Zeitgeist

Die „Woke-Culture“ und die Evangelikalen

Markus Till hat auf seinem Blog den Artikel „The Failure of Evangelical Elites“ (erschienen bei First Things) von Carl Trueman zusammengefasst. Trueman fragt unter anderem, warum es trotz der Arbeiten von Mark Noll und George Marsden den Evangelikalen nicht gelungen ist, in der akademischen Welt Fuß zu fassen (siehe zu Noll und Marsden auch das Interview hier). Nach Trueman liegt es nicht an mangelhaften akademischen Fähigkeiten oder an den schlechten Argumenten. Vielmehr macht er die „Woke-Kultur“ an den Hochschulen für diese Entwicklung verantwortlich. „Woke“ bezeichnet eine Haltung, die „aufgeweckt“ nach fehlender sozialer Gerechtigkeit, Rassismus oder Ungleichbehandlung Ausschau hält und diese Dinge aktionistisch anprangert. Die „Woke-Kultur“ trägt mit dazu bei, dass nur noch bestimmte Meinungen als diskursfähig gelten. Theorien oder Überzeugungen, die dem „Mainstream“ nicht entsprechen, sollen am Besten gar nicht mehr zu Wort kommen (hier liegen die Schnittstellen zur Abbruchs-Kultur (engl. Cancel Culture). Die christlichen Wissenschaftlicher werden nach Trueman also gemieden, weil man ihren Glauben und ihre Ethik für ethisch verwerflich hält.

Markus Till schreibt:

Die Thesen von Noll und Marsden schienen anfangs gute Früchte zu tragen. Ihre Doktoranden erhielten Stellen an Hochschulen und Universitäten. Als Musterbeispiel diente viele Jahre der von Obama eingesetzte evangelikal geprägte Leiter des Nationalen Gesundheitsinstituts Francis Collins. Gerade an seinem Beispiel macht Trueman jedoch deutlich, wie schwer es offenkundig ist, als evangelikaler Christ in solche Positionen aufzusteigen, ohne seine christlichen Werte zu kompromittieren. Collins ist dies offenbar nicht gelungen. Und Trueman stellt fest, dass es heutzutage kaum noch möglich ist, konfliktfrei an wichtigen christlichen Überzeugungen innerhalb der intellektuellen Eliten festzuhalten:

„Obwohl Marsden und Noll ihre Argumente vor weniger als dreißig Jahren vorbrachten, fällt mir auf, dass ihre Argumente aus einer längst vergangenen Zeit stammen. Die Vorstellung, dass eine Person, die sich zu Ehrlichkeit und Integrität in der Wissenschaft bekennt, Mitglied der heutigen Universitäten und anderer führender Institutionen werden kann, ist rückblickend betrachtet naiv. … Letztes Jahr habe ich am Grove City College einen Kurs über historische Methoden gehalten. Einer unserer Texte war Marsdens ‘The Outrageous Idea of Christian Scholarship’. Die Reaktion der Studenten auf das Buch war beeindruckend. Obwohl sie Marsden für einen nachdenklichen und engagierten Autor hielten, waren sie der Meinung, dass sein Argument – dass Christen einen Platz am Tisch der akademischen Welt finden könnten, wenn sie gute Gelehrte seien und ihre Kollegen mit Respekt behandelten – im heutigen Kontext nicht überzeugend ist. Kein Student glaubt heute, dass ein Professor einer Forschungsuniversität, der höflich und respektvoll zu einem schwulen Kollegen ist, auch seine Einwände gegen die Homo-Ehe äußern darf. So funktioniert das System nicht mehr.“

Aber warum ist das so? Trueman legt dar, dass die führenden Evangelikalen in ihrem Versuch, das Christentum in den intellektuellen Eliten gesellschaftsfähig zu machen, einen entscheidenden Punkt übersehen haben, der in den letzten 30 Jahren immer deutlicher zutage getreten ist:

