Historische Theologie

McLarens neues Christentum

Brian McLaren klärt uns in seinem neuen Buch bezeichnend guruhaft Why Did Jesus, Moses, the Buddha, and Mohammed Cross the Road?: Christian Identity in a Multi-Faith World über die Essenz der Lehren von Jesus, Moses, Mohammad und Buddha auf.

Wie in einigen seiner anderen Bücher baut er seine Argumentationen auf falschen Prämissen und Dualismen auf. So behauptet er beispielsweise, traditionell würden Christen ihre Identität durch Abgrenzung und Feindseligkeit entwickeln. Mohammad, Buddha, Jesus sowie anderen religiösen Führern sei es aber darum gegangen, liebevolles Verständnis für Andersdenkende zu stimulieren (das gilt wahrscheinlich besonders für Mohammad nach seiner Auswanderung in die Stadt Medina). Bemerkenswert finde ich angesichts von Mt 28,20 die Aussage: „Wenn Jesus heute hier wäre …“

Petrus Abaelard (1079–1142)

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Abaelard mit Heloïse, seiner Geliebten.

Der DLF hat zwei Beiträge über den Theologen Petrus Abaelard (1079–1142) ausgestrahlt. Die Qualität der Beiträge ist wie gewohnt hoch und ich kann sie denen, die sich für Theologiegeschichte interessieren, empfehlen.

Leider erfährt die kritische Auseinandersetzung mit dem Subjektivismus Abaelards zu wenig Aufmerksamkeit. Abaelard war zweifellos ein atemberaubend kluger und mutiger Denker, der bereits im 12. Jahrhundert schwere Einwände gegen Ablasshandel und die sklavische Hörigkeit gegenüber den Kirchenvätern äußerte. Petrus Abaelard trat für den Wert der Vernunft nicht nur in der Philosophie, sondern auch in Glaubensfragen ein. Mit diesem Ansatz gehört er zu den Begründern der mittelalterlichen Scholastik und führte den Begriff der „Theologie“ in das Christentum ein. Gleichzeitig hat sich die zu seiner Zeit ansetzende Urbanisierung und Individualisierung in seiner Gesinnungsethik niedergeschlagen. Bei Abaelard wird – und dadurch wirkt er so modern –, die innere Wahrnehmung (das Gewissen) zum Maßstab für den ethische Wert einer Handlung. Ob eine Tat gut oder schlecht ist, ist keine objektiv beantwortbare Frage, sondern bemisst sich an der Gesinnung des Handelnden.

Auch der Sündenbegriff wird bei Abaelard subjektiviert. Sünde ist für ihn die freiwillige Zustimmung eines Menschen zu einer Absicht, die von ihm selbst als Unrecht eingestuft wird. Mit diesem Sünden- und Freiheitsverständnis hat sich Abaelard betont von der Ursündentheologie Augustins abgesetzt. Für Augustinus ist Sündigen nicht reflektierte Zustimmung zum Bösen, sondern Ausdruck einer tiefen Verstrickung unter die Macht der Sünde. In der Tat spricht das Neue Testament von der Sünde als einer den Menschen versklavenden Herrschaftsgewalt. „Jeder, der tut, was die Sünde will, ist ein Sklave der Sünde“, sagt Jesus (Joh 8,34). Paulus spricht von einem „Gesetz der Sünde“, dass die Menschen beherrscht und sie sogar dann vom Guten abhält, wenn sie es wollen (vgl. Röm 7,15–24). Ein Mensch, der so sehr in das Böse verstrickt ist, kann nur durch Gott selbst befreit werden. Gott rettet Menschen durch die von Jesus Christus erwirkte Sühne von der versklavenden Herrschaft der Sünde. Anders bei Abaelard. Nach ihm hat Jesus Christus keine objektive Versöhnung erwirkt. Jesus ist Vorbild, wird zum Anstifter für eine von Hingabe und Liebe geprägt Gesinnung.  Subjektivismus, Kritik an der Sühneopfertheologie und eine Gesinnungsethik, die sich auf Jesus beruft. Abaelard war also in einem gewissen Sinn sehr modern.

Nachtrag vom 08.01.2013: Die Audiodateien wurden entfernt. Hier noch eine Textmeldung: www.dradio.de.

 

M. Volf: Beten wir zum selben Gott?

Miroslav Volf (geb. 1956 in Osijek, heute Kroatien) ist einer der wenigen Theologen, die innerhalb und außerhalb der evangelikalen Szene geschätzt werden. Aus einer Pfingstkirche stammend, studierte er zunächst am Fuller Theological Seminary (USA) und promovierte später unter Jürgen Moltmann in Tübingen. Derzeit ist er Henry B. Wright-Professor für Theologie an der Yale University und Direktor des Yale Center for Faith and Culture. Volf ist ausserdem Mitherausgeber der Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosphie (de Gruyter) sowie Gastdozent am Marburger Bildungs- und Studienzentrum (Studiengang Gesellschaftstransformation unter dem Dach des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes).

Mit seinem Buch Allah hat Volf in der englischsprachigen Welt für ziemlich viel Wirbel gesorgt (Allah: A Christian Response, Verlag HarperOne, 2010). Der evangelikale Theologe geht in seiner Untersuchung der Frage nach, ob Christen und Muslime den gleichen Gott anbeten und kommt zu einem für viele überraschenden Ergebnis: Christen und Muslime glauben an ein und denselben Gott. Dieser Gott fordert die  Menschen dazu auf, Gott und den Nächsten zu lieben. Dieses gemeinsame Bekenntnis zur Liebe könne das friedliches Miteinander von Christen und Muslimen begründen und festigen. Der Glaube biete zudem willkommene Ansatzpunkte für die Entwicklung einer interreligiösen Theologie.

Allerdings hat – so der Islamexperte Mark Durie –, die Sachen mehr als einen Haken: Miroslav Volfs „Bild des Islam ist fundamental schief“.

Ich gebe die Buchrezension von Durie deshalb nachfolgend mit freundlicher Genehmigung wieder. Wer den Beitrag mit den entsprechenden Quellen und Fußnoten lesen möchte, kann am Ende des Beitrags eine PDF-Datei herunterladen. Ich danke Dr. Durie für großzügige Erlaubnis, den Text zu übersetzen und R.N. für die eigentliche Übersetzungsarbeit.

Beten wir zum selben Gott?

Eine Rezension des Buches „Allah“ von Miroslav Volf

Mark Durie

„Beten wir zu ein und demselben Gott?“. Dies ist eine heiß diskutierte und kontroverse Frage geworden, die sich in diesen unruhigen Tagen viele Christen im Hinblick auf Muslime und den Islam stellen. Der einflussreiche Theologe Miroslav Volf, der an der Yale Universität den „Henry B. Wright“-Lehrstuhl für systematische Theologie innehat, bietet in seinem neuesten Buch mit dem Titel Allah: A Christian Response eine Antwort auf diese Frage an. Volf genießt beträchtlichen Einfluss und es lohnt sich, dieses Buch ein wenig genauer zu betrachten.

Dreierlei prägende Einflüsse und eine Zielsetzung

Volf nähert sich dieser Frage mit drei prägenden Erfahrungen in seinem biographischen Gepäck, sowie mit einer Zielsetzung bzw. Agenda. Seine erste prägende Erfahrung ist sein langjähriges Engagement bei der Theologie der Versöhnung und Konfliktlösung, im Rahmen derer er sein vielzitiertes Buch Exclusion and Embrace: A Theological Exploration of Identity, Otherness and Reconciliation verfasst hat. Dieses Anliegen ist ihm aufgrund seiner Kindheit als pfingstkirchlicher kroatischer Christ im kommunistischen Jugoslawien sowie aufgrund einer Reflexion über die Jugoslawischen Kriege in den Jahren 1990–1995 wichtig geworden. Der zweite prägende Einfluss im Leben von Volf bezüglich dieser Thematik ist sein intensiver Dialog mit Muslimen in den vergangenen Jahren, insbesondere anlässlich der „A Common Word“-Initiative. Der dritte Einfluss auf Volf ist sein von ihm verehrter Vater, dem er dieses Buch widmet und welcher Volf von Kind auf seine Sichtweise gelehrt hat: dass nämlich Christen und Muslime denselben Gott anbeten.

