Was kommt nach der Postmoderne?

Mitten in der Kapitalismuskrise wird von der linken Avantgarde der Kommunismus neu entdeckt. Ihr Star ist der slowenische Philosoph Slavoj Žižek, der Marxismus mit Pop und Psychoanalyse vermischt (siehe auch hier).

Philipp Oehmke hat über Žižek, der derzeit so viele Bücher veröffentlicht, dass er selbst nicht dazu kommt, sie alle zu lesen, ein derart erheiternden Beitrag geschrieben, dass ich sogar bei 35 Grad Celsius mehrmals einem Lachkrampf erlegen bin. Wenn schon das Lesen eines Essay über Slavoj Žižek ein Erlebnis ist, kann man sich leicht vorstellen, was für ein Erlebnis es sein muss, ihn leibhaftig zu treffen.

Hier zwei Kostproben:

Am frühen Nachmittag endlich sitzt Žižek in der ersten Reihe im großen Saal der Volksbühne, er muss jetzt eine Stunde lang schweigen. Er kann vieles, aber das ist eine fast unlösbare Aufgabe. Neben sich hat er eine Plastiktüte von Saturn, in der er alles transportiert, was er braucht in diesen drei Tagen. Der Saal ist voll, die rund tausend Zuhörer sitzen sogar auf den Treppenstufen. Es sind junge Menschen, die meisten unter dreißig, ein Panoptikum linker Subkulturen, manche haben sich als Brecht verkleidet, andere als Sartre, viele sehen aus, als wären sie auf Rucksacktrip durch Südostasien und würden gleich anfangen, mit brennenden Keulen zu jonglieren. Alle haben Simultanübersetzungskopfhörer auf den Ohren, denn die Vorträge sind auf Französisch (Badiou), Italienisch (Negri) oder Englisch mit starkem Akzent (Žižek und der Rest). Nur Žižek hat keinen Kopfhörer auf den Ohren, er braucht keinen, er ist fließend in sechs Sprachen, darunter auch Deutsch.

Dabei sind die meisten Wortbeiträge schon in ihrer Originalsprache kaum zu verstehen. Simultan übersetzt werden sie zu sinnfreier Lyrik. Aber es soll hier nicht um einfache, um konkrete Antworten gehen, die gibt es bei der Linkspartei oder den Gewerkschaften. Genauso wenig soll es um einen Blick zurück in die Geschichte gehen, zurück in das düstere 20. Jahrhundert, zu seinen Katastrophen, die im Namen des Kommunismus geschehen sind, zu seinen Opfern, zu den mehr als 30 Millionen Ermordeten, zu Stalin, zu Pol Pot, den Arbeitslagern, der Überwachung. Nein, es soll hier um Theorie gehen, um eine neue „kommunistische Hypothese“, wie Badiou es nennt, um Universalismus, das Subjekt in der Geschichte, Wahrheitsereignisse, um Hegel und um Psychoanalyse nach Jacques Lacan.

Žižek hat eine Kunstfigur erschaffen, seine Auftritte sind Performances, irgendetwas zwischen Kunst und Comedy. Er sagt, er möchte weg von diesen Stand-up-Comedy-Auftritten, in Berlin will er einen ernsthaften Vortrag halten, vor allem über Georg Wilhelm Friedrich Hegel, von ihm handle auch sein neues Buch, 700 Seiten habe er schon geschrieben. Für 700 Seiten über den vielleicht schwierigsten Denker der Philosophiegeschichte braucht ein normaler Mensch zehn Jahre. Žižek hat es in den vergangenen Monaten im Flugzeug geschrieben.

Nach exakt drei Stunden Žižek-Time passiert Tröstliches. Plötzlich scheint sein Akku leer, die Maschine stoppt. Žižek hat Diabetes, der Blutzucker ist viel zu hoch, nein, viel zu niedrig, die Krankheit scheint im Moment besonders schlimm zu sein. Doch Slavoj Žižek wäre nicht Slavoj Žižek, wenn er das so banal sagen würde. Er sagt lieber: »Wissen Sie, meine Diabetes ist inzwischen ein sich selbst erhaltendes System: völlig unabhängig von äußeren Einflüssen! Sie macht, was sie will. Und jetzt muss ich schlafen.«

Den vollständigen Text gibt es hier: www.spiegel.de.

Kommentare

  1. Bettina Klix meint:

    Merci, das war großartig.
    Zizek hat mich damals überrascht mit „Das fragile Absolute. Warum es sich lohnt, das christliche Erbe zu verteidigen.“(2000) Er sieht die Einmaligkeit des Christentums wie wenige Nicht-Gläubige und auch die heiklen Punkte im Verhältnis zum Judentum.

  2. Der Perlentaucher hatte vor einigen Wochen einen etwas verstörenden Beitrag über Zizek. (Einschränkend muss man aber sagen, dass dessen Enthüllungspotential beschränkt ist, wenn es sich auf ähnlichem Niveau bewegt, wie die Story über Wulffs evangelikale Vernetzungen). Hier trotzdem der Link:
    http://www.perlentaucher.de/blog/147_haemmer_im_schwall:_slavoj_zizeks_endloesung_der_geschichte.

    Das der „Kommunismus“ die Zukunft ist, ist zu erwarten, zumindest, wenn man den Begriff mal seiner (Wirkungs-)Geschichte und seiner eigentlichen Bedeutung beraubt. Eine Kultur bzw. Gesellschaft, die nicht mehr auf „Gemeinschaft“ setzt, befindet sich ganz sicher und praktisch in den letzten Zügen. Der Kommunismus als (auch wiederentdeckte und neuinterpretierte) Ideologie wird sicher genauso wenig zukunftsfähig sein. Das Verständnis des Christentums (auch als Gesellschaftsidee) mit seinem Verständnis und seiner Kompetenz in bezug auf „Gemeinschaft“, ganz sicher!

  3. @Markus: Danke für den Hinweis. Ja, er provoziert gern und die Mehrfachcodierung hat er aus seiner eher postmodernen Phase übernommen.
    Insgesamt wirkt der Kommunismus als Ideologie (also nicht als „urgemeindliche“ Lebensform) m.E. auf junge und kluge Leute anziehend. Ich habe das schon vor einigen Jahren behauptet und fühle mich seit dem bestätigt. In den akademischen Kreisen, in denen früher Sartre o. Michael Foucault Kultstatus genossen, hört man heute gern Alain Badiou. Badiou unterrichtet am École normale supérieure (Foucault) und am Collège international de philosophie (Derrida).

    Liebe Grüße, Ron

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  1. […] habe ich darüber berichtet, dass der Kommunismus unter jungen Intellektuellen wieder eine große Anziehungskraft entfaltet. […]

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