„Das Hochschulwesen ist heute weitgehend das Land der „Woken“. Man mag ein brillanter Biochemiker sein oder ein profundes Wissen über die minoische Zivilisation haben, aber jedes Abweichen von der kulturellen Orthodoxie in Bezug auf Rasse, Sexualität oder sogar bei anderen Begriffen wird sich bei Einstellungs- und Bleibeverhandlungen als wichtiger erweisen als Fragen nach der wissenschaftlichen Kompetenz und sorgfältiger Forschung. … Meine Studenten können die Realität sehr genau einschätzen. Die kultivierten Verächter des Christentums von heute halten dessen Lehren nicht für intellektuell unplausibel, sondern für moralisch verwerflich. Und das war schon immer zumindest teilweise der Fall. Das war der Punkt, den Noll und Marsden übersehen haben – auch wenn er in den neunziger Jahren am Wheaton College oder an der Universität von Notre Dame vielleicht nicht so offensichtlich war wie heute fast überall im Hochschulbereich.”

Evangelikal, weiblich, befreit – Beth Barrs Buch über „Biblische Weiblichkeit“

51kJBZidb4S SY264 BO1 204 203 200 QL40 ML2Beth Allison Barrs einflussreiches Buch The Making of Biblical Womanhood versucht, die historischen Wurzeln der „biblischen Weiblichkeit“ aufzuzeigen. Es ist alles in allem eine polemisch-kritische Abrechnung mit dem Komplementarianismus (bedeutet vereinfacht so viel wie: die beiden Geschlechter ergänzen einander in ihrer Unterschiedlichkeit). Nach Barrs sind die Bibeltexte in einer patriarchalischen Kultur entstanden und kommunizieren daher auch die Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau sowie eine Ordnung, in der der Mann das Oberhaupt der Familie ist und die Kirchengemeinden von Männern geleitet werden. Allerdings transportiere die Bibel diese Vorstellungen nur, weil sie von Menschen geschrieben sei. Die kulturbedingten Annahmen seien nicht das, was Gott kommunizieren wolle. Gott möchte etwas anderes sagen, nämlich, dass wir Menschen uns zum Guten hin entwickeln sollen.

Dass dieses Buch sowohl in Nordamerika wie auch in Europa großen Zuspruch erfährt, kann kaum überraschen. Die Dekonstruktion konservativer Werte (die übrigens nicht per se biblisch sein müssen) ist in einer emanzipativen Kultur in der Regel sehr willkommen. Der semi-emergente Scot McKnight schreibt etwa: „Barrs sorgfältig ausgewählten historischen Beispiele, vor allem die aus dem Mittelalter, fügen sich zu einer brillanten, donnernden Erzählung zusammen, die das komplementäre Narrativ entlarvt. Ich konnte dieses Buch nicht aus der Hand legen.“

Ein sehr gutes Beispiel für die völlig unkritischen Aufnahme der Thesen von Beth Allison Barrs ist ein Beitrag, den der Deutschlandfunk kürzlich veröffentlicht hat. Barrs wird dort euphorisch als eine Wissenschaftlerin und Historikerin gefeiert, die erfolgreich gegen die Unterdrückung der Frauen in den evangelikalen Kirchengemeinden kämpft. Nicht eine kritische Frage wird gestellt. Es kommt niemand zu Wort, der die Dinge anders beurteilt. Keiner macht sich die Mühe, herauszufinden, ob ihr hermeneutischer Ansatz redlich ist. Beth Allison Barrs setzt sich für emanzipierte Glaubensvorstellungen ein und deshalb muss das Buch einfach gut sein. Punkt.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin der Meinung, dass Vertreter der komplementären Sichtweise immer in der Gefahr stehen, Gepflogenheiten der Gegenwartskultur oder eigene sündhafte Begierden mit einem biblischen Mandat zu verwechseln. Ich selbst sehe manche Spielarten dieser Sichtweise skeptisch. Von daher ist es wichtig, dass sich jede Generation neu vergewissert, was die Heilige Schrift zu diesen Themen sagt. Gleichzeitig ist es jedoch möglich, dass Vertreter egalitärer Sichtweisen die Anliegen ihrer Gegenwartskultur in die Bibel hineinlesen. Und es ist nicht nur möglich. Es lässt sich zeigen, dass dies oft passiert.