Die Agenda oder Zielsetzung, die Volf verfolgt, ist die einer politischen Theologie. Er fragt: „Können religiöse „Exklusivisten“ [also Gläubige, die der Ansicht sind, dass ihre eigene Religion die wahre ist, die andere Religion jedoch nicht, Anm. d. Übers], wenn sie Anhänger verschiedener Religionen sind (d.h. die meisten Muslime und Christen), komfortabel zusammenleben unter dem gleichen politischen Dach und gut miteinander auskommen?“ (S. 220). Volfs Antwort auf diese Frage ist ein klares „Ja“ auf der Basis des gemeinsamen Glaubens an den einen Gott.

Der Ansatz der „Konzentration auf die Gemeinsamkeiten“

Um Volfs Ansatz und seine Schwächen gebührend würdigen zu können, müssen wir uns sein Prinzip der „Konzentration auf die Gemeinsamkeiten“ ansehen. Seine Regeln für die Diskussion mit dem jeweils Andersdenkenden sind: 1. „Konzentriere Dich auf das, was beiden gemeinsam ist“, und 2. „Halte gleichzeitig ein Auge dafür offen, wesentliche Unterschiede feststellen zu können“.

Herzstück des Buches Allah sind einige Aussagen über Gott, von denen Volf meint, dass der „normative Islam“ und das „normative Christentum“ darin übereinstimmen (S. 123). Von diesen gemeinsamen Überzeugungen ausgehend entwirft er eine politische Lösung dafür, wie die beiden Religionen im Frieden zusammenleben können.

Laut Volf sind die sechs Kernaussagen des Monotheismus die Folgenden: (1) Es gibt nur einen Gott. (2) Gott hat alles geschaffen, was nicht Gott ist. (3) Gott ist radikal anders als alles, was nicht Gott ist. (4) Gott ist gut. (5) Gott gebietet uns, Gott zu lieben. Und (6) Gott gebietet uns, den Nächsten zu lieben wie uns selbst.

Die ersten vier dieser Kernaussagen, so Volf, begründen seine These, dass Menschen, wenn sie „Gott“ (oder „Allah“) sagen, sich auf das gleiche Objekt beziehen, während die letzten beiden der Kernaussagen diese These bekräftigen (S. 110). Volf unterscheidet zwischen „sich nur auf Gott zu beziehen“ oder „Gott wirklich anzubeten“, und stellt folgende These auf: „In dem Maße, wie Christen und Muslime danach streben, Gott und den Nächsten zu lieben, beten sie denselben wahren Gott an“ (S. 124). Der Allah, von dem der Koran spricht, so Volf, ist der Gott der Bibel, und dieser eine Gott „verlangt von Muslimen und von Christen die Einhaltung von erstaunlich ähnlichen Geboten als Ausdruck ihrer Anbetung“ (S. 124).

Volf setzt sich für die Freiheit der Religionsausübung ein und sagt, dass der gemeinsame Glaube an den einen Gott sowohl von Muslimen als auch von Christen fordert, die Neutralität des Staates gegenüber allen Religionen zu unterstützen (S. 238) und speziell die Freiheit der Religionsausübung zu befürworten, bei der sich der Staat nicht einmischt. Diese Freiheit solle auch die Freiheit einschließen, seine Religion zu verlassen oder zu ändern (S. 234). Diese Schlussfolgerung ruht entscheidend auf der These von Volf, dass Muslime und Christen beide gleichermaßen Gottes Gebot der Nächstenliebe für sich als verbindlich ansehen.

Vollgepackt mit interessanten Ansichten

Volf nennt sein Buch Allah ein „heiß serviertes und stark gewürztes Gericht“; das Buch ist voll von interessanten Ideen und Einsichten. Volfs Gedanken über das, was Nicolaus Cusanus und Martin Luther über den Islam zu sagen hatten (Kapitel 2–3), sind sehr reichhaltig; genauso seine Diskussion der Dreieinigkeit in Kapitel 7, in der er behauptet, dass das, was Muslime an der Dreieinigkeit ablehnen, auch von den orthodoxen Christen abgelehnt wird, und dass „Christen das bekräftigen, was Muslime über die Einheit bzw. das Einssein Gottes bekräftigen“ (S. 143).

Ein weiterer interessanter Aspekt des Buches Allah liegt in Volfs Fähigkeit, aufzuzeigen, dass das Christentum in der Geschichte genau die gleichen Vergehen auf seinem Konto stehen hat, wie es einige Christen heute dem Gott des Islam zuschreiben, so wie z.B. die Verfolgung von Apostaten [d. h. Menschen, die sich vom Glauben abgewendet haben, Anm. d. Übers.], oder den Einsatz von Waffengewalt oder Krieg, um Menschen zum richtigen Glauben zu bringen bzw. darin zu erhalten.

Blinde Flecken: Krieg gegen Ungläubige

Volfs Aussagen über den Islam verraten jedoch große blinde Flecken, die zum Teil daraus resultieren, dass er sich zu unkritisch auf die Aussagen seiner Dialogpartner verlässt. Dieses Problem ist besonders gravierend in seiner Behandlung des Themas „Krieg gegen Ungläubige“, welches doch ein wesentlicher Aspekt für die Frage nach der Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens ist.

Selbstmordattentate

Beispielsweise zitiert Volf in einer kurzen Diskussion von Selbstmordattentätern den Brief an Papst Benedikt als Beweis dafür, dass der „normative Islam“ das verdammt, was er „Selbstmord-Terrorismus“ nennt (S. 112). Jedoch befinden sich in dem Amman-Brief keinerlei Bezüge dazu und keine Diskussion von Selbstmordattentaten.

Eine der Aussagen von Volf ist, dass der Islam Selbstmord ablehne. Jedoch scheint ihm nicht bewusst zu sein, dass sich unter den Unterzeichnern des Amman-Briefes mehrere Gelehrte befinden, die sogenannte „Einsätze von Märtyrern“ (d. h. Selbstmordattentate) gebilligt haben. Diese Gelehrten sehen solche Einsätze allerdings nicht als Selbstmord an:

  • Scheich Ali Jumu´ah, Großmufti von Ägypten und Unterzeichner des Amman-Briefes, hat gesagt: „Derjenige, der Fedaii-Einsätze (Märtyrer-Einsätze) gegen Zionisten ausführt und sich selbst in die Luft jagt, ist ohne Frage ein Shahid (Märtyrer), weil er sein Heimatland gegen einen Besatzerfeind verteidigt, der von Supermächten wie den USA oder Großbritannien unterstützt wird.“
  • Der zweite Unterzeichner des Amman-Briefes, Professor al-Buti, hat gesagt, dass Märtyrer-Einsätze vollständig legitim sind, wenn ihr Motiv ist, dem Feind Verdruss zu bereiten bzw. zu schaden.
  • Ein weiterer Unterzeichner, Scheich Ahmad al-Khalili, Großmufti von Oman, hat gesagt: „Wir sind ziemlich sicher, dass Juden bald vom Erdball vertilgt sein werden, dies ist die Verheißung Allahs … Selbstmord ist menschliche Langeweile und der Wunsch, sich deshalb selbst zu töten. Aber die palästinischen Mudschaheddin empfinden keine Langeweile über ihr Leben, und ihre Zielsetzung war nicht, sich selbst umzubringen: stattdessen wollten sie ihren Feinden Verdruss bereiten.“

In Wahrheit heißen viele führende muslimische Gelehrte die sogenannten „Märtyrereinsätze“ gut, während sie die Sichtweise verwerfen, dass diese Handlungen “Selbstmord” seien. Wenn es die Absicht des Attentäters sei, einen legitimen Feind anzugreifen, dann handle es sich bei einem solchen Anschlag, bei dem man sich selbst mit in die Luft jagt, gar nicht um Selbstmord.

Offensiver Jihad

Ein noch schwerwiegenderer blinder Fleck zeigt sich, wenn Volf behauptet, dass die Verwendung von militärischer Macht zur Verbreitung des Islam „von allen führenden islamischen Gelehrten heute abgelehnt wird“ (S. 210): Wieder verweist er auf den Amman-Brief.

Jedoch steht in dem ganzen Amman-Brief keine Silbe, mit der „offensiver Jihad“ (bzw. „aggressiver Jihad“) abgelehnt wird. Was der Brief ablehnt, ist, Leute nur wegen ihres Glaubens umzubringen sowie die Anwendung von Gewalt, um eine Bekehrung zu erzwingen. Der Brief wendet sich aber nicht gegen den Gebrauch von Waffengewalt, um die politische Dominanz des Islam über Ungläubige auszudehnen.

