Gesellschaft

Generationengerechtigkeit

Pensionen, Euro-Rettungspakete, Staatsverschuldung können nach Berechnungen des Verbands „Die Jungen Unternehmer“ im schlimmsten Fall 9,3 Billionen Euro kosten. lifeRP meldet:

Die finanziellen Belastungen für kommende Generationen belaufen sich auf 9,3 Billionen Euro. Verteilt auf die heute in Deutschland lebenden Kinder unter 15 Jahren sind das 866.915 Euro pro Kopf. Zu den größten Posten zählen die Lücke in den Sozialversicherungen mit 3,67 Billionen Euro, die Staatsverschuldung mit 2,07 Billionen Euro und die Pensionslasten von 1,36 Billionen Euro. Auch Energiewende und Eurorettung belasten kommende Generationen.

In dem „Positionspapier Generationengerechtigkeit“ der Jungunternehmer heißt es:

Angesichts der dramatisch hohen Belastungen und der demographischen Entwicklung fordern wir einen Belastungsstop. Politik und Gesellschaft müssen aufhören, immer noch mehr Lasten in die Zukunft zu schieben und sie damit den jüngeren Generationen aufzudrücken. Die finanzielle Nachhaltigkeit darf nicht länger ignoriert werden. Zudem muss der Abbau der bereits vorhandenen Lasten sofort angegangen werden. Beide Forderungen müssen Kernbestandteil eines neuen Generationenvertrages sein, der sich nicht mehr nur auf die Sozialversicherungen, sondern auf alle Gesellschaftsbereiche bezieht. Um Belastungsstop und Lastenabbau umzusetzen bedarf es Anstrengungen auf allen staatlichen Ebenen in allen Politikfeldern.

Wohl wahr!

VD: JS

Kein Kinderklima

Der familienpolitische Streit dreht sich vor allem um Modelle des Zusammenlebens. Weniger um die Frage, was für Geburt und Aufwachsen von Kindern nötig ist. Ein mutiger Kommentar von Reinhard Müller:

Natürlich ist es gut, wenn insbesondere Mütter sich möglichst wenig Sorgen um ihre Zukunft machen müssen, falls sie sich für ein Kind entscheiden. Diese Sorgen hat übrigens das „modernisierte“ Unterhaltsrecht nicht gerade verkleinert. Kaum Sorgen haben nur diejenigen, für die Kinder einfach zum Leben dazugehören. Es ist bezeichnend, wenn auch nicht wirklich überraschend, dass in einem Land mit viel Wohlstand, aber wenig Werten der Nachwuchs zum Statussymbol oder Rechenposten verkommt. Dabei ist auch die Geburtenrate kein Wert an sich. Der Staat kann und muss Anreize setzen, ein kinderfreundliches Klima schaffen – von der Ausbildung bis zur Arbeitswelt. Das muss nicht zwangsläufig teuer, es muss aber sozial sein. Warum soll eine gute Kinderbetreuung gänzlich kostenlos sein, gar für alle?

Kein Thema für die Familienpolitik ist weiterhin, wie der Staat sich zum werdenden Leben verhält. Dabei geht es auch hier um Vereinbarkeit, nämlich um die der Ansprüche des Staates mit seinem Handeln. Wer jedes Jahr hunderttausend Abtreibungen faktisch fördert, der sollte über fehlende Geburten nicht jammern.

Hier: www.faz.net.

Die Infantilisierung des Journalismus

Beim Obama-Besuch überboten sich die elektronischen Medien im Vermelden von Banalitäten. Auf die Demokratie wirkt der Echtzeit-Journalismus verheerend. Edo Reents stellt für die FAZ fest, dass in der aktuellen Berichterstattung zur Geltung kommt, was früher allenfalls Kinder interessiert hätte:

Der Echtzeitjournalismus hat uns geistig auf den Wilhelminismus zurückgeworfen. Die Berichterstattung zum Deutschland-Besuch des amerikanischen Präsidenten hat aus interessierten Zeitgenossen Untertanen gemacht, die sich mit der Aufzählung von Banalitäten zufriedengeben müssen. Wir sind von Königskinderhochzeiten allerhand gewohnt: Wie sehen sie aus? Weint sie? Küssen sie sich? Passt der Ring? Regnet es? Man lässt sich dergleichen im Bewusstsein, dass das alles mit Politik nicht viel zu tun hat und die Bevölkerung offenbar hin und wieder ein Ventil für gewisse royalistische Neigungen braucht, noch gefallen und will auch niemandem die Freude daran nehmen.