Hier also erstens der Beitrag des DLF über das Buch The Making of Biblical Womanhood:


Für Leute, die herausfinden möchten, ob Beth Allison Barrs das Buch als Wissenschaftlerin oder als Aktivistin geschrieben hat, empfehle ich zweitens eine ausführliche Rezension von Kevin DeYoung (Themelios, Vol. 46 (2), 8/2021, S. 402–412). Sein Fazit:

Barrs historisches Argument „funktioniert“, weil es ausgeschlossen ist, dass es nicht funktioniert. Welche Beweise man auch immer vorbringen mag – aus der Bibel, von Theologen aus allen Epochen oder aus der menschlichen Natur selbst –, die für die männliche Leiterschaft in der Kirche und im Haushalt sprechen, oder für die hohe Berufung der Mutterschaft oder für den allgemeinen Grundsatz, dass Männer führen, beschützen und versorgen sollten, all das kann als Patriarchat abgetan werden. Im Gegensatz dazu kann jedes Zeugnis, das zeigt, dass Frauen andere lehren oder Führungsaufgaben wahrnehmen – ganz gleich, um welche Art von Führung oder Lehre es sich handelt, ganz gleich, in welchem historischen Kontext oder wie zuverlässig die historischen Quellen sind, und ganz gleich, wie sehr die Frauen selbst darauf bedacht waren, die Grenzen der Autorität nicht zu überschreiten – all das zählt als Widerstand gegen das Patriarchat. Angesichts dieser Hermeneutik und angesichts der gesamten menschlichen Geschichte, mit der man arbeiten kann, können Barrs These und ähnliche Thesen nicht scheitern. Sie ist nicht falsifizierbar. Jedes bisschen Patriarchat bedeutet, dass sie recht hat, und jedes bisschen Nicht-Patriarchat bedeutet, dass sie auch recht hat.

Neil Postman über den Cyberspace

Rückblickend kann man über diese Vorhersage und Manung von Neil Postman nur staunen:

Universität Bonn distanziert sich von Leitfaden des Gleichstellungsbüros

Das Gleichstellungsbüro der Universität Bonn hat einen Leitfaden Informationen und Anregungen zum Umgang mit Inhaltshinweisen in der Lehre herausgegeben, in dem Dozierenden empfohlen wird, Studierende vor möglicherweise unangenehmen Lehrinhalten zu warnen. Studierende sollen vor verstörenden Inhalten geschützt werden oder, wo das nicht möglich ist, entsprechend vorbereitet werden. Das heißt dann Folgendermaßen:

Inhaltshinweise können auch für Dozent*innen hilfreich sein, um im Voraus zu überlegen, wie sie ihre Inhalte für die Studierenden aufbereiten und ob angemessene Anpassungen für Studierende mit einem eventuell erschwerten Zugang zu den Inhalten möglich sind. Inhaltshinweise geben Anstöße dazu, die Auswahl der eigenen Lehrinhalte zu reflektieren und auf kritische Diskussionen in den Lehrveranstaltungen gut vorbereitet eingehen zu können. Weiterhin schützen sie auch Dozent*innen, denn ohne fachliche psychologisch-therapeutische Kenntnisse kann eine Situation, in der ein*e Seminarteilnehmer*in einen Flashback erlebt, eine Überforderung darstellen. Im Anhang auf Seite 7 finden Sie eine Liste mit Themenbereichen, die häufig mit Inhaltshinweisen versehen werden. Bitte beachten Sie, dass diese Liste selbst Begriffe verwendet, die als beunruhigend empfunden werden können.

