Gesellschaft

Wachsender Islamismus an Schulen

Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung will Jugendarbeit mit Muslimen fördern und gegen Muslimfeindlichkeit vorgehen – versteht also Integration als Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft. Nicht thematisiert wird hingegen der islamistische Einfluss in den Schulen. Die NZZ schreibt: 

Zahlreiche muslimische NGO und ihre Unterstützer haben es verstanden, die Selbstanklage bürgerlicher Kreise, die sich schon deshalb für rassistisch halten, weil sie weiss und nichtmuslimisch sind, optimal für sich zu nutzen.

Eine von ihnen ist die vom Berliner Senat geförderte «Anlaufstelle Diskriminierung an Schulen» (Adas). Sie hat jüngst eine – von den Autoren selbst als nicht repräsentativ bezeichnete – Umfrage über Diskriminierungserfahrungen junger Muslime veröffentlicht und eine Reihe von Forderungen erhoben, die man umstandslos im Bereich der Cancel-Culture verorten kann. So sollen die Begriffe «konfrontative Religionsausübung», «aggressive Religionsbekundung» und «religiöses Mobbing» aus dem öffentlichen Diskurs verbannt werden, weil sie angeblich Muslime diskriminieren. Befragt wurden tatsächlich Personen im Kontext von Moscheegemeinden, von denen viele ein fundamentalistisch-reaktionäres Islamverständnis vertreten, was die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balci veranlasste, von einem «Who’s who des politischen Islam» zu sprechen.

Zudem zielen laut dem ebenfalls in Berlin ansässigen «Verein für Demokratie und Vielfalt» (DeVi) die beanstandeten Begriffe auf islamistisches Engagement an staatlichen Schulen: So würden beispielsweise muslimische Mädchen regelmässig von islamistisch gesinnten Mitschülern unter Druck gesetzt, sich islamisch zu kleiden, also den Körper blickdicht zu verhüllen und mit einem Kopftuch Haar, Hals, Nacken und Ausschnitt zu bedecken. Wer nicht spurt, wird als ehrlos beschimpft, gemobbt oder drangsaliert.

Mehr: www.nzz.ch.

Das Goethe-Institut gendert

Das Goethe-Institut ist ein weltweit tätiges Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland mit dem Auftrag, die Kenntnis der deutschen Sprache im Ausland zu pflegen und die internationale kulturelle Zusammenarbeit zu fördern. Das Institut repräsentiert also die deutsche Kultur und besonders die deutsche Sprache in der gesamten Welt.

Interessanterweise  verwendet das Institut sowohl bei der Selbstdarstellung als auch in den Unterrichtsangeboten und -materialien eine durchgegenderte Sprache. So ist etwa auf der eigenen Internetseite von Sponsor*innen oder Förder*innen die Rede. Das Institut, welches dafür da ist, Menschen aus aller Welt die deutsche Sprache zu lehren, macht Sprachvarianten verpflichtend, die nach den aktuellen deutschen Schreibregeln falsch sind. Begründet wird das unter anderem mit Karl Marx:

Das Sein bestimmt laut Karl Marx das Bewusstsein. Ähnlich verhält es sich mit Sprache. Sie beeinflusst unser Denken.

Martins Braindumps hat sich über dieses Vorgehen geärgert und vom Goethe-Institut eine Erklärung erbeten:

Kürzlich musste ich feststellen, dass auf der Web- und Facebookseite des Goethe-Instituts systematisch sprachliche Konstrukte verwendet werden, die aktuellen Orthographie- und Grammatikregeln der deutschen Sprache widersprechen („Gendersternchen“) und zudem konsequent auf die Verwendung des generischen Maskulinums verzichtet wird. Während die Entscheidung für eine solche „geschlechtergerechte Sprache“ für den individuellen Gebrauch vollkommen legitim ist, halte ich das im offiziellen Auftritt des Goethe-Instituts für problematisch.

