Historische Theologie

H.J. Iwand und der Zeitgeist

Bundesarchiv_Bild_194-1282-30A,_Wuppertal,_Evangelische_Gesellschaft,_Jahrestagung.jpgIn diesen Urlaubstagen gönnte ich mir endlich wieder einmal ein Buch, dass ich nicht lesen muss, sondern lesen will. So habe ich einige Stunden mit der hochspannenden Lektüre Befreiende Erkenntnis von Gerard C. den Hertog verbracht. Die Dissertation ist der Theologie des deutschen Lutheraners Hans Joachim Iwands (1899–1960) gewidmet, der sich besonders in den 30er Jahren eingehend mit dem Verhältnis von Geschichte und Offenbarung beschäftigte.

Während er noch 1931 offen lies, ob die Geschichte Offenbarungscharakter besitzt, öffnete ihm die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten die Augen für das Deformierungspotential einer Theologie, die der Geschichte oder einer Kultur normative Offenbarungsqualität zuschreibt. Eine neuprotestantische Kirche, die das Denken der Zeit als Willen Gottes vernimmt und eine Synthese von Christentum und Kultur anstrebt, kann seiner Meinung nach den ideologischen Mächten in dieser Welt nichts mehr entgegensetzen. Wo Zeitgeist und Verkündigung an einem Strang ziehen, da geht es mit Sicherheit schief, rief er seinen Studenten 1937, inzwischen zur Bekennenden Kirche gehörend, in einem Predigerseminar zu. Und bei Oeynhäuser Theologenkonvent 1935 formulierte er äußerst scharf:

Hirsch [Anm: Emanuel Hirsch gehörte zu den Wortführern der Deutschen Christen] und andere meinen, mit dem Jahre 1933 sei eine neue christliche Epoche angebrochen. Also haben diese Herren niemals von Luther zu Jesus Christus hingefunden. Wenn wir in Jesus Christus die Ruhe unseres Herzens haben, dann hat derjenige, der im Jahre 1933 eine neue Offenbarung erlebt hat, bewiesen, daß er noch niemals an Gott geglaubt hat. Alle, die glauben, da sei die neue Zeit angebrochen, beweisen damit, daß sie Gott nicht kennen.

Eine Kirche, die zulässt, dass das Evangelium zugedeckt wird, ist eine sprach- und tatenlose Kirche. Achten wird darauf, dass die Botschaft vom Kreuz uns und die Welt aufwühlt!

Zum Foto: Hans Joachim Iwand (2. von links) auf der Jahrestagung der Ev. Gesellschaft in Wuppertag 1956. Rechts Karl Barth.

Die Radikalisierung der »Wort+Geist«-Bewegung

Die »Wort+Geist«-Bewegung des »Völkerapostels« Helmut Bauer ist eine neue Phase eingetreten. »Es wird zu einer Selektion kommen, zu einer Aussonderung. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns«, hört man.

Was ich auf der Internetseite der Bewegung über die Entwicklungen und die dazugehörige Kritik so gelesen habe, lässt Tragisches vermuten (siehe z.B. hier und hier).

Die EZW schreibt in der Ausgabe 5/09 der Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen zu den aktuellen Entwicklungen (mit den dazugehörigen Quellenbelegen):

Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung stehen auch Innovationen und Umbrüche in der Lehre der Bewegung. So predigte der Berliner Gemeindeleiter Andres Irmisch Anfang des Jahres: »Ich habe hier bis vor ein paar Wochen was anderes gepredigt. In den meisten Büchern steht’s auch anders drin. Aber Gott gibt Offenbarungen; dass es weiter geht. Dass das Bild, das wir erkennen dürfen, immer vollkommener wird.« In Bezug auf die Bibel bedeutet dies eine enorme Abschwächung ihrer Autorität: »Manche Dinge, die wir bereits jetzt predigen und die kommen werden, wirst du in keinem Buch finden, nicht mal in der Heiligen Schrift. Weil es ja weiter geht … Begrenze Gott nicht mit diesem Buch.«

Ein weiteres Beispiel für die Entwicklung sind verschärfte Einstellungen zur Liebe. Die göttliche Liebe spielte bei »Wort+Geist« schon immer eine sehr große Rolle. Es herrscht die Vorstellung, dass jeder durch den Geist die göttliche Liebe in sich trägt und Liebesenergien von einem zum anderen fließen können. Dies geschieht durch intensiven Blickkontakt und innige Umarmungen, bei denen die Geister »verschmelzen«. Damit sich die Liebe Bahn brechen kann, müssen Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, zu denen im Zuge der neuesten Entwicklungen auch die Ehe gezählt wird. Sie habe ausgedient und sei das größte Bollwerk gegen das Durchbrechen der göttlichen Liebe.