Wie Haykals großangelegte Analyse über den Jihad im Islam aus dem Jahre 1993 zeigt, befürworteten viele führende islamische Gelehrte sowohl in der Vergangenheit als auch heute den Jihad als Mittel, um dem Islam zur weltweiten Dominanz zu verhelfen. Dass es das Ziel des militärischen Jihad ist, den Islam auszubreiten, wird von der Konsens-Sicht der klassischen Gelehrten gestützt, inklusive des Gelehrten al-Ghazali von der Schafiitischen Rechtsschule des Islam, von dem Volf schreibt, „er ist auf vielerlei Weise der repräsentativste muslimische Denker, den man in allen Jahrhunderten finden kann“ (S. 169). Aggressiver bzw. offensiver Jihad wird auch von vielen saudi-arabischen Gelehrten befürwortet, wie etwa von Scheich Muhammad al-Munajid, der gesagt hat: „Zweifellos sind offensive kriegerische Handlungen sehr effizient, um den Islam auszubreiten und Leute in Massen der islamischen Religion zuzuführen.

Selbst unter den Unterzeichnern des Amman-Briefes und des „Common Word“-Briefes befinden sich Befürworter des offensiven Jihads. Zum Beispiel hat M. Taqi Uthmani, einer der heute weltweit führenden islamischen Rechtsgelehrten und Unterzeichner beider Briefe, gelehrt, dass „offensiver Jihad auch heute rechtmäßig ist … Seine Rechtfertigung kann nicht verschleiert werden … wir sollten diesen Expansionismus mit absolutem Selbstbewusstsein befürworten“.

Muhammad Salim al-Awwa, ein bedeutender ägyptischer Geistlicher, ist ein weiterer bekannter Gelehrter, der die „Common Word“-Initiative unterzeichnet hat. Er hat darauf hingewiesen, dass das Wort für islamische Eroberungen auf Arabisch futūh („Öffnungen“) ist. Al-Awwa erklärt, dass es im Islam Zweck der Eroberungen ist, „den Weg für Muslime zu ebnen und freie Bahn zu schaffen für die Einladung zum Glauben an Allah ohne die Behinderung durch [nichtmuslimische] Herrscher.“ Mit anderen Worten: Eroberung öffnet ein Land dem Islam, indem die politischen Hindernisse für die islamische Mission aus dem Weg geräumt werden.

Das Töten “Unschuldiger”

An manchen Stellen erscheint Volf geradezu gutgläubig. Er zitiert den oft wiederholten Anspruch, dass der Islam „das Töten Unschuldiger“ verbiete, während die Rechtssprechung der Scharia in Wirklichkeit nur das Töten derer verbietet, die laut islamischem Recht nicht getötet werden dürfen. Die klassische Sichtweise ist, dass das Blutvergießen von Ungläubigen, die nicht unter einem Dhimmi-Pakt leben, halal ist (d. h. es ist erlaubt, sie zu töten).

Während es wahr ist, dass die Gesetze des Jihad das Töten von Frauen und Kindern verbieten – diese sollten nicht getötet, sondern versklavt werden –, ist es hingegen erlaubt, einen ungläubigen erwachsenen Mann umzubringen, sei er nun „unschuldig“ oder nicht. Selbst das Töten von Frauen und Kindern als „Kollateralschaden“ ist erlaubt. Zum Beispiel schrieb die von Volf geschätzte Autorität al-Ghazali: „Man muss mindestens einmal pro Jahr in den Jihad ziehen … man darf ein Katapult gegen sie benutzen, wenn sie sich in einer Festung befinden, selbst wenn auch Frauen und Kinder unter ihnen sind. Man darf sie in Brand setzen und/oder sie ertränken.“

Kein Wohlwollen für abweichende Sichtweisen

Auf der einen Seite ist Volf zu großzügig, wenn er seine Dialogpartner interpretiert, denn er entdeckt bei ihnen eine Ablehnung der unerwünschten Aspekte der Scharia, während die Gesprächspartner diese Aspekte in Wirklichkeit gar nicht ablehnen. Auf der anderen Seite stellt er eine Sichtweise, die seiner Sicht entgegengestellt ist, falsch dar. In meinem Buch Revelation (dt. Offenbarung) habe ich geschrieben, dass man bei einem Vergleich des Gottes des Koran und der Bibel die Unterschiede betrachten muss, nicht nur die Ähnlichkeiten. Volf geht auf diesen Teil meines Buches Revelation ein, aber er entstellt den Sinn, indem er sagt:

„Durie … behauptet, wenn keine vollständige Übereinstimmung in der Beschreibung des Gottes im Islam und im Christentum vorliegt, dann sind sie nicht identisch. Um herauszufinden, ob der Gott des Korans ein echter oder falscher Gott ist, sollte die Vorgehensweise dieselbe sein wie wenn man versucht herauszufinden, ob eine Banknote echt oder gefälscht ist. Wenn es irgendwelche Unterschiede zu der Banknote gibt, von der du weißt, dass sie echt ist, dann ist die andere gefälscht.“ (S. 91–92, Hervorhebungen von Volf).

Volf baut hier künstlich eine Vogelscheuche auf, die er dann widerlegt. In Wirklichkeit habe ich nirgends behauptet, dass eine vollständige Übereinstimmung vorliegen muss, damit Identität vorliegt. Noch muss das Auffinden von irgendwelchen Unterschieden schon zu der Schlussfolgerung führen muss, dass der Gott der Bibel und des Korans nicht dieselben sind. Ich habe vielmehr ausgeführt, dass Unterschiede zwar wichtig sind, aber dass das bloße Aufzählen von Unterschieden noch nicht hinreichend ist, um die Einheit zu widerlegen. Stattdessen muss man sich auf die tieferen und grundlegenden Eigenschaften Gottes konzentrieren und ich habe diesen tieferliegenden Unterschieden mehrere Kapitel gewidmet.

Ein entscheidender blinder Fleck: Welchen Nächsten soll man lieben?

Der Knackpunkt ist das, was Volf über die Liebe Gottes sagt. Absolut ausschlaggebend für die Argumentation von Volf ist eine Hadith (eine Überlieferung über das Leben Mohammeds), in dem ein Gebot steht, „alle“ Nächsten zu lieben (S. 182), inklusive aller Nichtmuslime. Volf scheint diese Einsicht aus dem „Common Word“-Brief zu entnehmen, welche eine überarbeitete Version dieser Hadith zitiert.

Weil dies ein so zentraler Punkt im Buch Allah ist, gebe ich hier den genauen Wortlaut dieser Hadith wieder [die englische Übersetzung ist die von Abdul Hamid Siddiqui; hier übersetzt aus d. Engl., Anm. d. Übers.], inklusive der Kapitelüberschrift:

Kapitel 18: BETREFFEND DIE TATSACHE, DASS ES EIN CHARAKTERISTIKUM DES IMAN (GLAUBENS) IST, DASS MAN FÜR DEN BRUDER IM ISLAMISCHEN GLAUBEN DASSELBE WÜNSCHEN SOLL WIE MAN ES FÜR SICH SELBST WÜNSCHT
§72: Es ist festgelegt bei der Autorität des Anas B. Malik, dass der Prophet (Gott segne ihn und schenke ihm Heil) bemerkt hat: jemand unter euch glaubt (wahrhaftig), wenn er für seinen Bruder oder für seinen Nächsten das wünscht, was er für sich selbst wünscht.
§73: Es wird erzählt bei der Autorität des Anas, dass der Prophet (Gott segne ihn und schenke ihm Heil) bemerkt hat: Bei Ihm, in dessen Hand mein Leben ist, kein Bundesgenosse glaubt (wahrhaftig), bis er für seinen Nächsten wünscht, oder er (der Heilige Prophet) sagte: für seinen Bruder wünscht, was auch immer er für sich selber wünscht.

Das erste, was einem bei dieser Hadith auffällt, ist, dass die Kapitelüberschrift in eben der Quelle, die Volf zitiert, deutlich macht, dass diese Überlieferung davon handelt, dass man seinen muslimischen Nächsten lieben soll. Das zweite, was man feststellt, ist, dass die bevorzugte Lesart (also die zuerst genannte) Bruder ist, was sich im Islam auf andere Muslime bezieht. Auch eine Variante dieser Tradition, die als noch zuverlässiger angesehenen wird, eine Überlieferung nach Sahih al-Bukhari, lautet: „Der Prophet sagt, „Keiner von euch wird Glauben haben, bis er für seinen [muslimischen] Bruder das gleiche wünscht, was er für sich selbst wünscht“.