Die ernüchternde Antwort des Instituts ist so ausgefallen:

Geschlechtergerechte Sprache ist ein in der Öffentlichkeit viel und kontrovers diskutiertes Thema. Das Bundesverfassungsgericht (November 2017) hat geurteilt, dass im Behördenregister neben „männlich“ und „weiblich“ eine „dritte Option“ eingeführt werden muss. Um auch andere Geschlechter neben Frau und Mann sichtbar werden zu lassen, wurden die Formen des gender gap, des Binnen-Is und Gendersternchens entwickelt. Dadurch werden Intersexuelle, Transgender oder Transsexuelle berücksichtigt. Die entsprechende Umsetzung am Goethe-Institut versucht, dem rechtlichen Gebot ebenso Rechnung zu tragen, wie dem Wunsch nach Gebrauch von Varianten, die sich im Sprachgebrauch etabliert haben. Die Anwendung des Gendersternchens ist nicht nur am Goethe-Institut am weitesten verbreitet, es wird auch vom Rechtschreibrat zur Aufnahme in den Duden weiterhin diskutiert, auch wenn es bislang zu keiner abschließenden Empfehlung gekommen ist.

Kurz: Das Goethe-Institut will einfach schon mal Fakten schaffen. In der Hoffnung, dass es irgendwann kein Zurück mehr gibt.

Weshalb das Goethe-Institut „juristisch“ falsch und inhaltlich manipulativ argumentiert, kann bei Martins Braindumps nachgelesen werden: www.martins-braindumps.de.

Sprachliche Eskalationen

Die zunehmende sprachliche Verrohung in der Corona-Debatte gibt Anlass zur Sorge. Für manche Ungeimpfte sind die Geimpften „Systemlinge“ oder gar Träger eines widergöttlichen „Malzeichens“. Einige Impfbeführworter rüsten wiederum rhetorisch gegenüber Ungeimpften auf. Sie werden etwa mit einem Blinddarm verglichen, der für das Überleben nicht notwendig sei. Immer wieder ist von der „Pandemie der Ungeimpften“ die Rede (vgl. auch hier). Beängstigend: Die breite Gesellschaft nimmt kaum Anstoß an diesen Zuschreibungen. Stellen wir uns vor, über andere „Stämme“ in unserem Land würde so gesprochen und geschrieben.

Jan David Zimmermann hat diesen Tribalismus mit seinen sprachlichen Eskalationen dokumentiert und nachdenkenswert kommentiert. Ein Auszug:

Wie weit diese Eskalation bereits fortgeschritten ist, wurde mir auch an anderer Stelle bewusst.

Durch einen Beitrag zweier Polit-Kommentatoren, die auf ihrem YouTube-Channel 0punkt unter dem Titel „Alles Gute Österreich“ die gegenwärtige Politik und die mediale Berichterstattung ironisch-bissig kommentieren/analysieren, bin ich auf das ORF-Interview von Lou Lorenz-Dittelbacher mit dem Epidemiologen Gerald Gartlehner der Donauuniversität Krems vom 17.12.2021 gestoßen. Die in diesem Interview vorkommende sprachliche Entgleisung ist das jüngste Beispiel eines unreflektierten bis zynischen Umgangs mit Sprache.

Die Kommentatoren von 0punkt weisen in ihrem Beitrag zurecht daraufhin, dass die im Interview auftauchende medial-politische Bezeichnung „Weihnachtsamnestie“ für die Tatsache, dass nun auch ungeimpfte Personen mit ihrer Familie Weihnachten feiern dürfen, eine Gleichsetzung Ungeimpfter mit Häftlingen bedeutet. „Weihnachtsamnestie“ bedeutet eben ursprünglich nichts weniger als die frühzeitige Entlassung (also Begnadigung) von Häftlingen aus dem Gefängnis durch die Regierung rund um Weihnachten, ja, mitunter sogar der Entfall der Todesstrafe in Ländern, wo sie üblich ist. Das Bedeutungsfeld der „Kriminalität“ in Kombination mit „Ungeimpften“ ist dabei wohl kein Zufall, wenn man sich die Mehrzahl der Berichterstattungen rund um das Thema der Anti-Corona-Demos oder überhaupt kritischer Stimmen genauer ansieht: Nach der gefährlichen Eskalation der kriminellen Ungeimpften auf den Demos (auch wenn viele geimpfte Personen ebenso auf den Demonstrationen sind) folgt die gnädige Amnestie vonseiten des Staates.

Immerhin entlarvten sich Regierung und Medien selbst, wenn sie mit solchen Begriffen klarmachen, wie viel Bürgerinnen und Bürger ohne Covid-Impfung ihnen noch wert sind.

Unheimlich an der Sache ist jedoch nicht nur die Verwendung des Begriffes selbst, sondern dass er weitgehend widerspruchslos angenommen wird.