Die Verehrung Helmut Bauers hat durch seine Einsetzung als Völkerapostel ihren bisher höchsten Stand erreicht. Er hat eine Art Mittlerposition zwischen Gott und den Menschen eingenommen. Die Gläubigen sind ganz auf ihn ausgerichtet, und er scheint stellvertretend die Beziehung zu Gott zu führen. Das gipfelt in Aussagen wie diesen: »Ich bin ausgerichtet auf den Apostel. Ich glaub auch nicht Gott, ich glaub ihm. Amen!«

Hier gibt es übrigens die Gelegenheit, eine Sonntagspredigt aus Roehrnbach zu hören. Ich kann nur hoffen, dass sich im Rahmen der anstehenden »Selektion« (was für ein furchtbares Wort!) möglichst viele absondern. Raus!

Petrus und Paulus sind jetzt gleichberechtigt

Paul Badde hat für DIE WELT mit dem Neutestamentler Klaus Berger über das Paulusgrab gesprochen. Prof. Berger wagt sich, – wie so oft –, sehr weit aus dem Fenster. Aber wo er Recht hat, da hat er Recht:

Es gibt seit rund 200 Jahren einen grundsätzlichen Betrugsverdacht gegen die Überlieferung, der manchmal in eine fast schon absurde Verachtung der Tradition umschlägt, wie eben hier, wo fast 2000 Jahre lang selbstverständlich davon ausgegangen wurde, dass Paulus eben dort begraben lag. Oft wischt man vor allem das weg, was einem gefährlich nahe kommt. Eine merkwürdige Wut gegen die Tradition wird auch oft dadurch genährt, dass geahnt wird, dass sie Verbindlichkeiten für die Menschen enthält. Dass sie Wahrheiten verkündet, die bis ins erste Jahrhundert zurück reichen, die heute keiner mehr akzeptieren mag. Im Fall des Paulusgrabes ist manche Wut gegen diese Entdeckung also auch oft ein weiteres Indiz für die Bedeutung dieser Funde – und für die Bedeutung der Tradition überhaupt.

Hier das Interview: www.welt.de.

Was ist eigentlich ein ›Evangelikaler‹?

In den letzten Monaten sind Begriffe wie ›evangelikal‹, ›Evangelikalismus‹ oder ›Evangelikale‹ zu polemischen Kampfbegriffen mutiert. Aber was ist eigentlich der ›Evangelikalismus‹?

Don A. Carson hat versucht, in einem Vortrag eine Antwort zu geben und geht dabei auf verschiedene Interpretationsansätze ein: mp3.sa-media.com.

Die Tonqualität ist leider nicht besonders gut. Weiter Vorträge von D.A. Carson gibt es übrigens hier: pjtibayan.wordpress.com.

Zur Semantik des Begriffs ›evangelikal‹

Francis Beckwith skizziert im Buch über seine Konversion zum Katholizismus die Reichweite des Begriffs ›evangelikal‹:

Put in terms of specific traditions, if the term ›Evangelical‹ is broad enough to include high-church Anglicans, low-church anti-creedal Baptists, Presbyterians, Methodists, the Evangelical Free Church, Arminians, Calvinists, Disciples of Christ, Pentecostals, Seventh-Day Adventist, open theists, atemporal theists, social Trinitarians, substantial Trinitarians, nominalists, realists, eternal security supporters and opponents, temporal theists, dispensationalists, theonnmists, church-state separationists, church-state accomodationists, cessationists, non-cessationists, kenotic theorists, covenant theologians, paedo-Baptists, Anabaptists, and Dooyeweerdians, then there should be room for an Evangelical Catholic.

Hier ein Blogbeitrag dazu von Trevin Wax: trevinwax.com.

Brian McLaren und seine Orthodoxie

51eWdgByKyL._SL160_.jpgDas Buch A Generous Orthodoxy (dt. etwa »Eine weitherzige Orthodoxie«) ist bisher das gehaltvollste Werk von Brian McLaren. Phyllis Tickle rückt es in ihrem Geleitwort in die Nähe der 95 Thesen von Martin Luther. So wie der deutsche Reformator dem Europa des 16. Jahrhunderts einen Spiegel vorgehalten habe, so übernehme McLaren diese Aufgabe im 21. Jahrhundert. Die Emerging Church könne das nordamerikanische Christentum ähnlich verändern, wie der Protestantismus das europäische Christentum reformiert habe.

