Gesellschaft

Gewalt und theologische Tradition im Islam

Martin Rhonheimer, Autor des Buches Christentum und säkularer Staat: Geschichte – Gegenwart – Zukunft (Herder, Freiburg i. Br. 2012, siehe meine Rezension hier), hat in der NZZ die Frage der Gewalt im Namen Allahs erörtert:

Zu Beginn waren die Muslime im muslimischen Herrschaftsgebiet meistens eine Minderheit. Ihre Herrschaft gründete auf der grossen Zahl der «dhimmis», der «Schutzbefohlenen». Juden, Christen und andere «Schriftbesitzer» galten nicht als «Ungläubige»: Sie konnten als «dhimmis» ihr Leben behalten, auch wenn sie keine Muslime wurden. Die heute vom IS gejagten Jesiden gelten nicht als «Schriftbesitzer», für sie gibt es daher nur die Alternative: Konversion zum Islam oder Tod. Die islamische Theologie besitzt keine argumentativen Ressourcen, um das Vorgehen des IS als «unislamisch» zu verurteilen. Es gibt im Islam nämlich kein generelles Tötungsverbot. Es gibt hingegen eine generelle Tötungslizenz: «Ungläubige», die sich der Konversion zum Islam widersetzen, sollen getötet werden. So heisst es in Sure 9, 5: «. . . tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf! Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet verrichten und die Almosensteuer geben, lasst sie ihres Weges ziehen! Gott ist barmherzig und bereit zu vergeben.»

Der Islam ist seinem Wesen nach mehr als eine Religion. Er ist ein kultisches, politisches und soziales Regelwerk, will religiöse und politisch-soziale Ordnung in einem sein. Und er war von Anfang an kriegerisch. Der Islam will das «Haus des Islam» auf der ganzen Welt verbreiten. Es geht ihm dabei nicht so sehr um religiöse Bekehrung der Nichtmuslime als um ihre Unterwerfung unter die Scharia. In Sure 2, 256 heisst es: «In der Religion gibt es keinen Zwang.» Glaube lässt sich eben nicht erzwingen, Unterwerfung unter das islamische Recht aber sehr wohl. Sich diesem Zwang zu widersetzen, kann tödlich sein. Historisch war die islamische Einheit von Politik und Religion zwar meist nur Programm und selten Realität. Andere politische Machtzentren entstanden, die sich nicht unter der geistlichen Führung eines Kalifen befanden. Und gemäss islamischer Lehre konnte der Kampf (Jihad) gegen die Nichtmuslime genau dann unterbrochen und mit den Ungläubigen ein Waffenstillstand geschlossen werden, wenn für weitere Expansion keine Aussicht auf Erfolg bestand. Das führte zu langen und oft friedlichen Perioden der Koexistenz. Zudem sind muslimische Minderheiten in nichtmuslimischen Ländern verpflichtet, sich an die lokale Rechtsordnung zu halten.

Mehr: www.nzz.ch.

Vier Stunden WhatsApp pro Tag

Die Studie Media Activity Guide 2014 bietet interessante Einblicke in unser mediales Leben. basicthinking.de schreibt:

Mit was verbringen die Kids, Teenager und Twens noch so ihre Zeit? Auf jeden Fall nicht mit Lesen von klassischen Print-Produkten. Mit Tageszeitungen halten sich die Jungs und Mädels nur sechs Minuten auf. Dafür rund eine Stunde mit Computer- und Videospielen, besonders auf Smartphones und Tablets. Und 152 Minuten surfen sie tagein, taugaus durchs Internet. Davon verbringen sie 45 Minuten auf Facebook, Twitter und ähnlichen sozialen Netzwerken.

Wenn man die bereits genannten Zahlen zusammenzählt, kommt man bereits auf eine erstaunliche Stundenanzahl. Medien sind somit eine [sic!] ganz wichtiger Dreh- und Angelpunkt in unserem Leben, besonders bei der jüngeren Generation. Das ist an sich keine neue Erkenntnis.

Für Bus- und Bahnfahrer wahrscheinlich nicht ganz überraschend: Besonders viele junge Frauen verbringen fast vier Stunden am Tag mit Diensten wie WhatsApp.