In der Liste stehen dann Begriffe wie Missbrauch, Essstörungen, Körperhass und Fettphobie, Tod oder Sterben, Fehlgeburten/Abtreibung, Rassismus und rassistische Beleidigungen, Klassenkampf oder auch Transphobie und Transfeindlichkeit. Anliegen der Verfasser ist es, die Universität zu einem sicheren Ort zu machen. Thomas Thiel hat dieses Vorhaben für die FAZ im September kritisch reflektiert: 

Nun ist die Universität schon per se das Gegenteil eines sicheren Orts. Sie konfrontiert mit Dimensionen, die ein selbstzentriertes Weltbild durchschütteln. Ganz im Gegensatz dazu um­schmeichelt der Leitfaden das studentische Ego. Dozenten werden zu Psycho-Coaches umfunktioniert, die Seminarteilnehmer vor seelisch belastenden In­halten warnen und ihnen die Möglichkeit geben sollen, in solchen Fällen den Raum zu verlassen. Der Or­well’sche Neusprech reicht bis in den Ti­tel des Leitfadens hinein: Man will nicht wie an amerikanischen Hochschulen von Trigger-Warnungen, sondern neu­tral von Inhaltshinweisen sprechen, als hätte der Hinweis eine an­­dere als eine warnende Funktion. Ideologie beginnt bekanntlich dort, wo man Dinge nicht mehr beim Namen nennen darf.

Thiel fragt weiter: 

Der Leitfaden entwirft Studenten als Affektbündel, die nicht über die Fähigkeit verfügen, Dinge intellektuell zu dis­­tanzieren. Schon persönliches Beleidigtsein reicht als Grund, sich in der Tat verstörenden Themen wie Klassenkampf, Kriminalität oder sexuelle Ge­walt zu entziehen. Was drückt sich da­rin anderes aus als die Aufkündigung der Solidarität mit jenen, die davon be­troffen sind? Und welchen Wert hat ein Bildungsabschluss, der auf selektiver Wahrnehmung beruht?

Die Universität hat sich Ende September offiziell von diesem Leitfaden distanziert. Das Portal Forschung & Lehre informiert

Die Hochschulleitung erklärte sich über den „Umgang mit Inhaltshinweisen“ generell diskussionsbereit. Lehrende dürften jedoch nicht in der Auswahl ihrer Lehrinhalte eingeschränkt werden. Auch dürften bestimmte Themen nicht von vorneherein aus dem wissenschaftlichen Diskurs ausgeschlossen werden.

Ich kann nur hoffen, dass sich auch andere Universitäten von der Woke-Kultur distanzieren. 

VD: DV

Aufstieg und Triumph des modernen Selbst

41+mYYRIPWL SX331 BO1 204 203 200Claudio Canonica hat für Daniel Option das faszinierende Buch Aufstieg und Triumph des modernen Selbst ausführlich rezensiert. Hier ein Auszug zum Einfluss von Jean-Jacques Rousseau auf die Romantik und indirekt auch auf die sexuelle Revolution:

Ein spannendes Kapitel von Truemans Buch untersucht den Einfluss von Rousseaus Denken auf die Poeten Wordsworth, Blake, und Shelley, welche ihrerseits eine ganze Generation der Romantik geprägt haben. Rousseau hat den Naturzustand des Menschen idealisiert, und Wordsworth malte darauf den Lesern seiner Werke eine Rückkehr zum natürlichen, ländlichen Leben vor Augen. Seine Gedichte sind geprägt von einer Antithese, einem Kampf zwischen Natur und Kultur, wobei die Natur das Ideal ist, das durch den schädlichen Einfluss der Kultur zerstört wird.