Was soll man aber anfangen mit folgenden, laufend online zu lesenden Informationen: „Obama ist erstaunt über Berlins Hitze“, „Gauck weinte bei der amerikanischen Hymne“, „Obamas Dienstwagen ist ein mächtiges Gefährt“? Das Problem sind nicht die Informationen als solche, sondern, dass sie zu den politischen Nachrichten, die es ja auch gibt, in kein Verhältnis mehr gesetzt und nicht mehr hierarchisiert werden. Es ist, zumal bei dieser, tatsächlich auch vom Präsidenten bemerkten Hitze, nicht nur ungesund, den Ereignissen dermaßen hinterherzuhecheln wie die Online-Reporter; es verwirrt auch eine an Politik interessierte Öffentlichkeit.

Hier: www.faz.net.

Neigt der Weltkirchenrat zum Antisemitismus?

Deutschlandradio meldet:

Die evangelischen Theologen Ekkehard und Wolfgang Stegemann werfen dem Weltkirchenrat Antisemitismus vor. Sie schreiben in einem Beitrag für die deutsche Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“, der Ökumenische Rat der Kirchen verurteile die Politik Israels und verschone gleichzeitig dessen Feinde von jeder Kritik. Hier wirke die alte christliche Judenfeindschaft in der Mobilisierung gegen Israel nach.

In dem Beitrag der Neutestamentler heißt es:

Der Weltkirchenrat hat bei seiner Gründung im Jahr 1948 Antisemitismus als Sünde gegen Gott und die Menschen verurteilt. Zugleich hat er allerdings bis heute ein Problem mit dem im selben Jahr gegründeten Staat Israel. 1956 stellt der Weltkirchenrat fest: »Ferner glauben wir – trotz des verständlichen Wunsches vieler Juden, ein eigenes Land zu haben –, dass es ihr Beruf ist, als das Volk Gottes zu leben und nicht nur eine Nation wie andere auch zu bilden.« Der traditionell religiöse christliche Absolutheitsanspruch wird in politische Vorschriften transformiert. Der Weltkirchenrat schreibt dem jüdischen Volk vor, in welcher Form kollektiver Identität es existieren darf. Er wendet auf das jüdische Volk und seinen Staat Maßstäbe an, die für alle anderen Völker und Staaten dieser Welt nicht gelten.

Seither steht der Weltkirchenrat an vorderster Front derer, die Israels Politik fortgesetzt verurteilen, dessen Feinde jedoch von Kritik verschonen. Dieser Gebrauch doppelter Standards und die Einseitigkeit der Parteinahme für die palästinensische Seite des Konflikts gehen Hand in Hand damit, dass man sich im Weltkirchenrat das Narrativ der Feinde des Staates Israel zu eigen gemacht hat. Wie sie stellt er die Legitimität des politischen Handelns des Staates Israel nahezu ständig öffentlich infrage, ignoriert jedoch mit Absicht die Realität der anhaltenden militärischen, terroristischen und propagandistischen Vernichtungsdrohungen gegen Israel.

Mehr: www.juedische-allgemeine.de.

VD: TS

Die grenzenlose Emanzipation einer Minderheit

Einige Minderheiten stellen heute die Konstruktion Mehrheit-Minderheit generell infrage. „Einer ideologischen Avantgarde reicht das nicht“, meint Wolfgang Büscher. „Ging es bisher darum, der Mehrheit Toleranz für Minderheiten abzutrotzen, so lautet nun die Parole: Wir wollen nicht bloß akzeptierte Minderheit sein. Wir sind die besseren, weil moderneren, multipleren Menschen. So wie wir sollten alle sein.“

Wie kommt es nur, dass die „Familienmenschen“ einfach nur zusehen?

Trauen wir uns nicht mehr, für das einzustehen, was wir doch sind? Das kann nicht sein. Es ist nicht verboten, gegen die ideologische und gesetzespraktische Nivellierung der Familie zu sein. Nie war Schwarmbildung leichter als im Zeitalter sozialer Netzwerke. Aber ein Schwarm zur Verteidigung der Familie bildet sich in Deutschland nicht.