Wie auch die Kommentatoren von 0punkt frage ich mich: Wieso akzeptieren wir mittlerweile eigentlich als Gesellschaft völlig unkritisch solche Begriffsverwendungen? Und das in einer Gesellschaft, die ansonsten eine beachtliche Pedanterie an den Tag legt, wenn es um diskriminierende Begriffe geht? Eine Gesellschaft, wo in den (sozialen) Medien und insbesondere von „linker“ Seite immer wieder davon gesprochen wird, dass man „woke“ sein muss, also wach und hellhörig gegenüber Benachteiligungen und Diskriminierungen verschiedenster Art? Schon erstaunlich. Während nämlich auf sprachliche und sonstige Eskalationen von der „falschen“ Seite sofort eine Welle der Empörung folgt, sind Entgleisungen von der „richtigen“ Seite offenkundig völlig in Ordnung und fallen gar nicht weiter auf, ziehen auch keine Konsequenzen nach sich.

Oder:

Diese ideologisch verbohrte Verengung des öffentlichen Diskurses findet bereits seit vielen Jahren statt, Corona war jedoch der Brandbeschleuniger, der den Autoritarismus vollends entfesselte. Jeder ist nun mittlerweile ausnahmslos ein Rechter oder Querdenker, wenn er auch nur leise Kritik an der 2G-Regel, der Impfpflicht, Freiheitsbeschränkungen oder an den Überwachungspraktiken durch eine überbordende und dystopisch anmutende Digitalisierung äußert.

Wie auch immer man zum Impfthema stehen mag: Eine Sprache, die Menschen gegeneinander aufhetzt, hilft nicht, Konflikte zu lösen. Wie gern zeigen wir doch mit dem Finger auf andere, anstatt uns einmal zu fragen, was wir zur Besserung und Befriedung beitragen können.

Ich empfehle die Lektüre des gesamtes Textes: www.jandavidzimmermann.com.

VD: AW

Das Patriarchat der Sprache

Die FAZ hat ein Interview mit der Soziologin Doris Mathilde Lucke zur gendergerechten Sprache geführt, das nicht einmal ansatzweise Diskursniveau erreicht. Frau Lucke kann ihre feministischen Parolen vortragen und wiederholen, ohne dass die beiden Redakteurinnen von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dagegenhalten. Es gehe bei der Sprache um Macht. Wir sprächen mit einer total männlichen Grammatik. Frauen, Menschen mit anderen Geschlechtern (was auch immer damit gemeint ist) und solche mit eingeschränkten Sprachkenntnissen würden durch die traditionelle Sprechweise ausgeschlossen usf.

Das klingt etwa so:

Ich verstehe nicht, wieso ausgerechnet eine Sprache moniert wird, die den Anspruch hat, allen Geschlechtern und allen Menschen gerecht zu werden – genau das tut unsere jetzige Sprache nämlich nicht. Frauen sind genauso ausgeschlossen wie alle anderen nicht-männlichen Menschen. Und im Übrigen auch alle Menschen, die nicht so gut Deutsch sprechen. Sprache ist der Integrationsfaktor schlechthin. Warum das jetzt ausgerechnet an einem Sternchen, einem großen Binnen-I oder an der gesprochenen Kunstpause des Gender-Gap liegen soll? Dass das ein Ausschlusskriterium sein soll, kann mir niemand weismachen.

Da diese Verwechslung zwischen Sexus und generischem Maskulinum immer wieder angeführt wird, um die angebliche Unsichtbarkeit der Frau in der deutschen Sprache zu belegen, zitiere ich nachfolgend einmal aus dem schon vorgestellten Buch Von Menschen und Mensch*innen:

Wenn Sie einen zweiten Blick auf die [auf obenstehende Tabelle] werfen, merken Sie, dass von der angeblichen Unsichtbarkeit der Frau in unserer Sprache nicht die Rede sein kann. Im Gegenteil, es ist im Deutschen viel leichter, eine Frau sichtbar zu machen als einen Mann. Die maskuline Form der Lehrer oszilliert semantisch zwischen der spezifischen Bezeichnung eines Mannes (Sexus) und einer geschlechtsneutralen Personenbezeichnung (generisches Maskulinum), während sich die feminine Form immer auf eine Frau bezieht. Sobald das Suffix -in an den Wortstamm gehängt wird und aus Lehrer > Lehrer-in wird, ist das weibliche Geschlecht der bezeichneten Person eindeutig markiert. Um indessen einen Mann eindeutig seinem Geschlecht zuzuordnen, muss häufig ein wesentlich größerer sprachlicher Aufwand betrieben und ein Attribut hinzugefügt werden: die männlichen Lehrer an der Schule.