Das ist eindeutig zu viel Zeit! Lieber mal ein Buch lesen oder von Angesicht zu Angesicht miteinander „klönen“. Übrigens: Eine gute Zeitung mit einem leckeren Kaffee; das hat was.

Hier mehr: www.basicthinking.de.

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Siehe zum Thema auch: Wider die digitale Scheinwelt.

Über den „Unsozialismus“ beim SPIEGEL

Bettina Röhl gewährt in ihrem Artikel „Die Zwei-Klassen-Gesellschaft beim ‚Spiegel‘“ einen Blick hinter die Kulissen des einflussreichen Unternehmens und berücksichtigt dabei nicht nur die aktuellen Querelen.

Das ideell hoffnungslos überfrachtete sozialistisch-genossenschaftliche Modell von den Arbeitnehmern, die im Betrieb die Macht übernehmen, ist im „Spiegel“ exemplarisch gescheitert. Die internen Grabenkämpfe paralysierten die Mitarbeiter-KG regelmäßig.

Von Anfang an war es dem erlauchten Kreis der „Spiegel“-Redakteure, die sich ganz unsozialistisch für die eigentlichen Gewinnproduzenten hielten, ein Dorn im Auge, dass die „Putzfrauen“ neben ihrem üppigen Gehalt am Jahresende ebenfalls Kasse aufgrund auch ihrer Gewinnbeteiligung machten. Viel besser wäre es doch, gar kein eigenes Putzpersonal einzustellen und eine Reinigungsfirma zu engagieren.

Die Herrenreiter-Tendenzen in der Redaktion standen stets im krassen Widerspruch zu der weiterhin verfolgten Linie „Im Zweifel linksaußen“. Links schreiben, rechts leben ist kein unbekanntes Phänomen.

Tatsächlich wurden die Redakteure schnell zu saturierten Kapitalisten, die ihre Pfründe unter keinen Umständen und zu keinem Zeitpunkt mit irgendjemand wieder teilen wollten. Und da ist man schnell bei dem aktuellen Geschehen im Spiegel.

Eigentlich könnte die Mitarbeiter-KG selbstherrlich durchregieren. Doch dazu ist sie aufgrund innerer Befindlichkeit offenkundig nicht in der Lage, obwohl sie in einer sehr komfortablen Lage ist. Denn sie ist nicht nur Mehrheitsgesellschafterin, sondern führt auch das Tagesgeschäft. Stattdessen hält sie sich anlehnend an Gruner+Jahr fest und freut sich, wenn die entmachtete Erbengemeinschaft nach Rudolf Augstein mit ihrem 24-Prozent-Anteil noch da ist.

Außerdem hat das sozialistische Experiment einen Schönheitsfehler. Statt etwa neue Abteilungen für TV oder online im Zuge einer allgemeinen Expansion aufzumachen und die Mitarbeiter der neuen Dienstleistungen ganz selbstverständlich in den Kreis der Kommanditisten aufzunehmen, gründete der „Spiegel“, durchaus marktüblich, für Sonderaufgaben gesonderte Tochterfirmen – zum Beispiel Spiegel TV oder Spiegel online. Deren Mitarbeiter schaffen für das marktübliche Lohnniveau ihrer Branchen, sehen am Jahresende aber keinen Kapitalistenertrag auf ihrem Konto.

Hier mehr: wiwo.de.

Fünf feministische Mythen widerlegt

Etliche Mythen, die im Raum des Feminismus verbreitet wurden, halten sich sehr hartnäckig und beeinflussen sogar politische Entscheidungen. Deshalb ist es gut, wenn die Philosophin Christina Hoff Sommers aus Liebe zur Wahrheit fünf dieser Mythen widerlegt. Gemeint sind folgende US-amerikanischen „Überzeugungen“:

  • Mythos 1: Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus, erarbeiten zwei Drittel der Arbeitsstunden der Welt, empfangen 10% des Welteinkommens und besitzen weniger als 1% des weltweiten Eigentums.
  • Mythos 2: Zwischen 100.000 und 300.000 Mädchen sind in den USA zur sexuellen Sklaverei gezwungen.
  • Mythos 3: In den Vereinigten Staaten sind 22% bis 35% der Frauen, die in der Notaufnahme von Krankenhäusern landen, Opfer häuslicher Gewalt.
  • Mythos 4: Eine von fünf Frauen wird in der Schule sexuell missbraucht.
  • Mythos 5: Frauen verdienen bei gleicher Arbeit nur 77 Cent für jeden Dollar, den ein Mann verdient.