Es ist auch auffällig, dass Volf keinen einzigen Vers aus dem Koran zitieren kann, der die These stützt, dass Gott gebietet, dass man seinen Nächsten lieben soll. Was man aber stattdessen im Koran finden kann, sind beunruhigende Instruktionen, wie man sich gegenüber seinem nichtmuslimischen Nächsten verhalten soll, wie etwa in Sure 9,123: „Ihr Gläubigen! Kämpft gegen diejenigen von den Ungläubigen, die euch nahe sind (d. h. die mit ihren Wohnsitzen an euer Gebiet angrenzen)! Sie sollen merken, dass ihr hart sein könnt. Ihr müsst wissen, dass Gott mit denen ist, die (ihn) fürchten.“

Gott lieben?

Zweifelhaft ist auch der Satz, den Volf gebraucht, um seine Sichtweise zu belegen, dass der Islam „gebietet, Gott mit dem ganzen Sein zu lieben“ (S. 104). Er zitiert Allahu wahdahu, „Gott allein“, übersetzt dies aber ziemlich großzügig als „Gott, den einen und einzigen“. Allerdings steht in Sure 39,45 wörtlich: „Wenn Gott allein erwähnt wird, krampft sich denen, die nicht an das Jenseits glauben, das Herz zusammen. Wenn aber diejenigen (Götter) erwähnt werden, die es (angeblich) außer ihm gibt, sind sie gleich froh (und glücklich).“ Es ist schwierig, dies als ein Gebot zu lesen, „Gott mit seinem ganzen Sein zu lieben“, denn die Absicht des Verses ist einfach, diejenigen im Kontext des zukünftigen Gerichtes Gottes zu verdammen, die eine Vielzahl von Göttern anbeten.

Es geht um mehr als um Liebe

Es ist enttäuschend, dass Volf sich in seiner Betrachtung von Gottes Charakter nur auf den einen Aspekt beschränkt, nämlich „Gott ist Liebe“. Sicherlich müsste für einen Christen vor allem bei diesem Punkt eine Übereinstimmung herrschen, bevor man der These zustimmen könnte, dass „wir denselben Gott anbeten“. Jedoch gibt es noch andere herausragende Eigenschaften Gottes in der Bibel und es wäre fruchtbar gewesen, diese im Zusammenhang eines Dialogs mit dem Islam zu behandeln, wie etwa Gottes Heiligkeit, seine Bundestreue, seine göttliche Gegenwart und seine Schöpfung des Menschen in seinem Ebenbild.

Logische Sprünge und selektive Verwendung von Fakten

Der Eindruck, den man beim Lesen während des gesamten Buches Allah gewinnt, ist, dass der Autor darauf erpicht ist, sein erwähntes Ziel zu erreichen, nämlich eine politische Theologie für ein friedliches Zusammenleben zu formulieren. So sehr ist dem Autor daran gelegen, dass er blind für Fakten ist, die gegen seine Sichtweise sprechen, selbst wenn diese Fakten leicht zugänglich sind. Er macht unbegründete logische und rhetorische Sprünge, um sein Ziel zu erreichen.

Beispielsweise zitiert Volf Verse, die zeigen sollen, dass der Gott des Korans ein liebender Gott ist (S. 101), aber dann transformiert er dies ohne weitere Erklärung unmittelbar in „Gott ist gut“. Diese beiden Thesen sind nicht dasselbe, und die erste ist aus dem Koran viel einfacher zu begründen als die zweite: „Der Gute“ ist keiner der berühmten 99 Namen Allas, die sich im Koran finden.
Ein weiteres Beispiel ist die Aussage von Volf, dass die Gebote im Koran den Zehn Geboten des Mose ähneln. Problematisch ist, dass es andere Gebote im Koran gibt, die den Zehn Geboten widersprechen, besonders im Kontext der Beziehungen zu Nichtmuslimen. Zum Beispiel gibt es Verse, die gebieten, Ungläubige zu töten (z. B. Sure 9,5); einen Vers, der sexuellen Verkehr mit (nichtmuslimischen) verheirateten gefangenen Frauen erlaubt (Sure 4,24; vgl. a. 4,3; 23,6; 33,50; 70,29–30); Verse, die Muslime ermutigen, Beute von Ungläubigen zu nehmen (z. B. Sure 48,20); einen Vers und eine zugeordnete Hadith, die Muslime ermutigt, ihre nichtmuslimischen Eltern nicht zu ehren, wenn sie dem Islam feindlich gegenüberstehen (Sure 60,6–8); und Verse, die dazu anleiten, Ungläubige unter bestimmten Umständen zu täuschen (z. B. Sure 3,28).

Beweis durch Widerlegung?

Volfs Methode setzt sich weder objektiv noch in einer gründlichen und strengen Analyse mit dem Islam auseinander, in der er sorgfältig die Argumente und Aussagekraft für und gegen seine einzelnen Positionen abwägt. Stattdessen konzentriert er sich auf Gemeinsamkeiten, um seine sechs Prinzipien zu belegen und begründet jede dieser Prinzipien mit einem oder zwei isolierten Versen und konstruiert dann sein Argument auf diesem Fundament, wie es scheint in glanzvoller Abkoppelung und Isolation von islamischer Theologie und Rechtsprechung.

Das Gewicht der Beweise ist erdrückend. Es reicht nicht, nur darauf hinzuweisen, dass etwas irgendwo im Koran gefunden werden kann. Man muss auch fragen, wie zentral dieses Thema im ganzen Buch ist. Zum Beispiel findet sich die Aussage, dass Gott liebt, nur zweimal im ganzen Koran (Sure 11,90; Sure 85,14). Eine große Zahl anderer Eigenschaften Gottes sind weit zentraler und werden viel öfter erwähnt (wie etwa „der Schöpfer“ oder „der Allmächtige“). Der Mangel an Erwähnungen der Liebe Gottes im Koran steht im Kontrast zu den hunderten Erwähnungen von Gottes Liebe in der Bibel, inklusive der zentralen Beschreibungen des Charakters Gottes, wie etwa Gottes Offenbarung seiner selbst zu Moses in Exodus 34,6. Ein Beispiel dafür, wie abgekoppelt und isoliert die Gedanken Volfs vom islamischen Denken sind, ist das Folgende: Zwar entwickelt Volf den Gedankengang, dass der Monotheismus des „normativen Islams“ den politischen Inklusivismus fördern sollte, anstatt Exklusivismus zu stärken (S. 246). Jedoch widmet Volf der Frage keinerlei Raum, auf welcher Basis der Islam seine Ungleichbehandlung der „Dhimmis“, also von Nichtmuslimen, in einer islamischen Gesellschaft, rechtfertigt.

Das Ergebnis ist, dass die Schlussfolgerungen Volfs den normativen islamischen Glaubensinhalten und der Lebenswirklichkeit widersprechen. Diese Lücke ist bei Themen wie Religionsfreiheit, Behandlung von Apostaten [d. h. Menschen, die sich vom Glauben abkehren, Anm. d. Übers.] und dem politischen Status von Nichtmuslimen in einem islamischen Staat so groß, dass er geradezu eine Widerlegung seiner eigenen Position betreibt, da seine Grundannahmen durch seine Schlussfolgerungen unterminiert werden.

Wie steht’s mit Mohammed?

Vielleicht der größte blinde Fleck im Buch Allah ist die Person Mohammeds. Der Islam gründet sich nicht nur auf den Koran, sondern auch auf Mohammed. Die Scharia als System für das ganze Leben ist mit äußerster Sorgfalt auf den Einzelheiten des Lebens Mohammeds aufgebaut, den der Koran wiederholt als das „beste Vorbild“, dem man folgen sollte, lobt. Das Problem dabei ist, dass Mohammeds Verhalten viele Fälle von schlechter Behandlung und Unterjochung von Nichtmuslimen einschließt, im Gegensatz zu vielen Ermutigungen für Muslime, ihre Mitmuslime mit Respekt zu behandeln.