An dieser Stelle könnten also Männer nicht ohne Berechtigung Vorbringen, dass sie es sind, die durch die Sprache diskriminiert werden. Denn sie können beim Maskulinum nie sicher sein, ob Männer oder alle Menschen gemeint sind. Während der Frau eine eigene Form zur Verfügung steht, muss der Mann das Maskulinum mit allen Menschen teilen. Die sprachlichen Gegebenheiten ließen sich, wie wir sehen, auch anders interpretieren und werten. Außerdem muss der Mann sich damit abfinden, dass er sein Maskulinum im Plural „abgeben“ muss: der Mann, die Männer. Alle Genera (Maskulinum, Femininum, Neutrum) verwenden im Plural den eindeutig weiblich konnotierten Artikel die und das Pronomen sie. Ist das Deutsche tatsächlich cine „Männersprache“? Und: Frauen haben unsere Sprache in allen Jahrhunderten mitgestaltet, schließlich stellen sie 50 % der Sprachgemeinschaft. Diesen Beitrag von Frauen an der Ausprägung der Sprache unter den Teppich zu kehren – ist das nicht ebenso absurd wie frauenfeindlich? Wieso sollte Sprache ein reines Männerprodukt sein? Sind Frauen seit Anbeginn des Deutschen stumm?

Wenn von der vermeintlichen Unsichtbarkeit von Frauen in der deutschen Sprache die Rede ist, begegnen wir immer wieder folgender Argumentation:

Beim generischen Maskulinum wird nur der Mann genannt, die Frau ist lediglich mitgemeint.

Es wird behauptet, es sei im Deutschen immer nur von Männern die Rede und die Frauen sollen sich mitgemeint fühlen. Nur der Mann sei expliziter Erwähnung wert, die Frau sei mitzudenken? Diese Darstellung ist eine Fehlinterpretation sprachlicher Strukturen, denn auch der Mann ist beim generischen Maskulinum immer nur mitgemeint. Wird das generisch-inklusive Maskulinum benutzt, ist nicht von Männern die Rede, sondern von Menschen. Es ist ja der praktische Vorzug eines generischen Ausdruckes, auf kein konkretes Geschlecht zu verweisen. Da Männer also nicht gemeint sind, können Frauen auch nicht „nur mitgemeint“ sein. Gemeint sind alle. Dennoch behaupten feministische Sprachkritiker: „Das generische Maskulinum versteckt (…) Frauen systematisch und legt ihnen die zusätzliche Bürde auf, ständig darüber nachzudenken, ob sie in einem konkreten Fall mitgemeint sind oder nicht“ (Stefanowitsch 2018, S. 36). Diese „Bürde“ legt das Deutsche auch den Männern auf. Das generische Maskulinum unterscheidet nicht, wie behauptet wird, zwischen ,primär gemeinten‘ Männern und ,sekundär gemeinten/mitgemeinten‘ Frauen. Das generische Maskulinum inkludiert alle. Es macht Frauen nicht „unsichtbar“, sondern lenkt den Blick auf den Menschen – unabhängig von seinem Geschlecht. Wenn das generische Maskulinum überhaupt etwas „unsichtbar“ macht, dann die fürs Menschsein unerheblichen Attribute wie etwa das Geschlecht.

Von Menschen und Mensch*innen

41jgBNzGHEL SX350 BO1 204 203 200Die Debatte um eine geschlechtergerechte Sprache hat das Potential, die Gesellschaft noch weiter zu spalten. Einerseits wird das Gendern von öffentlichen Behörden, Universitäten und bei manchen Medien „verordnet“, andererseits empfinden immer mehr Menschen diese verordneten Eingriffe in die Sprache als Bevormundung. Die Progressiven machen freilich einfach weiter und gehen davon aus, dass sich die Mehrheit an die neue Sprache gewöhnen wird. Nur dann, wenn die Sprache verändert werde, könnten patriarchische Strukturen durchbrochen und Frauen endlich sichtbar gemacht werden, meinen sie.

