Philosophie

Medienförmige Selbst- und Fremdinszenierung

Es ist deutscher TV-Alltag: Überforderte Eltern, verschuldete Kleinunternehmer, gescheiterte Restaurant-Betreiber – sie lassen sich auf offener Bühne coachen und therapieren. Ihre Geschichten werden von den Machern »dramaturgisch verdichtet«. Zur realen Wirklichkeit kommt eine erfundene Wirklichkeit hinzu. Die Grenzen verschwimmen. Kritiker stellen fest: Vor allem im kommerziellen Fernsehen zeigt sich ein Trend zur Verschmelzung von Schein und Sein zu einem speziellen Medien-Dasein. SWR2 Kontext analysiert diese Entwicklung und fragt: Was bedeutet die mediale Inszenierung für den Einzelnen und für die Gesellschaft? Gesprächspartner ist der Tübinger Medienwissenschaftler Professor Bernhard Pörksen, Mitherausgeber des aktuellen Buchs Die Casting-Gesellschaft.

Hier der hoch interessante Beitrag über die Sucht nach Aufmerksamkeit:
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Das Buch gibt es hier:

Das Sein ist das Nichts

201009211617.jpg150 Jahre nach seinem Tod macht man aus Schopenhauer einen Steinbruch, der für alles und jedes etwas hergibt. Hat er uns denn gar nichts Zusammenhängendes mehr zu sagen? Edo Reents hat für uns die Schopenhauer-Literatur studiert.

Wieso ist es so schwer (geworden), mit Schopenhauer ins Gespräch zu kommen? Wie ein schwarzes Loch saugt seine Negativität alles an und verschluckt am Ende sogar die Sprache. Im berühmten Schlussakkord der »Welt als Wille und Vorstellung« sieht er ungerührten, eisigen Blickes ins Nichts: »Wir bekennen es vielmehr frei: Was nach gänzlicher Aufhebung des Willens übrig bleibt, ist für alle die, welche noch des Willens voll sind, allerdings Nichts. Aber auch umgekehrt ist denen, in welchem der Wille sich gewendet und verneint hat, diese unsere so sehr reale Welt mit allen ihren Sonnen und Milchstraßen – Nichts.«

Hier der Artikel: www.faz.net.

Glauben fängt mit dem Zweifel an

Der postmoderne Skeptizismus hält es für eine Wahrheit, dass nichts wahr ist. Erst wenn auch diese Wahrheit radikal in Zweifel gezogen wird, kommt man zum Grund der Erkenntnis.

In der Nacht vom 10. zum 11. November 1619 hatte der damals 23 Jahre alte René Descartes drei Träume mit grossen Folgen für Europa. Alles, was Descartes bis dahin bestimmt hatte, will er in dieser Nacht hinter sich gelassen haben. In seinen Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, die ungefähr 20 Jahre später erschienen (1641), beschreibt er es folgendermas sen: «… ich will so lange weiter vordringen, bis ich irgendetwas Gewisses, oder, wenn nichts anderes, so doch wenigstens das für gewiss erkenne, dass es nichts Gewisses gibt» (Meditationen, S. 21).

Descartes hat das Bedürfnis nach Gewissheit. Mittels des radikalen und methodischen Zweifels sucht er nach dem, was nicht mehr bezweifelt werden kann. Er scheint selbst überrascht darüber, dass man so gut wie alles anzweifeln kann. Er sieht sich gezwungen, einzugestehen, «dass an allem», was er früher für wahr hielt, «zu zweifeln möglich ist» (Meditationen, S. 41). Das Letzte, was er nicht mehr bezweifeln kann, entdeckt Descartes im Selbstbewusstsein: «Und so komme ich, nachdem ich nun alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schliesslich zu der Feststellung, dass dieser Satz: ‹Ich bin, ich existiere›, sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist» (Meditationen, S. 22). Descartes hatte sein Fundament gefunden. Sein «cogito ergo sum» («Ich denke, also bin ich») ist für ihn eine unerschütterliche Grundlage für das Erschliessen der Welt.

Hier geht es weiter: www.factum-magazin.ch.

Postmoderne Zensurvorstöße

Andreas Müller ist ein »Hardcore-Naturalist« (so Michael Schmidt-Salomon) und ein sehr scharfer, aber in der Regel fairer, Schreiberling. In einem aktuellen Blog-Beitrag stellt er die Ausgabe von Free Inquiry zum Thema »Zensur an amerikanischen Universitäten« vor. Die Ergebnisse könnten einige Leute überraschen:

Das Titelthema der aktuellen Ausgabe von Free Inquiry (30/5) dreht sich um Zensur in amerikanischen Universitäten. Das Ergebnis: Die Zensurvorstöße stammen fast ausschließlich aus den Reihen der postmodernistischen Linken, nur selten von der christlichen Rechten, und atheistische Organisationen haben schon mehrmals die Meinungsfreiheit von Christen gegen die Linke verteidigen müssen.