Hier mehr: time.com.

Er schuf sie als Mann und Frau

Hier ein hochkarätig besetztes Plenum zu dem heißen Thema „Mann und Frau“. Konkret geht es um das komplementäre Rollenverständnis. Das Gespräch fand am 7. Juni 2014 statt. Teilnehmer sind Kathy Keller, Tim Keller, Kathleen Nelson und John Piper.  Don Carson moderiert das Gespräch.

Schwesig will noch mehr teure Sozialromantik

Uli Dönch hat für den FOCUS ein aktuelles Interview mit Familienministerin Manuela Schwesig treffend kommentiert. Frau Schwesig will zwar auch in Zukunft die traditionelle Familie akzeptieren, warnt aber Frauen vor den „handfesten Nachteilen“, Kinder großzuziehen. Wir haben eine Familienministerin, die den verfassungsmäßigen Schutz der Familie sehr ernst nimmt.

Das beste hebt sich Manuela Schwesig aber für den Schluss des FOCUS-Interviews auf. Die Frage, ob sie neben der Mutter in „Familienarbeitszeit“ auch für die Mutter als „Hausfrau“ werben wolle, beantwortet sie spürbar zähneknirschend: „Auch dieses Lebensmodell akzeptiere ich natürlich.“

Aber schon im nächsten Satz warnt sie alle Frauen vor den „handfesten Nachteilen“, wenn sie ihre Kinder zu Hause großziehen – Unterhaltsansprüche, Rente etcetera.

Und die Vorteile? Die gibt’s offenbar nicht. So etwas wie eine enge, vertrauensvolle, stärkende Mutter-Kind (oder auch: Vater-Kind)-Beziehung kommt in Manuela Schwesigs Weltbild offensichtlich nicht vor. Man wundert sich, warum die Chefs Angela Merkel und Sigmar Gabriel ihre aus der Spur geratene Familienministerin nicht abbremsen.

Hier: www.focus.de.

Friedrich Engels Abkehr vom Pietismus

Friedrich Engels stammt aus einer pietistischen Familie. Er wurde am 28. November 1820 in Barmen, heute ein Stadtteil Wuppertals, als Sohn eines erfolgreichen Fabrikanten geboren. Noch vor dem Abitur verließ er auf Wunsch des Vaters das Gymnasium und begann eine kaufmännische Ausbildung. 1850 begab er sich auf Dauer nach Manchester. Er arbeitete in einer Fabrik, die zur Hälfte seinem Vater gehörte. Auf dem Wege der Erbfolge wurde er später Miteigentümer und lebte in London.

Der folgende DLF-Beitrag schildert eindrücklich Friedrich Engels Abkehr vom Pietismus.

Zwei kurze Anmerkungen dazu:

(1) Bildungsfeindliche Frömmigkeit. Zur Zeit Engels predigte der große Friedrich Wilhelm Krummacher, der damals Pfarrer in Barmen-Gemarke und Elberfeld war. Unter Krummacher kam es zu aufrichtigen Erweckungen. Leider wurde unter seinem Einfluss aber auch eine unkritische Kulturfeindlichkeit gefördert, unter der insbesondere junge, neugierige Kirchgänger zu leiden hatten. Nicht jede Vergnügung ist Weltliebe und damit verwerflich. Nicht die Verteuflung weltlichen Lebens, sondern die christliche Durchdringung sollte das Anliegen der Prediger sein.

(2) Gespaltene Frömmigkeit. Engels erkannte früh, dass die pietistischen Unternehmer ihre Angestellten, zu denen damals auch Kinder gehörten, schlechter behandelten als umfromme Fabrikanten. Überspitzt: Die frömmsten Fabrikanten waren herzlose und ausbeuterische Arbeitgeber. Ähnliche Eindrücke bekam Engels später in England.