Die Debatte wird oft sehr emotional geführt. Ich bin Fabian Payr dankbar, dass er ein Buch geschrieben hat, das sich sachlich und zugleich kritisch mit den Denkvoraussetzungen des feministischen Sprachumbaus auseinandersetzt. Seine linguistischen Argumente sind überzeugend. Ich hoffe, sie finden Gehör.

Er schreibt in Von Menschen und Mensch*innen: 20 gute Gründe, mit dem Gendern aufzuhören:

Deutlicher als noch vor 40 Jahren sehen wir heute, dass es keine belastbare wissenschaftliche Grundlage für die geschlechtergerechte Sprache gibt. Das Fundament der gendergerechten Sprache ist vorrangig ideologischer nicht wissenschaftlicher Art. Das betrifft die angebliche Unsichtbarkeit der Frau im Deutschen, die sich weder sprachwissenschaftlich noch mit „psycholinguistischen“ Studien belegen lässt, aber auch die bei Sprachaktivisten verbreitete Überzeugung, dass sich gesellschaftliche Verhältnisse durch Spracheingriffe ändern lassen. Kaum eine der zentralen Prämissen des Genderns hält einer wissenschaftlichen Überprüfung stand.

Vielleicht endet die Geschichte des geschlechtergerechten Sprachumbaus mit all seinen grotesken Auswüchsen eines Tages wie Andersens Märchen vom Kaiser und seinen neuen Kleidern. Dort ist es bekanntlich ein Kind, das am Ende ausruft: „Aber der Kaiser hat ja gar nichts an!“ und dem Spuk damit ein Ende macht. Zuvor wollte in dem Märchen niemand eingestehen, dass er überhaupt keine Kleider sieht, weil er Angst hatte, in diesem Fall für dumm zu gelten. Beim Gendern ist es unsere Angst, von den anderen für „frauenfeindlich“ gehalten zu werden oder nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, die viele mitlaufen lässt. Dabei ist die geschlechtergerechte Sprache noch nicht einmal ein „neues Kleid“, sondern ein über 40 Jahre altes Konzept, bei dem die Frage erlaubt sein soll, was es heute noch für ein gleichberechtigtes Miteinander der Geschlechter zu leisten vermag.

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Gehört das Christentum noch zu Deutschland?

Die FAZ fragt: „Ist 2021 das letzte Weihnachten mit einer christlichen Bevölkerungsmehrheit?“. Die Lage ist viel schlimmer, wie eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt: „Tatsächlich lässt sich bereits seit Jahrzehnten eine Erosion des Christentums in Deutschland beobachten, die langsam, aber beharrlich fortschreitet, letztlich unberührt von aktuellen Ereignissen. Es handelt sich um eine zwar schleichende, deswegen im Alltag nicht auffällige, aber dennoch fundamentale Veränderung der Gesellschaft.“

Hinter dem Rückgang der Kirchenmitgliederzahlen verbirgt sich eine Erosion des christlichen Glaubens, die noch weit größere Ausmaße hat. In der Allensbacher Umfrage vom Dezember 2021 gaben 23 Prozent der befragten Katholiken an, dass sie ein gläubiges Mitglied ihrer Kirche seien und sich dieser eng verbunden fühlten. Das entspricht knapp sechs Prozent der Gesamtbevölkerung. Von den Protestanten taten dies gerade 12 Prozent – etwas mehr als drei Prozent der Bevölkerung insgesamt.

Die meisten Mitglieder der beiden großen Kirchen sagten entweder, sie fühlten sich ihrer Kirche durchaus verbunden, stünden ihr in vielen Dingen aber kritisch gegenüber, oder sie fühlten sich zwar als Christ, die Kirche bedeute ihnen aber nicht viel. Immerhin fast jeder siebte Protestant meinte sogar, er wisse nicht, was er glauben solle, oder er brauchte gar keine Religion.

Heiner Meulemann würde sagen, die Landschaft ist geprägt von Unsicherheit, Indifferenz und einem Kulturchristentum (vgl. Ohne Kirche leben, 2018, S. 275–276).

Mehr: www.faz.net.

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„Genderismus“ als Sündenbock

In dem Aufsatz „‚Genderismus‘ als Sündenbock“ beschwert sich Judith Butler über die zunehmende Kritik an den Gendertheorien (Philosophie Magazin, Sonderausgabe 20, Jan/Apr 2022, S. 18–23, zuerst am 23.10.2022 als „Why is the idea of ,gender‘ provoking backlash the world over?“ im Guardian erschienen).

