: Dogmatik und Ethik lassen sich nicht voneinander trennen. Helmut Thielicke schreibt treffend: „Wer aufhört, ein geistlicher Mensch zu sein, treibt automatisch eine falsche Theologie, selbst wenn sie gedanklich stubenrein, orthodox und gnesiolutherisch ist“ (H. Thielicke, Kleines Exerzitium für Theologen, 1959, S. 42).

Gott offenbart sich Menschen, die ihn lieben. Nachlässigkeit und Ungehorsam, z.B. in Form von Faulheit oder Ehrsucht, verdunkeln hingegen die Erkenntnis Gottes.

Fundament und Norm dogmatischer Arbeit

Dogmatik ist die möglichst vollständige und zusammenhängende Darstellung der in der Heiligen Schrift vorliegenden Lehre. Dasjenige, was die Bibel in ihrer Vielgestaltigkeit an verschiedenen Orten über einzelne Glaubensartikel aussagt, das stellt die Dogmatik möglichst schlüssig, zweckmäßig und übersichtlich zusammen. Die Bibel ist ihre einzige verbindliche Quelle (Quod non est biblicum, non est theologicum).

Geistgewirkte mündliche oder schriftliche Unterweisung kommt aus dem Wort Gottes und dient der Verherrlichung Gottes durch Jesus Christus. Deshalb schreibt Petrus (1Petr 4,11):

„Wenn einer spricht, dann Worte Gottes; wenn einer dient, dann aus der Kraft, die Gott ihm schenkt, damit in allen Dingen Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus; ihm sei die Herrlichkeit und die Herrschaft in alle Ewigkeit, Amen.“

Martin Luther hat etwa in vielen seiner Schriften diesen Zusammenhang eindringlich herausgestellt. Für den Reformator sind Theologen nichts anderes als Schüler der Propheten. Sie erfinden nichts Neues, sondern predigen das, was sie von den Propheten und Aposteln gehört und gelernt haben. Die Autorität kommt oder schwindet mit dem Maß der Übereinstimmung zwischen ihrer Verkündigung und dem Wort Gottes. Kommt das, was die Lehrer ihren Gemeinden sagen, aus dem Wort Gottes, sind sie von Gott bevollmächtigt und machen die Herzen der Gläubigen fest. Lehren sie etwas anderes, treiben sie Götzendienst und stiften Verwirrung.

Luther schrieb 1541 in einem Brief an Hans Worst dazu (WA, Bd. 51, 518–519, hier sprachlich leicht modernisiert):

„Das ist nun alles mit Bezug darauf gesagt, daß die Kirche allein Gottes Wort lehren und des gewiß sein muß, dadurch sie der Grund und Pfeiler der Wahrheit und auf den Felsen gebauet, heilig und unsträflich heißt, das ist, wie man recht und gut sagt: Die Kirche kann nicht irren, denn Gottes Wort, welches sie lehret, kann nicht irren. Was aber anders gelehret oder zweifelhaft ist, obs Gottes Wort sei, das kann nicht der Kirche Lehre sein, sondern muß des Teufels Lehre, Lüge und Abgötterei sein. Denn der Teufel kann nicht sagen (weil er ein Lügner und Vater der Lügen ist): Dies sagt Gott, sondern, wie Christus [in] Joh. 8, 44 sagt: von und aus sich selbst muß er reden, das ist: lügen. Ebenso müssen auch alle seine Kinder ohne Gottes Wort aus sich selbst reden, das ist: lügen.“

Luther hält es für bedrohlich, wenn etwas Fremdes in die Lehre eindringt. Die Kraft und Gewissheit der Lehre geht nämlich dadurch verloren. So hat er bemerkt, dass die katholische Lehre schon in ihren Grundlagen sehr stark von Aristoteles beeinflusst war, also aus verschiedensten Brunnen geschöpft hat. Der katholische Trienter Konzilstheologe Melchior Canus publizierte 1563 sein berühmtes Werk Loci Theologici, in dem er die Quellen für die dogmatische Arbeit erörtert. Seiner Meinung nach gibt es zehn Erkenntnisorte: (1) die Schrift, (2) die Tradition, (3) den Papst bzw. „katholische Gesamtkirche“, (4) die Konzile, (5) die röm. Kirche, (6) die Kirchenväter, (7) die Scholastiker, (8) die Vernunft, (9) die Philosophie und (10) die menschliche Geschichte.  Obwohl diese Erkenntnisorte nicht gleichbehandelt werden, formen „Schrift und Tradition, Liturgie und Lehramt“ keine abgrenzbaren Bereiche (siehe dazu: P. Hofmann, Katholische Dogmatik, 2008, S. 151).

All diese Quellen darf die Dogmatik berücksichtigen, aber sie wird sie immer vor dem Forum der Bibel prüfen und verwerfen, was ihre nicht entspricht. Schon eine Portion falsche Philosophie kann, so wie ein wenig Sauerteig den ganzen Teig verdirbt, die Theologie madigmachen. Luther schreibt in seiner Auslegung von Gal 5,9: „Darum muß die Lehre sein wie ein beständiger und runder goldener Ring, in dem kein Riß ist; wenn ein solcher Ring den geringsten Riß bekommt, ist er weiter nicht mehr ganz unversehrt.“  Ähnlich äußert sich Melanchthon: „Denn rechte Lehre dichten nicht neue oder besondere Lehre von Gott, sondern bleiben stracks in dem einigen Verstand, wie sich Gott durch diese Reden offenbart hat, die in den Schriften der Propheten und Apostel und in den Symbolen gefasst sind.“

Die Schriftgemäßheit der Dogmatik zeigt sich nicht nur durch ihre Herkunft vom Wort Gottes, sondern auch dadurch, dass sie nichts verschweigt, was dort steht (und zugleich nicht über sie hinausgeht).

Als der Apostel Paulus sich von den Ältesten der Gemeinde zu Ephesus verabschiedete, sprach er zu ihnen: „… ich habe es nämlich nicht versäumt, euch den ganzen Ratschluss Gottes mitzuteilen“ (Apg 20,27). Nach seiner Auferstehung befahl Jesus seinen Jüngern (Mt 28,19–20): „Geht nun hin und macht alle Völker zu Jüngern: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe. Und seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Ein Text bringt besonders eindrücklich zum Ausdruck, dass die gesamte (hier alttestamentliche) Schrift bei der Unterweisung zu berücksichtigen ist (2Tim 3,16–17, Elberfelder ÜS):

„Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig zugerüstet.“

„Die Lehre“, – ich zitiere nochmals Luther – „gleicht einem mathematischen Punkt und kann also nicht geteilt werden, d. h. sie verträgt keine Wegnahme und keine Hinzufügung.“

Freilich erntet so ein schriftbezogener dogmatischer Ansatz heute viel Häme. Franz Pieper beklagte bereits Anfang des letzten Jahrhunderts die Preisgabe des Schriftprinzips (F. Pieper, Christliche Dogmatik, 1946, S. 31):

„Niemand gründet seine Dogmatik in altprotestantischer Art auf die norma normans“, das ist, die Bibel (Nitzsch-Stephan, Dogmatik, S. 12 ff.), und sie bezeichnen das Festhalten am Schriftprinzip als Abnormität und als Repristination eines überwundenen theologischen Standpunktes. Wie ernstlich die Lossagung von der Schrift und damit von der doctrina publica seitens der modernen Theologen gemeint ist, geht daraus hervor, dass sie nicht bloß defensiv auftreten (z. B. durch die Behauptung, dass sie nur alte Wahrheit in neuer Weise lehren), sondern auch zu einer stark ausgeprägten Offensive übergehen und das Beziehen der christlichen Lehre aus der Schrift mit solchen Namen belegen wie:Intellektualismus, Biblizismus, Buchstabentheologie, mechanische Schriftauffassung, Auffassung der Schrift, als ob sie ein Lehrgesetzbuch, ein vom Himmel gefallener Gesetzeskodex, ein papierner Papst usw. wäre.“