Obwohl ich bezweifle, dass das so pauschal ausgesagt werden kann, hatte ich schon manchmal, wenn ich dazu etwas bei Marx oder Engels las (siehe z.B. Das Kapital), das Empfinden, beide trieb dieses Problem wirklich um und vertiefte verständlicherweise ihre Solidarität mit dem „Proletariat“. Obwohl ein Fabrikant naturgemäß unternehmerisch denken und handelt muss, gilt: die Abspaltung des frommen Lebens vom Alltagsgeschäft ist dem Zeugnis des Glaubens nie förderlich. Jesus Christus möchte Herr im gesamten Leben sein. Kritischer Prüfstein ist nicht der Kirchgang, sondern der Alltag.

Hier der Beitrag:

Das Drama von Mossul (Teil 3)

Wie angekündigt hier die Fortsetzung (siehe auch hier) des Berichtes von Andrea, die derzeit im Nordirak für das Hilfswerk GAiN unterwegs ist:

Donnerstag, 31. Juli 2014, abends

Meine Zeit im Irak geht dem Ende entgegen; ich vermute, dass das hier der letzte Beitrag meines Newstickers sein wird, weil wir am Wochenende wieder in einem Flüchtlingslager unterwegs sind und ich kaum zum Schreiben kommen werde. Heute Nachmittag habe ich mit der Hilfe einer Übersetzerin unsere Nachbarn der letzten Woche interviewen können. So viele der kleinen gemeinen Details, die sie erzählten, habe ich inzwischen dutzendmal gehört. So viele traurige Geschichten haben uns alle in den letzten Wochen müde gemacht, dass ich manchmal dachte, ich mag eigentlich nichts mehr hören. Aber jede dieser Geschichten mit jedem einzelnen gemeinen Detail verdient es eigentlich, gehört zu werden. Was mich ganz neu fasziniert und tröstet, sind diese Sätze in den Psalmen, die wir morgens in der gemeinsamen Andacht lesen: Wie leidenschaftlich Gott auf Seiten der Unterdrückten steht und wie sein Zorn gegen die Übeltäter entbrennt. Und dass er denen Recht schaffen wird, die sich zu ihm halten. Bei Gott ist keine dieser Geschichten vergessen.

Es sind, wie ich jetzt herausfinde, drei neue Familien, die mit in unserer Wohnung leben: G., die alte Dame, und ihr Mann sind die Eltern der zwei jüngeren Frauen vielleicht Mitte dreißig: Eine von ihnen, J., lebte mit den Eltern, ihrem Mann und der 17jährigen Tochter in Mossul. Sie bewohnten zusammen ein großes Haus und betrieben eine Cafeteria auf dem Universitätsgelände von Mossul. Die andere Tochter, K., lebte mit ihren zwei Kindern im Grundschulalter in einem Dorf außerhalb von Mossul; ihr Mann ist Techniker für Handys und ähnliche Kleingeräte. Die Familien gehören zur Chaldäisch-Orthodoxen bzw. Armenisch-Orthodoxen Kirche, und schon in den letzten Jahren haben sie sich nicht mehr sicher gefühlt. “Islamistische Terroristen”, wie sie alles nennen, was auch schon vor ISIS die Gegend unsicher gemacht hat, sind mehrmals in ihr Haus eingedrungen und haben sie bedroht. Sie erzählen das so nebensächlich, wie ich meinerseits vielleicht berichten würde, dass mir nun schon mehrmals die Sicherung im Wohnzimmer durchgebrannt ist. Den Pfarrer ihrer Kirche hat man umgebracht.

Es ist schon das vierte Mal, dass sie ihre Häuser verlassen haben und geflüchtet sind; diesmal, so spüren sie, war es anders und hatte etwas Endgültiges. Die letzten Male, 2008, 2010 und 2011, hatten sie selbst die Entscheidung gefällt, dass es zu gefährlich wurde und sie besser gehen sollten. Sie konnten ihre Sachen mitnehmen und sich für einige Monate zu Verwandten flüchten, bis sich die Lage wieder beruhigt hatte und sie in ihre Häuser zurückkehren konnten. (Andere unserer neuen Bekannten haben auch berichtet, wie die Islamisten in ihrer Abwesenheit in ihre Häuser einbrachen und sich dort häuslich einrichteten. Wenn sie zurückkehrten, mussten sie erst einmal Blutspuren und Reste von Verbandszeug entsorgen, und ihre Einrichtung war verwüstet.)