Wenn Mohammed seine nichtmuslimischen Nächsten nicht wie sich selbst geliebt hat und wenn er das beste Vorbild für Muslime ist, dem sie folgen sollen, wie kann der Islam die moralische Kraft dieses Vorbilds übersehen? Die Annahme von Volf, dass der Islam seine politische Vision auf einige wenige Prinzipien über den Charakter Gottes zurückführt, – von denen einige selten oder nie im Koran erwähnt werden –, ignoriert die Realität auf naive Weise. Weil Volf gegenüber Mohammed wissentlich ein Auge zudrückt, unterschätzt er auch vollständig die Rolle der Scharia als das dringlichste Thema für die Frage des Zusammenlebens von Muslimen und Nichtmuslimen.

Dies scheint auch der Grund dafür zu sein, dass Volf kein Wort über den wachsenden Druck seitens muslimischer Gruppen verliert, die bestrebt sind, in westlichen Nationen ein paralleles Rechtssystem aufzurichten. In allen Immigrationsländern erbitten oder fordern muslimische Gemeinschaften, dass nichtmuslimische Regierungen unterschiedliche rechtliche Zuständigkeitsbereiche anerkennen, damit auch die Scharia Geltung erhält. Überall entstehen heutzutage Scharia-Gerichte, von London bis Sydney; dies ist eine der größten praktischen Herausforderungen für Volfs Vision eines gemeinsamen politischen Daches für Muslime und Christen. Wenn sich Volf jedoch überhaupt nicht mit dem Thema Mohammed und seiner Scharia auseinandersetzt, hat er nichts Relevantes über die wirkliche Welt der religiösen Koexistenz zu sagen.

Es muss auch betont werden, dass die Einführung kein spezifisch muslimisch-christliches Thema ist. Die Scharia stellt vielmehr ein umfassendes Problem für die Menschenrechte weltweit dar und betrifft sowohl Hindus in Pakistan, Zoroastrier im Iran, Ahmadiyas in Indonesien oder Apostaten vom Islam in fast jeder Nation. Es betrifft natürlich auch muslimische Frauen in aller Welt. Die Frage ist nicht, wie Christen und Muslime zusammenleben können, sondern wie der Islam mit dem Nichtislam zusammenleben kann. In weiser Voraussicht hat William Montgomery Watt 1993 folgende Worte ausgesprochen: „Zweifellos gibt es einige islamische Staaten, die nichtmuslimische Bürger so behandeln, dass man das nur als Unterdrückung bezeichnen kann … Es ist von äußerster Wichtigkeit, dass muslimische Juristen überlegen sollten, ob solch eine Behandlung mit der Scharia im Einklang steht oder nicht. Allgemeiner gesagt: Erlaubt die Scharia Muslimen, friedlich mit Nichtmuslimen in der ‚einen Welt‘ zusammenzuwohnen? … Eine Antwort auf diese Fragen könnte in wenigen Jahren sehr dringlich werden.“

In Wirklichkeit lehren sowohl Mohammed, der Koran als auch der „normative Islam“ in konsistenter Weise – und darüber kann man sich keineswegs freuen –, dass Muslime danach streben sollten, politische Vorherrschaft über die Anhänger anderer Religionen zu erzielen. Zum Beispiel heißt es in Sure 48,28: „Er ist es, der seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der wahren Religion geschickt hat, um ihr [d. h. der wahren Religion (des Islam)] zum Sieg zu verhelfen über alles, was es [sonst] an Religion gibt“. Diese Überzeugung wird in unzähligen Kommentaren, rechtlichen Lehrbüchern und Schriften muslimischer Gelehrter der Vergangenheit und Gegenwart dargelegt. Diese Sicht ist Teil des „normativen Islams“, von dem sich der islamische Mainstream nicht losgesagt hat. Es ist dieser Felsen, an dem Volfs gesamte Abhandlung zerschellt.

Unvoreingenommenheit oder „Du tust ja dasselbe“-Vorwürfe?

Ein frustrierender Aspekt des Buches Allah ist Volfs subtiler Rückgriff auf eine „tu quoque“-Argumentationsweise [lat. für „du auch“; dabei spiegelt man einen Vorwurf zurück an den Beschuldiger und wirft ihm vor, dass dieser ja dasselbe tue; Anm. d. Übers.]. Damit lenkt er von zentralen Themen ab. Zum Beispiel erwähnt Volf das Konzept des „Dhimmi-tums“ – welches so wesentlich für das muslimisch-christliche Zusammenleben ist – nur im Kontext einer Diskussion von christlich motiviertem religiösem Zwang aus dem 16. Jahrhundert (S. 225). Seine scheinbar unvoreingenommene Darstellung unterstreicht Volfs Betonung, dass Intoleranz ein universales menschliches Problem ist. Jedoch verschleiert Volf damit seine Weigerung, sich mit der theologischen Basis, also der aus dem Koran theologisch begründeten Ungleichbehandlung im Islam auseinanderzusetzen. Daher behandelt Volf auch nirgends Sure 9,29, welche vielleicht der zentrale Vers ist, um den Status von Christen in islamischer politischer Theologie zu bestimmen.

Vorsicht vor dem Klappentext

Der Leser sollte sich auch vorsehen, den Text des Einbands nicht Volf zuzuschreiben. Auf dem Einband, der vom Verlag gestaltet wurde, heißt es: „Eine Person kann sowohl praktizierender Muslim als auch 100-prozentiger Christ sein, ohne seine Kernüberzeugungen oder Glaubenspraxis zu verleugnen“. Dies ist eine unglückliche Missdeutung, denn Volf sagt eigentlich nur, dass eine Person 100-prozentig Christ sein kann, während er bestimmte muslimische Praktiken ausübt, wie etwa Fasten während des Ramadans, oder Mohammed in einem nicht-religiösen Sinne des Wortes einen „Propheten“ zu nennen. Es wäre hilfreicher, wenn Volf dargelegt hätte, warum der Glaube an Mohammed als einen Propheten im orthodoxen islamischen Sinne nicht vereinbar ist mit dem christlichen Glauben. Im gesamten Buch sollte der Leser vorsichtig sein, nicht Folgerungen in Volfs Text hineinzulesen, die nicht explizit im Text stehen; denn in seinem Bemühen, die Gemeinsamkeiten zu maximieren, segelt Volf manchmal sehr nah am Wind und schreibt nicht deutlich, welche Grenzen er nicht überschreiten würde.

Für wen ist „Allah“ eigentlich geschrieben?

Es besteht eine Spannung bezüglich der Frage, wer die beabsichtigte Leserschaft des Buches Allah sein soll. Auf der einen Seite behauptet Volf wiederholt, das er das Buch für Christen geschrieben hat. Aber es sind doch vor allem Muslime, die man von dem von ihm vorgeschlagenen „Dach“ für ein friedliches Zusammenleben überzeugen muss.

Während Volf ausführlich argumentiert, dass der normative islamische und christliche Monotheismus die Prinzipien der Religionsfreiheit unterstützen sollte, muss man doch die meisten heutigen Christen nicht mehr von diesen Prinzipien überzeugen, was ihr eigenes Gottesverständnis angeht. Auf der anderen Seite: Wenn Volfs Behauptungen über den islamischen Gott Muslime nicht überzeugen können, was nutzt es dann, wenn Christen über den Gott des Koran nachdenken?

Volf hat eine Feier angekündigt, die unter einem gemeinsamen politischen Dach stattfinden soll, zu Ehren der Liebe zu Gott und zum Nächsten. In gewisser Weise sind die Christen schon auf dem Fest: für sie ist das Dach schon vorhanden. Die Muslime sind im Großen und Ganzen noch nicht dort angekommen. Mit Allah hat Volf ein Buch geschrieben, mit dem er Christen überzeugen will, dass Muslime auf der Party erscheinen sollten, aber am Ende wird dies wenig Unterschied machen dafür, ob die Feier wirklich stattfinden wird. Das Entscheidende ist doch, ob die Muslime teilnehmen werden, und nicht, dass man die Christen überzeugt, dass die Muslime teilnehmen sollten.

Wenn Volf sich über den Islam täuscht – und ich glaube, das ist der Fall –, und wenn die gesamte christliche Welt so denken würde wie er, wäre die Folge, dass Christen nichts tun würden, um der aufsteigenden islamischen Ideologie, die nach der Vorherrschaft strebt, etwas entgegenzusetzen, weil sie die ganze Zeit überzeugt sind, dass der „normative Islam“ die Prinzipien wie Gleichheit und Freiheit unterstützt. Dies könnte ein Rezept für einen langanhaltenden spirituellen Niedergang sein, der schlussendlich in einer politischen Kapitulation mündet.