Die Vorstellung, biblischer Lehre ließe sich einfach in der Schrift vorfinden, gilt folglich vielen als naiver Biblizismus bzw. als Wunschvorstellung oder gar als Fundamentalismus. Hinter dieser Kritik steht die Annahme, dass wir in der Bibel gar keine einheitliche Theologie finden. Die Bibel sei nicht die uns von Gott anvertraute Offenbarung, sondern lediglich das Zeugnis der Offenbarung. Die Bibel enthalte viele unstimmige oder gar widersprüchliche Erzählungen und Glaubenserfahrungen frommer Menschen. Die Leistung der Dogmatik liege gerade darin, hinter dieses Zeugnis zurückzugehen und dort die eigentliche Offenbarungswahrheit zu suchen. Emil Brunner, unbestritten einer der besten deutschsprachigen Dogmatiker des 20. Jahrhunderts, schreibt beispielsweise (E. Brunner, Die christliche Lehre von Gott, Bd. 1, 1953, S. 14–15.):

„Die Kirche hat ja nicht zu lehren, was Matthäus, was Paulus oder was Johannes lehren, sondern sie hat das Wort Gottes zu verkünden und also zu lehren, was in diesen verschiedenen, voneinander abweichenden apostolischen Lehren die Verschiedene Lehrtypen der Bibel eine göttliche Wahrheit ist. Gäbe es eine unbedingt einhellige und in ihrer Einhelligkeit unmissverständliche ‚apostolische Lehre‘ oder ‚Lehre des Neuen Testamentes‘, so möchte sich vielleicht die Arbeit der Dogmatik erübrigen.“

Sogar die Worte Jesu oder die Briefe eines Paulus können keine verlässlichen Bezugspunkte in der dogmatischen Arbeit mehr sein. Sie sind letztlich nur eine Folie, hinter der wir die Wahrheit zu suchen haben oder vielmehr „herstellen“. Brunner schreibt: „Auch hinter den Lehren Jesu und der Apostel, steht die rechte Lehre als das immer erst zu Suchende.“

Ganz ähnlich argumentiert aktuell Siegfried Zimmer, wenn er fordert, dass die Bibel von Jesus Christus her zu kritisieren sei. Es sei immer zu fragen: „Entspricht die Aussage dieses Bibeltextes dem Evangelium von Jesus Christus?“  Er schreibt weiter (S. Zimmer, Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?, 2012, 4. Aufl., S. 91):

„Biblische Texte, die etwas Anderes für richtig halten, als Jesus uns gelehrt hat, dürfen unser Gewissen nicht binden. Das Gottesverständnis Jesu, der Lebensstil Jesu und das Evangelium von Jesus Christus sind für uns der Maßstab, an dem wir alles Andere in der Bibel messen. Dann können wir nicht mehr alle Geschehnisse, die in biblischen Texten auf Gott zurückgeführt werden (…), auf Gott zurückführen. Was wir auf Gott zurückführen können und müssen, entscheidet sich an dem, wie Gott sich in Jesus offenbart hat.“

Zimmer blendet aus, dass Jesus die Schrift nicht nur nicht kritisiert, sondern sie in allem bestätigt und erfüllt hat (vgl. Mt 5,17). Er übersieht ausserdem, dass wir Jesus nur aus der Schrift kennen. Der Jesus, von dem her seiner Meinung nach die Schrift zu beurteilen ist, ist das Produkt der menschlichen Phantasie, denn er ist nicht der Christus der Schrift, sondern der, der hinter der Schrift vermeintlich gefunden wurde. Wir finden aber die Wahrheit nicht hinter der Schrift, sondern nur in der Schrift. Deshalb bleiben wir bei der Schrift. Die Bezeugung der Gesamtlehre der Bibel ist das Anliegen der Dogmatiker. Sie sind unermüdlich darum bemüht, ihrer Generation die Lehre der Schrift verständlich zu erklären und zu lehren. Selbstverständlich gehen sie dabei auf Fragen ihrer Zeit ein. Ihre Antworten auf diese Fragen kommen aber aus dem Wort Gottes. Der christliche Lehrer rückt nicht von der göttlichen Wahrheit ab und verlegt die Antworten in den Bereich der subjektiven und zeitabhängigen Meinung. Die christliche Lehre ist ja gerade Gottes Wort im Gegensatz zu von Menschen erdichteten Lehren. „Denn“ – so heißt es in 2Petr 1,20 „das sollt ihr vor allem andern wissen – keine Weissagung der Schrift verdankt sich menschlicher Anschauung. Denn was an Weissagung einst ergangen ist, geht nicht auf den Willen eines Menschen zurück, vielmehr haben, getrieben vom Heiligen Geist, Menschen im Auftrag Gottes gesprochen.“

Es ist geradezu das Hervorstechende der kirchlichen Lehre, dass sie Gottes Sichtweise zur Sprache bringt. Schauen wir uns dazu einige Bibeltexte an:

Jer 14,14:

„Und der HERR sprach zu mir: Lüge prophezeien die Propheten in meinem Namen! Ich habe sie nicht gesandt und sie nicht beauftragt, und ich habe nicht zu ihnen gesprochen. Sie prophezeien euch Lügenschauung und leere Weissagung und selbst ersonnenen Betrug. Darum, so spricht der HERR über die Propheten, die in meinem Namen prophezeien, obwohl ich sie nicht gesandt habe, und die sagen: Schwert und Hunger wird es nicht geben in diesem Land! — Durch das Schwert und durch Hunger werden diese Propheten ihr Ende finden.“

Jer 23,16:

„So spricht der HERR der Heerscharen: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie täuschen euch, sie verkünden die Schauung ihres eigenen Herzens, nicht das, was aus dem Mund des HERRN kommt.“

Jer 27,14–16:

„Und hört doch nicht auf die Worte der Propheten, die euch sagen: Ihr werdet dem König von Babel nicht dienen müssen! Denn Lüge ist, was sie euch weissagen. Denn ich habe sie nicht gesandt, Spruch des HERRN, und verlogen weissagen sie in meinem Namen, damit ich euch versprenge und ihr umkommt, ihr und die Propheten, die euch weissagen. Und zu den Priestern und zu diesem ganzen Volk habe ich gesprochen: So spricht der HERR: Hört doch nicht auf die Worte eurer Propheten, die euch weissagen: Seht, in Kürze werden die Geräte des Hauses des HERRN zurückgebracht aus Babel! Denn Lüge ist, was sie euch weissagen.“

Hes 13,2–3:

„Du Mensch, weissage für die Propheten Israels, die da weissagen! Und sprich zu denen, die aus sich heraus weissagen: Hört das Wort des HERRN! So spricht Gott der HERR: Wehe den törichten Propheten, die ihrem eigenen Geist folgen, ohne etwas gesehen zu haben!“

1Tim 6,3–5:

„Wer aber andere Lehren verbreitet und sich nicht an die gesunden Worte unseres Herrn Jesus Christus hält und an die Lehre, die der Frömmigkeit entspricht, ist ein Narr. Nichts hat er verstanden, sondern krank ist er vor lauter Streitereien und Wortgefechten, bei denen nichts anderes herauskommt als Neid, Streit, Lästerungen, üble Verdächtigungen – ein fortwährendes Gezänk verwirrter Menschen, die sich um die Wahrheit gebracht haben, weil sie meinen, die Frömmigkeit sei ein einträgliches Geschäft .“Hätte die Gemeinde Jesu diese Anweisungen befolgt, würde es möglicherweise deutlich besser um die Verkündigung bestellt sein. Die Bibel fordert nicht nur die Lehrer auf, Sprachrohre Gottes zu sein, sie warnt außerdem davor, Lehrern, die das nicht sind, Aufmerksamkeit und Gemeinschaft zu geben.