Am 18. Juli fielen Bomben auf Mossul. Die Familie bekam es mit der Angst zu tun und beschloss zu flüchten, solange es noch möglich war. Am 19. Juli um 9 Uhr, an dem Tag, an dem später das Ultimatum für Christen verkündet wurde, verließen sie ihr Haus zum letzten Mal. Ein Cousin, der kurz vor ihnen geflüchtet war, rief von einer ihnen unbekannten Nummer aus an: Sie hatten ihm am Kontrollpunkt sein Handy und viele Wertsachen abgenommen, und so musste er sich für seinen Anruf ein anderes Handy borgen. Aber sein Auto war ihm geblieben. „Am besten versteckt ihr das, was ihr an Wertvollem mitnehmen wollt, irgendwie im Auto“, riet er der Familie. Und das taten sie.

„Wir haben beschlossen, dass wir unsere Enkelin, die Tochter von J., bei meinem Mann und mir im Auto mitnehmen“, erzählt G. „Sie ist ja erst siebzehn. Ich bin eine alte Frau; in unserer Kultur sollten die Leute mich respektieren, und wir dachten, dass ich sie besser beschützen kann, als wenn sie bei ihren Eltern bleibt.“ Aber es gibt keinen Respekt am Kontrollpunkt, weder für die alte Dame noch für irgendjemand anderen.

„Sie haben uns befohlen auszusteigen“, erzählt J., „und sie haben uns durchsucht. Alle Wertsachen haben sie uns weggenommen, sogar meine Brille und meinen Ehering.“ Seit ihrer Flucht kann J. nur unklar sehen; es erklärt, warum sie immer ein bisschen verwirrt dreinschaut. Erst jetzt, nach fast zwei Wochen, kann sie zu einem Augenarzt gehen. „Ja, uns haben sie auch aus dem Auto gescheucht“, schluchzt G. „Ich habe zu ihnen gesagt: ‚Ich bin doch eine alte Frau und mein Mann hat Rückenprobleme. Wir können nicht so einfach aussteigen.’ Aber der eine Mann hatte ein Gewehr und das hat er auf uns gerichtet. Wir haben uns also aus dem Auto gequält. Sie haben uns angeschrien: ‚Wo ist euer Gold?’ Ich hatte solche Angst, dass ich ihnen einfach meine Tasche in die Hand gedrückt habe. Aber dann haben sie mir auch mein Gebiss abgenommen. Seit vorletzter Woche habe ich deswegen im Oberkiefer keine Vorderzähne mehr. Sie haben mir auch mein Blutdruckmessgerät abgenommen und unsere Haustürschlüssel. Ich hatte auch einen Rosenkranz dabei, den sie mir weggenommen haben, und ein Bild von Jesus. Das hat mir einer von den Männern aus der Hand gerissen. Er hat es auf den Boden geworfen und zertreten. Er hat mich angeschrien und beschimpft. Dann haben sie mir auch noch befohlen, die Schuhe dazulassen. ‚Aber das geht doch nicht’, habe ich gebettelt, ‚der Boden ist zu heiß und ich kann ohne meine Schuhe doch nicht laufen.’ Aber sie haben einfach nur auf uns eingebrüllt. Mein Mann hat sie angefleht: ‚Ihr sagt doch, dass Mohammed ein guter Mann war. Um seines Namens willen – behandelt uns doch bitte nicht so.’ Aber sie haben ihn einfach ignoriert. Sie waren so grausam. Meine Enkelin hat nach ihrem Papa geweint. Wir haben alle geweint, aber sie hatten kein Mitleid.“

„Ich hatte solche Angst“, sagt J., die ja im anderen Auto saß. „Ich hatte solche Angst, dass sie meine Tochter verschleppen. Sie haben uns dann befohlen, in eins von ihren Autos zu steigen, und wir haben gesagt: ‚Aber was wird denn aus unserem Auto?’ Sie haben uns nur angeschrien: ‚Hört auf, dumme Fragen zu stellen, und steigt hier ein.’ Wir haben in dem Moment wirklich gedacht, dass sie uns irgendwohin fahren, wo sie uns umbringen. Aber sie haben uns einfach außerhalb von Mossul ausgesetzt.“

Die beiden Familien fanden wieder zusammen und schlugen sich zu Fuß und per Anhalter zu dem Dorf durch, in dem K., die andere Tochter, lebte. Es ist übrigens eines der Dörfer, das meine Kollegen mit einer Wagenladung Trinkwasser versorgten, weil Wasser und Elektrizität dort fehlten.