Ich habe vor zwei Jahren das Buch gelesen und eine Rezension geschrieben, die nun hier herunter geladen werden kann: mbstexte126.pdf.

P.S.  Phyllis Tickle wurde übrigens kürzlich von Rob Bell eingeladen und hat in der Mars Hill Bible Church eine aufschlussreiche Predigt gehalten. Sie sagte unter anderem:

Ich möchte sicher sein, dass das, was ich sage, auch das ist, was ihr hört. In dieser Zeit mit solchen Sachen wie die zunehmende Globalisierung, den Medien und dem Informationsaustausch, hören wir mehr und mehr über die Tatsache, dass alle Religionen gleich sind, dass alle Religionen an denselben Ort führen. Wir hören, dass alle Religionen sich sehr ähnlich sind und dass sie wahrscheinlich alle zu dem gleichen Gott sprechen. Sie unterscheiden sich voneinander einfach nur durch ihre unterschiedlichen kulturellen Kontexte.

Die wachsende Popularität der Evangelikalen

Der SWR2 hat eine Diskussionsrunde über die fundamentalistisch gesinnte Christen (also die Evangelikalen) ausgestrahlt. Zu den Gesprächsteilnehmern gehören Dr. Reinhard Hempelmann, Leiter der »Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen«, Dr. Rolf Hille, Vorsitzender des Arbeitskreises für evangelikale Theologie, Tübingen und Oda Lambrecht, Redakteurin bei der ARD und Mitautorin des Buches Mission Gottesreich. Fundamentalistische Christen in Deutschland. Moderiert wurde die Sendung von Holger Gohla.

Zur Sendung heißt es:

Fundamentalistisch gesinnte Christen drängen mit Macht in kirchliche Institutionen und in die Öffentlichkeit, um für das richtige Verständnis des Evangeliums und den richtigen Glauben zu kämpfen – zum Beispiel bei Treffen wie dem »Christival«. Alteingesessene befürchten eine fundamentalistische Unterwanderung evangelischer Landeskirchen. Warum sind die neuen evangelikalen Gruppen – wie etwa die charismatischen und pflingstlerischen Gemeinden und deren Glaube – für viele so attraktiv? Welche theologischen und soziokulturellen Wurzeln hat diese Spielart des Protestantismus? Worin besteht ihr Fundamentalismus? Welche Gefahren gehen davon aus?

Ein mp3-Mitschnitt der Sendung kann hier herunter geladen werden: www.swr.de.

Ich oder die Schrift?

Ich staune immer wieder über die Klarheit, mit der der liebe Lutheraner Franz Pieper seine Vorlesung vorgetragen hat. In seiner Gotteslehre sagt er:

Werden von neueren Theologen die Unterscheidungen zwischen ruhenden und wirkenden oder zwischen negativen und positiven Eigenschaften Gottes abgelehnt, so geschieht dies, weil sie das Schriftprinzip aufgegeben und an dessen Stelle das Ichprinzip gesetzt haben. Sie wollen nämlich Gottes Eigenschaften nicht aus und nach der Schrift beschreiben, sondern sie aus dem Selbstbewusstsein des Theologen herausarbeiten.

Ach, was hat Schleiermacher nur angerichtet.

Das Evangelium, wie Rob Bell es sieht

CT hat heute ein Interview mit Rob Bell veröffentlicht, indem dieser sich – ich finde zutreffend – als Anhänger eines radikalen Mystizismus präsentiert. Auf die Frage: »How would you present this gospel [gemeint ist das christliche Evangelium] on Twitter?« weiß er präzise zu antworten:

I would say that history is headed somewhere. The thousands of little ways in which you are tempted to believe that hope might actually be a legitimate response to the insanity of the world actually can be trusted. And the Christian story is that a tomb is empty, and a movement has actually begun that has been present in a sense all along in creation. And all those times when your cynicism was at odds with an impulse within you that said that this little thing might be about something bigger—those tiny little slivers may in fact be connected to something really, really big.

Da fühlt man sich doch gleich wichtiger. Hier sein ›großes Ding‹ im Volltext: www.christianitytoday.com.

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