2Joh 8–11:

„Gebt acht auf euch, dass ihr nicht verliert, was wir erarbeitet haben, sondern den vollen Lohn erhaltet. Jeder, der darüber hinausgeht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht; wer in der Lehre bleibt, der hat sowohl den Vater als auch den Sohn. Wer zu euch kommt und nicht diese Lehre bringt, den nehmt nicht ins Haus auf und den Gruß entbietet ihm nicht. Denn wer ihm den Gruß entbietet, hat schon teil an seinen bösen Werken.“

Röm 16,7:

„Ich ermahne euch aber, liebe Brüder und Schwestern: Habt ein Auge auf die, welche Anlass zu Spaltung und Ärgernis geben; sie widersprechen der Lehre, die ihr gelernt habt. Geht ihnen aus dem Weg!“

Eduard Böhl (1836–1903) beschrieb die Situation der modernen Dogmatik bereits 1887 mit strengen Worten zutreffend:

„Unsere älteren Theologen hatten noch den Mut, die Dogmen oder die Glaubenslehre selbständig aus der heiligen Schrift zu schöpfen, und sie getrösteten sich der Hilfe des heiligen Geistes, der sie nicht verlassen werde (Joh 16,13). Calvin nennt seine Dogmatik institutio, d.h. Unterricht. Diesen Mut haben die neueren Theologen schon seit einem Jahrhundert verloren. Es ist ihnen ergangen wie dem Elymas (Apg 13,11). Sie suchen andere Führer, nachdem sie durch göttliches Verhängnis blind geworden, oder mit anderen Worten, nachdem die Erleuchtung von oben ausblieb.“

Prüfstein der Dogmatik wie der Theologie überhaupt ist also die Heilige Schrift. Dogmatik will sich nicht von der Schrift emanzipieren, sondern sie verstehen und zusammenhängend lehren. Zugleich müssen wir allerdings die Lehre der Bibel von unserer Dogmatik unterscheiden. Dogmatik ist und bleibt eine menschliche Leistung.

Die lutherische Orthodoxie brachte m. E. diesen Kontrast gebührend zum Ausdruck, indem sie zwischen vorbildlicher und nachbildlicher Theologie unterschied. Die rechte Theologie ist ein Abdruck der urbildlichen Theologie (theologia archetypos). Dogmatik soll demnach ein Abdruck (theologia ektypos) von dem sein, was Gott denkt und uns in seiner Gnade offenbart hat.

Freilich können sie diesen „Dienst des Abdrucks“ nur mehr oder wenig gut verrichten. Auch wenn Dogmatiker sich gerade nicht vom Geist der Zeit treiben lassen sollten, sind sie Kinder ihrer Zeit; sie erreichen die Wahrheit der Schrift mal mehr oder mal weniger. Jesu Worte werden nicht vergehen (vgl. Mt 24,35), die Erkenntnisse der Dogmatik bleiben dagegen Stückwerk (vgl. 1Kor 13,9). Gelegentlich machen Dogmatiker Fortschritte, verstehen also Dinge der Schrift besser, als sie bisher verstanden wurden. Das sollte ihr Anliegen sein: mehr und klarer vom Wort Gottes zu reden. Leider fallen sie jedoch allzu oft hinter die Leistungen der Väter zurück. Das gilt vielleicht gerade für die Neuzeit, die sich durch Grundentscheidungen gegenüber der göttlichen Offenbarung verschlossen hat bzw. sich über die Offenbarung erhöht. Dogmatiker sind deshalb gut beraten, wenn sie die „Weisheit der Väter“ kennen und schätzen und in ihre Untersuchungen einfließen lassen. Auch wird die Dogmatik darüber hinaus den Dialog mit philosophischen und theologischen Strömungen suchen. Jedoch nicht, um Wahrheit auszuhandeln, sondern sie angesichts der aktuellen geistesgeschichtlichen Herausforderungen zu bezeugen. Grund und Norm der Dogmatik bleibt allein Schrift.

Wurzeln dogmatischer Arbeit

Wo hat, wenn die Schrift selbst keine Dogmatik ist, diese Disziplin ihren Ursprung? Wir können in Anlehnung an Emil Brunner drei Wurzeln nennen:

(1) Die erste Wurzel der Dogmatik ist der Kampf gegen falsche Lehren. Hören wir einmal auf Emil Brunner, der dies so klar zur Sprache bringt, dass es nur schwerlich besser gesagt werden kann (E. Brunner, Die christliche Lehre von Gott, Bd. 1, 1953, S. 11–12):

„Die sündige Eigenwilligkeit des Menschen bemächtigt sich des Evangeliums und verändert, zunächst unbemerkt, ja vielleicht auch unbewusst, den Inhalt, den Sinn der Botschaft von Jesus Christus und seiner Erlösungstat, vom Gottesreich und der Bestimmung des Menschen. Es entstehen Evangeliumssurrogate, Vermischungen mit Fremdem, Abschwächungen, Verdünnungen, Abweichungen; den biblischen Worten wird ein ihnen fremder, ein ihrer Absicht widersprechender Sinn unterschoben. Die christliche Gemeinde ist in Gefahr, ihren göttlichen Wahrheitsschatz gegen menschliche Erfindungen zu vertauschen. Sollten also die, die um die ursprüngliche Wahrheit wissen, sich nicht aufgerufen fühlen, zwischen Schein und Wahrheit, zwischen ‚Gold‘ und ‚Katzengold‘ zu unterscheiden? Diese Nötigung der Unterscheidung und warnenden Abgrenzung macht der ursprünglichen Naivität ein Ende. Vergleichung, Reflexion wird notwendig, und ihr Anteil wird um so grösser, je raffinierter die Fälschungen sind. Wo die biblischen Wörter zu Gefässen fremder Inhalte werden, genügt keine Berufung auf Bibelworte; wo ganze fremde Systeme in die kirchliche Verkündigung eingeschmuggelt werden, wird es notwendig, das Ganze auf der einen dem Ganzen auf der andern Seite gegenüberzustellen und die systematischen Zusammenhänge dort und hier blosszulegen. Die Irrlehre, die Lehrverfälschung ruft [nach] der dogmatischen Begriffsbildung und Systematik. Aus dem Kampf gegen die Irrlehre ist die Dogmatik der alten Kirche entstanden; aus dem Kampf gegen die römische Verfälschung der biblischen Botschaft erwuchs die Dogmatik der Reformationszeit.“

Wir erkennen hier den apologetischen Gehalt der Dogmatik. Die Verteidigung der gesunden Lehre gehört zu ihren wichtigen Aufgaben. Während sich die Apologetik mehrheitlich nach außen wendet, richtet sich die Dogmatik überwiegend an die Gemeinde der Christusnachfolger.

(2) Eine zweite Wurzel ist die biblische Unterweisung (Katechese). Die Christen haben Jesu Befehl, Menschen aus allen Völkern zu taufen und sie zu lehren (vgl. Mt 28,19–20), ernst genommen und ihre Glieder unterwiesen. Wo Kirche keine lehrende Kirche ist, verliert sie ihre geistliche Kraft sehr schnell. Deshalb wurden Neubekehrte, frisch Getaufte, aber auch Interessierte, gründlich in der Lehre unterwiesen. Bald entwickelte sich ein formalisierter Taufunterricht, der auch Katechese genannt wurde.

Gregor von Nyssa (ca. 335/340 – 394) schreibt in seiner Großen Katechese über die Aufgabe der Unterweisung (G. v. Nyssa, Große Katechese, generiert von der elektronischen BKV, URL: www.unifr.ch. Der Text wurde sprachlich leicht modernisiert.):

„Die Unterweisung in der Glaubenslehre ist eine Pflicht für die Vorsteher des Geheimnisses der Religion, damit die Kirche durch den Zuwachs der Auserwählten dadurch voll werde, dass das Wort des Glaubens auf dem Wege des Unterrichtes dem Ohr der Ungläubigen vermittelt wird. Doch nicht dieselbe Art des Unterrichtes wird für alle, die zu dem Worte herantreten, passen, sondern man muss die Belehrung jedes Mal nach der Verschiedenheit ihrer Religion einrichten, so dass man zwar dasselbe Lehrziel im Auge hat, aber bei allen nicht die nämliche Lehrmethode in Anwendung bringt. Von einer anderen Ansicht ist ja der Jude befangen und von einer anderen der im Heidentum Lebende; … Vielmehr muss man, wie gesagt, auf die Meinungen der einzelnen Rücksicht nehmen und die Belehrung jedes Mal im Hinblick auf die besonderen Irrtümer des betreffenden Gegners einrichten; dazu gehört ferner, dass man bei jedem Unterricht gewisse Grundwahrheiten und wohlbegründete Prämissen im Voraus feststellt, so dass man, von dem von beiden Teilen Zugestandenen ausgehend, in Form von Folgerungen die ganze Wahrheit entwickelt.“

Sehr bekannt ist auch die Schrift Vom ersten katechetischen Unterricht des Kirchenvaters Augustinus.  Er gilt als Erneuerer der Einführungskatechese und erörtert dort viele methodische und pädagogische Fragen, z. B. die Frage, wie oft der Stoff wiederholt werden sollte und ob die Freude am Lehren Voraussetzung für einen gelingenden Unterricht ist.Deutlich wird sowohl bei Gregor als auch bei Augustinus, dass die eine Lehre auf unterschiedliche Weise vermittelt werden muss. Die Unterweisung nimmt Rücksicht auf die Meinungen der Adressaten, setzt sich mit den Irrtümern der „Gegner“ auseinander, um ihnen beim Erschließen der Evangeliumswahrheit zu helfen. Das ist bereits dogmatische Arbeit. Sie fördert die Erneuerung des Denkens, damit der Mensch den Willen Gottes erkennt und zu allem guten Werk geschickt ist (vgl. Röm 12,1–3; 2Tim 3,16f).