Das Thema von Shelleys Denken ist die innere, rohe Kraft der Natur, die den Poeten bewegt und zu künstlerischem Ausdruck befähigt. Der Dichter wird zu einer Art Propheten, der mit der Stimme des urtümlichen, absoluten und natürlichen Lebens spricht. Damit rücken Kunst und Ästhetik für Shelley in die Nähe von Ethik und Politik. Die wirklich wichtigen Tugenden können im Menschen nur durch Formen der Kunst erzeugt werden, und die Poesie ist es, die den Menschen wirklich zum Menschen macht und ihn zum moralischen Urteil befähigt. Gleichzeitig ist Shelley ein scharfer Kritiker des Christentums. Gott ist für ihn ein Prototyp menschlicher Tyrann[ei], und Religion ein Machtsystem zur Unterdrückung von Minderheiten.

Wichtiger für Truemans Buch ist allerdings, dass bei Shelley eine klare Verbindung zwischen Religion, politischer Unterdrückung, und Restriktionen sexueller Aktivität auftaucht. Im Zentrum dieses Zusammenhanges steht die monogame Ehe. Für Shelley, wie auch für andere Denker seiner Zeit, stellt sie nur ein soziales Konstrukt dar, ein christliches Relikt, das geschaffen wurde, um den natürlichen Instinkt der Liebe zu kanalisieren und letztlich zu unterdrücken. Der einzige Weg, um sexuelle Verbindungen im Einklang mit der Natur wiederherzustellen, ist daher die Abschaffung der Ehe. Christliche Vorstellungen von Moral und lebenslanger Ehe sind für Shelley Instrumente der Unterdrückung, die Menschen fortgesetzt daran hindern, authentisch zu leben, sie sind daher grundsätzlich böse, gegen die Natur des Menschen. Vielleicht ist hier die erste Vorahnung einer Revolution zu finden, die in ihrem tiefsten Kern sexuell und antireligiös ist.

An dieser Stelle der Hinweis, dass Evangelium21 in Zusammenarbeit mit dem Verlag Verbum Medien die Rechte für die Übersetzung des Buches erworben hat. Wir arbeiten mit Hochdruck an einer deutschen Ausgabe und hoffen, diese im Jahr 2022 in den Buchhandel zu bringen. Als Team sind wir zuversichtlich, dass die pünktliche Herausgabe gelingt.

Falls jemand den Wunsch verspürt, die deutsche Ausgabe von The Rise and Triumph of the Modern Self: Cultural Amnesia, Expressive Individualism, and the Road to Sexual Revolution finanziell zu unterstützen, kann er sich gern mit mir über das Kontaktformular in Verbindung setzen. Wir können jede Form der Unterstützung gut gebrauchen. Das Projekt ist sehr ambitioniert. Vielen Dank!

Hier noch der Link auf die vollständige Rezension von Claudio Canonica: danieloption.ch.

Zwischen emotionalen Mimosen und gefühlskalten Rechtgläubigen

Die Kirchengemeinde, in der John Piper 33 Jahre als Pastor gedient hat, feiert in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen. Das Jahr verläuft für die Bethlehem Baptist Church in Minneapolis (USA) freilich anders als erwartet. Pastoren und Mitarbeiter haben gekündigt, langjährige Mitglieder kehren der Gemeinde mit ihren drei Niederlassungen den Rücken. Gründe dafür sind keine hochtheologischen Debatten, sondern Diskussionen über „uneingeschränkte Empathie“, Rassismus oder Missbrauch.

Das Magazin CT berichtet in einem ausführlichen Artikel von Kate Shellnutt über die Entwicklungen. Hanniel hat seine Beobachtungen in zehn Punkten zusammengefasst und fragt, wie wir hier im deutschsprachigen Europa mit diesem „Sprengstoff“ in den Gemeinden umgehen werden:

Meine Frage: Wie gehen wir künftig mit den beiden Kulturen um, die letztlich so viel gemeinsam haben? Lassen wir über aktuellen Fragen eine Gesprächskultur gedeihen und diese beiden Gruppen einander entfremden?

Mehr hier: hanniel.ch.