Nur für westliche christliche Augen?

Das Buch Allah zielt stark auf eine westliche christliche Leserschaft ab. Für Christen, die heutzutage unter islamischer Vorherrschaft leben, selbst in Ländern, in denen einige der Dialogpartner von Volf führende Positionen innehaben, könnte dieses Buch jedoch großen Schmerz und Anstoß erregen, denn es leistet keinerlei Beitrag zu einem konsistenten Verständnis der Ursachen der Bedrängnis von Nichtmuslimen, die in islamischer Theologie und Rechtsprechung begründet liegen.

Liebe sticht die Wahrheit aus

Volfs Allah ist ein gutgemeinter Versuch, eine interreligiöse Theologie für politische Koexistenz und Frieden unter „demselben politischen Dach“ zu formulieren (S. 220). Obwohl sein Gedankengebäude auf einer tiefen Kenntnis des Christentums mit all seinen Schwächen basiert, ruht es doch auf blinden Flecken und Wunschdenken gegenüber dem Islam. Volf hat eine himmlische Freude daran, sich auf das zu konzentrieren, was gut und ähnlich beim anderen ist. Dies ist für sich genommen zwar lobenswert, aber seine Methode lässt ihn im Stich, weil er wiederholt die Gemeinsamkeiten überbetont und das übersieht, was unterschiedlich ist. Sein liebevoller Blick auf den Islam ist heuristisch gesehen ein Fehlschlag. Volf sieht Allah mit christlichen Augen an, er sieht den Gott der Bibel in den Seiten des Korans, ist jedoch oft blind für gegensätzliche Indizien. Sein Bild des Islam ist fundamental schief. Dies ist eine Form des Vorurteils, nicht geboren aus einer feindlichen Angst vor dem anderen, sondern vielmehr geboren aus der Angst, den anderen bloß nicht auszuschließen. Dies ist eine Angst, nicht christlich genug zu sein. Leider führt das dazu, dass mit Volfs Methode – zugegebenerweise entgegen seiner Absicht (S. 259) – die Liebe die Wahrheit übertrumpft. Caveat lector.

– – –

Dr. Mark Durie ist Anglikanischer Vikar und Menschenrechtsaktivist. Er ist der Autor dreier Bücher über den Islam, inklusive The Third Choice: Islam, Dhimmitude and Freedom, Verlag Deror Books 2010. Diese Rezension wurde zuerst veröffentlicht in der Juli-August Ausgabe der Zeitschrift Quadrant (www.quadrant.org.au). Die deutsche Übersetzung und Veröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Autors. Übersetzt wurde der Text von R.N.

Hier die PDF-Datei mit den Fußnoten: Volf.pdf

Polylove

Sex mit mehreren Partnern, vertraglich arrangiert. Gelegenheits-Sex ohne Verpflichtung oder Sex nach dem Terminkalender: Immer mehr Paare handeln ihre Beziehungen künftig völlig neu aus. Verbindlich ist die Unverbindlichkeit. In dem DIE WELT-Beitrag „Polyamore Beziehungen mit vielen sind die Zukunft“ heißt es:

„Liebes-Praktiken, die lange als Sittenverfall stigmatisiert wurden, rücken von den Rändern der Gesellschaft in den Mainstream“, sagte der Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, Andreas Steinle, in Kelkheim bei Frankfurt. „Verpflichtende Moralvorstellungen wie sie seitens der Kirchen formuliert werden, lassen mit der Individualisierung nach.“

Und Holm Friebe schreibt für das Monatsmagazin Trend-Update:

Schon Michel Foucault hat darauf hingewiesen, dass das öffentliche Reden über Sexualität und die mediale Präsenz des Themas nicht zu verwechseln sind mit einer emanzipierten gesellschaftlichen Praxis im Gebrauch der Lüste – und dass wir in dieser Beziehung eigentlich noch immer verklemmte Viktorianer sind. Aber es tut sich etwas, nicht nur im öffentlichen Diskurs, auch bei den praktizierten Modellen. An die Stelle allgemeiner Sitten- und Moralvorstellungen treten individuelle Arrangements. „Machen Sie sich frei!” gilt nicht mehr nur beim Doktor.

Die Verschiebungen im Spannungsfeld von Liebe, Sex und Partnerschaft stehen im Zentrum größerer Trend-Komplexe wie dem Wandel der Familie oder der Neujustierung von Geschlechterrollen. Auch wenn sie anfangs oft nur von kleinen Minderheiten adaptiert und praktiziert werden, sind sie doch Seismographen für kommende Beben, die die ganze Gesellschaft erfassen können. Im Zuge der gesellschaftlichen Liberalisierung wandern Praktiken, die lange als Perversion gebrandmarkt waren, und Paarmodelle, die als Sittenverfall stigmatisiert wurden, immer weiter in den Mainstream.

Hier geht es zum Leitartikelartikel „Polylove – Die neue Vielfalt von Geschlechterrollen, Partnerschaft und Sex“.

Na, wie viele Seelen werden da wohl auf der Strecke bleiben? Und: Wie viele der Polylover wünschen sich ganz tief in ihrem Innern eine vertrauensvolle und performanzunabhängige Partnerschaft, ein Gegenüber, von dem sie wissen, dass sie angenommen sind, mit all ihren Defiziten?

Übrigens: Der emergente Tony Jones, inzwischen Dozent am Fuller Seminar, ist wieder ganz nah am Zeitgeist, wenn er an einer christlichen Ethik für polyamore Beziehungstypen arbeitet. Vielleicht eröffnet sich ja ein neuer Markt, so im Sinne von: „Polylove mit Jesus“.

Johann Heinrich Jung-Stilling

stilling.jpegDer ERF hat zum 195. Todestag von Johann Heinrich Jung-Stilling kurz über das Leben des aufgeklärten Pietisten berichtet. Hier ein Mitschnitt:

[podcast]http://www.erf.de/data/files/content.sources.r.gedenktag/259134.mp3[/podcast]

Wer sich dafür interessiert, wie Jung-Stilling das Leben von Jesus Christus gesehen hat, findet in dem Aufsatz des Pfarrers i.R. Martin Völkel einen ersten Zugang (aus gemäßigt kritischer Sicht).

Dort habe ich auch ein schönes Zitat von Johann Heinrich Jung-Stilling gefunden (Der graue Mann, S. 211-212):

Am allerschädlichsten sind nun solche Schriften, die unter dem Schein der Religion sie selbst untergraben: die mit den scheinbarsten Vernunftsgründen beweisen, daß die heilige Schrift nicht göttliche Offenbarung sey, daß es überhaupt keine göttliche Offenbarung außer der Natur geben könne, daß Christus bloß ein gemeiner, aber weiser Mann gewesen sey, daß er am Kreuz nicht gestorben, sondern nur ohnmächtig geworden und am dritten Tag des Morgens früh von seinen Jüngern weggebracht worden sey.

Übrigens zählte Nietzsche den Siegerländer Jung-Stilling zu den lesenswerten deutschen Schriftstellern (Menschliches, Allzumenschliches, § 109):

Wenn man von Goethe’s Schriften absieht und namentlich von Goethe’s Unterhaltungen mit Eckermann, dem besten deutschen Buche, das es giebt: was bleibt dann eigentlich von der deutschen Prosa=Litteratur übrig, das es verdiente, wieder und wieder gelesen zu werden? Lichtenberg’s Aphorismen, das erste Buch von Jung=Stillings Lebensgeschichte, Adalbert Stifter’s Nachsommer und Gottfried Keller’s Leute von Seldwyla, – und damit wird es einstweilen am Ende sein.

Martin Luther als Komponist und Lieddichter

Die Evangelische Kirche stellt das Jahr 2012 unter das Motto: „Reformation und Musik“. Damit soll auch an die besondere Bedeutung erinnert werden, die das Kirchenlied in der Reformationszeit bekommen hat. Der DLF hat einen hervorragenden Beitrag über Luther als Komponist und Lieddichter publiziert.

Hier:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2012/03/19/dlf_20120319_0943_53ff956b.mp3[/podcast]

Sterbehilfe im Namen Jesu?

In den Niederlanden sollen ab 1. März 2012 Sterbehilfe-Teams quer durchs Land fahren und schwer kranken Menschen beim Sterben assistieren. DIE WELT schreibt:

In den Niederlanden plant laut dem Bericht der Zeitung eine Initiative, dass Teams einer Sterbehilfeorganisation quer durch das Land reisen und zu Patienten nach Hause kommen, um ihnen auf Wunsch beim Sterben zu helfen. Todkranken soll auf diese Weise ein würdevolles und schmerzloses Ende ermöglicht werden. Die sogenannten mobilen Teams bestehen aus einem Arzt und mindestens einem Pfleger.