Sie behauptet dort im Wesentlichen, dass der Treiber des „Antigenderismus“ die Sehnsucht nach autoritärer Herrschaft und Zensur sei. Unter dem Vorwand, dass die Kritiker der Gendertheorien keinen Bildungswillen mitbrächten und kaum dazu bereit seien, sich mit Ansichten auseinanderzusetzen, die ihren eigenen widersprechen, verzichtet sie darauf, inhaltliche Argumente für ihre Behauptung vorzutragen. Dafür macht sie genau das, was sie ihren Opponenten unterstellt. Sie vereinfacht, diffamiert und schablonisiert. Und sie rückt den „Antigenderismus“ in die Nähe des Faschismus. Ausgrenzungen dieser Art verfehlen ihr Ziel selten. Sie zeigen eben auch oft, dass es um sachliche Argumente nicht gut bestellt ist.

Nachfolgend einige Zitate von Judith Butler aus dem besagten Aufsatz:

Die Argumente der Anti-Gender-Bewegung sperren sich gegen eine schlüssige Rekonstruktion, weil es ihren Vertretern nicht unbedingt auf Konsistenz und Kohärenz ankommt. (S. 19)

Auch wenn die Bewegung allgemeiner nationalistisch, transphob, misogyn und homophob ist, besteht ihr Hauptziel in einer Umkehrung der rechtlichen Fortschritte, die die LGBTQI- und feministischen Bewegungen in den letzten Jahrzehnten erkämpft haben. (S. 19)

[Die Vertreter der Gendertheorien] bestreiten nicht, dass es ein biologisches Geschlecht gibt; sie fragen danach, wie Geschlecht durch medizinische und rechtliche Rahmenbedingungen hergestellt wird, wie sich dieser Rahmen historisch verändert hat und welchen Unterschied es für die soziale Organisation unserer Welt macht, wenn das Geschlecht, das wir bei der Geburt zugewiesen bekommen, für das weitere Leben unter anderem in den Arbeits- und Liebesverhältnissen keine vorbestimmende Rolle mehr spielt. (S. 19–20)

Im Allgemeinen stellen wir uns die Zuweisung des Geschlechts als etwas vor, das nur einmal geschieht. Aber was ist, wenn wir es uns als komplexen und revidierbaren Prozess denken? Das heißt über die Zeit revidierbar für diejenigen, die das falsche Geschlecht zugewiesen bekommen haben? Wer eine solche Perspektive einnimmt, stellt sich nicht gegen die Wissenschaft, sondern fragt nur, in welcher Weise Wissenschaft und Recht in die soziale Regulierung von Identitäten eingehen. (S. 20)

Angestachelt von Sorgen vor einem Zusammenbruch der Infrastruktur, Hass auf Migranten und – in Europa – der Furcht, der Unantastbarkeit von heteronormativer Familie, nationaler Identität und weißer Vorherrschaft verlustig zu gehen, suchen viele die Schuld bei der zersetzenden Kraft von Gender, Postkolonialismus und Critical Race Theory. Wenn sich diese Gruppen Gender als Invasion von außen imaginieren, zeigen sie nur zu deutlich, dass sie selbst nationalistisch motiviert sind. (S. 20)

Gleichzeitig nehmen Gegner der „Gender-Ideologie“ Zuflucht zur Bibel, um ihre Ansichten über die natürliche Hierarchie zwischen Mann und Frau und über die je eigenen Vorzüge des Männlichen und Weiblichen zu untermauern (auch wenn fortschrittliche Theologen klargestellt haben, dass diese auf strittigen Lesarten der Bibeltexte beruhen). In Angleichung der Bibel an die Naturrechtslehre erklären sie das zugewiesene Geschlecht zur göttlichen Setzung und tun seltsamerweise so, als stünden heutige Biologinnen und Medizinerinnen im Dienste einer Theologie aus dem 13. Jahrhundert. (S. 22)

Als faschistische Tendenz greift sie vielmehr auf eine ganze Reihe rhetorischer Strategien aus dem gesamten politischen Spektrum zurück, um damit die Angst vor Unterwanderung und Zerstörung, die ganz unterschiedlichen ökonomischen und sozialen Kräften entspringt, auf die Spitze zu treiben. Sie strebt überhaupt nicht nach Konsistenz, denn ihre Stärke speist sich gerade auch aus ihrer Inkohärenz. (S. 22)