Wir verstehen gar nicht, was in die verrückten Franzosen gefahren ist. Wir fühlen den Verlust nicht mehr, wie fast jeden Abend in Talkshows zu besichtigen ist. Als sei das Organ herausgeschnitten, das für solche Empfindungen zuständig ist.

Mehr: www.welt.de.

Genderwahn noch auf dem Vormarsch

„Herr Professorin“: Das erste Opfer der Gleichstellung ist an der Universität Leipzig die Grammatik. Woher kommt diese Gewalt der Begriffsverbieger, fragt  Alexander Kissler für CICERO:

Deutschland leistet sich derzeit rund 250 Lehrstühle und Zentren für „Gender-Studies.“ Nicht überall wird simples Allotria verbreitet. Doch Hand aufs Herz: Stünde es um die akademische Freiheit, um die Freiheit des Denkens und Forschens, nicht besser, wenn es diese Katheder mit ihrer behaupteten Allzuständigkeit nicht gäbe? Dort werden Waffen geschmiedet im Kampf gegen das Männliche als Prinzip, Form und Person, mal auf grammatikalischen, mal auf diskurspolitischen Wegen. Es sind letztlich Verteilungskämpfe um Macht und Geld, die eine männerfeindliche Lobbygruppe momentan zu ihren Gunsten entschieden hat. Spätestens aber, wenn die globale Rezession ihr Haupt erhebt und die Armen der Erde auch in Deutschland stranden werden, wird sich diese Operation am offenen Herzen der Vernunft als das entpuppen, was sie heute schon ist: eine Luxusbeschäftigung für verwöhnte, anderweitig unausgelastete Akademiker. Pardon: Akademikerinnen und Herren Akademikerinnen.

Hier: www.cicero.de.

VD: EP

Der Überwachungsstaat ist längst Realität

Der Staat misstraut seinen Bürgern. Die Geheimdienste zapfen offensichtlich alle Informationsquellen an, derer sie habhaft werden können. Die US-Nachrichtendienst NSA hat Zugriff auf Massen an E-Mails, Fotos, Videos und sonstige Daten der US-amerikanischen Internetfirmen. Keine schönen Zukunftsaussichten. Werden wir bald durch Rechner gesteuert? Wie ist es um die Meinungsfreiheit oder um die Demokratie bestellt?

Der sympathische Ernst Grandits hat für die 3sat-Kulturzeit mit Yvonne Hofstetter, Geschäftsführerin eines IT-Unternehmens, über das Thema gesprochen. Es lohnt sich, fünf Minuten für das Reinhören zu investieren: www.3sat.de.

Antipsychotikaverbrauch bei Kindern steigt drastisch

Der Verbrauch von Antipsychotika bei Kindern steigt drastisch, ältere Menschen schlucken zudem viele Wirkstoffe gleichzeitig. Der neue Arzneimittelreport der Barmer GEK zeigt dramatisch steigende Verordnungen. Stefan von Borstel schreibt für DIE WELT:

Kinder und Jugendliche in Deutschland schlucken zu viele Antipsychotika. Von 2005 bis 2012 stieg die Verschreibung der Medikamente gegen schwere psychische Störungen um 41 Prozent, bei neueren Präparaten gab es sogar ein Plus von 129 Prozent. Das geht aus dem neuen Arzneimittelreport der Barmer GEK hervor, für den die Daten der Barmer-Versicherten ausgewertet wurden.

Dabei zeigten Studien weder einen Anstieg psychiatrischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen, noch hätten sich die relevanten Therapieempfehlungen geändert, sagte der Bremer Wissenschaftler Gerd Glaeske vom Autoren-Team, das den Report erstellt hat. Die Verordnungszahlen seien besorgniserregend.

Auch bei alten Menschen ist der Verbrauch von Medikamenten hoch. Jeder dritte Versicherte über 65 Jahre schluckt dem Bericht zufolge mehr als fünf Arzneimittelwirkstoffe am Tag, bei den Hochbetagten über 80 Jahren ist es sogar jeder zweite. Im Durchschnitt nehmen Männer über 65 Jahre täglich 7,3 Wirkstoffe ein, bei Frauen sind es 7,2. „Darunter leidet vor allem auch die Therapietreue“, sagte Glaeske.