Übergriffige Gender Studies

Inzwischen mehren sich Wortmeldungen, die vor einer Übergriffigkeit der Gender Studies warnen. Die Genderforschung in der Tradition von Judith Butler setzt voraus, dass das Geschlecht nur ein soziales Konstrukt ist und von einem Individuum durch einen reinen Sprechakt entworfen werden kann (z.B. „Ich fühle mich als Mann.“). Das Geschlecht steht demnach nicht in einer Beziehung zum Körper, sondern kann sich in gnostischer Weise von leiblichen Vorgaben emanzipieren.

In der englischsprachigen Welt organisieren sich inzwischen Naturwissenschaftler, die eine Vereinnahmung der Naturwissenschaft durch Gender-Ideologen wahrnehmen (siehe dazu das „Project Nettie“). Aber auch in Deutschland formiert sich Protest gegen diesen unwissenschaftlichen Essentialismus eines gefühlten Geschlechts. Hans Peter Klein, emeritierter Professor für Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt, warnt etwa davor, dass die Gender-Forschung in etliche Fachbereiche hineinregiert. Die FAZ schreibt in der heutigen Ausgabe (18.08.2021, Nr. 190, S. N 4): 

Das bedeutet nichts anderes, als dass jetzt die Biologie, erforscht durch alte weiße Männer, komplett neu erforscht werden muss aus der Perspektive einer politischen Ideologie heraus“, sagt Hans Peter Klein, emeritierter Professor für Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt. Besonders verwundert ihn die Übergriffigkeit und eine gewisse kulturalistische Arroganz: „Es ist ein Kennzeichen aller Fachbereiche, sich nicht in die Inhalte anderer Fachbereiche einzumischen. Die Gender Studies aber schwingen sich zu einer Metadisziplin auf, die genau das betreiben.

Gerade im Raum der medizinischen Genderforschung wird deutlich, dass es elementare Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Vera Regitz-Zagrosek, Kardiologin und Gründungsdirektorin des „Berlin Institute for Gender in Medicine“ an der Charité Berlin, erklärt das am Beispiel des Immunsystems:

So ist zum Beispiel das Immunsystem der Frauen schlicht ein anderes: Es ist effektiver in der Abwehr akuter Infektionen wie zum Beispiel mit Coronaviren. Männer sterben deutlich häufiger an Covid-19 … Die Immunantwort weiblicher Entzündungszellen ist selbst in der Petrischale deutlich unterscheidbar von der männlicher Entzündungszellen. (Ebd.)

Die FAZ fasst die Sichtweise von Hans Peter Klein so zusammen:

Selbstverständlich spielen Rollenklischees, Zuschreibungen, Kultur und Tradition eine Rolle bei Gesundheit und Krankheit – auch diese Aspekte bezieht die Gendermedizin mit ein. Daher auch der Name der Disziplin, schließlich benennt „Gender“ das soziale Geschlecht, „Sex“ das biologische. Doch empirisch belegt ist eben auch die Tatsache, dass biologisches Geschlecht sehr wohl außerhalb von gesellschaftlichen Zuschreibungen existiert – es ist Fakt, dass für Menschen kein anderer Fortpflanzungsweg existiert als über die Zweigeschlechtlichkeit. Es ist gerade Kennzeichen der naturwissenschaftlichen Forschungsmethodik, dass sie ihre Thesen mit Daten beweisen muss. Sichere Medikamente und Impfstoffe müssen verschiedene Phasen der Erkenntnisgewinnung erfolgreich durchlaufen, bevor sie auf den Markt kommen, ansonsten werden sie verworfen. „Dies steht im Gegensatz zu einer Ideologie, die wie die Gender Studies ihre Theorie gerade nicht empirisch untermauern, sondern als eine Wahrheit vorgeben, die keines Beweises bedarf – sehr zum Leidwesen vieler empirisch arbeitender Sozialwissenschaftler, in deren Fachbereich sie meistens verortet sind”, so Hans Peter Klein. (Ebd.)