(3) Die dritte Wurzel ist die exegetische Arbeit mit biblischen Texten. Mit der Kanonisierung der Heiligen Schrift wuchs das Bedürfnis, Begriffe, Themen und Zusammenhänge tiefer zu verstehen. Es genügte nicht mehr, zu verstehen, was beispielsweise Paulus mit dem Begriff „Gerechtigkeit“ im Römerbrief meinte. Man glich Formulierungen und Themen mit anderen Briefen ab, wollte ein gesamtbiblisches Verständnis für „Gerechtigkeit“ usw. entwickeln. So erlernte man das konkordante Arbeiten, erarbeitete theologische Themen und entwickelte erste kleine dogmatische Schriften zu bestimmten Thematiken.

Von der Notwendigkeit dogmatischer Arbeit

Die Bibel ist kein dogmatisches Buch. Die Bücher der Bibel gehören verschiedenen Gattungen, im Alten Testament finden wir Geschichtsbücher, Lehrbücher, Psalmen und Prophetenbücher. Das Neue Testament enthält die Evangelien, die Geschichte der ersten Gemeinden und Mission, die verschiedenen Briefe und das Buch der Offenbarung. Selbst der Römerbrief des Paulus, zweifellos ein Werk, das in sehr schlüssiger Weise Gedanken entfaltet, ist keine Dogmatik, sondern ein Schreiben mit konkreten Anlässen und Adressaten.

Auf der Grundlage dieses Sachverhalts kann man fragen, ob wir denn so etwas wie Dogmatik überhaupt brauchen. Tatsächlich habe ich mal auf einer Tagung ein Gespräch mit einem Theologen geführt, der fest davon überzeugt war, dass die Christenheit fast alle Streitereien der Dogmatik verdanke und der Zeitpunkt gekommen sei, diese von den Lehrplänen zu streichen. Warum hat Gott uns kein dogmatisches Lehrbuch offenbart? Vielleicht will er ja gar keine Dogmatik?

Viele Christen hegen Vorbehalte gegenüber der Dogmatik. Warum brauchen wir die klaren Definitionen und komplizierten Aussagesätze (Propositionen) und Argumente? Das Evangelium ist so einfach, so dass jeder Laie es verstehen kann. Die ersten Jünger Jesu waren keine Professoren, sondern Fischer. Das Evangelium von der vergebenden Barmherzigkeit Gottes ist für das Herz und Leben des Menschen gedacht, nicht für sein Bedürfnis, Verstandesdispute zu führen. Dogmatik führt doch nur in das abgehobene, theoretische Debattieren. Gott aber will uns in die Gemeinschaft rufen und zu Werken der Barmherzigkeit anstiften. Es geht dem Christentum nicht um die reine Lehre, sondern um den Glauben an die Person Jesus Christus. Die dogmatische Lehre, so häufig zu hören, widerspreche dem Leben, fördere die Intoleranz und ersticke die tätige Liebe (vgl. dazu W. Künneth, Fundamente des Glaubens, 1980, S. 40–42).

Solche und ähnliche Vorbehalte sind schon alt und nicht gänzlich unberechtigt. Lehre kann lebensfremd sein. Tatsächlich warnt bereits die Bibel vor dem unnützen Gezänk streitsüchtiger Menschen (vgl. 1Tim 6,5). Dogmatische Streitigkeiten spiegeln manchmal nur das Bedürfnis nach Selbstdarstellung, Gewinnsucht (vgl. Tit 1,11; 2Petr 2,3) oder auch Manipulation von Menschen. Auch unter den Dogmatikern gibt es „böse Leute“ und „Scharlatane“, die zum Schlechten hin „verführen“ und „verführt werden“ (2Tim 3,13).

Dennoch dringen diese Vorbehalte nicht zum Kern der Sache vor.

Einmal können wir einwenden, dass die Heilige Schrift, obwohl sie kein dogmatisches Lehrbuch ist, gleichwohl den unschätzbaren Wert der Lehre herausstellt. Nachfolger Jesu sollen die Zuverlässigkeit der Lehre erkennen (vgl. Lk 1,4), an der Lehre der Apostel festhalten (vgl. Apg 2,42), der Lehre gegenüber von ganzem Herzen Gehorsam werden (Röm 6,17). Alles, was uns im Römerbrief geschrieben ist, ist „uns zur Belehrung geschrieben“ (Röm 15,4). Wir finden in den Pastoralbriefen die aufschlussreiche Wertschätzung der „gesunden Lehre“ (2Tim 4,3), so dass ein Ältester am Wort festzuhalten hat, das „zuverlässig ist und der Lehre entspricht“ (Tit 1,9).

Noch einschneidender ist die Beobachtung, dass die Wirklichkeit so geschaffen ist, dass wir ohne Dogmatik nicht leben können. Kurz: Jeder Mensch ist durch die Welt, in die er hineingestellt ist, gezwungen, „Dogmatiker“ zu sein. Walter Künneth spricht von einer anthropologischen Grundbestimmtheit der Lehre und schreibt (W. Künneth, Fundamente des Glaubens, 1980, S. 42):

Von ausschlaggebender Bedeutung ist die Einsicht, daß das Menschsein in seiner Tiefe und Hintergründigkeit von einer dogmatischen Weichenstellung nicht zu lösen ist. Es gibt demnach keinen Menschen, der sich nicht unbewußt oder bewußt, indirekt oder direkt von einer geheimen dogmatischen Überzeugung leiten ließe. Die Behauptung einer Grundsatzneutralität muß als Selbsttäuschung durchschaut werden. Jedes menschliche Denken und Handeln wird von irgendwelchen vorausgegebenen Grundsätzen, die man auch als ‚Lehren‘ bezeichnen könnte, unterbewußt oder willensmäßig gesteuert. Die Quellorte dieser den Menschen dirigierenden Prinzipien und Lehren sind unendlich mannigfach, zu denken ist an Tradition und Sitte, Umwelteinflüsse, tiefenpsychologisch zu analysierende Urgründe der menschlichen Psyche, seine persönlichen Überzeugungen und Erfahrungen, die sich zu normgeladenen Lebensgrundsätzen verdichten. So entstehen und wirken ‚dogmatische‘ Leitbilder, die auf Verhaltensweise und Lebensgestaltung einen zielsetzenden Einfluß ausüben. Niemand kann daher dieser Grundbestimmtheit durch eine ‚Lehrerkenntnis‘ oder ein ‚Lehrurteil‘ entfliehen. Die Ausrichtung des Daseins durch irgendeine ‚Lehre‘ ist unvermeidbar.

Folglich geht es gar nicht um Dogma versus Leben, sondern um Dogma versus Dogma, Irrtum und Lüge versus Wahrheit. Die wesentliche Frage ist: Lenken falsche oder gesunde Glaubenssätze unser Leben? Immer werden es Glaubenssätze sein, die unserem Leben Richtung und Sinn geben. Die falsche Lehre knechtet uns, macht uns geistliche krank und lenkt in das Verderben. Jesus als der wahre Lehrer und Erlöser führt uns durch seine Worte in die Wahrheit und damit auch in die Freiheit.