Quelle: www.welt.de.

Schlecht, schlechter, Geschlecht

Die Genderforschung behauptet, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau kulturell konstruiert sind. Der ZEIT-Autor Harald Martenstein ist sich da nicht so sicher.

Inzwischen habe auch ich, wie die Genderforschung, eine Theorie. Ich glaube, ich weiß, warum selbst bestens belegbare Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Geschlechterforschung von vielen Genderfrauen abgelehnt oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen werden. „Natur“ war, jahrtausendelang, ein Totschlagargument der Männer. Frauen konnten angeblich dieses nicht und jenes nicht, sie galten als eitel, dumm, schwach, hysterisch, zänkisch, schwatzhaft und charakterlich fragwürdig. Das alles kam im Gewande der wissenschaftlichen Erkenntnis daher. So wie man auch für wissenschaftlich belegt hielt, dass man Mörder an ihren Augenbrauen und Vergewaltiger an ihren Ohrläppchen erkennen könne. Immer hingen die angeblichen Defizite der Frauen mit ihrer angeblichen Biologie zusammen, und meistens ging es dabei darum, die Macht der Männer ideologisch zu begründen. Wenn früher von Unterschieden zwischen Männern und Frauen die Rede war, dann lief es immer darauf hinaus, dass Frauen die Schlechteren sind und Männer die Besseren. Die Genderfrauen ziehen daraus den Schluss, dass biologische Forschung insgesamt ein Herrschaftsinstrument der Männer sein muss. Deshalb sagen sie: Es gibt keine Unterschiede, basta. Warum? Weil es einfach keine geben darf. Genderforschung ist wirklich eine Antiwissenschaft. Sie beruht auf einem unbeweisbaren Glauben, der nicht in Zweifel gezogen werden darf.

Hier: www.zeit.de.

VD: TS

Das Gewaltniveau in den Familien

Vor einigen Tagen hörte ich von der „Gewaltstudie 2013“, die im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung von der Universität Bielefeld unter wissenschaftlicher Leitung von Prof. Dr. Holger Ziegler umgesetzt wurde. „Gewalt ist in Deutschland für viele Heranwachsende erschreckender Alltag. Fast ein Viertel (22,3 Prozent) wird von Erwachsenen oft oder manchmal geschlagen; 28 Prozent davon sind Kinder ab sechs Jahren, etwa 17 Prozent Jugendliche“ ist in der Zusammenfassung zu lesen. Für die Studie wurden 900 Kinder und Jugendliche in den Altersgruppen zwischen 6 bis 11 und 12 bis 16 Jahren interviewt. Die strukturierten Gespräche wurden in den Städten Berlin, Köln und Dresden von geschulten Befragern geführt.

Diese Daten erinnerten mich an die Untersuchungsergebnisse einer Studie des „Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen“ (KFN), die vor einigen Jahren vor allem durch den NDR öffentlichkeitswirksam verbreitet worden sind. Christian Baars fasst die Ergebnisse dieser Studie mit folgenden entschlossenen Worten zusammen: „In sehr religiösen freikirchlichen Familien werden Kinder demnach besonders häufig Opfer von Gewalt. Mehr als jeder sechste freikirchliche Schüler hat in der Kindheit schwere elterliche Gewalt erlebt. Und: Je religiöser die Eltern sind, desto häufiger und massiver schlagen sie ihre Kinder. Bei den katholischen und evangelischen Schülern liegt die Quote deutlich tiefer.“ Grundlage für die „KFN-Studie“ bildeten zwei Befragungen. Einmal wurden 45.000 Schüler aus der neunten Jahrgangsstufe (also zwischen 14 und 15 Jahre alt) und ein zweites Mal ungefähr 11.500 Erwachsene befragt. „Von diesen Jugendlichen gehören 11.831 dem katholischen Glauben, 11.627 dem evangelischen Glauben an. Unter den evangelischen Jugendlichen finden sich insgesamt 431 Schüler, die angaben, einer Freikirche anzugehören. Um welche Freikirche es sich genau handelt, wurde nicht erfragt“ (S. 3).

Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Studie durch die Aussage, dass sich bei den evangelisch-freikirchlichen Jugendlichen das höchste innerfamiliäre Gewaltniveau ermitteln ließ. Die evangelisch-freikirchlichen Schüler bildeten die mit Gewalt am stärksten belastete Gruppe. „Am deutlichsten zeigt sich dies in Bezug auf die Nicht-Akademiker-Familien: 17,4 % der evangelisch freikirchlichen Schüler haben in ihrer Kindheit schwere elterliche Gewalt erlebt …“ (S. 6). Hinzu kommt, „dass mit stärkerer Religiosität das Ausmaß innerfamiliärer Gewalt zunimmt“ (S. 6). In der Zusammenfassung heißt es entsprechend (S. 13):

„Mitglieder evangelisch-freikirchlicher Gemeinden sind von ihren Eltern öfter geschlagen worden als Befragte aus evangelischen oder katholischen Gemeinden. Vor allem aber wird eine Besonderheit deutlich: Je religiöser evangelisch-freikirchliche Eltern sind, umso häufiger und massiver schlagen sie ihre Kinder. Für katholische und evangelische Befragte hat sich dieser Zusammenhang nicht bestätigt. Im Gegenteil: Bei den katholischen Befragten zeigt sich sogar eine gegenteilige Tendenz.“

Erklärt wird der Befund vornehmlich mit den rigiden Erziehungsvorstellungen der Eltern (S. 14):

 „Eine Erklärung für diese Befunde dürfte sein, dass in den freikirchlichen Gemeinden und hier insbesondere unter den Hochgläubigen noch immer antiquierte Erziehungsvorstellungen aufrechterhalten werden, die Gewalt als legitimes Mittel einschließen und die mit in der Bibel geäußerten Erziehungsvorstellungen übereinstimmen.“

Verantwortet wurde die „KFN-Studie“ von Christian Pfeiffer und Dirk Baier. Bei meinem Versuch, insbesondere die Sorgen des Kriminologen Christian Pfeiffer besser zu verstehen, bin ich auf seinen Vortrag „ Parallel Justice – warum brauchen wir eine Stärkung des Opfers in der Gesellschaft?“ gestoßen. Dieser Vortrag eröffnet aufschlussreiche Einblicke in sein pädagogisches Menschenbild.

Für Pfeiffer ist die Urform „schwerer Viktimisierung“ (jemanden zum Opfer machen) eine alte religiös begründete Erziehungsmethode. Hinter dem Glauben, Kinder durch Züchtigung erziehen zu können, „steht der religiöse Glaube an eine angeborene Verderbtheit und Erbsünde des Menschen. Dem galt es, von Beginn an mit aller Härte entgegen zu wirken. ‚Kindern den Teufel aus dem Leib prügeln‘, war über Jahrhunderte mehr als nur eine Redewendung“ (S. 1).

Während Pfeiffer also namentlich den christlichen Ursündengedanken für innerfamiliäre Gewalt verantwortlich macht, schwärmt er für die romantische Pädagogik, wie sie beispielsweise bei Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf zu finden ist.

„Doch dann entdeckten unabhängige Köpfe im Zeitalter der Aufklärung ganz andere Zusammenhänge. Von dem französischen Philosophen und Humanisten Michel de Montaigne stammt die Aussage: ‚Von der Rute habe ich bisher keine andere Wirkung gesehen, als dass sie die Kinder zu Kriechern oder zu immer verstockteren Bösewichtern machte‘. 1692 wandte sich der englische Philosoph John Locke in seinem Werk ‚Gedanken über Erziehung‘ gegen das Konzept der angeborenen Verderbtheit, die man durch Prügel bekämpft. Zitat: ‚Kinder sind wie weißes Papier oder wie Wachs, das man positiv und negativ gestalten und formen kann‘. Und 70 Jahre später setzte Jean Jacques Rousseau dem christlichen Begriff der Ursünde den der kindlichen Unschuld entgegen. Kinder sollten die Chance erhalten, ihre Kreativität zu entfalten und selber aus ihren Erfahrungen schrittweise zu lernen. Es dauerte dann jedoch weitere 200 Jahre, bis in Schweden und den nordischen Ländern die wunderbaren Kinderbücher von Astrid Lindgren den Boden für eine grundlegende Reform vorbereiteten.“

