In den nächsten Wochen werde ich einige Beiträge zur Kulturanalyse von Philip Rieff (1922–2006) veröffentlichen. Rieff kann uns nämlich hervorragend dabei helfen, unsere Kultur und ihre Pathologien besser zu verstehen.
Heute schon mal ein Videobeitrag über „Die Gefahren der therapeutischen Kultur“ (es ist möglich, sich deutschprachige Untertitel anzeigen zu lassen):
Meiner Meinung nach gibt es sehr starke Parallelen zwischen Philip Rieff und Franz Werfel in ihrer Gesellschaftsanalyse. Obwohl beide aus unterschiedlichen geistigen und literarischen Zusammenhängen stammen, diagnostizieren sie dieselbe geistige Krise der Moderne: den Verlust des Heiligen und die Ersetzung der Transzendenz durch Funktion, Konsum und Selbstoptimierung. Werfel formuliert diese Kritik in seinem Werk Der veruntreute Himmel besonders eindringlich. Im Epilog beschreibt er, dass die moderne Welt nicht einfach atheistisch wird, sondern Gott durch neue Absolutheiten ersetzt. Seine Formulierung von der modernen „Dreieinigkeit“ aus „Zeit, Arbeit, Geld“ bringt diese Entwicklung präzise auf den Punkt. Der Mensch lebt nicht mehr aus der Beziehung zum Ewigen, sondern aus Produktivität, ökonomischem Nutzen und permanenter Beschäftigung. Genau dieselbe Diagnose findet sich bei Rieff, besonders in seinem Hauptwerk The Triumph of the Therapeutic. Dort beschreibt er die Entstehung einer „therapeutischen Kultur“, in der nicht mehr Wahrheit, Heiligkeit oder moralische Ordnung im Zentrum stehen, sondern psychisches Wohlbefinden und subjektive Bedürfnisse. Rieff zeigt, dass moderne Gesellschaften die… Weiterlesen »