Überdenken wir zur Illustration kurz den geläufigen Einwand, es komme auf die Liebe und nicht auf die Lehre an. Der Rückzug auf die „Liebe“ entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine zutiefst dogmatische Entscheidung. Was ich auch immer unter „Liebe“ verstehe, meine Auffassung von Liebe ist ein dogmatische. Der eine versteht unter Liebe, dass ich die Interessen des Nächsten in jedem Fall zu achten habe. Ein anderer verbindet mit Liebe möglicherweise ein bestimmtes Gefühl. Wieder ein anderer möchte um der Liebe willen einen Menschen vor seinen selbstsüchtigen Sehnsüchten schützen. Was auch immer wir unter Liebe verstehen, unsere Deutung und Verwirklichung der Liebe ist von Einsichten, Erfahrungen und Urteilen über den Menschen und seine Beziehungen getränkt, die dogmatischer Natur sind. Liebe ersetzt Erkenntnis also nicht, sondern setzt sie voraus. Lehre im Sinne von dogmatischen Grundentscheidungen ist deshalb unausweichlich. Auch wer Lehre ablehnt, lehrt. Die entscheidende Frage ist: Welche Lehre bestimmt unser Denken und Handeln? Dogmatik will unsere Herzen unter die Herrschaft der Wahrheit bringen. Deshalb entfaltet sie uns die unüberbietbare Lehre, die uns Christus gebracht hat.

Gründlich Lesen (2): Die neue „Sex-Perspektive“

Brauchen die Frommen einen Neustart bei der christlichen Sexualethik? In letzter Zeit begegnet mir dieses Begehren vermehrt. Wir sollten überdenken, was die Bibel zur Familie sagt! Wir brauchen eine christianisierte Queer-Theorie! Ein bekannter Buchautor, inzwischen Professor an einem evangelikalen Seminar, beschäftigt sich mit einer christlichen Betrachtungsweise auf die Polyamorie: Wie können sich mehrere Christen zur selben Zeit lieben, mit dem Herzen; und sinnlich? Bis zum Ermüden werde ich freilich mit der Forderung konfrontiert, die Frage der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft angesichts aktueller gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Fortentwicklungen integrativ zu lösen.

Heute flatterte ein neuer Text in meinen elektronischen Briefkasten. Hauke Burgarth, ein ausgesprochen sympathischer ehemaliger Kollege, stellt dort die Behauptung auf: Wir brauchen ein „Reset“ für unser Denken beim Thema Sex. Bezug nimmt er dabei auf einen Blogbeitrag von Mark Sandlin. Sandlin ist ein Vertreter des sogenannten „postmodernen Christseins“ und hat sich mit seinem Engagement bei den „Sojourners“ einen Namen gemacht. Bekannt geworden ist er mit einem großen „Geistesblitz“: Das Christentum liege bezüglich der Sünde völlig falsch. Ungefähr so: Zu glauben, durch den Sündenfall habe sich etwas Grundlegendes geändert, ist ein Irrtum mit fatalen Folgen. Dieser Irrglaube lässt uns völlig verkennen, wie großartig wir Menschen eigentlich sind. Ich meine, bei Pelagius oder bei Schleiermacher so etwas schon mal gelesen zu haben. Aber vielleicht irre ich mich da ja auch. Irren ist menschlich.

Nun mag sich der ein oder andere fragen, wie Sandlin mit so einer Sichtweise Pastor einer reformierten Kirche sein kann. Die Antwort ist einfach. Für jemanden, der postmodern denkt, ist alles möglich. Dwigth Friesen sagt das im Emergenten Manifest folgendermaßen: „Hier ist meine Arbeitsmaxime für eine orthoparadoxe Theologie: Je mehr unversöhnliche verschiedenartige theologische Positionen auftauchen, desto eher erfahren wir Wahrheit.“

Kommen wir zu dem Artikel von Hauke Burgarth, der nun bei Livenet.ch erschienen ist.

Es geht, wie kann es anders sein, zunächst um Augustinus. Der Kirchenvater habe mit seinen abstrusen Vorstellungen zur Sexualität die abendländische Ethik maßgeblich beeinflusst. Sogar heute seien seine prüden Ansichten in der Kirche noch zu finden.

Nun kann man ja tatsächlich an Einigem Anstoß nehmen, was Augustinus im Blick auf die Geschlechtlichkeit zu sagen hat. Ich selbst weise im Unterricht regelmäßig darauf hin, dass er sich vom Neoplatonismus, dem er einige Zeit anhing, nie ganz zu lösen vermochte. Aber zu meinen, dass die durchschnittlichen Leute in der Kirche heute zu platonisch lieben, ist mehr als eine Übertreibung. Nicht Plato, sondern Epikur, ist angesagt.

Dann wird, mit Verweis auf Debra Hirsch, Ehefrau des missionalen Alan Hirsch, der Neustart eingefordert:

Durch ihre Ansichten zu Themen wie Geschlechtlichkeit, Selbstbefriedigung, vorehelichem Geschlechtsverkehr oder Homosexualität hat die Kirche vielfach dazu beigetragen, die ausgesprochen gute Schöpfung der Sexualität in etwas Sündiges, Schuldbeladenes und Peinliches zu verwandeln. Damit hat sie einen bedeutenden Teil des Menschseins in etwas verwandelt, das Menschen verletzt und verhindert, dass sie ihre eigentliche Identität finden und leben können. Natürliche Wünsche werden hier zu sündigem Tun erklärt. Dieses Denken prägt natürlich nicht jede Kirche und Gemeinde, doch es ist weit verbreitet.

Wie sieht die Therapie dieser „Misere“ aus? Ungefähr so: Wir brauchen nicht nur ein holistisches Menschenbild oder eine gesamtheitliche Sicht der Mission, wir brauchen auch eine ganzheitliche und positive Sichtweise auf die Sexualität.

So einfach lassen sich also die Probleme lösen, mit „Ganzheitlichkeit“. Ich frage mich, weshalb das nicht schon früher jemandem aufgefallen ist. Wir hätten uns so viele Enttäuschungen beim Sex im Bett und beim Plausch auf der Bank ersparen können! Nun, besser spät als gar nicht. Ab jetzt wird es anders. Wenn wir die Potentiale in der Ganzheitlichkeit begreifen, eröffnen sich neue Welten und die Seelsorger, die sich mit den sinnlichen Nöten ihrer Ratsuchenden beschäftigen, können sich endlich behaglicheren Aufgaben zuwenden. Das wird einen Spaß geben!

Dann geht es natürlich noch um die Bibel, aus der wir lesen, was da nicht steht:

Durch tendenziell prüde Missverständnisse der Kirche zum Thema Sex haben wir viele „Erkenntnisse“ gewonnen, die wir auch dann in der Bibel entdecken, wenn sie gar nicht dastehen. Jesus redete zum Beispiel ausgesprochen wenig über Sex. Über Sex vor der Ehe sprach er nie. Er nahm nur kurz Stellung zu ausserehelichen Beziehungen Verheirateter. Allerdings lesen wir in den wenigen biblischen Aussagen einen ganzen Berg an angelernten Überzeugungen hinein. Und viele dieser unterschwellig vorhandenen Überzeugungen haben ihren Ursprung in Augustinus‘ ungesunder Lehre vom „sündigen Fleisch“.

Alles klar?

Kurz noch zum Neuanfang. Wie kann der Sex wieder „sehr gut“ werden?

Wie kann hier Veränderung geschehen? Wie ist es möglich, den Sex zu befreien sowie befreienden Sex zu erleben? Und zwar als Christen?