Dazu drei kurze Gedanken:

(1) Ich kenne weder eine Bekenntnisschrift noch einen Christen, der meint, die Erbsünde aus einem Menschen herausprügeln zu können. Die Antwort auf die von uns Menschen ererbte Neigung zum Bösen heißt Gnade, Vergebung sowie eine aufrichtige Liebe zu Gott und dem Nächsten. Zwar lassen sich etwa bei einflussreichen pietistischen Pädagogen Texte finden, die davon sprechen, dass der natürliche Eigenwille des Kindes „gebrochen“ werden müsse. Aber das ist eben etwas anderes als Herausprügeln des Teufels oder der Sünde. Die maßgeblichen Erziehungsmittel für August Herrmann Francke hießen „Vorbild, Verheißung und Strafe (Aufsicht), das Gebet und der Unterricht“ (Philipp vom Stein, Der Blick auf das Kind, 2005, S. 7., der sich beruft sich auf: Peter Menck, Die Erziehung der Jugend zur Ehre Gottes, Tübingen: 2001, S. 43-62.).

(2) Pfeiffer wischt das christliche Menschenbild einfach beiseite und beruft sich auf eine „aufgeklärte Pädagogik“, die davon ausgeht, dass der Mensch ein unbeschriebenes Blatt ist (John Locke) oder von Natur aus gut erst durch falsche Erziehung zum Bösen verbogen wird (Jean-Jacques Rousseau).

So sehr ich dafür dankbar bin, dass Pfeiffer damit seinen pädagogischer Unterbau offengelegt, so sehr wundert es mich, dass glattweg der Eindruck erweckt wird, dieses humanistische Menschenbild sei unbestreitbar gültig. Einsichten anderer großer Pädagogen, unter ihnen Comenius, Hobbes oder Pestalozzi, werden einfach ausgeblendet. Gerade Letzterer war einst Anhänger Rousseaus, hat sich aber nach eingängiger pädagogischer Arbeit von ihm abgewandt. In seiner reifen Phase war er davon überzeugt, dass der Mensch ambivalent offen ist für Gutes und Böses. Das Menschenbild der „Pipi Langstrumpf-Pädagogik“ mag weit verbreitet sein, gut begründet ist es nicht. Es ist schon gar nicht die heute einzig vertretbare Sichtweise auf den Menschen.

Meines Erachtens werden wir derzeit auf eher unangenehme Weise mit den Einseitigkeiten jener Menschenbilder konfrontiert, die auf die Unschuld des Kindes setzen. Aus „süßen Pipis“ können nämlich Tyrannen werden. Gerade das christliche Menschenbild erscheint mir demgegenüber realitätsbezogen und aufgeklärt. Es geht davon aus, dass jeder Mensch einerseits ein wertvolles Geschöpf Gottes ist (in der Bibel auch „Ebenbild Gottes“ genannt, vgl. Gen 1,27), andererseits nimmt es die Disposition zum Bösen ernst. Das christliche Menschenbild ist weder so naiv wie das von Rousseau oder Locke, noch ist es so hoffnungslos deterministisch wie das vieler posthumanistischer Soziobiologen oder Geistphilosophen (z. B. Richard Dawkins oder Wolf Singer).

(3) Was ich aber eigentlich sagen möchte (obwohl ich natürlich weiß, dass Studien sich seriös nicht so einfach gegenüberstellen lassen): Nach Pfeiffer erleben unter den freikirchlichen Nicht-Akademiker-Familien 17,4 % Gewalt. Dieser Wert entspricht ungefähr den 17 % unter den Jugendlichen zwischen 12–16, die laut der „Gewaltstudie 2013“ familiäre Gewalt erfahren. Demnach läge die innerfamiliäre Gewalt in den evangelisch-freikirchlichen Kreisen ungefähr genauso hoch wie die in der Gesamtbevölkerung. Zieht man die Pauschalaussagen der Studien heran, erleben in den freikirchlichen Kreisen weniger Kinder Gewalt (jeder sechste Schüler) als Kinder in der Gesamtbevölkerung (jeder vierte Schüler).

Das ist sicher kein Grund zur Entwarnung, zeigt aber, dass der Befund im Blick auf die Freikirchen auch keinen Anlass für Panikmache gibt.

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