Bei Deutschen Ärzten und Experten stößt das auf heftige Kritik. „Es könne niemals zum Arztberuf gehören, den Tod herbeizuführen“, sagte der Chef der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Und: „Wir wollen den Tod zulassen, wenn die Zeit da ist, wir wollen ihn aber nicht zuteilen.“

Ist Deutschland noch nicht reif für eine flächendeckende Euthanasie? Ich bin gespannt, wie lange die Empörung anhält. Gewinnt eine utilitaristische Ethik, die vor allem nach dem Nutzen fragt, weiter Einfluss (und es sieht so aus), wird aus dem Protest schnell eine Duldung. Wenn Menschen über alles verfügen, könnte – wie wir wissen –, der Lebensschutz von heute auf morgen unplausibel erscheinen.

Da wir gerade bei dem Thema sind: In einigen emergenten Kreisen gibt es nicht nur einen Perspektivenwechsel im Blick auf Themen wie „Mission“, „Kultur“ oder „Sexualität“, sondern auch Überlegungen für neue Zugänge zur Euthanasie. Zu entdecken ist das beispielsweise in dem Buch Different Eyes: The Art of Living Beautifully von Alan Mann und Steve Chalke.

Die beiden Autoren, die schon seit Längerem durch ihre Kritik an der Sühneopfer-Theologie bekannt sind (vgl. hier u. hier), plädieren für einen selbstkritischen Umgang mit der traditionellen christlichen Ethik. Wie zu erwarten, geben sie keine eindeutigen Antworten. Sie nähern sich dem Thema narrativ, in Form von zwei abgedruckten Briefen. Während der Autor des ersten Briefes für die Unantastbarkeit des Lebens und die liebevolle Fürsorge votiert, beschreibt der Autor des zweiten Briefes Euthanasie als Akt des Gottvertrauens. Die Gefühle dessen, der Sterben möchte, und die Gefühle seiner Angehörigen, müssten christlich ernst genommen werden. Euthanasie sei ein Akt liebenden Erbarmens. Der Leser kann nun zwischen den vorgeschlagenen Optionen wählen. Dass Krish Kandiah von der Evangelischen Allianz in Großbritannien das Buch empfiehlt und glaubt, es liefere „frische Ideen für ein schönes Leben vor Gott“, macht die Sache nicht leichter.

Hier Auszüge aus dem Brief (Alan Mann u. Steve Chalke: The Art of Living Beautifully, 2010. S. 163–165):

Lieber Leser!

Die Euthanasie zählt zu jenen Themen, die den Nerv ethischer Entscheidungsfindungen im Christentums treffen.

Naturgemäß stellt dabei der Umstand das größte Problem dar, dass die Bibel das Thema Euthanasie nicht direkt anspricht – zumindest nicht in der Form, wie wir ethische und gesetzgebende Aussagen zu formulieren pflegen. Selbstverständlich sind da die alttestamentlichen Gebote, die es verbieten, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, obgleich anschließendes Blutvergießen (manchmal direkt von Gott angeordnet) ein Erkennen eines eindeutigen Musters zur Deutung dieser Imperative schwierig macht.

Um die Sache positiv zu formulieren: Das Leben ist ein kostbares Geschenk Gottes. Daher – so heißt es – muss es um jeden Preis gewürdigt werden. Unter diesen Umständen allerdings scheint es angeraten, unsere Aufmerksamkeit weniger auf das Geschenk als vielmehr auf den Geber selbst zu richten.

So hat man behauptet, die Euthanasie sei rundweg abzulehnen, auch dort, wo das Leiden des Menschen nicht mehr zu lindern sei oder jemand im Sterben liege, weil sich der Mensch andernfalls herausnehme, selbst »Gott zu spielen«. Diese Behauptung muss jedoch gegen jene Gebote, Handlungen und Lehren der Schrift abgewogen werden, die Gott als liebenden, fürsorgenden, gütigen, mitfühlenden, barmherzigen und verständnisvollen Gott schildern – ein Gott, der sein Volk dazu aufruft, diese Eigenschaften nachzuahmen.

Ein krampfhaftes Festhalten an einem Leben, das ganz offensichtlich im Leiden enden wird, scheint der grundlegenden christlichen Hoffnung zu widersprechen, derzufolge dieses Leben nicht das einzige Leben ist; wo Tod nicht Ende, sondern Beginn ist, wo es kein Leiden, kein Weinen und keinen Schmerz mehr gibt (Offb 21). Und trösten wir uns nicht selbst bei dem Gedanken, die von uns Gegangenen hätten »ihren Frieden gefunden«, ihre »Leidenszeit zu Ende«? Ist es daher nicht paradox, ein ewiges Leben ohne jeden Schmerz zu verkünden und gleichzeitig zu behaupten, man müsse beharrlich am Leben festhalten, bis auch der letzte Atem den sterbenden Leib verlassen hat, egal, welch Qualen ein Mensch auch durchmacht?

Der Christ kann in der Euthanasie – und das betrifft auch die aktive Sterbehilfe – keinen Akt der autonomen Selbstbestimmung sehen, denn das stellte die Usurpation göttlichen Rechts dar, Leben zu nehmen. Eine solche Entscheidung sollte von einer fürsorglichen und mitfühlenden Gemeinschaft im Glauben getroffen werden. Sie dem Einzelnen zu überlassen, wäre ein Akt höchstmöglicher Preisgabe und widerspräche diametral der ethischen Einstellung eines jeden, der behauptet, Nachfolger Jesu zu sein.

Wir nehmen kein Leben, sondern räumen dem Einzelnen das Recht ein, von sich aus auf ein Weiterleben zu verzichten und dem Gott, der das Leben gegeben hat zu vertrauen, dass nichts uns »kann scheiden von der Liebe Christi … weder Leiden noch Tod (Röm 8,35ff.).

Wenn jemand keine Angst vor dem Tod hat, die Qual und den Schmerz jedoch nicht länger ertragen kann, dann kann man in der Euthanasie durchaus einen Akt liebenden Erbarmens sehen, der die Eigenschaften des lebensspendenden Gottes reflektiert, des Einzigen, der das Leben auch nach dem Tod aufrecht erhalten kann. Was aber noch stärker zählt: Gerade unter diesen Umständen kann und soll das Sterben zur geistlichen Erfahrung werden, indem man das eigene Leben überdenkt und sich auf etwas Gehaltvolleres, Tiefergreifendes vorbereitet.

Nichts ist unvermeidlich, doch sieht es so aus, als werde unsere Gesellschaft in der Euthanasie in Zukunft eine hoffähige – wenn vielleicht auch keine legale – Option sehen. Das aber bedeutet, das Christentum (das ja von einer hoffnungsfrohen Botschaft zu Leben und Tod getragen ist) wird sich den Konsequenzen stellen müssen in der Ablehnung, andere beim Übergang von diesem Leben ins nächste zu unterstützen. Schließlich werden weder Glaubensartikel noch theologische Positionen echte Christen davon abbringen, sich bei der Bitte um Sterbehilfe an die christliche Gemeinschaft zu wenden – und gerade hier beginnt die echteste Prüfung unseres Glaubens.

Autsch!

Schließen möchte ich mit einer mutigen und wichtigen Stellungnahme, die die Ärztin Claudia Kaminski (ALfA) anlässlich der aktuellen Debatte gegenüber der Rheinzeitung abgegeben hat:

Von der Klinik, die Anfang März in Den Haag eröffnet werden soll, dürfe keine Signalwirkung für Deutschland ausgehen, mahnte die ALfA. Kaminski appellierte an Politiker und Repräsentanten der Ärzteschaft, gegen jede Form aktiver Sterbehilfe und den ärztlich assistierten Suizid anzugehen. „Sowohl vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte als auch als direkter Nachbar der Niederlande sind wir Deutsche heute besonders gefordert, dem fehlgeleiteten Verständnis von Autonomie in den Niederlanden ein klares Bekenntnis zur wahren Humanität entgegenzusetzen“, so Kaminski.

Eine Gesellschaft, „in welcher der Tod bestellt und geliefert werden kann“, verliere auf Dauer ihr menschliches Antlitz.