  • Zunächst einmal ist es nötig, dass wir unsere Sexualethik auf der theologischen Grundannahme aufbauen, dass Sex «sehr gut» ist. Statt physische, geistige und geistliche Bereiche zu trennen, muss Sexualität im Wissen verwurzelt sein, dass all diese Aspekte zusammengehören – und gemeinsam wichtig sind für menschliche Beziehungen.
  • Weiter müssen wir über das nachdenken, was Jesus tatsächlich über Beziehungen gesagt hat. Dies soll die Basis unserer (neuen) Sexualethik werden. Weitere Grundlagen sind gegenseitiger Respekt und der Wunsch, auf die körperlichen, emotionalen und geistigen Bedürfnisse anderer einzugehen.
  • Wir blicken auf viele gute Ansätze, aber auch auf jahrhundertelange schlechte Theologie und eine verletzende Lehre zur Sexualität zurück. Gerade in den letzten Jahren ist allerdings einiges in Bewegung gekommen, was Heilung verspricht. Noch liegt ein weiter Weg vor uns, doch er lohnt sich, damit das Geschenk der Sexualität wieder „sehr gut“ sein kann.

So einfach ist das!

Jetzt habe ich schon mehr geschrieben, als ich ursprünglich wollte. Diesmal möchte ich den Artikel eigentlich  selbst gar nicht kommentieren, sondern die Leser des Blogs darum bitten, diese Aufgabe zu übernehmen. Also: Was fällt Euch an dem Artikel „Wir brauchen ein ‚Reset‘ für unser Denken beim Thema Sex“ alles so auf?

Ich bin gespannt! Hier nochmal der Link: www.livenet.ch.

Ist die Theologie dein Götzendienst?

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Liebe (übrigens auch zwischen Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis, vgl. dazu Institutio I,1). Gott offenbart sich denen, die ihn lieben. Liebe ist dabei nicht romantisch zu verstehen. Die Liebe erweist sich dort, wo wir sein Wort bewahren und tun, was Gott gefällt. Gute Theologie setzt einerseits die Liebe zu Gott voraus und sucht andererseits, die Liebe zu Gott zu fördern. Denn: „Das Ziel aller Weisung ist die Liebe, die aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben kommt“ (1Tim 1,5).

Theologie, die meint, ohne Liebe auskommen zu können, verkommt schneller als wir meinen, zum Götzendienst. Marshal Segal stellt uns 9 interessante Fragen:

  • Führt dich deine Theologie näher zu Gott?
  • Mobilisiert dich deine Theologie?
  • Befreit dich deine Theologie, Opfer der Liebe für andere zu geben?
  • Hält deine Theologie dich dazu an, begierig zu lernen?
  • Macht dich deine Theologie demütig?
  • Sortiert deine Theologie aus, was du wertschätzt und priorisierst?
  • Weckt deine Theologie in dir Mitgefühl?
  • Ist Jesus die Mitte deiner Theologie?
  • Fördert deine Theologie die Sehnsucht nach Heiligkeit?

Ich würde noch hinzufügen:

  • Treibt dich deine Theologie ins Gebet und in die Anbetung?
  • Baut deine Theologie die Gemeinde auf?

Hier mehr: www.desiringgod.org.

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City Church goes LGBT

Vor einigen Tagen gab die Leiterschaft der „City Church San Francisco“ (CCSF) bekannt, dass sie ihre ablehnende Einstellung gegenüber dem LGBT-konformen Lebensstil korrigiert. In Zukunft werde von Mitgliedern mit LGBT-Orientierung keine sexuelle Abstinenz mehr erwartet, da diese Erwartung dem Evangelium von Jesus Christus widerspreche.

Obwohl Kenner der Szene rund um den kulturrelevanten Gemeindebau nicht völlig überrascht sein dürften, birgt dieser Richtungswechsel eine gewisse Sprengkraft. Die CCSF bekennt sich einerseits zum historischen Christentum und zur Theologie drei bedeutender reformierter Bekenntnisschriften, nämlich dem Heidelberger Katechismus, dem Helvetischen Glaubensbekenntnis und der Dordrechter Lehrregel. Ihre Entstehung geht außerdem auf Inspirationen zurück, die die Gründer in den 90er-Jahren der renommierten „Redeemer Presbyterian Church“ in New York City unter Tim Keller entnommen haben. Außerdem ist die Gemeinde missionarisch ausgerichtet und in verschiedene Gemeindegründungsprojekte involviert. Dass sie sich jetzt die Sexualethik der „progressiven Evangelikalen“ zu eigen macht, wird  Auftakt weiterer Diskussionen über den kulturattraktiven Gemeindebau sein.

Ich empfehle die gewiss provokative Analyse von Owen Strachan, der sich übrigens auch allgemeiner zum progressiven Evangelikalismus geäußert hat. Ergänzend dazu vier kurze Gedankenanstöße aus dem Bauch heraus:

(1) San Francisco an der Westküste ist so etwas wie die Hauptstadt der Schwulenbewegung. Die Stadt mit ihrem inoffiziellen Symbol der Regenbogenfahne wurde zum Inbegriff der Gegenkultur. Der „Meinungsdruck“, dem dort Andersdenkende ausgesetzt sind, ist besonders groß (freilich ist die Stadt eben auch so etwas wie ein Trendsetter).

(2) Der Schwenk der CCSF hat nichts mit der theologischen Position von Tim Keller zu tun. Der Leiter der „Redeemer Presbyterian Church“ in Manhatten (!) hat seine Sichtweise mehrfach eindeutig zum Ausdruck gebracht, erst kürzlich wieder in der Besprechung zweier Bücher zum Thema.

(3) Die Erklärung der CCSF weist eklatante theologische Schwächen auf. Ich gehe mal davon aus, dass dazu in den nächsten Wochen allerlei geschrieben wird. Hinweisen möchte ich kurz auf das in Stellung gebrachte Argument, Christen sollten nicht über andere Christen richten. Es gibt ein falsches und ein unerlässliches Richten. So verwerflich ein hochmütiger Richtgeist ist, das Urteilen auf der Grundlage des biblischen Wortes ist nicht nur Auftrag, sondern Notwendigkeit der Kirche. Wir sollen allerdings nicht über das Wort Gottes Recht sprechen, sondern unter dem Wort Gottes. Das „Helvetische Bekenntnis“, auf das sich die CCSF unter anderem gründet, gebietet beispielsweise das Prüfen mit der größten Sorgfalt und Klugheit aus dem Wort Gottes. Es ist Kennzeichen der wahren Kirche, dass sie alles nach der Vorschrift des Wortes Gottes tut und alles, „was ihm widerstreitet, von sich weist und Christus als einziges Haupt anerkennt“ (Artikel 29). Gerade das Richten auf der Grundlage subjektiver Meinung, das meiner Erfahrung nach all jene selbstverständlich praktizieren, die das Richten verbieten wollen, ist ein Fallstrick.

(4) Schnell Klarheit schaffen! Je länger man in der Schule oder auf dem Arbeitsplatz damit wartet, sich zu Christus zu bekennen, desto schwerer fällt es. Das Beste ist es, so schnell als möglich unverkrampft Einblick in die eigenen Glaubensüberzeugungen zu geben. Gemeindegründungsprojekte sind gut beraten, ganz ähnlich in den wichtigen Fragen der Lehre und Ethik von Anfang an Transparenz herzustellen. Das Warten macht es nicht einfacher. Im Gegenteil, der Anpassungsdruck, dem gerade kulturattraktive Gemeindeprojekte ausgesetzt sind, macht es schwerer.

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Die Rückkehr des Absoluten

Im 20. Jahrhundert ist das moderne Weltbild, das stark von den Naturwissenschaften und der Suche nach  Einheit geprägt war, zunehmend unter Druck geraten. Nicht mehr die Wirklichkeit, an der sich verschiedenste Deutungen abarbeiten und bewähren müssen, stand im Zentrum menschlicher Erkenntnisbemühungen, sondern ihre ausschließlich in Sprache entworfenen Interpretationen. Anstelle der Annahme, Sprache sei ein geeignetes Mittel, um Wirklichkeit abzubilden, zu verstehen und zu vermitteln, trat die Überzeugung, Sprache sei eine unhintergehbare Bedingung menschlichen Denkens. Jede menschliche Erkenntnis sei durch Sprache strukturiert. Alle Realität jenseits von Sprache bleibe für immer unerreichbar. Der Mensch sei wie in einem Gefängnis eingeschlossen in der Welt seiner Sprache.