In amerikanischen Universitäten gibt es sogenannte »Speech Codes«, die festlegen, mit welchen Begriffen man über Minderheiten reden darf und mit welchen nicht. Außerdem gibt es »Harassment Codes«, mit denen die Belästigung von angeblich benachteiligten Gruppen unterbunden werden soll. Ein Verstoß gegen solche Verordnungen kann echte Strafen bis hin zu einem Verweis von der Universität nach sich ziehen.

Und:

Angriffe gegen Blasphemie und Aktionen von atheistischen Studentengruppen kommen in der Regel von außerhalb der Universitäten, etwa von besorgten Eltern und von konservativen Politikern. Zum Beispiel sollte einer Universität untersagt werden, dass in ihren Räumen ein Pornofilm gezeigt werden darf, was aber keinen Erfolg hatte.

Anders sieht es aus mit christlich-konservativen Studenten, die immer wieder der Zensur ausgesetzt sind und die immer wieder von atheistischen Studentenverbindungen unterstützt werden müssen. Am häufigsten trifft es evangelikale Christen. Verantwortlich für die Zensur sind, wie erwähnt, nicht die säkular-humanistischen oder atheistischen Studentenverbindungen, sondern die postmodernistisch-linken Führungsschichten der Universitäten, sowie ähnlich gesinnte Studenten.

Ist es nicht interessant, dass diejenigen, die von sich behaupten, für alles offen zu sein, schlussendlich besonders restriktiv vorgehen? Müller: »Die Dekanin, Martha Minow, stellte fest: ›Wir ermutigen Meinungsfreiheit, aber Meinungsfreiheit sollte von Verantwortung begleitet werden.‹ Und wer nicht die selbe Meinung hat wie die postmodernistische Führungsschicht der Universität, der handelt eben verantwortungslos.«

Hier der vollständige Beitrag: feuerbringer.com.

VD: PB

Wenn die Neuronen überlegen

Nicht wenige Wissenschaftler neigen dazu, unser Gehirn zum eigentlichen Akteur und Strippenzieher unseres Selbst zu machen. Bringt uns diese Überhöhung des neurowissenschaftlichen Ansatzes weiter? Helmut Mayer stellt für die FAZ neue Publikationen zum Thema vor:

Das Gehirn hat, immer noch, Konjunktur. Man erkennt das unter anderem daran, dass mittlerweile noch die bescheidensten Einsichten in menschliche Verhaltensweisen selten ohne den Hinweis angebracht werden, dass die Hirnforschung irgendwie auch dafür spreche. Oder zumindest Aussicht bestehe, dass sie dafür sprechen werde, wenn sie nur noch ein bisschen genauer über die neuronalen Mechanismen Bescheid wissen wird. Vorsichtige Formulierungen sind dabei eher die Ausnahme, es überwiegen die Versicherungen, man habe mehr oder minder aussagekräftige hirnforscherliche Befunde doch eigentlich schon auf seiner Seite.

Und das gilt erst recht dann, wenn es um gar nicht mehr so bescheidene Thesen über menschliches Verhalten geht. Wenn etwa neurowissenschaftliche Befunde aufgeboten werden, um kulturkritischen Diagnosen ein wissenschaftliches Gepräge zu geben. Dann ist zum Beispiel das Für und Wider der digital abrufbaren Informationsflut im Handumdrehen in Aussagen über Arbeitsweise und Verarbeitungskapazitäten unseres Gehirns konvertiert. Oder die ewige Frage nach dem Unterschied der Geschlechter erhält ihre bündige Antwort durch schnittige Aussagen über das männliche und das weibliche Gehirn.

Mit konsolidierten neurowissenschaftlichen Befunden mag das zwar allenfalls nur am Rande zu tun haben, aber die Versuchung scheint einfach zu groß, alles über das Gehirn als unhintergehbare naturale Basis unserer Selbst- und Weltbewältigung laufen zu lassen. Wozu dann auch gehört, dass unser Gehirn sich selbständig macht. Bei nicht wenigen Neurowissenschaftlern rückt es nämlich zum eigentlichen Akteur auf. Was wir uns bis dahin gutgläubig selbst zuschrieben, nun soll es Sache des Gehirns sein, das hinter unserem Rücken ja auch dafür sorge, dass wir überhaupt die lebenspraktische Illusion eines Selbst hegen.