Sie waren erst drei Tage dort, als ISIS eine Fabrik für medizinische Geräte bei diesem Dorf angriff. Ihre Bomben fielen die ganze Nacht hindurch und der Familie wurde bewusst, dass sie auch hier nicht sicher war. Mitten in der Nacht flüchteten sie aus K.s Haus und nahmen sie und ihre vierköpfige Familie gleich mit. Nachts um eins kamen sie an einem kurdischen Kontrollpunkt an, wurden aber zu dieser Zeit nicht mehr durchgelassen. „Zurückzugehen kam für meine Mutter nicht in Frage“, sagt J. „Wir haben da am Straßenrand unsere Matratzen und Sachen auf den Boden gelegt und ein paar Stunden geschlafen. Um fünf Uhr morgens haben sie uns dann durchgelassen.“ Einige Nächte lang kam die Familie in der chaldäischen Kirche in unserer Stadt unter, dann mussten sie dort weg. Die Gemeinde, zu der „unsere“ Wohnung gehört, hat ihnen erlaubt, eine Woche bei uns zu wohnen. Wir kaufen für die Familien mit ein, haben ihnen einige Kleider und Schuhe aus unserem Container mitgebracht und hoffen mit ihnen, dass sie bald eine dauerhaftere Bleibe finden. Ihre Woche bei uns läuft eigentlich morgen aus, aber wir haben noch nicht gehört, dass sie etwas anderes gefunden haben – zumindest etwas, das sie auch bezahlen können.

Wie stellen sie sich ihre Zukunft vor, frage ich sie zum Schluss. Würden sie gerne zurück nach Mossul gehen? „Wenn ISIS ausgeschaltet wird und wir unser Haus zurück bekommen, werden wir es wohl verkaufen und irgendwo anders hinziehen“, sagt G. resigniert. „Aber im Moment haben wir das Gefühl, dass wir nirgendwo ganz sicher sind.“

Während ich diese Geschichte niederschreibe, habe ich einen Anruf bekommen: bei R.,“unserer“ Ärztin, sind 15 weitere Familien aufgeschlagen, die nun auch aus einem der Dörfer hergekommen sind. Wir haben noch schnell ein paar Matratzen für sie organisiert und uns dann zum Abendessen mit Q. ein paar syrische Pizzas geteilt. Q. ist Mitte zwanzig und so eine Art Hausmeister in unserer Wohnung. Er ist selbst vor einigen Jahren aus Bagdad her geflüchtet, bevor die Armee ihn einziehen konnte, und er hat offenbar auch zu viel Schlimmes erlebt, als dass er psychisch ganz gesund wäre. „Guckt ihr auch das hier“, meint er beiläufig in seinem gebrochenen Englisch. „Ist Video von ISIS, so wie Promo-Video“ – und er spielt ein professionell gedrehtes Video aus dem Internet ab, in dem, untermalt von feierlicher Musik, einige Dutzend gefangengenommene irakische Soldaten gezeigt werden, wie sie von vermummten Gestalten abgeführt und einer nach dem anderen erschossen werden. „Ist ganz neu auf YouTube.“ Ich schaue zu spät weg; ich habe zu spät geschaltet, um was es da geht. Es gibt keinen Grund, an der Authentizität solcher Videos zu zweifeln, die man sich hier unter Freunden gemeinschaftlich beim Abendessen anschaut.

Kann man sich an so viel Gewalt eigentlich gewöhnen? Ich bin froh, dass ich gerade in den letzten Wochen hier sein konnte. Aber ich glaube, ich bin auch froh, wenn ich am Sonntag nach Hause komme.