So wurden Dekonstruktivismus, Konstruktivismus und Relativismus populär: Da die Bedeutung unserer Begriffe durch ihren Gebrauch innerhalb von sozialen Gemeinschaften (oder Kulturen) bestimmt wird, stellen wir Wirklichkeit in einem andauernden Vollzug des miteinander Redens und Handelns her. Jede Gemeinschaft spricht dabei ihre eigene Sprache, schafft sich je eigene Welten (oder Sprachspiele). So gibt es so viele Welten, wie es soziale Gemeinschaften gibt und so viele Wahrheiten wie Gemeinschaften. Philosophie beschreibt folglich nicht die Welt, wie sie ist, sondern ist Vorstellung, die in verschiedenen Gruppenkulturen und Kontexten entworfen wird. Die Suche nach Einheit kann unter diesen Voraussetzungen nur in den Terror führen. Einer der achtenswertesten Denker der Postmoderne forderte entsprechend: „Krieg dem Ganzen, …, aktivieren wir die Widerstreite“ „Jean-François Lyotard, „Beantwortung der Frage: Was ist postmodern?“, in: Peter Engelmann (Hg.), Postmoderne und Dekonstruktion, 1990, S. 33–48, hier S. 48).

Unknown 1Mit zwei neuen geisteswissenschaftlichen Strömungen, dem „Neue Realismus“ und dem „Spekulative Realismus“, kehrt das Absolute nun allmählich zurück. Unter dem Dekonstruktionsdrang der postmodernen Denkkultur ist ihrer Meinung nach die wirkliche Welt zu einer Fabel geworden (M. Ferraris, Manifest des neuen Realismus  2014, S. 15–17). Die Kinder und Enkelkinder der postmodernen Geisteswissenschaften bereiten einen „Paradigmenwechsel“ vor. Ihr gemeinsamer Absetzungspunkt ist eine „spätestens seit Ende des 20. Jahrhunderts erschöpfte (post)moderne Kondition“. Charakteristisch für die Denkansätze ist „ihr positives Verhältnis zur Ontologie und ihr entspannter Umgang mit der Metaphysik“ (A. Avanessian (Hg.), Realismus jetzt, 2013, S. 6.). „Im Zentrum des Interesses steht eine Realität“, schreibt Avenessian, „die sich indifferent zur subjektiv-humanen Erkenntnis verhält und sich nicht über ein subjektivistisch oder anthropozentrisch bedingtes Wissen vermitteln lässt, also nicht primär kulturell, linguistisch, politisch oder historisch kodifiziert ist“ (A. Avanessian (Hg.), Realismus jetzt, 2013, S. 8).

Wolfgang Welsch trauert dem alten Denken mit keiner Silbe nach. Er schreibt (Wolfgang Welsch, Mensch und Welt, 2012, S. 23–24):

„Denn das Befangensein in dieser [postmodernen, R.K.] Denkform lähmt unser Denken. Man weiß immer schon die Antwort auf alle Fragen. Sie lautet: ‚Es ist der Mensch.‘ Diese Trivialität aber erstickt unser Denken, statt ihm Atem zu verleihen. In der Tat scheint die zeitgenössische philosophische und intellektuelle Szenerie eigentümlich gelähmt. Gewiss ist die Betriebsamkeit immens und die Differenziertheit im Detail beeindruckend. Aber alles dreht sich in einem zum Überdruss bekannten Kreis. Bei allem, was wir im Einzelnen noch nicht wissen mögen und uns zu erforschen vornehmen, halten wir doch eines stets vorweg schon für sicher: dass all unser Erkennen, das gegenwärtige wie das zukünftige, menschlich gebunden ist und nichts anderes als menschlich bedingte und bloß menschlich gültige Einsichten hervorbringen wird. Noch das heutige Alltagsbewusstsein ist davon bis zur Bewusstlosigkeit durchdrungen. Wenn wir in der Moderne noch eine Gemeinsamkeit haben, dann den Glauben, dass unser Weltzugang in allem menschgebunden (kontext-, sozial-, kulturgebunden) ist. Das ist die tiefste communis opinio des modernen Menschen. Wenn jemand diese Auffassung hingegen nicht teilt und kritische Fragen zu stellen beginnt, dann reibt man sich verwundert die Augen: Dieser Kerl scheint nicht von dieser Welt zu sein – anscheinend ist er verrückt.“

UnknownDer Postmodernismus ist aus der Überzeugung erwachsen, „dass alles Wesentliche oder überhaupt alles konstruiert sei – von der Sprache, von den Begriffsschemata, von den Medien“ (M. Ferraris, „Was ist der neue Realismus?“, in: M., Der Neue Realismus  2014, S. 52–75, hier S. 52). Viele zeitgenössischen Philosophen sagen dagegen: „Nein, irgendetwas, sogar deutlich mehr, als wir üblicherweise bereit sind zuzugeben, ist nicht konstruiert, und das ist ein Glück, andernfalls könnten wir zwischen Traum und Wirklichkeit nicht unterscheiden“ (M. Ferraris, „Was ist der neue Realismus?“, 2014, S. 52). „Es gibt ein Absolutes, das nicht auf das Denken angewiesen ist, sondern unabhängig von jeder kognitiven Bezugnahme existiert“ (A. Avanessian, „Editorial“, in: Armen Avanessian (Hg.), Realismus jetzt, 2013, S. 7).

31XCHlQGryL AA160Die Kultur des „anything goes“, die sowieso nur in einigen elitären Zirkeln und im Medienpopulismus zelebriert wird, erfährt also eine Umwandlung. Das neue Denken richtet sich wieder stärker an einer vorgegebenen Wirklichkeit aus. Die realistischen Strömungen rehabilitieren die durch den Postmodernismus verwischte Unterscheidung zwischen dem, was es gibt (Ontologie) und jenem, was wir erkennen (Epistemologie).

Christen, die im Blick auf die Kultur des Unglaubens sprachfähig bleiben möchten, sind gut beraten, wenn sie sich auf das neue Klima einstellen. Das Reale, die Metaphysik, das Vernünftige, das Klare, werden zurückkehren.

Gefährlicher Familienfundamentalismus

Einige Leute hoffen darauf, dass Vertreter einer christlichen Ethik dann in Ruhe gelassen werden, wenn sie gegenüber der „LSBTTIQ-Community“ gewisse Zugeständnisse machen. Der Vorwurf des „Fundamentalismus“ greife dann endlich ins Leere. Der Friede könne wieder einziehen.

Diese Erwartungshaltung erscheint mir zu optimistisch. Längst ist bloße das Festhalten an der  Familie ein Streitfall.

Thomas Gesterkamp warnte schon vor vier Jahren in einer von der SPD nahestehende Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen Expertise „Geschlechterkampf von rechts“ explizit vor sogenannten familienfundamentalistischen Strömungen. Wer rückwärtsgewandt in der Familie eine natürliche und ideale Einheit für die Gesellschaft sieht, soll durch die Wortschöpfung offensichtlich in die Nähe des Fundamentalismus gerückt werden. Besonders bedrohlich sind selbstverständlich die Kritiker des Feminismus. So lesen wir (Thomas Gesterkamp, Geschlechterkampf von rechts, Expertise der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2010 S. 4):

Konservative Publizisten, Männerrechtler, Familienfundamentalisten, militante Abtreibungsgegner, evangelikale Christen und rückwärts gewandte katholische Kirchenobere wenden sich gegen ein gemeinsames Feindbild: den Feminismus. Sie prangern eine angebliche Bevormundung in geschlechterpolitischen Fragen an: Der „ausufernde Gouvernanten- und Umerziehungsstaat“ fördere einseitig die Frauen und benachteilige die Männer.