[Die Anti-Gender-Ideologie] ist reaktionäre Hetze, ein Bündel aufwiegelnder Widersprüche und inkohärenter Behauptungen und Anwürfe. Sie lebt von genau der Instabilität, die sie einzudämmen verspricht, und ihr eigener Diskurs stiftet selbst nichts als Chaos. Durch eine Flut inkonsistenter und übertreibender Behauptungen rührt sie sich eine Welt diverser unmittelbarer Bedrohungen zusammen, um ihren Ruf nach autoritärer Herrschaft und Zensur zu unterfüttern.

Als faschistische Tendenz unterstützt die Anti-Gender-Bewegung immer stärker werdende Formen des Autoritarismus. Durch ihre Taktiken werden Staaten ermutigt, in Universitätsprogramme einzugreifen, Kunst und TV-Programme zu zensieren, Transpersonen ihre Rechte zu verwehren und LGBTQI aus öffentlichen Räumen zu verbannen, reproduktive Freiheiten einzuschränken und den Kampf gegen Gewalt gegen Frauen, Kinder und LGBTQI- Personen zu untergraben. (S. 23)

Warum ist dieser Beitrag so unsachlich und im Ton herabwürdigend? Zum Teil kann das damit erklärt werden, dass viele Texte von Judith Butler in so einem Stil vorgetragen sind. Sie schreibt mehr als Aktivistin denn als Philosophin. Es könnte aber darüber hinaus der Fall sein, dass sich immer mehr Intellektuelle gegen die oft seltsamen Thesen des Genderaktivismus wehren und die Luft für die vielen Gender-Professorinnen enger wird. Aus Betroffenheit entwickelt sich manchmal Wut.

Alan Sokal (ja, genau der vom Sokal-Skandal, vgl. hier S. 11–16) kommentiert den Aufsatz von Butler sachlich: „Wir unterstützen voll und ganz das Recht aller Menschen, ihr Leben so zu leben, wie sie es wünschen, frei von Gewalt, Belästigung und Diskriminierung. Wir sind jedoch nicht mit der radikalen Idee einverstanden, dass die selbst deklarierte Geschlechtsidentität das biologische Geschlecht für alle rechtlichen und sozialen Zwecke ersetzen sollte.“

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Gendern als Staatspflicht

Die Stadt Hannover hat vor drei Jahren in Deutschland die geschlechtergerechte Sprache zur verbindlichen Norm in der Verwaltung gemacht. Die Vorgaben der Stadt sind oft kritisiert worden. Die niedersächsische Landeshauptstadt hat deshalb ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Die Verfasserin ist Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Geschlechterstudien, insbesondere Intersektionalität und Postkategorialität, Gewalt im Geschlechterverhältnis, Antidiskriminierungsrecht und Rechtssoziologie. 2020 nominierte sie die Linksfraktion für die Wahl zur Richterin am Verfassungsgericht von Berlin. So kann das Ergebnis ihres Gutachtens kaum überraschen. Die FAZ schreibt:

Der 123 Seiten lange Text könnte die Debatte über die gendergerechte Sprache in Deutschland neu befeuern, denn die Professorin aus Berlin geht darüber hinaus, die neuen Sprachregeln in Hannover lediglich zu einer zulässigen Möglichkeit zu erklären. Lembke leitet aus dem Grundgesetz vielmehr eine Pflicht für staatliche Stellen ab, künftig gendergerechte Sprache zu verwenden und auch auf binäre Anreden wie „Sehr geehrte Damen und Herren“ zu verzichten. „Die Pflicht zur sprachlichen Nichtdiskriminierung besteht von Verfassung wegen und kann durch gesetzliche Regelungen oder durch Verwaltungsvorschriften, Erlasse und Weisungen konkretisiert werden“, schreibt Lembke

Die Berliner Professorin sieht auch nicht nur Verwaltungen im engeren Sinne in der Pflicht. Auch Gerichte und sonstige staatliche oder staatsnahe Einrichtungen sollen gendergerechte Sprache gebrauchen müssen. Zur Lage an den Schulen nimmt das Gutachten keine Stellung, dort stellt sich das Problem, dass die Sprachvorgaben mit geltenden Rechtschreibregeln kollidieren, besonders vehement.

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