VD: IC & CU

C.H. Spurgeon-Archiv

Charles Haddon Spurgeon (1834-1892) war einer der größten Prediger des 19. Jahrhunderts und wird zurecht auch heute noch gern gelesen (hier ein Film über sein Leben).

An dieser Stelle  der Hinweis auf ein Archiv, das enorm viele Ressourcen rund um Spurgeon anbietet (leider nur in englischer Srache): www.spurgeon.org.

Im Netz fand ich, ebenfalls angeregt von Tim Challis,  zudem einen Link auf ein Predigtmanuskript von Spurgeon:

Calvin (Teil 4 u. 5): Calvin als Sittenwächter in Genf

Die abschließenden Teile 4 und 5 der insgesamt informativen Calvin-Serie widerspiegeln vor allem die kritische Calvin-Rezeption, die sich im deutschsprachigen Raum verfestigen konnte. Neuere Forschungen werden m.E. nicht ausreichend berücksichtigt und einseitige Lesarten durch kleine Ungenauigkeiten gestärkt. Die Redakteure haben sich auf das Thema „Calvin als Sittenwächter“ eingeschossen.

Ich möchte kurz zwei Beispiele nennen:

Im Abschnitt zu den Streitigkeiten zwischen Calvin und Castellio um das Jahr 1543 (Teil 4) wird darauf verwiesen, dass Calvin Castellio, der dringend mehr Geld brauchte, eine Predigtstelle verweigerte. Begründet wird dies damit, dass Castellio Calvins Interpretation der Höllenfahrt Christi und des Hohenliedes nicht teilte. Castellio hielt an einer buchstäblichen Auslegung der Höllenfahrt fest und lehnte die damals verbreitete allegorische Auslegung des Hohenliedes ab, nach der das Buch als Beschreibung der Liebe zwischen Christus und der Kirche als Braut zu verstehen sei. So entsteht der Eindruck, Calvin habe Fragen zweit- oder drittrangiger Ordnung dafür instrumentalisiert, seine Interessen rigoros durchzusetzen. Verschwiegen wird hingegen, dass Castellio die Kanonizität des Hohenliedes ablehnte und Calvin diese Frage mit dem großen Thema der Schriftautorität verknüpfte. Calvin wollte vermeiden, dass jemand als Prediger eingesetzt wird, der in der Kanonfrage vom Konsens der Reformatoren abweicht. Bedenkt man, dass Calvin Castellios Tätigkeit als Lehrer nicht infrage stellte, erscheint dieser Zwischenfall in einem anderen Licht. Calvin schrieb in einem Zeugnis, das er im Auftrag seiner Amtsbrüder ausstellte: „Wenn er nicht zugelassen wurde, dann stand dem nicht irgendein dunkler Punkt in seinem Leben oder irgendeine unfromme Lehre in einer wichtigen Glaubensfrage im Wege, sondern einzig der genannte Grund“ (Opp., II, 676, zitiert nach François Wendel, Calvin: Ursprung und Entwicklung seiner Theologie, Neukirchner Verlag, 1968, S. 64–65).

Verständlicherweise wird der „Fall Servet“ im Teil 5 ausgiebig besprochen („Ein Scheiterhaufen für einen theologischen Gegner“), der zur Verhaftung und schließlich zur Hinrichtung von Michael Servet am 27. Oktober 1553 führte. Servet wurde zum Tode verurteilt, weil er die Dreieinigkeit leugnete. Ein aus heutiger Sicht tragischer Vorfall. Die Redakteure hätten Christoph Strohm allerdings nur weiter zu zitieren brauchen, um zu verdeutlichen, dass die Verurteilung Serverts damals ganz im Rahmen des geltenden Rechts geschah (vgl. ab Minute 7:00). Strohm schreibt (Christoph Strohm, „Calvin und die religiöse Toleranz“, in: M.E. Hirzel u. M. Sallmann (Hg.), 1509 – Johannes Calvin – 2009: Sein Wirken in Kirche und Gesellschaft, Theologischer Verlag Zürich, 2008, S. 222).

Die Rechtslage war eindeutig. Das Reichsrecht sah für die Leugnung der Trinitätslehre die Todesstrafe vor. Nicht nur war im ersten Buch des Codex lustinianus die Bestrafung von Gegnern der orthodoxen Trinitätslehre (vgl. Codex lustinianus 1,1,1) wie auch anderer Häretiker (vgl. Codex lustinianus 1,5) gefordert. Vielmehr sah auch die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V. (1500—1558), an die man sich in Genf hielt, eine strenge Bestrafung der Gotteslästerer „an Leib, Leben oder Gliedern“ vor (Artikel 106). Das bisweilen zu lesende Urteil, dass Calvin Servet habe hinrichten lassen, verdeckt diesen Sachverhalt.

Teil 4:
[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2012/01/05/dlf_20120105_0940_48d53690.mp3[/podcast]

Teil 5:
[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2012/01/06/dlf_20120106_0937_f8d9fbcf.mp3[/podcast]

Calvin (Teil 3): Auf dem Weg zum Gottesstaat

Der dritte Teil der DLF-Serie über Johannes Calvin ist besser als der Titel vermuten lässt. Zum Einstieg wird Calvins Brief an Simon Grynäus zitiert, indem er sich sehr lobend über Martin Bucer äußert. Neben seiner Ehe wird der Abendmahlsstreit angesprochen. Viel Raum bekommt Calvins exzellentes Antwortschreiben an Kardinal Sadolet von 1539. Calvins Vorbehalte gegenüber einem zweiten Dienst in Genf werden treffend dargestellt.

Freilich wird im letzten Drittel Calvin die obligatorische Fundamentalismusschelte verabreicht. Zwar gibt es gute Gründe, die Rigorosität, mit der damals in das Leben der Städter eingegriffen wurde, infrage zu stellen. Festzuhalten ist aber auch, dass Calvin entschieden an der Unterscheidung zwischen dem irdischen und geistlichen Regiment festhielt (vgl. besonders Institutio, IV, Kapitel 20) und gleichzeitig die Erneuerung des geistlichen Lebens die Stadt Genf zur politischen und wirtschaftlichen Blüte führte. Philip Benedict resümiert in seinem Aufsatz über die Umgestaltung Genfs (Philip Benedict, „Calvin und die Umgestaltung Genfs“, in: M.E. Hirzel u. M. Sallmann (Hg.), 1509 – Johannes Calvin – 2009: Sein Wirken in Kirche und Gesellschaft, Theologischer Verlag Zürich, 2008, S. 26):

In weniger als drei Jahrzehnten hatte sich das gespaltene, recht unbedeutende regionale Handelszentrum Genf in eine Stadt verwandelt, die für ihre Bewunderer in ganz Europa wegen ihrer Gesetze und Kircheninstitutionen ein Vorbild war; von Freund und Feind wurde sie als bedeutendster Ausgangspunkt für die am schnellsten wachsende religiöse Bewegung Europas anerkannt. Die Genfer Bevölkerung hatte sich verdoppelt, die Wirtschaft hatte eine Belebung erfahren. Vor allem aber hatte sich der Charakter der Stadt verändert. Verschiedene Eigenschaften Calvins helfen erklären, wie er einen so grossen Einfluss auf die Stadt, in der er sich immer als Fremder fühlte, ausüben konnte: sein juristisches Fachwissen; seine aussergewöhnlichen Bibelkenntnisse; was seine frühesten Biographen seine „wahrhaft prophetische Vehemenz“ nannten — die er auch in Disputen von Angesicht zu Angesicht über Fragen der Bibel oder des Rechts nicht bändigte, deren Ausgang so kritisch war, wenn Schlüsselthemen der Theologie oder der Kirchenorganisation diskutiert wurden —; das Ansehen, das er in anderen protestantischen Städten der Umgebung genoss und das er mobilisieren konnte, wenn lokale Stimmen ihn in Genf herausforderten. Es ist aber vor allem sein starkes Vertrauen, dass die von ihm vertretenen Ansichten nichts anderes darstellten als das reine Wort Gottes, verbunden mit seiner tiefen Furcht, dass das geringste Zugeständnis einer zügellosen Unordnung Tür und Tor öffnen könnte, das ihn dazu führte, auf seinem Standpunkt zu beharren, wenn man seine Lehren herausforderte.

Hier der DLF-Mitschnitt:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2012/01/04/dlf_20120104_0945_38d35261.mp3[/podcast]

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