Robert Claus, Experte für Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat nun – ebenfalls im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung – der Bekämpfung des Familienfundamentalismus weitere Schubkraft verliehen. Alarmiert von einem erstarkenden Interesse an dem Thema Männlichkeit verweist er auf die Gefahren der Dekonstruktionskritik und des Maskulismus (Robert Claus, Maskulinums: Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass, Friedrich-Ebert-Stiftung, 2014 S. 84):

Die gesellschaftlichen Anknüpfungspunkte des Maskulismus sind reichhaltig vorhanden und das feministische Geschlechterwissen keineswegs so hegemonial, wie behauptet wird. Zwar konnten in einigen gesellschaftlichen Teilbereichen feministische Erfolge erzielt werden, doch sind sexualisierte Gewalt und ökonomische Macht von Männern sowie der Ausschluss von Frauen aus vielen Bereichen des öffentlichen Lebens immer noch Realität. Darüber hinaus könnte der Maskulismus perspektivisch den Druck auf (pro-)feministische, gleichstellungspolitische sowie dekonstruktivistische Projekte erhöhen und sie verstärkt in defensive Auseinandersetzungen zwängen. Die Kritiken an Frauenförderungsmaßnahmen wurden in dieser Arbeit analysiert. Zugleich betrifft dies emanzipatorische Männlichkeitspolitiken. Als Beispiel für diese Entwicklung kann die Stellungnahme Amendts zum Berliner Verein Dissens angeführt werden, in der er dessen dekonstruktivistische Ansätze in der Jungenarbeit scharf angreift. Amendt warf ihm „Identitätszerstörung“ vor und forderte finanzielle Förderer wie das Bundesfamilienministerium zum Handeln auf. Darüber hinaus gelang es der maskulistischen ‚Bewegung’, vor allem Agens, in den letzten Jahren vermehrt, gesellschaftlich renommierte Partner/-innen in Wissenschaft und Politik zu finden und ihre geschlechter- politischen Thesen somit einem größeren Publikum zu eröffnen. So veranstaltete z. B. die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf vom 21.–22. September 2012 den „zweiten Männerkongress“ unter dem Titel „Scheiden tut weh. Elterliche Trennung aus Sicht der Väter und Kinder“. Zu diesem Kongress wurde in der maskulistischen ‚Bewegung‘ stark mobilisiert, denn Agens trat als gleichberechtigter Veranstalter in Erscheinung.

„Die Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat“, heißt es im Artikel 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Im Artikel 6 des Grundgesetzes der Bundesrepublik wird die Ehe und Familie unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung gestellt. Damit niemand, der sich auf diese Grundrechte beruft, unter den „Fundamenalismusverdacht“ gestellt werden kann, wird in den nächsten Jahren vermutlich eifrig an der semantischen Neubesetzung des Familienbegriffs gearbeitet. Möge es nicht gelingen.

Der Missionsbefehl im 21. Jahrhundert

Nachfolgend ein Auszug aus dem Artikel:

  • Ron Kubsch, „‚Machet zu Jüngern alle Völker‘: Der Missionsbefehl im 21. Jahrhundert“, Reformation heute, Ausgabe 01/2014, S. 25–32, hier: S. 30–31.

Reformationheute

In vielen Regionen unserer Welt entstehen neue oder wachsen bestehende Kirchengemeinden. Dabei hat sich das geographische Zentrum von der nördlichen Halbkugel in die südliche verschoben. Während beispielsweise in China, Indien oder Lateinamerika das Christentum wächst, werden viele Länder Europas zunehmend als Missionsländer wahrgenommen. Auch Deutschland ist, nicht zuletzt wegen der Selbstsäkularisierung der Kirchen und der sich ausbreitenden Konfessionslosigkeit, längst wieder ein Missionsgebiet geworden. Während beispielsweise in Chile knapp 20 Prozent der Einwohner lebendige Christen sind, gelten in Deutschland nur ungefähr 2,5 Prozent als Gläubige.

Die bekenntnisorientierten Kirchengemeinden Deutschlands brauchen deshalb nicht nur ein Herz für die Weltmission, sondern auch für die lnlandsmission. Die Gründung und geistliche Neuausrichtung von Gemeinden wird in den nächsten Jahrzehnten eine der größten Herausforderungen für die Christen in Zentraleuropa werden.

Ich möchte deshalb mit einigen persönlichen Denkanstößen zur Mission heute schließen:

Jünger machen. Es lohnt sich, den »Missionsbefehl« gründlich zu lesen. Es sei hier nur kurz darauf hingewiesen, dass es dort nicht heißt: »Ruft zur Bekehrung auf«, sondern »macht zu Jüngern«. Die beiden Mittelwörter »taufen« und »lehren« konkretisieren das »Jüngern«. Nachfolger Jesu lernen die Glaubensinhalte, die ihr Herr ihnen hinterlassen hat (»lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe«). Sie gehorchen dem, was sie gelernt haben. Das Evangelium von Jesus Christus stiftet unter allen Völkern den »Glaubensgehorsam« (vgl. Röm 16,25-27). Evangelisation, die nur zur Bekehrung aufruft, um Menschen »in den Himmel zu bringen«, greift zu kurz.

Bekenntnisgebundene Mission. Da in den letzten hundert Jahren Fragen des rechten Glaubens durch Pragmatismus und Gemeinschaft verdrängt worden sind, gilt es, die einende und festigende Bedeutung des Glaubensbekenntnisses wiederzuentdecken. Gemeinde kämpft für den Glauben, »der den Heiligen ein für alle Mal überliefert worden ist« (Jud 3). Bekenntnisse sind Kurzformeln, in der »die biblische Botschaft brennglasartig zusammengefasst wird, in der das unaufgebbare Soll, die ›eiserne Ration‹ christlicher Wahrheit ›fest-geschrieben‹ wird.« Obschon der Glaube in der Bibel primär als persönlicher Vertrauensakt verstanden wird, bleibt er auf Lehre bezogen. »Nicht zuletzt waren es Irrlehren, die die neutestamentliche Gemeinde zwangen, klipp und klar auf den Satz und auf den Punkt zu bringen, was christlicher Glaube ist und was er nicht ist. Glaube ist im Neuen Testament immer auch inhaltliches Bekenntnis, kein verschwommenes allgemeines Gottvertrauen.« Es braucht verbindliche und öffentliche Zeugnisse über das, was in Gemeinde und Mission gilt.

Gemeindebezogene Mission. Die ersten Missionsgesellschaften hatten eine den Kirchengemeinden dienende Funktion. Sie übernahmen Aufgaben, die einzelne Gemeinden allein nicht leisten konnten. Leider haben sich inzwischen viele Missionswerke von sendenden Gemeinden emanzipiert. Hinzu kommt, dass Gründung und Stärkung von Gemeinden oft nicht mehr im Zentrum stehen. Auch wenn nicht alle Missionsarbeit gemeindegebunden sein muss – ich denke hier beispielsweise an Studentenmission –, so sollte sie insgesamt dem Gemeindebau dienen.

Gemeinde ist Botschafterin, nicht die Botschaft. Bei der Mission verkündigen wir nicht uns selbst (2Kor 4,5) oder ersonnene Botschaften (vgl. 2Pt 1,16), sondern den für uns am Kreuz gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus. Verkündigung des Evangeliums ist treue »Ausbotschaftung« der Tatsache, dass Gott uns mit sich selbst versöhnt hat, indem er seinen Sohn als Sühnopfer für uns Sünder hat sterben lassen, so dass diejenigen, die ihm vertrauen und umkehren, ewiges Leben haben.
Wenn zum Beispiel John Howard Yoder betont, dass die sichtbare Kirche nicht Überbringerin der christlichen Botschaft, sondern selbst die Botschaft ist, liegt hier eine Fehldeutung des Zeugendienstes zugrunde. Als Gesandte oder Zeugen des Evangeliums sind wir Überbringer einer Botschaft und nicht selbst Urheber oder Gegenstand dieser Botschaft (vgl. 2Kor 5,20, Apg 1,8).

Mittel der Mission ist die Predigt … »Stille Proklamation des Evangeliums ist« – wie D. A. Carson kürzlich gezeigt hat – »ein Oxymoron«, also ein begrifflicher Widerspruch. Das Evangelium begegnet Menschen, indem es verkündigt wird. Selbstverständlich soll die Verkündigung durch entsprechende Werke gedeckt und bestätigt werden. Doch die Werke gehören nicht selbst zum Evangelium, sondern sind Früchte des Evangeliums. Der Glaube kommt »aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort« (Röm 10,17). Insofern ist es vorrangige Aufgabe der Gemeinde, das Wort Christi zu verkündigen.

Die empfehlenswerte Zeitschrift Reformation heute gibt es hier: www.reformationheute.de.

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