Das Drama von Mossul (Teil 2)

Wie angekündigt hier die Fortsetzung (siehe auch hier) des Berichtes von Andrea, die derzeit im Nordirak für das Hilfswerk GAiN unterwegs ist:

Mittwoch, 30. Juli 2014

In den letzten Tagen hatten wir vor allem mit den Flüchtlingen in einem der Camps zu tun, für die wir ursprünglich hergekommen waren: Es braucht Zeit, viel Absprachen und Planung, um eine Verteilung von Hilfsgütern zu organisieren, und wir sind dankbar für das Dutzend einheimischer Mitstreiter, die diesen Einsatz möglich machen. Wenn wir für eine kleine Pause oder abends nach all dem Planen und vielen ermüdenden Begegnungen in „unsere“ Wohnung kommen, ist das Sofa neuerdings wieder mit zwei neuen Familien besetzt. Eine ältere Frau, die offenbar etwas inkontinent ist, aber im Moment weder Wechselkleider noch irgendwelche Einlagen besitzt, sitzt meistens dort, daneben drei ältere Herren in den traditionellen langen orientalischen Gewändern. Ab und zu huschen zwei junge Frauen durch den Flur, dazwischen springen zwei Kinder im Grundschulalter herum – die Zusammensetzung unserer WG ändert sich ständig, und es hat etwas Skurriles, mit völlig fremden Leuten aus einer völlig fremden und uns kaum begreiflichen Kultur auf so engem Raum zusammen zu leben. Unsere Neuzugänge sind einfache Menschen, keiner von ihnen kann Englisch; eine gemeinsame Bekannte erklärt uns die Grundzüge ihrer Geschichte: Sie sind erst von Mossul in eins der christlichen Dörfer im Umland geflüchtet und dann, als sie sich auch dort nicht mehr sicher fühlten, in unsere Stadt. Bekannte aus ihrem früheren Leben in Mossul organisieren nun das Nötigste und versuchen eine Wohnung für sie zu finden. So sitzen sie einfach den ganzen Tag dort, als warteten sie auf irgendetwas. Wenn wir durch den Flur gehen, folgen sie jeder unserer Bewegungen mit verwundeten, irgendwie hungrigen Blicken. Inzwischen scheinen auch die meisten christlichen Familien in unserer Stadt zu solchen Not-WGs mutiert zu sein. Einer unserer einheimischen Kollegen, der selbst vier kleine Jungs hat, konnte heute morgen bei der Andacht kaum aus den Augen gucken: Drei Verwandte haben sich mit ihren Familien bei ihm einquartiert, und in der Dreizimmerwohnung sind sie nun sechzehn Leute – davon zehn traumatisierte Menschen, die bis in die Morgenstunden hinein reden und beten möchten, um irgendwie über ihren Schrecken hinwegzukommen. Die Alteingesessenen tragen es alle mit Humor und viel Geduld, aber die Nerven liegen doch langsam blank. Dabei wissen sie, dass alle, die hier bei Familien unterschlüpfen können, es noch gut erwischt haben: Am Rand der Stadt haben wir auch einige Dutzend Flüchtlinge gesehen, die sich im Rohbau eines großen Gebäudes einquartiert haben, das vielleicht einmal ein Parkhaus oder ein Bürogebäude werden soll. In die Fensterhöhlen haben sie Tücher gehängt, sanitäre Anlagen gibt es nicht.

Am kommenden Freitag organisiert unsere Partnerorganisation ein Seminar zum Umgang mit traumatisierten Menschen, zu dem viele der der Leute kommen werden, die sich in den letzten Wochen um die Christen aus Mossul bemüht haben. Die Frau von M., dem Chef, ist Psychologin. Das Seminar wird auf Arabisch sein, aber wir könnten es eigentlich alle ganz gut brauchen. Das Verrückte ist, dass hier in unserer Stadt Tausende Vertriebener aufschlagen und daneben das Leben seinen gewohnten Gang weitergeht. Von einer Demonstration vor der UN letzte Woche abgesehen, wird die Situation der Christen aus Mossul gar nicht öffentlich wahrgenommen. Die irakischen und kurdischen Medien haben nur in einer Fußnote darüber berichtet, und die Bevölkerung lebt ohnehin mit der Bedrohung: Nur 50 oder 70 Kilometer entfernt sterben Kämpfer auf beiden Seiten, wenn ISIS irgendeine medizinische Einrichtung oder ein Dorf überfällt und die Peschmerga sie zurückschlägt.