Hier mehr: www.faz.net.

Marke Gaga

In nur einem Jahr hat sich die Newcomerin Stefani Germanotta zur Popikone »Lady Gaga« stilisiert und rund 62 Millionen Dollar verdient. Und das, indem sie nur ein einziges Produkt vermarktete: sich selbst. Alexander Armbruster schreibt:

Im Frühjahr 2010 erhielt sie zweimal den mit dem Oscar der Filmindustrie vergleichbaren Musikpreis Grammy. Während der Verleihung trat sie in schillernd-grünem Engelskostüm auf, zusammen mit Popgröße Elton John. Gemeinsame Auftritte etwa mit Bruce Springsteen und Sting folgten. Nach Angaben von »Forbes« verdiente Lady Gaga alleine in der Zeit zwischen Juni 2009 und Juni 2010 rund 62 Millionen Dollar. Insgesamt verkaufte sie geschätzte 40 Millionen Singles und zwischen 12 und 15 Millionen Alben. Das »Time Magazin« kürte die Sängerin ebenfalls in diesem Jahr zur einflussreichsten Künstlerin der Welt und garnierte die Auszeichnung mit einer Widmung der gleichsam preisgekrönten Sängerin Cyndi Lauper.

Lady Gagas nunmehr seit anderthalb Jahren ununterbrochener Erfolg fußt auf mehr als der ständigen Neuerfindung ihrer Marke. Viel Arbeit steckt dahinter und Disziplin. »Bei mir bleibt nichts dem Zufall überlassen«, sagte sie einmal. »Alles, was man von Gaga sieht, soll auch gesehen werden.« Wenn sie auf der Bühne steht, ist das mitunter nichts. »In ihrem Universum gibt es nichts, was nicht neu geschrieben oder neu erschaffen werden kann«, schrieb die Zeitung »International Herald Tribune« über sie.

Die Analyse von Armbruster greift m.E. etwas zu kurz, wenn der Erfolg vor allem unternehmerischem Mut, Fleiß und Disziplin zugeschrieben wird. Entfremdung scheint das Stichwort für Lady Gagas Selbstinszenierung und ihre Beliebtheit zu sein (siehe auch hier).

Trotzdem, der Text ist lesenswert: www.faz.net.

Seelige Harmonie bei den Moralpsychologen

Die Moralpsychologie untersucht rein deskriptiv die tatsächlichen moralischen Wertvorstellungen von Menschen, meidet aber selbst ethische Aussagen. Jordan Mejas berichtet heute für die FAZ über eine Tagung von Moralpsychologen im östlichen New England (U.S.A.). In seinem amüsant geschriebenen Artikel »Feierliches Hochamt im Tempel der Vernunft« schildert Mejas, wie Psychologen, Biologen, Neurologen, »und allenfalls solche Philosophen, die sich auf Experimente und Einsichten der Hirnforschung stützen«, kontrovers über Moralbegründungen debattierten. Fast nichts ist in der »Babywissenschaft« unumstritten: Gibt es einen freien Willen?, Sind Moralvorstellungen in uns eingebaut oder durch Erfahrung erworben?, Sind Moralvorstellungen universell oder privat-intuitiv?.

Bei aller Vielfalt der Positionen herrschte in zwei Fragen offenbar Harmonie. Einig waren sich die Moralpsychologen nämlich darin, dass (a) Moral ein Naturphänomen ist (wir also in einer moralischen Welt leben) und (b) wir unsere Moralität keinem Gott zu verdanken haben.

Die säkulare Wissenschaft beherrschte die Konferenz. Als es an ihrem Ende jedoch zu einem ersten Konsens kommen sollte, gingen die Schlussfolgerungen gehörig auseinander. Schon auf die Frage, ob Religion als Teil der Evolution anzusehen sei, blieb die klare Antwort aus. Einig waren sich die Teilnehmer immerhin darin, dass auf Gott zu verzichten sei. Ihm, so das einhellige Resultat ihrer gewiss noch nicht abgeschlossenen oder womöglich nicht abschließbaren Untersuchungen, hat der Mensch die Moral nicht zu verdanken. Dass sie ihm angeboren ist, wollte derart kategorisch allerdings auch nicht jeder behaupten. Nur über den Befund, dass Moral ein Naturphänomen ist, herrschte Einigkeit, wenn auch bloß bis zu einem gewissen Grade. Denn ausschließlich zu verstehen sei das sicherlich nicht. Neben der Natur macht sich in der Moral eben auch die Kultur bemerkbar, und wo die Wirkung der einen aufhört und die der anderen beginnt, ist alles andere als ausgemacht.

Hier der Tagungsbericht: www.faz.net.

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