Christian Rommert: „Gender(-irr?) sinn“

Im Grunde darf man dem Baptistenpastor Christian Rommert dankbar sein, dass er gestern im „Wort zum Sonntag“ bei der ARD erklärt hat, was er unter Evangelium versteht. Kurzfassung: Evangelium = Inklusion. Genau deshalb sei die gendergerechte Sprache ein zutiefst christliches Anliegen. Denn es gehe Jesus darum, niemanden auszugrenzen. Gottes Liebe sei inklusiv. Das sei ein Grund für das hörbare Gendersternchen.

Ich vermute, dass diese Botschaft auf vielen Kanzeln zu hören ist: „Gott hat Dich lieb, so wie Du bist. Er grenzt niemanden aus.“ Das ist jedoch nicht das biblische Evangelium, demgemäß ein Mensch durch den Glauben an Jesus Christus, der stellvertretend für sein Volk starb und auferstand, mit Gott versöhnt wird. Jesus selbst sagt in Johannes 3,36: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.“ Jesus exkludiert: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“ (Joh 5,24).

Ich vermute, dieses Evangelium dürfte man im „Wort zum Sonntag“ so gar nicht mehr verkündigen, da es Menschen klein mache und ausgrenze. Wer dazugehören möchte und das sagt, was die Leute (z.B. beim Rundfunk) hören wollen, ist hingegen herzlich willkommen.

Hier gibt es übrigens die Möglichkeit, den einladenden Werbespot für eine gendergerechte Sprache (auch auf der Kanzel) nachzuhören: www.daserste.de.

Westliche Wissenschaft unter Generalverdacht

Andreas Bikfalvi ist Professor für Biomedizin an der Universität Bordeaux und dem Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale in Frankreich. In einem Gastbeitrag für die FAZ beschreibt er, wie die Kritische Rassentheorie inzwischen die freien Naturwissenschaften bedroht (28.07.2021, Nr. 172, S. N4). Demnach finden identitäre Ideologien  immer mehr „Einzug in unsere Gesellschaft und haben bedenkliche Auswirkungen auf alle Aktivitäten des menschlichen Geistes, besonders auf die Wissenschaft und ihre verschiedenen Anwendungsbereiche wie die Medizin und Technik“. Es gibt inzwischen Aktivisten, die die neuzeitlichen Wissenschaften als Errungenschaft der Weißen zerstören wollen.

Bikfalvi schreibt zu Richard Delgado, einem der Väter der Kritischen Rassentheorie: 

Richard Delgado, einer der Begründer der Theorie, und seine Ehefrau und Mitautorin Jean Stefancic nennen als charakteristische Elemente der kritischen Rassentheorie den Antirationalismus, die Anti-Aufklärung, die Ablehnung von Egalität im klassischen Sinne, von Liberalismus und der Neutralität des Rechts, dazukommen Referenzen auf nach eigenen Vorstellungen zu Recht interpretierte Denker wie Gramsci und Derrida sowie die Intersektionalitätstheorie mit ihren schematischen Opferhierarchien. Rassismus wird als gesellschaftlicher Normalzustand behauptet.

Als Grundlage von Wissen gilt nicht die rationale Analyse, sondern die subjektive Erfahrung und der soziale, ethnische und sexuelle Hintergrund eines Sprechers, sein Sprechort. Dazu kommt eine Obsession, jedes wissenschaftliche Faktum als soziales Konstrukt zu bezeichnen, was dazu berechtigen soll, über methodisch erworbenes Wissen nach Belieben hinwegzugehen. Tatsächlich ist eine auf möglichst objektive und gesetzmäßige Erkenntnis von Naturerscheinungen ausgerichtete Naturwissenschaft auf dieser Grundlage nicht zu betreiben.

Man möchte den Autoren nicht den Besuch eines Krankenhauses empfehlen, in dem nach ihren Prämissen gearbeitet wird. Der innere Widerspruch dieser Theorie ist, dass sie zwar einerseits jedes essentialistische Konzept verwirft, am Ende aber selbst auf eine umso stärkere Betonung von Rasse und anderen Identitätsmerkmalen hinausläuft: Rasse ist die Trennlinie zwischen verschiedenen Gruppen.

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