Was ich in einem der von uns mit betreuten Flüchtlingslager unter den großteils muslimischen Flüchtlingen aus Syrien und südlicheren Regionen des Irak sehe, nimmt mich noch einmal auf eine andere Weise mit als das, was ich in den letzten Wochen von den Christen mitbekommen habe: Rund 340 Familien, 2200 Menschen existieren dort mitten in der Wüste vor sich hin, in Zelten, in denen man sich tagsüber bei 52 bis 60 Grad nicht aufhalten kann. Schatten gibt es nicht. Ihre müden Gesichter, die von all der Sonne fast blinden Augen mancher Kinder, die dünnen Gestalten, die mit UN-Essenspaketen bei 1800 Kalorien pro Tag am Leben erhalten werden… (Und sie haben noch Glück; in anderen Gegenden kann nicht einmal dieser Grundbedarf gesichert werden.) Menschenwürdig ist anders. Die schönen neuen Sandalen, die Hygieneartikel und Kindergeschenke, die wir verteilen, zaubern ein Lächeln auf manche Kindergesichter und bewirken ein dankbares Nicken bei ihren Eltern. Aber im Moment gibt es keine Perspektive für diese Menschen. Das Lager wächst; täglich kommen mehrere Familien hinzu.

Bewegend finde ich den Einsatz unserer Helfer: In der letzten Woche haben wir so viele Berichte von Christen gehört, die von muslimischer Seite – und irgendwann differenziert man da wohl auch nicht mehr – Schlimmes erlebt haben. Und ich weiß von einigen unserer jungen Leute, dass sie als frühere Muslime, die jetzt Christen sind, in ständiger Angst leben, aufzufliegen und von muslimischen Freunden und Nachbarn bedroht oder gar umgebracht zu werden. Es sind Realitäten, die ich auch nach der intensiven Zeit hier überhaupt nicht nachempfinden kann. Diese jungen Leute sind nun mit im Flüchtlingslager und opfern ihre Zeit, um muslimischen Flüchtlingen ein bisschen Liebe zu vermitteln. Einer hat eine Nachtarbeit gefunden, aber er hat es sich nicht nehmen lassen, den Tag mit uns zu verbringen. „Mein Herz bricht, wenn ich diese Menschen sehe, die keine Hoffnung haben“, sagt ein anderer von ihnen leise zu mir, als wir eine Weile den Strom der Leute an unseren Ausgabestellen beobachten.

Im Camp gibt es übrigens auch einige christliche Familien, aber sie kommen nicht zur Verteilung – sie haben es, so erfahren wir, schon zu oft erlebt, dass sie weggedrängt, bedroht oder angegriffen wurden. Wir finden Umwege, um auch diesen Familien die Sachen zu bringen, die ihnen zustehen, aber ein trauriger Nachgeschmack bleibt. Auf dem Rückweg besuchen wir eines der christlichen Dörfer, in das sich seit dem Ultimatum vorletzte Woche Christen geflüchtet haben: Vier Familien, 18 Personen, haben in einem vielleicht 60 oder 70 Quadratmeter großen Bungalow Zuflucht gefunden. Es gibt zwei Betten, einen Herd ohne Gas, eine Spüle, die nicht angeschlossen ist, eine Handvoll Holzmöbel und Essutensilien und sonst buchstäblich nichts. (Uns wird trotzdem ein Glas Wasser angeboten.) Die meisten schlafen auf dem Betonboden. Wir haben das Haus kaum betreten, als eine ältere, gehbehinderte Frau uns auf Englisch mit dem Satz anspricht: „Sie haben uns alles abgenommen.“ Jetzt sitzt diese hochgebildete Frau, die mehrere Sprachen spricht, mit einem Laken über den Beinen auf einem Holzstuhl , den sie nicht verlassen kann. Sie erzählt von dem Haus, das sie hinter sich lassen musste, und von den Schikanen am Kontrollpunkt, bei denen man ihr alles abgenommen hat, auch ihren Rollstuhl. Sie beginnt sofort zu schluchzen. Wir können nicht lange bleiben, die Gegend ist nicht sicher. Wir verabreden nur noch schnell, wer sich wie in den nächsten Tagen um diese Familien kümmern, Lebensmittel, Matratzen und Haushaltswaren bringen wird.

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